Sonntag, 9. April 2006

Fluttourismus

Ich bin mir unschlüssig darüber, ob meine Wahrnehmung abstumpfte oder die Berichterstattung weniger dringlich, weniger offensiv, ist als vor vier Jahren. Natürlich - ich besitze keinen Fernseher, kann nicht am Bildschirm die steigenden Pegel verfolgen, die Bewohner aus ihren Häusern verjagen und Zeichen der Zivilisation im Wasser versinken lassen. Doch bereits 2002 besaß ich keinen Fernseher - und war mir dennoch der Gefährlichkeit der Lage bewußt.

Ganz im Gegensatz zu heute. Die Flut streift mich nur peripher, und obwohl irgendeine Studentenparty aufgrund von Hochwasser ausfallen mußte, bleibt mein Flutdesinteresse bestehen. 'Die Party wollte ich sowieso nicht besuchen. Mich betrifft das nicht.', stelle ich fest und widme mich anderen Sorgen.

Vielleicht liegt es an den Medien, daran, daß vor vier Jahren die Flut zu einer deutschlandweiten Bedrohung aufgewertet wurde, jeder Bewohner in Flußnähe sich von Panik getrieben gezwungen sah, die Pegelstände mit der Höhe des eigenen Wohnraums abzugleichen. 2002 sprach man von einer Jahrhundertflut, und schon damals wunderte ich mich, wie man so tolldreist sein konnte, diesen Superlativ in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts bereits zu verbraten. "Jahrhundertflut" kann man schwerlich überbieten - und allein die Wiederholung des Wortes läßt mein Desinteresse wachsen. Die Flut steigt höher als vor vier Jahren - doch das Wort "Jahrtausendflut" läßt auf sich warten.

Im Jahre 2002 wohnte ich noch in relativer Elbnähe. zwischen meiner Erdgeschoßbehausung und der steigenden Elbe lagen nur ein See und ein nicht einschätzbarer Höhenunterschied. Da meine damalige Mitbewohnerin im Urlaub verweilte und auch ich zu meinen Eltern fahren wollte, traf ich Vorsichtsmaßnahmen, schleppte in mehreren Fuhren wichtiges Gerät und bedeutsame Unterlagen in eine befreundete WG. Selbiger, im Dachgeschoß befindlich, drohte keinerlei Flutwassergefahr, und die Wohnung war groß genug, um meinen Kram aufnehmen zu können. Tatsächlich hatte ich ohnehin vor, alsbald hier einzuziehen und freute mich, die Hälfte des Umzugs bereits erledigen zu können.

In der elbnahen Wohnung achtete ich sorgsam darauf, alles in Bodennähe Befindliche nach oben zu verlagern. Möbel und Tapete würden Schaden nehmen; doch ich hatte mein Bestes getan und konnte beruhigt die Heimreise antreten. Die Beruhigung hielt allerdings nicht lange an, denn am Ziel meiner kleinen Reise befand sich ein Fernseher, der mich minütlich über die gefährlichen Hochwassersituationen, über die Jahrhundertflut, informierte. Die Seiten der Magdeburger Feuerwehr gaben mir bereitwillig Auskunft über die aktuellen Pegelstände, lieferten mir Zahlen und Differenzbeträge - doch teilten mir nicht mit, ob meine alte Wohnung bereits unter Wasser lag oder nicht.
Um mich abzulenken, ging ich hinaus und bewunderte den Pegelstand der Saale, der keinen Zentimeter gestiegen war. Die Jahrhundertflut mitsamt ihren Bildern saß fest in meinem Kopf.

Irgendwann war alles vorbei; Magdeburg war - abgesehen von wenigen Gebäuden in Elbnähe - verschont geblieben, nicht zuletzt dank der Hilfe fleißiger Sandsackschlepper, die mir, dem in die Ferne Geflohenen, ein schlechtes Gewissen vermachten. Nach ein paar Wochen kehrte ich nach Magdeburg zurück, erledigte den Rest des Umzugs und war froh, daß die Jahrhundertflut vorüber und ich fortan in höherem Stockwerk wohnte.

Die diesjährige Flut berührte mich kaum. Die alten Bilder erschienen erneut, doch zu sehr war ich darauf versteift, daß eine Jahrhundertflut nicht bereits nach vier Jahren wiederholt werden dürfte, um der medialen Übertreibung Glauben schenken zu wollen. Erst, als ich von Dresden hörte, von Pegelständen [Dieses Wort stellt einen guten Anwärter zum Wort des Jahres dar, nachdem "Jahrhunderthochwasser" bereits ausgelutscht ist.], die die alten Rekordmarken übertrafen, wurde ich nachdenklich. Aber nur kurz. 'So schlimm wird es schon nicht sein.', dachte ich, hoffte ich.

Gestern beschloß ich, den Magdeburger Stadtpark aufzusuchen. Selbiger, von zwei Elbarmen eingeschlossen, sollte - Erzählungen anderer zufolge - wohl partiell unter Wasser stehen, doch Fluttourismus war nur mein sekundäres Ziel. Primär wünschte ich mir, einen trockenen und menschenfernen Platz zu finden, an dem ich kontrolliert Dinge in der Luft umherwirbeln konnte. Ich packte also meine Keulen und Bälle ein, doch verzichtete nicht auf einen Fotoapparat. "Grüße aus Magdeburg", wollte ich in meine Heimat senden, begleitet von einem beeindruckenden Hochwasserfoto.

Schon bevor ich am Stadtpark ankam, sah ich elbnahe Überflutungsbereiche. Eine Skulptur, ein paar Bänke und säuberlich geschnittene Hecken waren im Wasser versunken. Aus einem Papierkorb war eine gelbe Plastiktüte herausgeschwemmt worden und trieb nun auf dem Wasser dahin.
Ich lief weiter und begriff schnell: Hochwasser ist vollkommen unspektakulär - solange nicht Zeichen menschlicher Zivilisation davon betroffen sind. Käme ich als Nicht-Magdeburger zum Stadtpark und sähe die überfluteten Flächen, so hielte ich es für die Elbe oder einen der Parkseen, wüßte nicht, wo das echte Wasser aufhörte und das falsche begann. Ich wäre wenig beeindruckt.

Doch als Magdeburger kannte ich die Wege, kannte ich die Rasenflächen, die nun nicht mehr zugänglich waren, kannte ich die Stellen, an denen ich sonst verweilte, die nun vom Wasser verschluckt waren. Ich sah Schilder, die aus den Fluten ragten, sah Schaukeln auf einem Kinderspielplatz, die wohl nur die allgegenwärtigen Enten nutzen konnten. Mit einem ironischen Lächeln bedachte ich die Entdeckung, daß das Spielplatzschiff nahezu gekentert war.
Ich lief durch den Park, war mir nicht zu schade, mit durchweichenden Schuhen unwegsame Stellen zu betreten, um mich von allen Seiten vom Wasser eingeschlossen zu sehen. Ich fand keinen Platz, der nicht durchweicht war, auf der ich mich hätte ausbreiten und der Jonglage widmen können. Alles Rasengrün war nun von trübem Wasser bedeckt, in dem sich das Frühlingssonnenlicht spiegelte. 'Romantisch.', dachte ich und lächelte.

Zum ersten Mal hatte mich die Flut bewegt, wirklich berührt. Die Bilder von vor vier Jahren waren letztendlich nur Fernsehen gewesen, nur zuammengeschnittenes Material ohne Leben. Aber hier konnte ich die Kraft der Fluten spüren. Reglos lag das Wasser auf dem, was Mensch sein Eigen nannte und verwehrte ihm den Zutritt. Mensch konnte nur betrachten, nur staunen und glotzen.

Denn die Stadtpark-Flut war ergreifend schön. Bäume ragten aus dem Wasser, bildeten mystische Dschungelwälder. Wege endeten in den Fluten, Rehe sammelten sich auf den wenigen trockenen Plätzen. Unter dem hellblauen Himmel und der strahlenden Sonne schien vom Wasser keine Gefahr auszugehen. Es war groß, gewaltig, majestätisch, aber friedlich, schlummernd. Eine Urgewalt, doch gewaltlos.

Ich hielt inne, wo ich konnte, und starrte auf das reglose Wasser. Und mit mir Hunderte anderer.

Ich war nicht allein. Den sonnigen Nachmittag hatten sich unzählige Fluttouristen auserkoren, um zu staunen und sich feuchte Füße zu holen. Fotoapparate wurden gezückt, Familien zeigten kreischend auf die panisch Schutz suchenden Rehe, liefen in großen Gruppen auf den unversehrten Wegen.
Derer gab es genug, um einen Rundgang zu ermöglichen, Die asphaltierte Straße lag höher als der Rest des Parks und lud zum Schlendern und Bewundern ein. Hier ragte ein Berg aus dem Wasser, dort ein Schild. Eine Ente, wo sonst keine hätte sein dürfen, erfreute sich großer Beliebtheit.

Ich fand keinen ruhigen Ort, und nachdem ich der vielen Schaulustigen überdrüssig geworden war, die gewaltige Kraft des Wassers ansatzweise erfaßt hatte, war ich froh, auch ohne jongliert zu haben, nach Hause zu laufen, den Park zu verlassen, der mich zum ersten Mal erahnen ließ, was "Jahrhundertflut" überhaupt bedeutete.

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