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Schwelende Zeilen

In meinem Mund warten Geschwader unausgesprochener Worte auf den richtigen Augenblick, die richtige Situation, auf den [er]lösenden Gedanken, der sie befreit, von mir befreit, in die Welt und fremdes Gehör entläßt. So vieles wünsche ich zu sagen, das erst auf meiner Zunge schwelt, wenn ich längst vorüber geeilt, wenn das Gespräch längst beendet.

Die Worte sammeln sich in mir.

Manchmal flüstere ich sie heimlich in das mitternächtliche Dunkel, in die Bilder, die ich im Geiste male. Manchmal entschlüpfen sie mir mit einem Seufzer in die Leere, wo ich sie schwinden, sich verlieren sehe.

Dennnoch schweige ich nicht. Doch während ich rede, höre ich mir zu. Ich schüttle innerlich den Kopf ob des Gesagten, ob des Gemeint-aber-nicht-Gesagten. Ich höre mich um Kopf und Kragen reden, befehle mir Themenwechsel, als könnte ich etwas retten, als könnte ich der richtigen Worte Weg finden.

Schwer liegt die Zunge in ihrer Höhle, versperrt der Worte Weg. Erst später wird sie weichen, nachgeben unter dem steigenden Druck des Ungesagten.

Zuweilen schreie ich.

Wenn ich verstumme, höre ich die Gedanken sprechen, die Möglichkeiten sich durch meinen Schädel wälzen, neue Silben kreierend, zu Worten, Sätzen knüpfend. Ich will aufstehen, losrennen, die Zeiten zurückdrehen, ihr gegenüberstehen und alles sagen, ausspeien, freilassen, was darauf wartet, ihr Antlitz zu streifen und in ihre Sinne einzudringen.

Manchmal renne ich tatsächlich.

Unterwegs jedoch purzeln einzelne Buchstaben auf meinem atemschweren Mund, stürzen hinab auf den Boden, hinterlassen eine unsichtbare Spur des Ungesagten. Ich halte inne, klaube auf, auf, was mir entfiel, stopfe eilig die Fragmente zurück in ihre Höhle, werfe sie wild durcheinander.

Als ich sie erreiche, ihr meine schwelenden Zeilen schenken will, entrinnt meinem Mund nur wirres Wortwerk, nur namenloses Stottern.

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