Dienstag, 26. Juni 2007

Sprich mich nicht an

Sicherlich, ich verstehe dich, begreife, dass du nur etwas Geld verdienen möchtest, um dein Studium zu finanzieren, um dein knappes BaföG aufzubessern, um in Zeiten allgemeiner Arbeitslosigkeit wenigstens irgendwie beschäftigt zu sein, um dir endlich ein neues Mobilfunkgerät, einen neuen iPod, leisten zu können, verstehe, dass dies für dich nur ein Job ist, irgendetwas, mit dem du dich eher unfreiwilligerweise beschäftigst, etwas, das du, wärest du in meiner Position, vermutlich als ebenso unschön erachten würdest wie ich es tue, doch es muss sein, selbst wenn es keinen Spaß macht, selbst wenn es niemandem Spaß macht, weder dir, noch deinen "Kunden", noch deinem Arbeitgeber, selbst wenn du heimkehrst, diesen Job verfluchst und jeden weiteren Morgen, an dem du wegen dieser Scheiße aufzustehen hast.

Es ist nur ein Job, sagst du dir, sagst du mir, der ich dich mit grimmigen Blicken bedecke, wenn du mich ansprichst, der wortlos mit dem Kopf schüttelt oder andere, oft unwahre, Ausflüchte ersinnt, um dich loszuwerden, es ist nur ein Job, und wenn du ihn nicht machen würdest, käme jemand anderes daher und würde ihn machen, ich solle doch verstehen, begreifen, dass dir keine andere Wahl bleibt, dass du nur etwas Geld verdienen willst, dass du mich nicht belästigen, anpöbeln, möchtest, dass dieses Ansprechen keine Strafe, keine Belastung, ist, sondern vielleicht sogar eine Chance, dass es ja sogar etwas zu gewinnen gibt und dass, selbst wenn mich der Gewinn nicht interessiere, ich von unzähligen Vorteilen profitieren würde, die du mir gerne, nur ganz kurz, mal aufzählen würdest, nur kurz erläutern, was ich sparen könnte, wie genial dieses Angebot ist, wenn ich nur kurz warten, innehalten, kurz zuhören würde, meinen Namen, meine Kontaktdaten, auf einem logobedruckten A5-Kärtchen hinterließe, damit ich später über meinen Gewinn benachrichtigt werden, alle Vorteile vollends genießen kann.

Ich weiß, es ist nur ein Job, und du würdest vermutlich lieber etwas anderes machen, hast aber keine Wahl gehabt, stehst nun hier, vor der Bibliothek, in der Fußgängerzone, im Mensafoyer, im Einkaufszentrum, wartest auf mich und solche wie mich, um sie anzusprechen, zu überzeugen von Dingen, die dich selbst nicht überzeugten, um gute Quoten zu erzielen, deinen Umsatz zu erhöhen und Namen, Adressen, Daten zu sammeln, Willige, die bereit sind, sich in ein Gespräch, in absurde Verträge, ziehen zu lassen, wartest darauf, dass die Leute nicht an dir vorbeigehen, nicht wegsehen, wenn sie mit dir konfrontiert werden, dich nicht ignorieren, sondern dir zulächeln, neugierig sind, Interesse zeigen, wissen wollen, so dass du deinen Monolog, den du stundenlang probtest, herunterrasseln kannst, alle Vorteile und Gewinnmöglichkeiten nennen kannst, mich oder irgendwen überzeugen kannst und am Ende alle glücklich sein werden.

Ich bin nicht glücklich, nicht in diesem Augenblick, fühle mich belästigt von dir, von deinesgleichen, kann dich verstehen, doch will es nicht, es ist nur ein Job, such dir doch einen anderen, wenn das so einfach wäre, halt mich nicht auf, lass mich weitergehen, sprich mich nicht an, ich kenne dein Produkt, bin nicht an vermeintlichen Vorteilen, an Gewinnmöglichkeiten interessiert, will nichts mit dir zu tun haben, nicht, wenn du an diesem Stand stehst und Unnützes vertickst, nicht, wenn es nur ein Job ist, irgendetwas, das du machst, um ein wenig Geld zu verdienen, will mein sauerstes, bösestes Gesicht aufsetzen, um dich zu vertreiben, um dich nicht zu Wort kommen zu lassen, um mich vorbeizuschleichen, ohne von dir angesprochen, mit falschem Lächeln bestückt, aufgefordert zu werden, empfinde es als Eindringen, als Verletzen meiner privaten Sphäre, wenn du mich ansprichst, obwohl ich nicht mit dir reden willst, wenn du mir Fragen stellst, ob ich schon 18 sei, ob ich Student sei, ob ich dieses Produkt kenne, jene Eintrittskarte gewinnen, soundsoviel Euro sparen möchte, empfinde dich als Störenfried, als Unhold, der meine Laune verschlechtert, mein Leben eine winzige Nuance verdunkelt, als unnötiger Kraftaufwand, den ich betreiben muss, um dich loszuwerden oder zu ignorieren, als Mühe, die mir erspart werden könnte, wäre da nicht dieser Job, den du machst, machen mußt, der dir Geld bringt, diese alberne Idee deines Arbeitgebers, dich unter Leute zu schicken, um den Umsatz zu steigern, dich auf Fremde zu hetzen, sie, mit denen du vielleicht selbst nichts zu tun haben möchtest, zu belästigen, nur um ein paar Euro zu machen, um dein Leben ein wenig zu verbessern.

Ich verstehe dich, doch mag ich dich nicht, will dich anschreien, anbrüllen, du mögest mich in Ruhe lassen mit deiner lächerlichen Fragerei, mit deinen plumpen Versuchen, Aufmerksamkeit zu erheischen, wünsche, dich als nichtexistent, in Luft aufgelöst, betrachten zu können, verstehe dich und deine Motivation, doch kann und will es nicht gutheißen, dass du mich hier ansprichst, hier, in diesem Augenblick, wo ich Ruhe haben möchte, mit mir allein sein will, jetzt und hier, wo ich in Gedanken verloren durch die Straßen streife, wo ich mich mit anderen Dingen beschäftige als dem Gewinn irgendwelcher Eintrittskarten, mag dich nicht, weil du dich in mein Leben einmischst, dort eingreifst, wo du nichts zu suchen hast, weil du mich fragst, wieder und wieder fragst, und ich mich schäme, weil ich versuche vorbeizueilen, nicht zu sehen, nicht gesehen zu werden, weil ich versuche, dich zu boykottieren und darüber ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich dich nicht mag, obwohl ich dich nicht kenne, obwohl du privat, außerhalb des Jobs, vielleicht ganz nett bist, weil ich dich anschreien möchte, obwohl du nur das tust, was dir aufgetragen wurde, weil ich dich verstehe und gleichzeitig nicht verstehen kann, weil ich dich nicht bitten kann, mich in Ruhe zu lassen, weil das weitere Diskussionen, weitere Verteidigung meinerseits, weitere Aufzählungen von Gründen, weitere Beschäftigung mit der unliebsamen, eigentlich zu vermeidenden Thematik mit sich bringen würde, kann dich nicht bitten, mich jetzt und immer zu ignorieren, weil du immer irgendwer anders bist, weil du immer irgendein anderes Produkt bewirbst, weil du mich vielleicht verstehst, aber nicht verstehen darfst, denn dies ist ein Job, dein Job, nicht mehr, aber doch genug, um erledigt zu werden, und wenn du Leute dafür belästigen musst, tust du es eben, und wenn du ihnen ein wenig Lebensqualität rauben musst, tust du es eben, schließlich willst du ein bisschen Geld verdienen, nur ein bisschen, um deine eigene Lebensqualität zu steigern, nur ein bisschen, schliesslich ist das, was du tust, ja eigentlich nicht so schlimm, nur ein Job, nur eine kurze Frage, ein paar Daten, die man auf eine Pappkarte schreibt, nur ein kurzer Augenblick, der gleich vorüber ist.

Es ist nur ein Job, gebe ich dir recht, doch setze meine finsterste Miene auf, mein unfreundlichstes Gesicht, sprich mich nicht an, flüstere ich, mantraartig, und eile an dir vorüber, sehe dich nicht an, gebe dir keinen Grund, mich anzusprechen, sage "Nein!", als du irgendetwas Unverständliches fragst, renne weiter und schäme mich dabei, schließlich ist es nur ein Job, mehr nicht.

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