Sonntag, 13. August 2006

Mit positiver Sehnsucht behaftet

Ich sehe nicht, was meine Augen mir zeigen, erblinde beim Anblick der Straßen, Menschen, Gebäude um mich herum, lächle in mich hinein, als gäbe es nur den Mikrokosmos meiner Gedanken, nein: meiner Gefühle. Ich erahne, daß die Außenwelt mich erreicht, mich berührt, mich zu berühren hat, notwendig ist: Es bedarf der nächtlichen Finsternis, durch künstliches Licht zu halbem Dunkel geschmälert; es bedarf der Lärmlosigkeit, des Halbschweigens der Menschmaschinengeräusche; es bedarf der Temperaturen, des kühlen Windhauchs, warm genug, um mich des Sommers zu erinnern, kalt genug, um mich in Wohlbefinden zu suhlen.

Ich bin zufrieden, zufrieden mit dem, was ist, was mich umgibt. Vielleicht, weil ich die Welt vergessen habe, sie zur Randbemerkungen in meinem Lebensroman degradierte; vielleicht, weil ich bemerke, daß sich ein Lächeln in mein Gesicht geschlichen hat; vielleicht, weil ich einen Teil meiner selbst wiederentdeckte, den ich längst vergaß, den zu spüren ich mich nicht mehr zu entsinnen vermocht hatte.

Ich sehne mich, weiß nicht, wonach, weiß nicht, wohin, doch sehne mich, nicht fort, nicht weg, nicht tiefer. Ich suche keine Richtung, suche keinen Weg, sehne mich einfach. Schmerzlos, ungebunden, fast frei. Ich hatte vergessen, daß es sie gibt: die Sehnsucht ohne Pein, positive Sehnsucht nach dem Ungreifbaren, das Lächeln, das sich eigentlich nur nach innen richtet, wenngleich es nach außen hin geheimnisvoll funkelt. Ich hatte vergessen, daß es mich gibt, diesen Teil von mir, den ich immer liebte, genoß, den ich mich in Nächten wie dieser, in anderen Momenten der Stille, hingab, in denen ich badete, als wären sie die wahre Essenz meines Seins, als wären sie der erste Schritt zur Erfüllung des Möglichen. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, sich der eigenen Liebe bewußt zu sein, der ungerichteten Liebe, dem überschäumenden Wollen, dem berauchenden Können, dem Sehnen.

Ich entsinne mich deiner, erinnere mich, daß ich in solchen Augenblicken deinen Namen, dein Gesicht heraufzubeschwören, dir zuzulächeln pflegte, in welcher Ferne du auch verweiltest. Ich ließ dich teilhaben an mir, an meiner Sehnsucht, von der ich unendlich viel zu haben schien. In solchen Augenblicken suchte ich dich, fand ich dich, obgleich du niemals davon auch nur ahntest.

Heute schweige ich, verweile, entweiche nicht, suche nicht. Namen- und gesichtslos, frei von Schmerzen, frei vom Jetzt, betrete ich die nächtliche Straße und sonne mich im Halbdunkel, sonne mich in der Sehnsucht, die ich war. Irgendwo am Rande des Horizonts taumeln Menschen ihren Schicksalen davon, doch ich bin längst blind. Wie hatte ich leben können, ohne dieses Leuchten in mir, dieses Erblinden, dieses Sehnen zu vermissen, ohne dieses Lächeln zu erdenken, das nur mich zu finden weiß? Ich entsinne mich, irgendwann deinen Namen gerufen zu haben, immer wieder, als hätte er meine Sehnsucht mit sich getragen, meinen Traumwandel, irgendwo zwischen Horizont und mir, entsinne mich, alte Worte, alte Bilder getrunken zu haben, als könnte ich dem süßen Geschmack des Gestern seine Bitterkeit entreißen. Ich entsinne mich deiner, als Fluchtpunkt, als unberührbarer Halt.

Heute jedoch ist es anders, bin ich anders. Ich flüstere wortlose Silben, lächle mir entgegen und tanze, bewegungslos schweigend. Ich bin hier, denke ich zufrieden und tauche tiefer in meine Sehnsucht.

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K (Gast) - 15. Aug, 00:43

traurig schön...

pooh - 15. Aug, 11:17

...kenn ich gut..
sprichst mir quasi aus der seele :)

pooh a.k.a. franziska

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