Wortwelten
Ich mag es, wunderfeine Geschichten zu erzählen, kleine, schöne Dinge zu beobachten und selbst in den skurrilsten Wesen etwas zu entdecken, das mich schmunzeln und die Welt lobpreisen lässt. Doch nun ist es an der Zeit, dass ich mich einmal aufrege. Über Fußgänger. Und über Fahrradfahrer. Und überhaupt.
Ich fahre gern Rad, und früher besaß ich meistens Mountainbikes, deren Sattel-Lenker-Verhältnis mich stets in windschnittiger, sportlicher Haltung sitzen ließen und somit allein aus der eigenen Haltung heraus dazu anregte, rastlos durch die Gegend zu düsen, Verkehrsregeln nur soweit wichtig zu nehmen, wie sie andere betrafen, Bürgersteige hoch und runter zu springen und immer wieder neue Rekorde für gleiche Strecken aufzustellen.
Vor etwa zwei Jahren kaufte ich mich dann ein Herrenrad, alt, gebraucht, aber rüstig und verkehrstüchtig. Ich mochte es auf Anhieb. Der Sattel war bequem, und die aufrechte Haltung ließ mich eher an Spazierfahrt als an rasantes Zielerreichen denken. Ich weiß bis heute nicht, aus welchem Jahrzehnt das Rad stammt, doch allein die antiquierte 3-Gang-Schaltung ließ mein Herz höher schlagen. Und überhaupt: Kein Plastik, kein billiger Schund, war verwendet worden. Das Leder das Sattels schmiegte sich angenehm an mein Gesäß, und fortan fuhr ich Rad, als wäre ich ein König.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ich langsam fuhr. Sicherlich, ich fuhr gemächlicher, wenn ich es wollte, spürte nicht länger den Drang, nach vorne zu preschen, schneller, schneller und noch schneller davon zu eilen. Doch wenn wollte, konnte ich. Und die Schönwettermeute, die sommers die Radwege bevölkerte, war stets rasch überholt.
Ich habe gelernt, vorausschauend zu fahren, mich zwischen Menschen und Autos hindurchzuschlängeln, das Verhalten von Verkehrsteilnehmern genau abzuwägen und erst dann meine Wegentscheidung zu treffen, in Sekundenbruchteilen optimale Strecken mit Minimalhinderniszahl zu ersinnen, Ampelphasen zu studieren und auszunutzen, Erzeuger unvorhersehbarer Ereignisse, zum Beispiel Kinder und Hunde, weiträumig zu meiden – und bei alledem so zu fahren, dass die darauf wartenden Polizisten nicht imstande wären, mir Unrechtes vorzuwerfen.
Wenn ich an einer Ampel stehe, muss ich jedoch feststellen, dass die Voraussicht, die ich zu besitzen glaube, den wenigsten zueigen ist. Nähere ich mich einer bei Rot wartenden Menschen- und Radfahrermasse, so beschaue ich mir die Mitanwesenden genau, versuche abzuschätzen, wie schnell wer starten und wer wem im Weg sein wird, um alsbald die beste Route erdacht zu haben und meinen Weg ungebremst und beschwerdefrei fortzusetzen.
Doch da erscheint eine ältere Dame. Und es muss keine Frau sein, und alt sowieso nicht. Irgendwer erscheint und stellt sich direkt vor mein Vorderrad. Hallo?, denke ich empört, dass dies ein Radweg ist, spielt keine große Rolle. Aber dass Sie direkt vor meinem Fahrrad zu warten beschlossen haben, schon! Ein Rad ist im Allgemeinen mit höherer Geschwindigkeit bestückt als ein zu Fuß Gehender, und sobald ich anfahre, muss ich mich darum bemühen, Ihnen auszuweichen, weil ich – natürlich – bereits wenige Sekunden nach dem Start zu Ihnen aufgeschlossen haben werde und Sie somit als unwillkommenes Hindernis empfinde. Und nicht nur das: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich das grüne Lichtsignal vor Ihnen bemerke, denn ich bin jung und besitze gute Reflexe. Schwuppdiwupp habe ich meine Masse in die Pedalen geworfen – und lande in ihrem Allerwertesten. Und da das sicherlich nicht auf ihrer heutigen Tagesplanung verzeichnet ist, stellt sich doch die Frage, warum Sie dachten, dass ausgerechnet vor mir die günstigste Postion wäre, um auf ein Ampellichtumschalten zu warten? Glauben Sie tatsächlich, durch diese winzige Drängelei Sekunden gutmachen zu können? Wohl kaum, denn mein Vorderreifen in ihrem Allerwertesten wird sie mit Empörung bestücken und jeden Zeitgewinn genüsslich aufzehren.
Doch ich bleibe ruhig, sage nichts, warte bis mein Vorderwesen das grüne Leuchten bemerkt und sich in Bewegung gesetzt hat – und beginne dann mit meinem Lieblingsspiel, der Suche nach dem optimalen Weg.
Allerdings wäre es nicht rechtens, ausschließlich Fußgänger mit Schimpfgedanken zu versehen, nur sie mit innerer Nörgelei zu bedecken. Denn Radfahrer neigen dazu, sich ähnlich zu verhalten – jedoch häufiger.
Während ich also durch die schönste aller sachsen-anhaltinischen Landeshauptstädte radle, geschieht es nicht selten, dass ich eine oder zwei Personen überhole. Prompt taucht auch schon die nächste Ampel auf. Rot ist ihre Farbe und Bremsen meine Tätigkeit. Ich stehe und warte, als ich plötzlich spüre, wie sich von hinten zwei Gefährte nähern. Oh, Sie kenne ich!, denke ich erfreut, während die beiden Drahtesel samt ihrer Besitzer an mir vorbei rollen. Ey!, denke ich dann, als die beiden Drahtesel somit ihrer nicht minder esligen Besitzer sich elegant vor mich schlängeln und dort zum Stehen kommen. Hallo?, rufe ich nicht, ich habe Sie soeben überholt, und das ziemlich mühelos, wie Sie zugeben müssen. Von dieser Information ausgehend und voraussetzend, dass ich aufgrund meiner immernoch einigermaßen vorhandenen Jugendlichkeit nicht dazu neigen werde, schneckige Starts hinzulegen, erscheint es ziemlich befremdlich, dass Sie ihre Gefährte ausgerechnet vor mich setzen. Es wäre zwar sowohl für mich als auch für Sie erfreulich, wenn Sie üblicherweise sehr rasch anfahren würden und damit ihren Freundeskreis zu beeindrucken pflegen, doch glaube ich davon ausgehen zu können, dass dem nicht so ist, dass Sie mir also, sobald ich das grüne Lämpchen bemerke und die Pedale zu nutzen gedenke, starr und immobil im Wege sein werden. Und hätten Sie beobachtet, mit welch beeindruckender Lässigkeit ich vorhin an Ihnen vorbeizischte, so wären Sie sicherlich zu derselben Schlussfolgerung gekommen wie ich lässiger Zischer, nämlich, dass dem Vorhaben, sich ausgerechnet in eine vor mir befindliche Warteposition zu begeben, nur sehr wenig Sinn innewohnt.
Ich schweige, gnädig, warte, bis das Grünlicht erscheint, harre geduldig aus, bis die vier Esel vor mir von dannen düsen und setze ihnen nach, ruhig, locker, doch zugleich rasch und sportlich, fast majestätisch. Ich lächle, als ich an ihnen vorbeizische, lässig, wie gewohnt, und fühle mich, als wäre ich ein König.
[Im Hintergrund: Esoteric - "The Maniacal Vale"]
morast - 23. Jul, 23:05 - Rubrik:
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Normalsterbliche Erwachsene schlafen um diese Uhrzeit, dachte ich mir und grinste. Ich war müde und geschafft. Die letzten Tage hatten es nicht an Anstrengung mangeln lassen, jedoch im Gegenzug nicht ausreichend Schlaf geboten, um meiner wachsenden Erschöpfung Herr zu werden. Ich sollte schlafen, dachte ich mir und grinste erneut. Schließlich war ich gerade dabei, mir Schuhe anzuziehen.
Freitag Nacht um eins. Eigentlich ein guter Zeitpunkt. Um auszugehen, das Nachtleben zu erfahren. Oder einfach um zu schlafen. Ich griff nach meinem Rucksack, fand Portemonaie und Schlüsselbund und verließ die Wohnung. Das Treppenhaus war finster, und im Dunkeln lief ich die Stufen herab.
Ich fühlte mich matt, weich irgendwie, und hätte ich mich in ein Bett gelegt, so wäre ich innerhalb weniger Sekunden in tiefste Träume versunken. Mein Fahrrad stand auf dem Hof, wartete. Um diese Uhrzeit auf öffentliche Verkehrsmittel zu warten, hätte in elende Warterei gemündet. Und vielleicht wäre ich sogar an der Haltestelle eingschlafen.
Es regnete nicht, obwohl ich fest damit gerechnet hatte. Obwohl ich bereit gewesen war, durch strömendes Nass zu fahren. In meinem Bauch rumorte der Liter Cola, den ich wenige Minuten zuvor konsumiert hatte. Keine gute Kombination, dachte ich, lähmende Müdigkeit und koffeiniertes Erfrischungsgetränk. Denn anstatt sich gegenseitig auszulöschen, ergänzten sich diese zwei Komponenten zu einem unwirklichen Gefühl von Trunkenheit.
Ich sollte schlafen, dachte ich und schwang mich aufs Rad. Der warme Sommerwind fegte mir ins Gesicht, und ich genoss es, durch die leeren Straßen zu rasen. Vermutlich hätte ich das Fahrradlicht anschalten sollten, doch das kümmerte mich nicht. Mein Ziel war nicht fern, und mein Weg führte mitten durch kleinstraßiges Wohngebiet.
Die Zeit verflog zu rasch. Als die Packstation vor meinen Augen auftauchte, glaubte ich einer Täuschung aufgesessen zu sein. So schnell?
Ich zückte die goldene Karte und hatte keine Mühe, mich an meine PIN zu erinnern. Nicht Christoph Kolumbus; nicht 1492. Meine Merkhilfe war unnütz und nützlich zugleich, und nur wenige Augenblicke später hielt ich mein Paket in der Hand.
Natürlich, es ist Unrecht, dass die Post persönlichen Service durch Automaten ersetzt, dass womöglich Arbeitsplätze verloren gingen, bloß weil es preiswerter für das Unternehmen war, Automaten zu betreiben als Menschen zu beschäftigen. Und doch: In diesem Augenblick war ich bereit, eine Ode zu schreiben, an Loblied auf die Packstation zu singen, eine Hymne komponieren, in der ich pries, was da gelb und klobig vor mir aufragte.
Denn nicht nur, dass ich sowohl per Mail als auch per SMS benachrichtigt wurde, dass ich nicht erst nach Hause fahren musste, um dort im Briefkasten eine Mitteilung zu finden, die ein erneutes Losfahren erwirkte [Aber nicht vor 16.30 Uhr desselben Tages!], nicht nur, dass ich nach bis in die Abendstunden gehender Arbeit keinen Grund hatte, mich über idiotische Postfiliaenöffnungszeiten zu ärgern. Nein, ich konnte auch trotz Doppelbenachrichtigung vergessen, bei der Packstation vorbeizufahren und mein Paket abzuholen; ich konnte heimkehren und mich erst Stunden später an das Geschickte erinnern, dass irgendwo in einem Metallcontainer auf mich wartete; ich konnte mich nachts um eins aufs Rad schwingen, durch leere Straßen sausen und völlig übermüdet mein Paket in Empfang nehmen; ich konnte mit zusätzlicher Euphorie bestückt nach Hause fahren, mich aller Sachen entledigen und kurz bevor mir die Augenlider tatsächlich zufielen, die Pappe aufreißen und deren Inhalt bewundern; ich konnte plötzlich erneutes Wachsein und Lust finden, noch ein wenig zu blättern, zu begutachen, was mir die Post zukommen ließ, was ich in unsinnigem, nächtlichen Überschwang unbedingt abholen musste und was mich nun glücklich und zufrieden einschlafen ließ.
[Im Hintergrund: Depeche Mode - "The Singles 86-98"]
morast - 19. Jul, 10:25 - Rubrik:
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Ich gebe auf.
Üblicherweise verzichte ich auf das das Belauschen von Radiosendern, und jährlich freue ich mich erneut über einen Brief von der GEZ, der mich daran erinnert, dass meine Anlage durchaus radiotauglich ist - obwohl ich sie nie dafür nutze. Abgesehen von versehentlichen Berührungen mit ungewollten Klängen in der Öffentlichkeit ist der einzige Ort, an dem das Radio eine Bedeutung für mich hat, das Badezimmer.
Ich habe keine Ahnung, wem das Gerät dort gehört und langfristig wird es sich vermutlich als ungute Idee erweisen, ein Radio in Feuchtgebieten zu positionieren, doch verleitet es mich hin und wieder dazu, einfach mal reinhören zu wollen, was die musikalische Welt zu bieten hat. Die üblichen 80er-90er-Superhitsender brauchen nicht erwähnt zu werden; nur wenige Sekunden angewiderten Hinhörens schenke ich ihnen, bevor ich das Radiosenderauswählrad zum nächsten Programmplatz bewege.
Irgendwo entdecke ich meist Musik, die ich als "hörbar" einstufe und die mich dazu bringt, dem Sender eine Hintergrundbefüllung zuzugestehen - mit der steten Hoffnung auf Besseres. DIe Hoffnung wird enttäuscht, nach ein paar erträglichen Liedern kommt stets irgendetwas, das zu akzeptieren ich nicht bereit bin, und ich schalte aus.
Wahrscheinlich liegt es an mir. Jeder, der so etwas wie einen Musikgeschmack besitzt, wird zugeben, dass dieser Grenzen hat. Woher aber soll ein Radiosender diese Grenzen kennen? Woher soll er wissen, dass er, wenn er diesen Song spielt, den anderen nicht spielen sollte - obwohl er demselben Genre angehört, ja vielleicht sogar von derselben Band ist? Er kann nicht in meinen Schädel schauen, und selbst wenn, würde er sicherlich ablehnend mit dem Kopf schütteln: Mein Musikgeschmack ist wenig radiotauglich.
Das Internet ist groß, weit und bunt, und irgendwo lärmen sicherlich auch Sender in den digitalen Äther, deren Programm mir zusagen könnte. Doch ich bin verwöhnt. Musik existiert für mich nicht als Element des Hintergrunds, sondern zieht einen bedeutenden Teil meiner Aufmerksamkeit auf sich. Und sobald die erwähnte Grenze überschritten wird, beginne ich, mich unwohl zu fühlen und ein Werk zu bevorzugen, das sich in meinem eigenen Besitz befindet und von dem ich weiß, dass ich es mag.
Selbst wenn die Unmöglichkeit gelänge, meinen Musikgeschmack derart zu spezifizieren, dass ein Radiosender nur Titel spielt, von denen er sicher sein kann, dass ich sie mag, hätte er keine Chance. Schließlich sind Musikvorlieben stimmungsabhängig, und auch wenn ich alle Alben einer Band besitze, habe ich nicht automatisch zu jedem Zeitpunkt Lust, ihre Klängen zu lauschen.
Das Radio hat keine Chance. Zu leicht ist es für mich, Klänge auszuwählen, die ich für gut befinde, mich bei plötzlichen Geschmacksunsicherheiten durch ein annehmbar großes, stetig erweitertes Archiv an Titeln zu wühlen und schlußendlich jene hervorzukramen, die ich im Augenblick für passend halte. Zu leicht ist es zu pauschalisieren und den Großteil der von den Radios verbreiteten Songs für ungut zu erklären - eben weil sich unter ihnen zahlreiche befinden, die mich zum Abschalten nötigen. Zu leicht ist es, in der riesigen Auswahl an Möglichkeiten des Internets, mir bewusst jene Musiken zu suchen, die ich mag, anstatt darauf zu warten, dass irgendwann etwas an mein Ohr dringt, dass mir zumindest einigermaßen gefällt.
Ich gebe also auf. Das Badezimmerradio erhält keine weitere Chance, sich mit mir zu versöhnen, mich zu unterhalten, während heißes Wasser auf mein Haupt rieselt oder eine Klinge über mein Antlitz wandert. Statt dessen werde ich die Ruhe genießen und mir einen Fred-Comic ausdenken - oder einen Text ersinne, in dem ich erkläre, warum ich nicht fernsehe.
[Im Hintergrund: My Dying Bride - "The Scarlet Garden"]
morast - 17. Jul, 10:20 - Rubrik:
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Ich bin ein Tollpatsch. Das war schon immer so, zumindest soweit ich mich zurückerinnern kann. Mittlerweile bin ich alt genug, um nicht bei jedem Missgeschick, das mir geschieht, in Flüche und Verzweiflungstaten zu fliehen. In den meisten Fällen versuche ich einfach, den Schaden zu begrenzen und alle unangenehmen Folgen so rasch wie möglich zu beseitigen. Ansonsten bleibt mir nicht viel mehr übrig, als hinzunehmen, was geschah.
Die Mensa ist ein Ort voller Fallen. Ich brauche nur kurz unaufmerksam zu sein - und das bin ich durchaus häufig -, und schon habe ich mein Tablett samt Inhalt über irgendeinen, im Weg stehenden Tisch geworfen. Dass dabei das Glas zerschellt und Scherben das Essen fremder Personen entwerten, tut dann auch nichts mehr zur Sache. Wenn es in der Mensa scheppert, schauen sich meine Freunde zunächst um, wo ich bin.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich mein gefülltes Colaglas oder die offene Flasche mit einer heftigen Handbewegung umwarf oder vom Tisch fegte, wie oft ich aufsprang und zur Kasse rannte, dorthin, wo sich die Servietten stapelten, mit denen ich anschließend gröbsten Unrat beseitigte. Hin und wieder gelang es mir auch, mein Tablett ungünstig in Kassennähe zu positionieren und selbiges, noch bevor ich das Essen bezahlt hatte, inmitten unzähliger Wartender auf mir und dem gefliesten Boden zu verteilen.
Der Schaden an mir stört mich nicht, und selbst das Organisieren eines Lappens und das anschließende Säubern würde mich nicht stören, wären die Mensafrauen nicht mit unendlicher Freundlichkeit bestückt und fest entschlossen, mir alle Reinigungsarbeiten abzunehmen. Dann erst beginne ich mich zu schämen - nicht aufgrund meiner Idiotie, sondern weil ich den Frauen zusätzliche Mühen bereite.
Schwierig ist es auch zu trinken. Denn in einer Mensa laufen kontinuierlich unzählige Menschen hin und her, stehen auf, setzen sich, begegnen einander, grüßen usw. Es gibt immer etwas zu entdecken, und ich bin äußerst neugierig. So geschah es schön häufiger, dass ich einen Schluck erfrischenden Getränks zu mir neben wollte, es aber an Konzentration mangeln ließ - und dadurch den Mund verfehlte. Ein Schwall Sprudelwasser schwappte auf meine Kleidung, und zum wiederholten Male war ich froh, üblicherweise Schwarz zu tragen und derartige Flecken weitestgehend ignorieren zu können.
Eine Zeitlang ging ich dazu über, mich beim Speisen in Wandnähe und derart zu positionieren, dass mein Blickfeld möglichst eingeschränkt ist. Doch es half wenig, denn sobald ich einen interessanten Laut zu hören glaubte, drehte ich mich doch wieder um. Selbst die am eigenen Tisch stattfindenden Gespräche reichten nicht aus, um meine Blicke und deren akustisches Äquivalent schweifen zu lassen. Und - schwupps - landete ein Teil der im Glas befindlichen Cola auf meinem Teller.
Solange es nur ein Schluck ist, nur eine kleine Menge, die in meinem Essen oder irgendwo landet, kann ich damit umgehen. Ich ignoriere alles, was ich nicht beseitigen kann, und wenn das Essen eine süßliche Note bekommt, schadet ihm das auch nicht. Schwierig wird es jedoch, wenn der Schaden größere Ausmaße annimmt.
So geschah es heute, dass ich zu trinken beabsichtigte. Tatsächlich war ich konzentriert genug, um beim ersten Schluck den Mund zu treffen. Doch plötzlich erwies sich das Glas als unhaltbar. Das Kondenswasser, das sich an der Ausßenseite gebildet hatte, ließ meine Finger abgleiten; ich packte fester zu, doch es war bereits zu spät. Das Glas rutschte mir aus den Fingern und stürzte auf den Tisch. Ich hielt es noch fest, bevor es sich dem Boden nähern konnte, doch der gesamte Inhalt hatte sich schon über die Tischpallte ergossen.
"Fuck!", dachte ich und stürmte zum altbekannten Serviettenspender. Eine, zwei, drei, zehn. Das müsste reichen. Insbesondere weil ich bereits von anderen komisch angesehen wurde. Ich sprintete zurück zum Tisch und fing an, die verschüttete Cola aufzuwischen. Die Servietten saugten gut, doch rasch war festzustellen, dass es nicht genug sein würden. Also versuchte ich, mich auf das Gröbste zu beschränken, und setzte dann meine Mahlzeit fort. Und obgleich mein Tablett unter Cola gesetzt worden war, hatte doch das Essen selber keinen Schaden genommen. Fein.
Ich aß, und bei jedem Bissen, den ich tat, bei jedem Schluck, den ich trank, achtete ich darauf, es richtig zu machen. Mein Tisch sah widerlich aus, doch für den Augenblick war das in Ordnung. Und wenn die Mensa in wenigen Minuten ihre Pforten schloss, würden ohnehin alle Tische gründlich bereinigt werden.
Unter dem Tablett kam die Cola hervorgekrochen und benetzte meinen Arm. Ich griff mir die letzten zwei verbliebenen Servietten und versuchte, den sich in meine Richtung ergießenden Bach zu stoppen, ihn mit einem saugfähigen Papierdamm zumindest solange aufzuhalten, bis ich meine Mahlzeit beendet hatte. Ich beeilte mich.
Als ich fertig war, sowohl Haupt- als auch Neben- und Nachspeise verzehrt und die Cola auzsgetrunken hatte, packte ich zusammen. Mit den Fingerspitzen griff ich den matschigen Serviettenklumpen und beförderte ihn auf den Teller. Mit einem Schnalzen löste sich das Tablett vom Tisch, und ich trug es zum Abgabefließband. Ein Blick zurück offenbarte mir Chaos: Der Tisch war nicht wiederzukennen, bedeckt von verschmierten Colalachen und klebrig-feuchten Papierfetzen.
Ich seufzte schamvoll und begab mich langsam zum Ausgang.
morast - 11. Jul, 15:23 - Rubrik:
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Ich besitze insgesamt drei Regale, in denen ich Bücher aufbewahre, und ursprünglich hatte jedes von ihnen eine eigene Bedeutung. Regal 1 stammt von Ikea, ein simples Gorm-Regal, auf das die Blicke fallen, sobald man mein Zimmer betritt. Hier befinden sich Bücher, die ich besonders mag, Bücher, die ich immer wieder lese. Sie sind nach Autoren geordnet, was jedoch nicht heißt, dass irgendein alphabetischer Algorithmus eine Rolle spielt, sondern nur, dass Werke desselben Autors nebeneinander Platz finden. Da ich von einigen durchaus viele Werke besitze, ist es natürlich auch eine gewisse Eitelkeit, die mich dazu bringt, die Bücher am, Zimmereingang zu präsentieren. Nebeneinander aufgereiht bilden sie einen durchaus beeindruckenden Anblick.
Ich hatte anfangs versucht, die einzelnen Etagen thematisch zu sortieren, doch weil immer weniger Platz zur Verfügung stand, vermischten sich die Kategorien. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass mich das sonderlich stört.
Da das Gorm-Regal beidseitig befüllbar ist, existieren auch auf der Rückseite Bücher, ebenfalls nach Autoren sortiert, doch ansonsten keiner weiteren Struktur unterworfen. Hier finden sich zumeist meine Neuanschaffungen, die ich, nachdem ich sie durchlas, erst einmal dorthin positionierte, wo es noch ein wenig freien Platz gab.
In der – vom Eingang aus gesehen – linken Zimmerecke steht Regal Nummer 2. Dieses befasst sich vornehmlich mit Fantasy und Science-Fiction, und ich finde es amüsant zu bemerken, dass es noch ein weiteres Ordnungskriterium gibt: Von oben nach unten nimmt die Beliebtheit der Bücher ab. Nicht kontinuierlich – zwischendurch befinden sich immer Ausreißer, die eher in Richtung des oberen oder unteren Endes der momentanen Gutfindskala einzuordnen sind -, doch allein, dass meine Lieblingsfantasyreihe an oberster Stelle steht und sich weit unten Werke befinden, dir mir einst geschenkt wurden, obgleich ich nie etwas mit ihnen anfangen konnte, ist Beweis genug. Dass ich unter der letzten Bücherreihe noch unzählige Comichefte lagere, beinhaltet jedoch keinerlei Wertung.
Das dritte Regal ist klein und hängt über meinem Bett. Hier stehen vorwiegend Comicbücher. Und weil einige der Comics sich auch jüngeren Lesern zuwenden, findet man in dem kleinen, durchaus unansehnlichen Regal auch Bücher für Kinder und Jugendliche. Nicht viele, aber ein paar. Warum Kafka und Hesse ebenfalls dort anzutreffen sind, vermag ich aber nicht zu sagen.
morast - 28. Jun, 13:11 - Rubrik:
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Ich lehnte mein Rad an die Hauswand, ließ das Schloß ein sanftes "Klick" von sich geben und klingelte. Nicht, dass ich häufig Ärzte besuchen würde, doch eine Praxis, bei der die Haustür bereits verschlossen war und per Gegensprech geöffnet werden musste, war mir bisher begegnet. Niemand reagierte. Sicherlich, ich hatte zaghaft geklingelt, kurz nur, als wäre die versperrte Haustür ein Versehen gewesen, das zu entschuldigen ich gerne bereit war. Vielleicht war aber auch mein Klingeln nicht gehört worden. Wer wusste denn, mit welcher Hörbarkeit der Klingelton im Inneren der Praxis ertönte? Allzu penetrant durfte er schließlich nicht sein; die Patienten könnten das übelnehmen. Vielleicht hatte die Ärztin aber auch Urlaub, und niemand war anwesend. So etwas passierte, und mich hätte es nicht sonderlich überrascht.
Neugierig trat ich einen Schritt zurück, versuchte, irgendeinen Hinweis auf Urlaub zu entdecken. Doch ich fand nichts. Ich klingelte ein zweites Mal, diesmal länger, kräftiger, und trat erneut zurück. Vielleicht hing ja im Fenster ein kleines Schild. Oder irgendwo klebte ein Aufkleber "Urlaub vom ümpften Juni bis zum blorksten Juli." Nichts.
Die Tür brummte. Mein Klingeln war erfolgreich gewesen; mir wurde Einlass gewährt.
Doch bevor ich den Türgriff berühren konnte, hatte sich seine kleine, alte Frau an mir vorbeigestohlen, die Tür geöffnet und die wenigen Stufen zur Hochparterre hinaufbegeben. Das gibt'S doch nich!, dachte ich verblüfft. Dreist und kommentarlos hatte sich die Omi vorgedrängelt - und wollte natürlich auch zur Allgemeinärztin.
Das Wartezimmer war voll, nur ein einziger Sitzplatz frei. Ein Kind beschaute sich fasziniert einen Artikel über den "Sex and the City"-Kinofilm, und ich fragte mich, ob es nicht bessere Lektüre für ihr Alter gab. Ein junge Frau blätterte in einer Mode- und Promizeitschrift, und ich entdeckte auf Anhieb neun Gründe, warum ich sie unsympathisch fand. Die anderen Wartenden waren unauffällig, von buntem und weniger buntem Blattwerk gefangengenommen.
An der Anmeldung staute es sich. Die alte Frau wollte wohl unaufdringlich wirken und ließ großen Abstand zu ihrem Vordermann. Genug, um mich schon fast wieder aus der Praxis hinauszubefördern. Genug, um meinen potentiellen Hintermann zum ebenfalls Vordrängler werden zu lassen: Er hatte nicht wahrgenommen, dass wir anstanden und sich spontan in die Riesenlücke vor Omi eingereiht. Omi schwieg, empörte sich nicht.
Interessiert beobachtete ich sie. Entweder sie tolerierte als geübte Vordränglerin fremdes Vordrängeln - oder sie sie fraß ihre Entrüstung in sich hinein.
"Entschuldigung.", sagte ich in freundlichstem, höflichstem Tonfall zu meinem potentiellen Hintermann. "Wir stehen auch an." Mein potentieller Hintermann wurde zu einem richtigen, und Omi fand nun, da jemand die Thematik auf die Tisch gebracht hatte, ihre Stimme: "Genau. Hinten anstellen!"
Darauf hätte ich antworten sollen. Doch ich schwieg.
morast - 27. Jun, 00:52 - Rubrik:
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Irgendwann in meiner frühen Jugend hatte ich das Zweifeln gelernt und schmückte mit erstaunlicher Häufigkeit die Sätze anderer mit dem Anhang "... was zu bezweifeln wäre". Ich erinnere mich zwar nicht daran, dass mir gegenüber jemand zum Ausdruck brachte, wie sehr dieser Klugscheißerspruch nervte, doch nach einer Weile hatte ich selbst davon genug - zumindest davon, ihn in aller Vollständigkeit auszusprechen. Ich beschloss also, die Sache abzukürzen: "w.z.b.w.". Natürlich half das nicht, beeilte ich mich doch, nach jeder Erwähnung von "w.z.b.w." ein erklärendes "was zu bezweifeln wäre" hinten dran zu hängen, um fragend blickende Gesichter zu vermeiden.
Normalerweise verblasst Drang zu solch einer Macke allmählich, meistens nur wenige Wochen, nachdem sie aufgehört hat, lustig zu sein, und so hätte es auch in diesem Fall sein können - wäre mir da die Mathematik in die Quere gekommen. Mathematische Beweise standen plötzlich auf der Tagesordnung, ich lernte eine lateinische Formel, "Quod erat demonstrandum", kennen und erfuhr im selben Atemzug ihre Abkürzung, "q.e.d."
Das hätte auch anstelle von "SPQR" auf den Feldzeichen der Römer in den Asterix-Comics stehen können, dachte ich damals und der Gedanke gefiel mir. Dem Mathelehrer jedoch schien Latein nicht sonderlich zu behagen. Obgleich die Formel länger war und weniger leicht von der Zunge floss als "q.e.d.", führte er ein, dass "w.z.b.w." - "was zu beweisen war" - unter die Beweise zu schreiben sei.
"w.z.b.w" - "Was zu bezweifeln wäre", lachte ich, musste aber feststellen, dass ich der einzige war, der das komisch fand. Und offensichtlich war ich auch der einzige, dem auffiel, dass ich zufälligerweise dieselbe Abkürzung schon vorher "erfunden" hatte, dass also entweder Genialität oder erstaunlicher Zufall ihre Finger im Spiel gehabt haben mussten.
Ich verweigerte mich fortan dem "w.z.b.w.". Ich belästigte Freunde nicht länger mit dieser Art von Klugscheißerei und weigerte mich so gut es ging, etwas anderes als "q.e.d." unter meine Beweise zu schreiben. Denn jedesmal, wenn ich "w.z.b.w." hörte oder las, übersetzte ich automatisch: "was zu beweifeln wäre " - und seufzte genervt.
morast - 25. Jun, 14:04 - Rubrik:
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Du warst die vier. Das konnte ja nichts werden.
Nicht bei mir, der die Dreiundzwanzig mochte, besessen war von der Dreiundzwanzig, die meinen Geburtstag bildete, besessen von ihren Auswüchsen, ihren Formen, ihrer Primzahligkeit, besessen von ihrer Quersumme, die sich in meinem Geburtsmonat wiederfand. Die Vier warst du, wenn man das halbe Etwas nicht mitzählte, das sich irgendwo zwischendrin lagerte und ohnehin nie Bedeutung erlangt hatte. Für sie nicht. Für mich nicht. Du warst die Vier in meinem Universum der Zahlen, das sich nur zu gern zum Ungeraden neigte, primzahlaffin Aussenseiter liebkoste, nicht das Gerade, Ebene, Augen Beruhigende streichelte, sondern das Verwackelte, etwas Versetzte, das, was ein wenig neben dem Üblichen stand.
Mit der Eins begann das Zählen, doch ist sie schwerlich dem Geraden oder Ungeraden zuzuordnen. Die Zwei blieb mir fremd. Doch schon die Drei war märchenhaft, und blicke ich heute zurück, entdecke ich ein sich nach Erinnerungen sehnendes Lächeln in meinen Gesicht.
Du warst die Vier, und wären wir in deiner Welt gewesen, hätte diese Zahl Perfektion berührt. In deiner Welt, in der die Zwei Bedeutung hatte und in der die Zweiundzwanzig verhaltene Lobpreisungen erfuhr.
Vier ist Zwei hoch Zwei, hätte ich dir vielleicht gesagt, hätte ich nicht gewusst, dass dich derartige Zahlenspiele befremdeten. Trotz der geliebten Zwei, trotz ihrer Freunde.
Die Vier hätte Perfektion berührt, wäre es deine, nicht meine Welt gewesen, die angefangen hatte zu zählen, nicht meine Welt mit ihren Fünfen, ihrer Elf, ihrer Siebenundvierzig, sondern deine mit der Zwei, die kaum Erwähnung fand. Perfektion.
Doch war ich nicht deine Vier, nicht die Vier in deiner Welt. Wahrscheinlich auch keine Zwei. Eigentlich wusste ich nie genau, welche Zahl mir zustand und ich wagte nie zu fragen. Denn wenn Vergangenheit zwischen deinen Worten hervorblickte, brachte sie stets Tränen mit, endlos in ihrer Zahl. Ich war nicht deine Vier, und mit Sicherheit hätte es auch keine Rolle gespielt, nicht für dich, nicht für mich, so, wie es für mich damals keine Rolle spielte, ob du meine Vier warst. Denn in jenen Augenblicken sah ich dich nur als Eins, als Nummer Eins, als Einzige, als die, die alles war.
Und presse ich dir auch jetzt eine Nummer auf den Leib, eine schlichte, schnöde, mir missfallende Nummer, eine gerade langweilige, dröge Vier, so weiß ich doch, dass du stets die Eine warst.
Zugleich warst du die Vier. Die Hälfte von Zwei hoch Drei, könnte ich mich trösten, doch "die Hälfte" klingt zu wenig. Wenn ich an Schicksal glauben würde, an ein Schicksal, das von Zahlen bestimmt wird, würde ich der schrecklichen Vier alle Schuld in die schwarzen Schicksalsschuhe schieben. Das konnte ja nichts werden, würde ich sagen, als hätte ich es bereits vorher geahnt. Doch bis zum Schluss ahnte ich nichts. Die Vier war meine Eins. Vier plus Eins gleich Fünf. Das hätte was werden können.
Ein verwegener Gedanke ringt mir ein Lächeln ab: Wenn ein zahlenfreudiges Schicksal die Vier dazu verurteilte, an meiner Unvierigkeit zu scheitern, wenn es das Schicksal war, das die Nüchternheit, die Kantenlosigkeit, die Ebenhaftigeit dieser geraden Zahl an mir abgleiten ließ, sollte ich dann nicht frohlockend eine Eins addieren, zuversichtlich auf den Zahlenstrahlnachfolger warten, die kommende, geliebte Fünf im Geiste begrüßen und sie, die Quersumme der Dreiundzwanzig, mit warmer Hoffnung Willkommen heißen? Sollte ich nicht lächeln, weil die Vier sich in die Vergangenheit zurückzieht und die Pforten öffnet für eine ungerade Zahl, für eine Primzahl, für die jene, die mir so oft von Hausnummern und Kennzeichen entgegenwinkt, für jene Quersumme, die ich in albernem Sinnfinden prall mit Bedeutung vollstopfte?
Du bist die Fünf, könnte ich dann sagen, dann wenn sie gefunden und mir nahe ist. Du bist die Fünf. Das könnte was werden.
morast - 22. Jun, 22:18 - Rubrik:
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Gestern war die Gravitation der Ansicht, einige meiner Tonträger dem Teppichboden näher bringen zu müssen, und ich nutzte die Gelegenheit, das zu tun, was ich ohnehin sei Wochen tun wollte: Aufräumen.
CDs aufzuräumen klingt an sich schon antiquiert, und dass ich nebenbei noch ein paar Kassetten fand, machte die Sache nicht moderner. Zugleich aber barg das Sortieren und Wegstellen einige Überraschungen, die nicht selten in ein gemurmeltes „Ich wusste gar nicht, dass ich mir das gekauft habe…“ mündeten. Häufig genug geschah es, dass ich mir die Frage stellen musste, wann ich denn diese CD erworben hatte. Oder warum.
Ein Grund für meine Vergesslichkeit ist natürlich die Digitalisierung: Kaum habe ich die CDs erworben, werden sie auf den Rechner kopiert und fortan vorwiegend von dort belauscht. Booklet und Cover, zwei Dinge, auf die ich beim Kauf durchaus Wert lege, erweisen sich aus dieser Perspektive als bedeutungslos. Sicherlich, ich erinnere mich daran, das Album zu besitzen, doch geriet offensichtlich in Vergessenheit, dass ich es in guter alter Silberscheibenweise erwarb und nicht auf internettigeren Wegen.
Ein weiterer möglicher Grund für die Überraschung ist offensichtlich: Das Album war zu schlecht. Dabei muss „zu schlecht“ nicht zwangsläufig bedeuten, dass es mies war und dass ich das investierte Geld besser für anderes hätte ausgeben sollen. Ebenso kann sein, dass ich das Album mal gut fand, zum Zeitpunkt des Kaufs beispielsweise, dass ich meiner Begeisterung erlag, doch diese nicht lange anhielt. Weil ich anderes fand, vielleicht. Weil es zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam, nicht in meine Stimmung passte. Oder weil es einfach scheiße war.
Viele Alben besitze ich, weil ich die Vorgängeralben besitze und diese mir durchaus gut gefielen. Ich kaufte also das neue Werk, doch stellte irgendwann fest, dass sich etwas geändert hatte. Entweder ich und mein Musikgeschmack oder das musikalische Schaffen der Band. Wahrscheinlich aber beides. Wenn die Änderungen in verschiedene Richtungen gingen, passiert es, dass ich die CD betrachte und mich wundere, warum ich sie erwarb, obwohl sie mir doch offensichtlich recht rasch missfiel. Sich von einer einstigen Lieblingsband zu lösen jedoch ist ungemein schwer und braucht oft Zeit in Form von mehreren unguten bzw nicht gefallenden Alben.
Was wäre, frage ich mich somit, wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, wenn ich mich dem Kauf dieses oder jenes Albums, das ich aus heutiger Perspektive mit Abneigung betrachte, verweigert hätte, wenn ich gewusst hätte, dass das, was ich gerade erwerben möchte, mir alsbald unangenehm sein würde? Was wäre, wenn ich all das Geld und all die Zeit, die ich in diese Alben investierte, gespart hätte? Was wäre, wenn ich auf alle Werke, die mich heute in meiner Sammlung stören, verzichtet hätte?
Eine dumme Frage, stelle ich sogleich fest. Nicht nur, weil es technisch unmöglich zu realisieren ist, mein früheres Ich zu „warnen“, sondern auch, weil sich Geschmack eben ändert. Ich kann heute nicht mehr jede meiner früheren Begeisterungskäufe nachvollziehen, doch heißt das nicht, dass die damalige Freude unnütz gewesen wäre. Nein, auch wenn die Freude womöglich nicht lange anhielt, war sie doch vorhanden, und wer weiß, vielleicht kommt sie eines Tages zurück. Schließlich mag es zwar sein, dass ich aus heutiger Sicht früher zuweilen Ungutes kaufte und hörte, doch was werde ich morgen denken, was morgen mögen? Vielleicht finde ich dann alles, was ich heute höre, blöd, vielleicht auch das, was ich gestern mochte. Mein Geschmack ändert sich eben, kontinuierlich und schwer lenkbar, und es grenzt an Albernheit, den Kauf irgendwelcher Werke zu bereuen, bloß weil ich heute ihnen gegenüber anders empfinde.
Hinzu kommt, dass es gar nicht so einfach ist, ein Album zu beurteilen. Wenn es prinzipiell mit dem übereinstimmt, was ich an Musik mag, wenn es womöglich auch noch von einer Band stammt, die ich früher schon mochte, deren Vorgängerwerke ich vielleicht sogar besitze, dann ist es schwer für mich, eine CD schlecht zu finden. Und wenn ich gerade in einem Stimmungs- und Finanzhoch verweile, wenn alle Zeichen positiv sind, warum sollte ich nicht mal eben die paar Euro investieren und mir einen netten Tonträger zulegen, der mir sicherlich gefallen wird? Und selbst wenn das erste Reinhören nur mittelmäßige Ergebnisse brachte: Viele Alben, die ich heute liebe, sind derart gestrickt, dass ich mich erst in sie hineinfinden musste, um wirklich eins mit ihnen zu werden. Warum sollte ich nicht einem potentiellen Gutfindalbum die Zeit gewähren, die es braucht, um sich hineinzufinden und ein endgültiges Urteil zu fällen?
Sicherlich, wenn das Urteil zu Ungunsten des Werkes ausfällt, habe ich Pech gehabt. Doch wer weiß? Vielleicht lag es ja nur an meiner Stimmung, an meiner Laune, an momentanen Geschmackswankungen? Wer weiß, vielleicht gefällt mir das Album ja in ein paar Wochen?
Bis dahin ist es zu spät. Das Album steht in meinem Regal; ich habe es letztlich kaum gehört, vergesse allmählich, dass ich es kaufte – und finde es irgendwann wieder. Bereue ich diesen Kauf?, frage ich mich dann und schüttle nach ein paar Augenblicken mit dem Kopf. Nein, ich bereue nicht. Und war es auch noch so großer Schrott.
morast - 20. Jun, 10:22 - Rubrik:
Wortwelten
Was mich zumeist daran hindert, mich passiv an sportlichen Ereignissen zu beteiligen, ist nicht nur mein fehlendes Interesse, sondern auch die fehlende Eindeutigkeit. Als Zuschauer ergreife ich automatisch Partei für eine der beteiligten Parteien, oft nur aufgrund eines albernen Vorurteils oder eigener Geburtsörtigkeit, und wünsche dieser herzlichst den Sieg - und den anderen natürlich dementsprechend eine Niederlage. Jedoch ertrage ich es nicht warten, bangen und hoffen zu müssen.
Selbst wenn ich nicht sonderlich intensiv mitfiebere, will ich mir doch nicht ansehen müssen, wie "meine" Mannschaft immer wieder in Gefahr gerät, im Spiel Nachteile zu erleiden. Dass sie verlieren könnten, kommt mir nicht wirklich in den Sinn; bis zuletzt bin ich angefüllt mit grenzenlosem "Sie werden es schaffen."-Optimismus, selbst wenn der Nachsprung gewaltig ist. Und nach dem Spiel ärgere ich mich nicht sonderlich, wenn die von mir bevorzugte Partei verliert, weil ich mich daran erinnere, dass - wie eingangs erwähnt - mein Interesse nicht sonderlich ausgeprägt gewesen war, bevor ich mich dazu entschied, doch zuzusehen.
Jedoch stört mich die Uneindeutigkeit. Insbesondere beim Fußball, wo die Anzahl der Tore oft nicht sehr ausgeprägt ist, reicht ein einziges, um letztlich den Gewinn davonzutragen. Das ist schrecklich, weil ich doch die ganze Zeit darauf warte, dass nun endlich dieses eine Tor fällt, das mich aufatmen lässt, das die Warterei, die Hin- und Herschieberei des Balles in Sinn verwandelt und mich kurzzeitig erlöst. Denn ich mag es nicht, mit Ungewissheit bestückt zu sein, zu harren der Möglichkeiten, auf den Torwart als letzten Mann, letztes Bollwerk, vertrauen zu müssen, weil die Abwehr zu schwach ist.
Wenn es nach mir ginge, würde die favorisierte Mannschaft eines Fußballspiels in den ersten Minuten ein Tor schießen, somit alle verblüffen, den Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen und dann mit gewonnenem Selbstvertrauen damit beginnen, gezielt, aber risikoarm anzugreifen. Kurz vor der Halbzeitpause sollte dann das zweite Tor für meine nun noch lieber gewonnene Mannschaft fallen, um ihr zusätzliche Kraft für die nächsten 45 Minuten zu schenken - und zugleich dafür zu sorgen, dass die elende Ungewissheit etwas verkleinert wird. Dann wird noch mehr Wert auf abwehrendes Spiel gelegt, aber das Nach-Vorne nicht völlig vernachlässigt. Die Gegner resignieren aufgrund ihrer offensichtlichen Chancenlosigkeit, werden nachlässig und lassen alsbald das 3:0 zu. Nun sind vielleicht noch zehn oder 15 Minuten zu spielen, und ich bin so ruhig, wie es nur geht. Gerne gestehe ich den "Bösen" noch ein Tor zu, damit ihr Ego nicht allzu sehr verletzt das Spielfeld verlassen muss, und dann trällert der Schiri das Spielende ein, und ich bin glücklich. Überraschungen müssen nicht sein.
Doch dergleichen geschieht nicht. Sobald ich Partei ergreife, muss ich feststellen, dass die Mannschaft zwar hin und wieder gute Chancen hat, dass aber der Gegner auch existiert und ebenso versucht, Chancen zu erwirken und zu nutzen. Selbige nehme ich übrigens kaum als solche wahr; das Vertrauen in "meine" Mannschaft ist nahezu grenzenlos. Das Spiel selbst birgt jedoch nie die Überlegenheit des "guten" Teams, so wie ich sie mir wünsche. Es ist ein ewiges Hin und Her, und vielleicht gelingt es tatsächlich irgendwann, ein feines 1.0 zu erwirken.
Doch das allein hilft nicht. Die Gegner zeigen sich davon zumeist unbeeindruckt und verstärken ihre Bemühungen. Nein, nein, denke ich und sehe die winzigen Vorsprung schon zu einem kümmerlichen Nichts zusammenschrumpfen. Die Sicherheit fehlt, jedes weitere Tor ist irgendwie immer überraschend; von massiver Überlegenheit, wie sie mein Wunschdenken sich ausmalt, keine Spur, von Ruhe ohnehin nicht.
Sport zu schauen, wird dadurch anstrengend. Ich möchte, dass das Team, das meine Sympathien hat, überzeugend gewinnt, doch anscheinend besteht stets die Notwendigkeit, allerhand Spannung zu erzeugen. Doch im Gegensatz zum Boxen, wo ein K.O. in den ersten Minuten allerlei Zuseherfreuden raubt, wäre ein Spiel auch nach dem Erwirtschaften eines zeitigen und hohen Vorsprungs nicht vorbei, sondern könnte interessant, technisch hochwertig und ansehnlich sein. Da gibt es keinen zwingenden Widerspruch.
Ich schaue selten Sport, und wenn ich mich denn doch einmal dazu bequeme, möchte ich, dass die von mir favorisierte Mannschaft gewinnt. Haushoch. Mindestens.
morast - 19. Jun, 20:41 - Rubrik:
Wortwelten