Mittwoch, 6. April 2005

Zwei Männer

Eines Abends saß ich mit G in unserer Lieblingslokalität, als er eine SMS von N erhielt, die den Auftakt einer ganzen Reihe befremdlicher Ereignisse bilden sollte.
"Hi Süßer. Wenn ich Glück habe, komme ich heute nicht mehr nach Hause."
G zeigte mir die gerade empfangenen Worte, und ich stutzte.
Über die an den Mitbewohner gerichtete Anrede "Süßer" konnte ich noch hinwegsehen, doch das "Wenn ich Glück habe, ...", verwunderte mich stark, klang es doch ein wenig nach: "Wenn ich Glück habe, finde ich heute irgendeinen, der so blöd ist, mich zu sich nach Hause nehmen, um mir dort ordentlich die Birne wegzuficken." Aber nur ein wenig.
Mal wieder zuckte ich mit den Schultern, betitelte mich insgeheim als "Spießer" und vergaß die Kurznachricht, bis mir G ein paar Tage später von den nachfolgenden Ereignissen berichtete.

Tatsächlich kam N an diesem Abend nicht mehr heim, hatte einen Willigen gefunden, mit/bei dem sie schlafen konnte: jenen Kerl, der neulich in einer SMS ganz diskret seine Geilheit kundgetan hatte, jenen, den sie dann eine gesamte Nacht für diese Unerhörtheit "zur Rede gestellt" hatte.
Dieser, ich bezeichne ihn einfach mal als M, war Angestellter einer Türsteherfirma und irgendwann einmal über seine Türstehertätigkeit mit N in Kontakt getreten. Interessanterweise kursierten in jener Firma mittlerweile schon Gerüchte, die ein Bild von N darstellten, das sie keineswegs verkörpern wollte, das aber vermutlich mit folgenden Worten am einfachsten zu beschreiben ist: "N ist eine Fickschlampe, die es mit jedem treibt." [Vermutlich nutzen Türsteher anderes Vokabular, doch ich glaube nicht, daß dieses schonender und höflicher wäre.]
N übernachtete also bei M, dem Türsteher, kündigte G aber nahezu zur gleichen Zeit an, daß ihr alter Fickfreund [FF; Er trägt tatsächlich in Gs Worten nur diesen Titel und besitzt in meiner Erinnerung keinen "echten" Namen.] am Abend vorbeikommen würde. Was bei N "vorbeikommen" bedeutete, dürfte mittlerweile begreiflich geworden sein.
Doch das war es nicht, was G verärgerte, sondern der Umstand, daß schon wieder mehr oder minder fremde Gestalten zuhauf die gemeinsame Wohnung bevölkerten - und FF gehörte keineswegs zu den Menschen, denen G Vertrauen zu schenken bereit war. Erwähnenswert sei auch, daß G Schwierigkeiten hatte, mit ihm verbal zu kommunizieren, weil sie irgendwie auf verschiedenen Denkebenen zu leben schienen - und G hatte [im Gegensatz zu N] keine Kommunikationsalternativen zur Auswahl.
Da aber N eigentlich ein netter Mensch war und begriffen hatte, daß G wenig Einverständnis mit FFs Anwesenheit zeigte, bot sie G an, ihn am Abend von seiner Arbeitsstelle abzuholen - als Wiedergutmachung sozusagen. Um Frieden bemüht, sagte G zu.
Und tatsächlich nahm N den weiten Weg in die Vororte auf sich, um G mit dem Auto von seiner Arbeitsstelle abzuholen. Allerdings war sie in Eile, saß doch in ihrer Wohnung bereits FF und langweilte sich. G seufzte. Er mochte FF nicht, er mochte ihn nicht in seiner Wohnung haben - doch am wenigsten mochte er es, ihn allein in der Wohnung zu wissen.
G und N kehrten heim. FF saß auf Ns Bett und sah fern. Mehr als ein mattes "Hallo." war nicht von ihm zu erwarten. N schloß ihre Zimmertür, und G stand vor zwei Varianten: Entweder er verkroch sich in sein eigenes Zimmer und mußte damit rechnen, die durch die Wände dringenden Geräusche mit Eigenkrach übertönen zu müssen, oder er setzte sich ins Wohnzimmer, um sich durch das stupide Fernsehprogramm zu zappen und sich der Illusion hinzugeben, allein zu sein.
Er entschied sich für das Wohnzimmer.
Nach einer Weile hörte er die Klotür klappen. Wenige Augenblicke später stürzten N und FF aus Ns Zimmer, FF öffnete wortlos die Wohnungstür und ging. In befremdlich gehässigem Tonfall rief N ihm hinterher
"Tschüß dann!"
und knallte lieblos die Tür zu.
Sie stürmte in das Wohnzimmer, hatte es kaum betreten, als es auch schon aus ihr heraussprudelte:

N liest häufiger Männerzeitschriften wie "FHM" und "Mens Health". Warum, vermag auch G nicht zu erklären. Vielleicht will sie begreifen, was in den Köpfen maskuliner Wesen vor sich geht. [Allerdings ist diese Methode der Wissensanreicherung dann vermutlich genauso effektiv, als würde ich versuchen, in der Bildzeitung nach der Geschichte Westjordaniens zu forschen.] Einer der in diesen Magazinen abgedruckten Artikel beinhaltete eine Aufzählung dessen, was ein "echter Mann" in seinem Leben alles mindestens einmal getan haben sollte. Ein für N bedeutsamer Punkt war
"An einem Tag mit zwei verschiedenen Frauen schlafen."
Ein Gedankenblitz durchzuckte ihr Hirn, und sie vermochte sogar, das Wort "Frauen" durch "Männer" zu ersetzen, bevor sie beschloß, genau diese Erfahrung machen zu wollen. Wie ist es wohl, innerhalb eines einzigen Tages zwei verschiedene Männer gehabt zu haben?, fragte sie sich - und lud sich beim Türsteher und SMS-Schreiber M ein.
Natürlich war erwartbar, daß die beiden sich in den Abendstunden näher kamen. Doch das war nicht im Sinne von Ns Plänen; es handelte sich noch nicht um den "richtigen" Tag. M mußte hingehalten werden, wurde hingehalten. M war bereit, willig, doch N wollte nicht, weigerte sich.
Am nächsten Morgen dann sollte es sein. N war bereit, willig, doch diesmal wollte M nicht, weigerte sich.
In ihrer Verzweiflung, ihr wahrlich bedeutsames Vorhaben womöglich nicht in die Tat umsetzen zu können, beschloß N, M anzuheizen, aufzugeilen. Kurzum, sie spielte an sich herum, schloß die Augen, streichelte sich selbst. Zuerst bekam M davon nicht viel mit, doch dann zückte er sein Mobilfunkgerät - und schoß mehrere Handycambilder der sich betatschenden N.
N öffnete die Augen, schaute in das Miniaturobjektiv und erzürnte. Sofort sollten die Photos gelöscht werden! Umgehend! M tat wie befohlen und löschte zwei Bilder, die sowieso mißraten waren. Fraglich jedoch bleibt, wieviele Bilder er zu löschen "vergaß", wieviele Bilder in nächster Zeit in Türsteherkreisen die Runde machen und Ns Image aussagekräftig bestätigen würden...
Trotzdem schien es N an diesem Morgen noch gelungen zu sein, M zum Sex zu bewegen, war doch ihre Laune anschließend bemerkenswert gut. Teil 2 des Planes konnte initiiert werden: Sie lud FF ein, den zweiten Mann.
Um G nicht völlig zu verärgern, positionierte sie FF am Abend desselben Tages in G&Ns Wohnung, während sie G - wie bereits erwähnt - von der Arbeit abholte. Kaum heimgekehrt, verschwand jedoch sie mit FF in ihrem Zimmer. Teil 2 schien gut zu laufen.
Irgendeiner ihrer ehemaligen Liebhaber hatte mal erwähnt, daß er es als äußerst anziehend empfände, ihren frisch geduschten, nackten Körper gründlich einzucremen. Von diesem Einen auf alle schließend, bot sie FF an, daß er an ihr eine Ganzkörpercremung vollziehen könne, nein, solle. FF, in sexueller und anderer Hinsicht wenig dominant, scheute, wollte nicht recht, verspürte keine Lust auf Cremerei.
Doch N hatte den stärkeren Willen, überzeugte FF mit wenigen Worten, drängte ihm ihren Willen auf, "formte" ihn nach ihren Wünschen und Gelüsten. Da es nicht unbedingt die unangenehmste Arbeit der Welt ist, eine attraktive, nackte Frau mit Creme einzuschmieren, machte sich FF ans Werk, rieb und cremte, cremte und rieb.
Seine Aktivität blieb nicht ohne Wirkung - insbesondere bei ihm selbst. Die Ganzkörpercremerei ausnutzend näherte er sich N immer mehr - und war auf einmal "mittendrin". N ging das viel zu schnell; es geschah nicht nach ihrem Willen; der Roboter handelte eigenständig, ohne ihr Geheiß. Etwas mußte geschehen.
Sie stellte sich schlafend. Die Augen ohenhin geschlossen gab sie vor, während des Cremens eingeschlummert zu sein und von FFs Aktivitäten nichts bemerkt zu haben. FF wiederum bemerkte eine Zeitlang wirklich nichts, agierte fleißig an ihr herum, bis ihm die auffällige Reglosigkeit seines Sexualpartners zu mißfallen begann. Er hielt inne, zog sich zurück, war ratlos.
N schläft. Was nun? Das Klo! FF floh aufs Klo, versteckte sich für kurze Zeit zwischen gekachelten Wänden, suchte keramische Ruhe, fand Gedanken, Gedanken der Rebellion.
Nach einer Weile wagte er seine Rückkehr. N, mittlerweile erwacht, begann, ihm Vorhaltungen zu machen ob seiner Aktivitäten, wagte den gefährlichen Spagat zwischen "Ich habe geschlafen und nichts mitbekommen." und "Du hast Mist gebaut. Ich habe alles gesehen/gespürt!".
FF wich verbal zurück, ging auf Verteidigung. Er habe es satt, immer nur "geformt" zu werden, habe es satt, sich minderwertig zu fühlen.
"Ich mache Schluß.", sagte er und beendete eine Beziehung, die man nur mit gutem Willen eine solche nennen konnte.
N jedoch konnte sich damit nicht einverstanden geben. Es war egal, ob FF nun von dannen ziehen würde, nicht mehr als Fickfreund zur Verfügung stünde. Ja, es war sogar egal, daß ihr glorreicher Plan, binnen eines Tages mit zwei verschiedenen Männer Sex zu haben, vorerst nicht aufging.
Aber es war nicht egal, daß FF es war, der Schluß machte, daß FF die Initiative zum Beziehungsabbruch ergriffen hatte. Das konnte N nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich wollte sie es sein, die ihn rauswarf, wollte sie es sein, welche die volle Kontrolle hatte, wollte sie es sein, die entschied, wann eine Beziehung begonnen und beendet wurde.
N brach in Tränen aus. Keine echten Tränen, natürlich. Nur herbeigerufene Trübsalsperlen, die trotzdem nahezu jedes Männerherz zu erweichen wissen. N schauspielerte gut - FF fiel darauf rein, wandte sich ihr zu, versuchte, sie mit lieben Worten, mit Gesten, mit Berührungen zu trösten, versuchte, ihr scheinbar gebrochenes Herz notdürftig zu flicken.
Und in jenem Augenblick, als seine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sein schienen, als ihre Tränen verebbten und die Welt wieder heil war - schmiß sie ihn raus.
"Es ist aus.", sagte sie rabiat, zur Wohnungstür weisend. FF klaubte seine Sachen zusammen und verschwand wortlos, erschüttert.
"Tschüß dann!", rief sie ihm gehässig hinterher und knallte lieblos die Tür hinter ihm zu.

"Und jetzt?", fragte G, als N ihren Bericht beendet hatte.
"Jetzt wird alles wieder besser.", behauptete N.
Aus einer Toffifee-Packung holte sie eine Handvoll klebriger Karamelschokoladennußdinger und legte sie auf den Tisch - für jeden Liebhaber des letzten halben Jahres eines.
"So viele Toffifees könnte ich jetzt gar nicht auf einmal essen.", staunte sie, als sie sich die Zahl bewußt zu machen versuchte. G zuckte mit den Schultern, schwieg.
N begann zu versichern, sie habe begriffen, daß sie in den letzten Monaten zu einer Person mutierte, die sie gar nicht zu sein wünschte. Sie habe begriffen, was für ein Arschloch sie geworden war. Doch nun würde sie sich ändern, sich besinnen, sich bessern.

"Und jetzt?, fragte ich, als G seinen Bericht beendet hatte.
"Heute Nachmittag kam ich nach Hause. Auf der Wohnzimmercouch saß schon wieder ein Neuer. Als er mal aufs Klo ging, setzte sich N auf meinen Schoß und fragte mich aufgeregt immer wieder:
'Und, G, wie findest du den? Wie findest du ihn?'
Mir fehlten die Worte."

Mir auch.
-----

Trackback URL:
http://morast.twoday.net/stories/646602/modTrackback

Flatterfred...

Status...

Du bist nicht angemeldet.

Aktuell...

Ohne Termin
Ich hatte keinen Termin, brauchte allerdings auch keinen....
morast - 9. Okt, 18:33
Eine Elefantengeschichte...
Der Elefant stand in Onkel Rudolfs Wohnzimmer und nieste....
morast - 8. Okt, 17:37
Nicht sitzt mehr
Das Magdeburger Einkaufsparadies Allee-Center zelebriert...
morast - 6. Okt, 19:23
Rupert
Rupert lehnte sich zurück und schaltete das Radio...
morast - 5. Okt, 15:38
Ein älteres Ehepaar
An irgendeiner Haltestelle in Magdeburg sitzend warte...
morast - 4. Okt, 14:11

Archiv...

April 2005
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 2 
13
18
 
 

Suche...

 

Rückblick...

Online seit 1268 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 8. Okt, 21:58

Und so...


23
Bahnbegegnungen
Farbenfroh
Fetzen
Frederick
G
Geistgedanken
Krimskrams
Menschen
Morgenwurm
Morning Pages
Seelensplitter
Tageswort
Weise Worte
Wortwelten
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren