Menschen

Mittwoch, 6. Februar 2008

Gotteshaus

Ein Mann, nicht sonderlich groß, unrasiert und eigentlich unauffällig, mit einem Baumwollbeutel in der rechten Hand, betritt eine Sparkassenfiliale. Im Eingangsbereich bläst ihm die warme Luft der Klimaanlage entgegen, und ich weiß nicht, ob es der Lufthauch oder irgendetwas anderes ist, das ihn dazu bewegt, doch plötzlich schaut er sich um und sagt laut: "Hier wohnt also Gott!"

Verdutzt blicke ich ihm hinterher, sehe, wie er ein paar Schritte geht, kurz die Arme ausbreitet, andächtig nach oben starrt - und sich dann in die Schlange der vor dem Geldautomat Wartenden einreiht, als wäre nichts gewesen.

Ich verbleibe im Eingangsbereich, frage mich für einen Augenblick, ob Gott und Geld dasselbe seien, bevor ich meine Straßenbahn nahen sehe und mich beeile, sie noch zu erwischen.

[Im Hintergrund: Danzig - "777 I Luciferi"]

Dienstag, 11. Dezember 2007

Coolness

Und dann jene jungen Männer und Frauen, zumeist fast noch jugendlich, deren Münder, im Glauben, zugleich Weises aber auch Zeitgemäßes ["Cooles"?] von sich zu geben, abgedroschenste Redwendungen ausspeien, und somit mir, angewidert lauschend, den Eindruck schenken, die Betreffenden seien nicht ungefähr zwanzig, sondern siebzig oder achzigjährig.

"Da bin ich mal gespannt wie ein Flitzebogen...", "Wollen wir doch mal schaun, wie der Hase läuft..." und ähnliche Textbausteine wären sicherlich trotz ihrer ekelhaften Abgelutschtheit erträglich, würde nicht in den Worten der Aussprechenden dieser Unterton mitschwingen, der alle Anwesenden, mich leider eingeschlossen, mit fast krampfartiger Bemühung davon zu überzeugen versucht, dass das Gesagte innovativ, witzig, intelligent und Aufmerksamkeit sichernd, dass der Sprecher also die einzig wahre inkarnation von Coolness [Darf man das noch sagen?] sei.

Ist er jedoch nicht.

Fremdschämen.

Samstag, 22. April 2006

Menschen 24: Am Spielautomaten

Beim Dönermenschen [Das Wort Türke klingt, obgleich es nur eine Länderzugehörigkeit liefert, irgendwie abwertend.] finde ich mich, die Angebotstafel studierend. 'Dürüm hatte ich noch nie, ist allerdings teurer als ein normaler Döner.'
Noch bevor ich entscheidungsfindend meine Bestellung aufgeben kann, werde ich vom Ladenbesitzer freundlich in die richtige Richtung geschubst: "Döner zum Mitnehmen?" Ich strahle ihn an: "Ja."

Während der Türke [Jetzt habe ich es doch getan.] seinem Nahrungsmittelzubereitungswerk nachgeht, sehe ich mich um, interessiere mich nicht für die beiden Mädels, die, in unspannende Profanunterhaltung vertieft, sich ihre Mahlzeit in die Schädel stopfen. Am Glücksspielautomat [In Magdeburg scheint es üblich zu sein, daß nahezu jeder Dönerladen einen solchen besitzt.] steht ein vielleicht Fünfzigjähriger, der mit monotoner Gestik immer wieder auf die einzelen Knöpfe haut, den Automat teilnahmslos bedient, ohne daß das Spielprinzip für mich durchschaubar würde. Er kennt sich aus, doch verspielt desinteressiert sein Guthaben.

Erst als ich bemerke, daß der Mann überhaupt nicht auf die rotierenden Fruchtsymbole achtet, werde ich stutzig, erkenne sein Gesicht wieder: Es ist der Blinde, dem in hin und wieder begegne, während er auf seine Straßenbahn wartet und Umstehende bittet, ihm die Nummer der gerade ankommenden mitzuteilen. Ein Blinder, der Glücksspielautomaten nutzt. Ich bin beeindruckt.

Um meine Vermutung zu bestätigen, suche ich seinen Stock, doch entdecke ihn nicht. Dafür jedoch fällt mir nun auf, daß er gespannt den Piep- und Dudelgeräuschen lauscht, die dem AUtomaten entweichen, um zum offensichtlich richtigen Zeitpunkt auf die Taste zu hauen. Seine Tastenbedienung wirkt rabiat, doch soll vermutlich nur die Wirksamkeit seines Tastendrucks sicherstellen.

Der Dönermann wickelt mein Abendbrot ein, und der Blinde greift seinen Stock, der doch in der Ecke gestanden hatte, geht mit kleinen Schritten in Richtung Ausgang, sich vom Ladenbesitzer verabschiedend: "Meine Bahn kommt gleich." Während ich mich bemühe, nicht da zu sein, mich an den Thresen zu pressen und somit nicht im Weg zu stehen, bemerke ich, wie einsam und traurig er aussieht.
"Bis morgen.", meint der Dönermann, als wolle er meine Feststellung bestätigen.

Am Tisch tuscheln die Mädchen: "Der war ja blind!". 'Blind', denke ich, 'aber nicht taub.', denn noch immer steht er in der Tür.

Ich erhalte meinen Döner, bezahle, verabschiede mich und sehe den Blinden, wie er sich am Rand des Fußwegs plaziert und auf seine Bahn wartet.
Es sieht nicht so aus, als würde sie bald kommen.

[Im Hintergrund: The Dresden Dolls - "Yes, Vorginia"]

Montag, 10. April 2006

Menschen 23: Kaninchenwächterin

Neben dem Riesenterrarium im Magdeburger Allee-Center entdeckte ich eine Frau, nicht unattraktiv, in offzieller Kleidung, deren Funktion darin zu bestehen schien, die kleinen, osterlichen Kuschelkaninchen und ihre schützende Glasscheibe vor den wieauchimmer gearteteten Aktionen übereifriger Kaninchenknuddler zu bewahren. Unbewegt stand sie da und blickte auf die possierlichen Wesen zu ihren Füßen, die das unverschämte Glück hatten, nicht menschlich sein zu müssen und nach Belieben fressen, hüpfen, kacken und kopulieren zu können, während sie selbst mit bemühter Freundlichkeit ihre eigene Präsenz nutzte, um potentiellen Schädlingen ihr ungutes Treiben aus den verzückten Schädeln zu verscheuchen und aufdringlich Fragenden pauschale Nonsens-Antworten zu geben.

Sie stand da und wirkte traurig.
Umgeben von possierlichen Hüpftierchen, die jedem Vorbeigehenden ein erfreutes Lächeln abzwangen, wirkte ihre Traurigkeit unangemessen, ja sonderbar. Vielleicht war es ihre Aufgabe, die sie bedrückte, die sie offensichtlich unterforderte, ja langweilte: Ein starres Stillstehen neben verlockend weichen, doch glasscheibenfernen Fellwesen, eine durch achtsame Wichtigkeit getarnte Untätigkeit.

Mit trauriger Miene stand sie auf ihrem Posten und ihr abgestumpfter Blick konnte auch durch die geballte Kanninchenniedlichkeit nicht mehr zu einem freudigen Glitzern erregt werden.

Donnerstag, 16. Februar 2006

In der Bibliothek II

Wieder in der Bibliothek.
Ich stelle fest, daß Asiaten, insbesondere feminine, nicht imstande zu sein scheinen, ihre Füße/Schuhe zu heben. Das ist eine vorurteilsbehaftete Verallgemeinerung, sicherlich, doch bisher fand ich noch keinen Gegenbeweis. Im Augenblick stört es mich nicht, und so bin ich gönnerhaft genug, um der leidlichen Schlurflärm-Belästigung mit Ignoranz zu begegnen.

Neben mir klingelt das Telefon. Eine Universitätsbibliotheksmitarbeiterin ruft eine andere Universitätsbibliotheksmitarbeiterin [Ja, ich mag das Wort.] an, um von irgendeiner Lieferung zu erzählen. Das erfahre nicht, weil ich das Telefonat belausche, sondern weil die beiden sich treffen, direkt neben mir, während das Telefon fröhlich vor sich hinklingelt.Das tut es übrigens schon seit geschätzten drei und gefühlten zwanzig Minuten, und längst war ich drauf und dran, aufzuspringen, den Hörer abzunehmen und hineinzubrüllen:
"Wenn ein Telefon tausend Mal klingelt, ohne daß jemand dran geht, könnte das eventuell daran liegen, daß die Angeklingelte nicht in der Nähe ist!"
Aber ich hätte diesen Satz sowieso nicht herausgebracht, ohne mich zu verhaspeln, also bleibe ich sitzen. Außerdem stört mich das Geklingel nur wenig; schließlich sitze ich nur am Rechner und stöbere auf irgendwelchen Heimseiten herum anstatt zu lernen.
"Das bin ich.", erklärt die eine Universitätsbibliotheksmitarbeiterin der anderen, als die beiden sich treffen. Universitätsbibliotheksmitarbeiterin A hält ein tragbares Telefon in der Hand und legt in dem Moment auf, als Universitätsbibliotheksmitarbeiterin B endlich an Telefon gehen will.
Ich gebe auf, über den Zweck eines stundenlangen Klingelnlassens bei gleichzeitigem persönlichen Besuch der Angeklingelten nachzudenken.

Auf dem Computerplatz vor mir sitzt eine Blondine. Ich liebe Klischees, insbesondere wenn sie zutreffen, beziehungsweise es Menschen gibt, die sich zu bemühen scheinen, sie detailgetreu zu erfüllen.
Die Stimme der Blondine ist piepsig. Wäre ich ausersehen, mittels eines Castings eine Klischee-Blondine zu besetzen, müßte sie diese Stimme haben. Zum Glück schweigt sie zumeist.
Sie sitzt an einem Rechner, ohne ihn zu benutzen. Stur zeigt er die Aufforderung zur Eingabe von Benutzername und Kennwort, doch sie kümmert sich nicht drum, stöbert in ihren handgeschriebenen Unterlagen. Mädchenschrift.
Als sich jedoch der Bildschirmschoner einschaltet und die Eingabeaufforderung gegen komplettes Schwarz austauscht, vernehme ich ein piepsigen "Nein!". ihre hand greift zur Maus und stellt die alte, unbenutzte Eingabeaufforderung wieder her.
Die neben ihr sitzende Freundin benutzt den Computer. Nicht wirklich, aber fast. Auf dem Bhildschirm sehe ich eine Universitätsseite, starr und konstant. Ich überlege, ob ich mich über die Verschwendung von Computerarbeitsplätzen echauffieren sollte, doch entscheide mich dagegen. Schließlich gibt es in unserer Universitätsbibliothek mehr freie Computer als freie "normale" Arbeitsplätze.
Die Blondine jubelt, ein kindliches Arme-in-die-Luft-Werfen kombiniert mit einem semilasziven Freudentanz. Scheinbar hat sie etwas aus ihren Mitschriften verstanden.
Ein zweiter Jubel setzt ein, als sie es beim ersten Versuch schafft, sowohl Benutzernamen als auch Paßwort so einzugeben, daß der Rechner sie auf das System zugreifen läßt. Eine Meisterleistung, das muß auch ich anerkennen.
Sie schreibt eine Mail. Ihre Fingernägellänge läßt eine normales Tastaturbenutzung nicht zu. Wenn sie tippt, dann nur mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Alle anderen Finger sind möglichst weit weggespreizt. Ich ertappte mich dabei, wie ihre Handhaltung nachzuahmen versuche, doch kläglich scheitere, Krämpfe befürchtend.
Ein dritter Freudenschrei, diesmal unter Einbeziehung der Freundin: Auf der Partyfotoseite von DJ Wakko fand sie sich selbst.

Neben mir öffnet der Fahrstuhl seine Türen. Heute scheint er zu schweigen. Die herauskommenden Asiaten wissen trotzdem, daß die Tür offen ist und verlassen ihn, natürlich ohne die Füße zu heben.

Mittwoch, 15. Februar 2006

Menschen 22: Rot, Blau, Grün

Während ich gestern an einer Ampel wartete, kam ein Mann auf mich zugetorkelt. Hätte ich nur sein Gesicht betrachtet, wäre ich dazu veranlaßt gewesen, ihn in die Schubladen "soziale Unterschicht" und "Alkoholiker" einzusortieren. Doch sein intensives Torkeln brachte mich dazu, genauer hinzuschauen, nicht zuletzt, um notfalls einen Sturz verhindern zu können.

Seine Kleidung als "ordentlich" und "sauber" zu bezeichnen, wäre einer maßlosen Unterrteibung gleichkommen, waren doch die sichtbaren Kleidungsstücke eindeutig von höherer Qualität, entsprangen höheren Preisklassen.
"Schickimicki" war das Wort, das mir dazu einfiel, wirkten die Klamotten doch fast affektiert. Insbesondere seine Schuhe stießen bei mir auf Verunderung: Cremefarbene Lederslipper mit Absätzen, die danch Art eines Damenschuhs bei jedem Schritt klackten.

War ich nun dazu geneigt, einen gesellschaftlich Höherstehenden zu betrachten, der auf irgendeiner Feierlichkeit mehr als nötig getrunken hatte, irrte ich mich erneut. Denn das Geischt war eindeutig das eines Trinkers, versehen mit der klischeehaften Trinkerknollnase, die rot zu leuchten schien.

Kopf und Gebahren des Mannes bildeten eine Einheit, die sich nicht mit der äußeren Hülle vertrug. Während ich meine Blicke zwischen klackenden Absatzschuhen und einer Nase, die allein wohl mehrere Schnäpse absorbieren konnte, hin- und herwandern ließ, schaltete die Ampel auf Grün; ich wurde meinen Beobachtungen entrissen und von der sich in Bewegung setzenden Masse auf die andere Straßenseite gespült.

[Im Hintergrund: Aaskereia - "Mit Raben und Wölfen"]

Dienstag, 14. Februar 2006

In der Bibliothek

Ich sitze in der Universitätsbibliothek und pausiere vom ermüdenden Versuch, Dinge zu lernen, die in meinen zusammenkopierten Aufzeichnungen nur unzureichend beschrieben und ohnehin für mich unverständlich sind.

Unweit meines Tisches steht ein weiterer. Gestern saß dort ein Junge, der vorübergehend abwesend war. Diese vorübergehende Abwesenheit ist das Markenzeichen der Bibliothekstische; denn alle sind sie mit Heftern und Laptops belegt, doch nur selten sitzt auch jemand daran, um fleißig zu sein oder sich vorzugaukeln, fleißig zu sein. Der abwesende Junge brauchte nur die Hälfte des für zwei personen ausgelegten Tisches, und so entschloß sich ein Mädel, ihre Unterlagen auf der anderen Hälfte auszubreiten.
Ohne großen Erfolg, denn der Junge kam alsbald zurück. Er lächelte, als er sie sah, ohne sie zu kennen und ohne ihre Entschuldigung für die Tischbesetzung richtig wahrzunehmen: An seinem Tisch saß ein gutaussehendes Mädel und gab ihm Grund, sein Nichtlernen forzusetzen, indem er ein Gespräch begann.

Ich weiß nicht genau, wie er das bewerkstelligte, doch schwer fiel es ihm nicht, studierte sie doch - ebenso wie er - irgendetwas Technisches. Schon bald hörte ich beide flüsternd miteinander reden. Tiefe Männerstimmen sind nicht sehr ausbreitungsfähig; seine Worte erreichten mich kaum. Doch die ihren begannen allmählich, mich zu belästigen. Ich verstand nicht genau, was gesagt wurde und wollte es auch nicht, doch der Stimme des Mädels wohnte eine klanglose Monotonie inne, die mich staunen ließ. Sie leierte jede Antwort langsam und emotionslos herunter, als berichte sie über Dinge, die abseits ihrer selbst geschahen.

Den Jungen schien das nicht zu stören; eine schöne Frau, noch dazu wenn sie intelligent ist, darf auch eine monotone Stimme haben. Nach zwei Stunden gab ich meine Konzentrationsversuche auf, ließ die beiden zurück und fuhr nach Hause.

Am gleichen Tisch sitzen heute Asiaten.Bibliotheksasiaten.
Die Besonderheit an ihnen ist, daß sie niemals alleine sind, auch nicht zu zweit. Nein, es gibt immer mindestens vier von ihnen auf einem Haufen. Die Besetzung des Haufens jedoch wechselt immerfort, und jeder scheint jeden zu kennen.

Wieder und wieder kommt jemand angerannt, hat eine Frage, borgt etwas aus, holt jemanden ab, kommt zurück, blättert in fremden Unterlagen, wird unterbrochen, redet, muß zur Toilette, usw.
Die Asiaten zu beobachten ist, als säße man vor einem Ameisenhaufen. Nach außen hin wirkt er ruhig, und die Berwegung jedes einzelnen Teils wirken gezielt und bewußt. Aber blickt man länger hin, so bemerkt man das Gewimmel und Gedränge, die stete Ruhelosigkeit, die sich unwillkürlich auf das eigene Gemüt überträgt.

Glücklicherweise reden die Asiaten nicht viel, und mir gelingt es, meine Blicke in meine Unterlagen zu vertiefen.

Im Augenblick pausiere ich, überprüfe meine Mails und finde spannende Dinge, die mich davon abhalten, an meinen Platz zurückzukehren.
Ich sitze neben einem Fahrstuhl, der nie ruht, ständig auf und ab fährt, Menschen verschlingt udn wieder ausspeit, und jede Bewegung mit einer Frauenstimmensprachausgabe kommentiert. "Tür schließt." Wenn Fahrstühle den Studenten sagen müssen, daß sich eine Tür bewegt, dann vermisse ich das Vertrauen in deren, unsere, Intelligenz.

Neben mir sitzt ein Paar, jeweils einen Rechner in Beschlag nehmend. Offensichtlich wollen die beiden Zeit totschlagen und bemühen dazu das Internet. Sie findet scheinbar Spannendes, während er den morigen Speiseplan gewissenhaft studiert. Sie jauchzt hin und wieder, redet mit den Bildern und Texten, die sie sieht, liest, nicht mit ihrem Mann, der sie nicht wahrnimmt, nur mit dem Rechner, eigentlich dem Monitor, und der Luft.

Ich fühle mich nicht gestört, doch bin verwundert über ein solches Verhalten. Gerade ertappe ich sie dabei, wie sie den Text vor ihren Augen laut mitliest. Als ich verwundert hinüberblicke, schweigt sie prompt, um kurz darauf wieder undefinierbare Laute zu äußern.

An mir gehen Studenten vorbei, die Stöckelschuhe tragen. Ich wundere mich, warum eine Bibliotheksstille unbedingt mit solchen Schuhe zerstört werden muß, doch stoppe diesen Gedanken, bevor ich ihn zu Ende denke. Die Schnallen meiner Springerstiefel verfügen schließlich auch über ein liebliches, bibliotheksfremdes Klingeln, das Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Konzentrationen zu stören weiß.

Es ist Zeit. Zu viele Dinge warten darauf geschafft, verstanden zu werden. Mit leisem Klingeln begebe ich mich an meinen Arbeitsplatz, versuche, meinen zunehmend schmerzenden Rücken zu ignorieren und meine Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, deren Erschließung sich mir fortwährend verweigert...

Montag, 5. Dezember 2005

Menschen 21: Geflüstert, gefaltet, verloren

Hinter mir stehen zwei Frauen an der Kassenschlange: Mutter und Tochter. Die Tochter, die selbst längst Mutter ist, zählt ihre Weihnachtseinkäufe auf, erklärt, wer warum welche Geschenke erhalten wird. Plötzlich senkt sie ihre Stimme:
"Der Bademantel hat nur acht Euro gekostet."
Es war fast, als schämte sie sich ihres Preisbewußtseins, als wäre es verpönt, Sonderangebote zu nutzen.

Im Elektrofachmarkt beobachte ich einen Mann, der versucht, mit einer Verkäuferin zu flirten, indem er das vor ihr stehende "Sie hören gerade"-Album von Xavier Naidoo in die Hand nimmt, auseinanderfaltet und betrachtet, während sie begeisterte Kommentarfluten über die Musik in seine Richtung entläßt. Als der Wortschwall verebbt, versucht der Mann vergeblich, das Album wieder ordnungsgemäß zusammenzufalten, schafft es auch nach mehreren Anläufen nicht, den Anfangszustand wiederherzustellen, knickt es dann so, daß es in seinen Augen richtig aussieht, und verabschiedet sich. Mitleidig betrachte ich das Ergebnis seiner Bemühungen: schmerzhaft falsch gefaltet und verdreht - im Namen der Liebe..

An der Tür der Straßenbahn steht ein kleines Mädchen mit rosa Schal und weißer Wollmütze. Es starrt mit großen Augen zu mir herauf, schenkt mir ihr vollstes Interesse. Die Bahn hält, und das Mädchen steigt an der Hand ihrer Mutter aus. Ihre Blicke lassen mich nicht los, betrachten mich bewundernd, fragend. Auch ich trete ins Freie, sehe ihr nach. Im Haltestellenmenschgewimmel verliert sie mich, und während ihre Mutter sie eilig hinter sich herzieht, streifen ihre Blicke durch die Gegend, auf der Suche nach mir, der nicht weiß, warum.

[Im Hintergrund: Janus - "Winterreise"]

Mittwoch, 30. November 2005

Ohrensausen

Männer, deren wollene Wintermützen absichtlich oberhalb der eigenen Ohren enden, empfinde ich als befremdlich. Nicht nur, daß es befremdlich aussieht, begegnet man einem solchen Mützenträgerexemplar, da zuerst stets der Eindruck entsteht, der Betreffende hätte nicht genug Zeit gehabt, sich ordentlich anzukleiden, nein, ich stehe dann stets sprungbereit da, um wegen der ständig drohenden Runterfallgefahr notfalls die zu Boden stürzende Kopfbedeckung im Fluge erhaschen zu können.

Wenn eisige Winde meinen Schädel umwirbeln, sind es bei mir die Ohren, die bedeckt werden sollen, jene Ohren, welche bei erwähnten Männern verhindern sollen, daß die wärmende Kopfkleidung weiter nach unten, ins eigene Antlitz, rutscht.

Zu gern würde ich etwas sagen, auf die Mütze zeigen und bekanntgeben, daß da etwas nicht stimmt, daß die armen Ohren ebenfalls des Schutzes bedürfen - doch ich schweige und erinnere mich daran, daß ich selbst so lang wie möglich auf eine Mütze oder ähnliches zu verzichen versuche, albernen Vorstellungen von Eigenästhetik folgend.

[Im Hintergrund: Janus - "Winterreise"]

Montag, 21. November 2005

Der störende Fetzen

Ich beobachtete diesen Mann nun schon mehrere Minuten lang. Er war mir unsympathisch, und ich fragte mich, warum. Hin und wieder tauchte er auf, dort, in dem Hauseingang auf der anderen Straßenseite, trug stets eine paar, fünf oder sechs, Holzblöcke unter dem Arm, verlud sie auf einen vergitterten Anhänger.

Woher kamen die Holzklötze, fragte ich mich. Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß dort irgendwo auf dem Innenhof ein nun gefällter Baum stand, dessen hölzerner Leib in handliche Stücke zerlegt worden war. Bäume waren eine geschützte Seltenheit, hier, mitten in der Stadt. Also hatte irgendwer irgendwer aus irgendeinem Grund diese Holzblöcke, die der unsympathsicher Mann nun anch außen brachte, ins Innere gebracht. Warum nur?
Gab es hier Kamine? Das wäre mir neu gewesen.

Der Mann kam zurück, warf unwillig seine hölzerne Last auf den Anhänger, sah sich nicht um, ging zum Eingang zurück.

Er bemerkte etwas. Auf dem Boden des Hausflures lag ein Fetzen, ein kleines Stück Papier, das sich durch Wind und Wetter hierhin verirrt hatte und nun die glänzende Reinheit des Hausflurs und somit das Sauberkeitsempfinden des Unsympathen störte. Wie konnte ein solch winziges Stück Papier es wagen, sich auffällig in den Weg zu legen, dorthin, wo jeder Hausbewohner, jeder Besucher, ein Blick darauf zu werfen, die fehlende Sauberkeit zu bemängeln vermochte? Es mußte beseitigt werden. Umgehend.

Der unsympathische Mann scharrte mit seinem rechten Schuh über den Boden, bewegte das Papier ein bißchen, trat mehrere Male nach, schleifte es mühevoll in Richtung des Ausgangs, in Richtung Straße. Einfacher wäre es gewesen, sich zu bücken und das Papierstückchen aufzuheben. Doch diese Arbeit schien ihm, der schwere Holzklötze aus dem Hausinneren auf seinen Anhänger verfrachtet hatte, zu aufwendig.

Ein paar Sekunden und mehrere kreiselnde Fußbewegungen später erhob sich der Fetzen endlich, trudelte ein paar Zentimeter in die Höhe, bekam einen Schubs vom unsympathischen Mann und flatterte lautlos aus dem Hauseingang hinaus. Er landete auf dem Fußweg, wo er sich zu Kaugummipapier und Hundekot gesellte. Noch immer lag er jedem eintretenden Hausbewohner im Weg, in Sichtweite, verunzierte mit seiner Müllhaftigkeit den Zugang zum Hausinneren.

Doch dem Mann schien das egal zu sein. Schließlich lag der Fetzen nicht länger im privaten Bereich des Hausflurs, sondern auf dem öffentlichen Fußweg. Das, was allen gehörte, interessierte ihn nicht. Das Eigene mußte rein bleiben, das war wichtig.
Zufrieden mit seinem Werk, zufrieden mit der noch nicht einmal einen Meter Weite erreichenden Deposition eines unbedeutenden Papierfetzens verschwand der unsympathische Mann erneut im nun bereinigten Hauseingang.

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