Freitag, 13. August 2010

geflecht

ich hatte dich nicht erwartet, nicht dich, nicht heute, nicht hier, nicht in meiner nähe, meinen blicken, meinen armen. mein lächeln harrt seiner geburt, als die erkenntnis mich liebkost, das wissen sich aus dem sehen befreit, durch das denken wuchert und in mein fühlen blüht, als ich zwischen den momenten dich entdecke, dich finde, dich empfinde.

ich hatte dich nicht erwartet, nicht zu erwarten gewagt, nicht zu hoffen gewagt, hatte deine namen mit stille belegt, mit reglosem schweigen, das hoffte, kein warten zu sein, hatte deine wärme aus meinem wünschen getilgt, dein antlitz mit trüber ferne belegt, mit lautlosem abschied, der alles morgen dämpfte.

ich hatte dich nicht erwartet, nicht hier, außerhalb meiner gedanken, jenseits meiner träume, wo ich dein gedeihen nicht tilgen, dein gleißen nicht zu schmälern vermag, nicht hier, jenseits meiner mitten, wo ich mich haltlos um dich drehe, nicht hier, jenseits meiner worte, wo mein flüstern immerfort zu deinem leib gerinnt.

ich berühre, berühre dich, greife, doch kann nicht begreifen, fasse, doch kann nicht erfassen, was mich aus innersten tiefen empor-, aus weglosem sehnen hinaufträgt, mich allem wollen entreißt und dem puren jetzt darbietet, das meine sinne mit sich reißt, allem staunen entzieht und jener atemlosigkeit vermacht, die lippenwärme und feucht schillernden augen zueigen ist.

"ich hatte dich nicht erwartet.", will ich flüstern, doch dringt nur schweigen aus meinem versiegelten mund, nur stille - und ein geflecht aus uns.

Dienstag, 10. August 2010

Sein Name

Und dann kam der Tag, an dem mir bewusst wurde, dass ich seinen Namen nicht kannte. Wir teilten uns ein Büro, mittlerweile seit bestimmt sieben, vielleicht sogar acht Monaten, und ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er in den Raum gekommen war, mir die Hand gereicht und sich vorgestellt hatte. Werner, hatte er gesagt, glaube ich. Oder Jeremy. Oder Olaf. Oder etwas ganz anderes. Vielleicht Rüdiger. Hassan. Michelle. Keine Ahnung.

Wir teilten das Büro, doch nicht unsere Freizeiten. Verließ er die Arbeit, war es, als sei er über den Rand meiner Welt gesprungen, nur um am nächsten Morgen in altbekannter Namenlosigkeit vor seinem Rechner zu sitzen. Ich grüßte, mochte ihn, verstand mich gut, tauschte gar Scherze und zuweilen Privates aus. Seine Freundin hieß Johanna, war Dozentin für Bildende Kunst und vor vier Wochen bei ihm eingezogen. Er sammelte Matchboxautos aus den 80ern und ekelte sich vor Topflappen. Seine Mutter nannte er immer "Mami", wofür er sich schämte, obwohl ich es niedlich fand. Und wenn sie ihn besuchte, kaufte er stets eine Sonnenblume, weil es ihn an seine Kindheit erinnerte, die er in einem Örtchen unweit von Wiesbaden verbracht hatte, irgendwo, wo im Garten immer zahlreiche Sonnenblumen gestanden und in seiner stillen Verzückung gebadet hatten.

Oh, ich wusste vieles von ihm, kannte den Namen seiner letzten beiden Arbeitgeber, wußte, welche Schuhgröße sein bester Freund hatte, hätte ohne nachzudenken zehn Alben aufzählen können, die in seinem Regal standen. Ich kannte seinen Lieblingsfußballverein und wusste, dass er sich ärgerte, einst einen Bayern-Schal geschenkt bekommen zu haben, kannte seine Hausnummer und sein Autokennzeichen, sein Sternzeichen und das seines Bruders.

Nur seinen Namen kannte ich nicht.

Ich hatte nie darauf geachtet, doch als mir klar geworden war, dass ich seinen Namen vergessen, ja, mir niemals gemerkt hatte, fiel es mir schwerer, mit ihm zu sprechen, ihn zu rufen, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab oder in der Firmenküche Kuchen bereitstand. Ich fühlte mich unbehaglich, wenn ich mit anderen Kollegen über ihn redete, wenn ich meiner Frau von ihm erzählte, ja sogar, wenn er in den Feierabend schritt und nichts weiter als ein "Bis morgen!" von mir erwartet wurde.

Sein Schreibtisch war stets aufgeräumt und sauber, und kein Brief, kein unnützer Zettel, kein Ausweis und keine Mitgliedskarte wagten es, darauf herumzuliegen, und mir seinen Namen zu verraten. Seine Mailadresse war eine Zahlenkombination, Kollegen nannten ihn Kobold, weil sein rotes Haar vor allem in Sommermonaten gut zur Geltung kam.

Ich fand es gemein und hütete mich vor derartigen Spitznamen. Und dennoch kam ich immer häufiger in Situationen, wo ich seinen Namen gebraucht hätte. Der scherzhaft vorgetragene Begriff des "Mithäftlings" kam bei meinem Chef nicht so gut an, und jedes andere Synonym barg schon eine zu große Tendenz, aufzufallen und meine Unkenntnis bloßzustellen.

In meinen Gedanken wurde er zu "der Namenlose", und scherzhaft bildete ich mir ein, es sei tatsächlich so: 'Er hat gar keinen Namen!', dachte ich, bis ich mir Gründe dafür auszudenken begann. Krude Ideen wirbelten durch meinen Kopf, von Waisenhaus bis Ausserirdischer, und irgendwann hielt ich an der Vermutung fest, dass er zwar einen Namen besaß, doch niemand es wagte, ihn auszusprechen. Tatsächlich, seitdem ich darauf achtete, hatte ich niemals jemanden seinen echten Namen sagen hören. Du-weißt-schon-wer, nannte ich ihn nun, nach dem finsteren Gegenspieler Harry Potters.

Doch Du-weiß-schon-wer wurde meinen Gedanken alsbald zu kompliziert, und ich dachte, wenn ich an ihn dachte, nur noch an Voldemort. Und immer kicherte ich innerlich, weil ich mich dabei angenehm albern fand. Aber Voldemort war zu lang, und so hieß er für mich alsbald nur noch Voldi.

Eine Zeitlang ging das gut, dann erwachten Kindheitserinnerungen an einen unhübschen Fernseh-Puppendrachen, und aus Voldi wurde Poldi. Wenig zufrieden war ich mit diesem nun ermittelten Namen, war mein Kollege doch alles andere als ein Poldi. Aber als dann die Fußballweltmeisterschaft begann, war plötzlich der Name Poldi in aller Munde, bekam einen anderen Beiklang. Und es dauerte nicht lang, dass Poldi in meinen Gedanken Lukas hieß, seinem Fußball spielenden Spitznamensvetter folgend.

Lukas war ein Name, mit ich leben konnte. "Guten Morgen.", grüßte ich ihn und ergänzte innerlich ein gelächeltes "Lukas". Lukas blieb Lukas, egal, wie er wirklich hieß, und ich freute mich, endlich einen Namen gefunden zu haben, der zu ihm passte. Freunden erzählte ich von Lukas, der dazu neigte, zwei unterschiedlich farbige Socken anzuziehen, um eine Art Miniaturrebellion auszuführen. Meinem Sohn erzählte ich von Lukas, dessen Matchboxsammlung ihn allerdings wenig interessierte. Selbst meinem Lieblingsbäcker erzählte ich von Lukas, weil er jeden Morgen ein Käsebrötchen aß.

Vor den Kollegen hatte Lukas immer noch keinen Namen. Und doch besaß er ihn, in meinem Kopf, und jedes Gespräch, das ihn zum Inhalt hatte, fiel mir plötzlich leichter.

Es dauerte nicht lange, das bekam Lukas einen Spitznamen. Luke. Nicht sehr kreativ, ich weiß, doch es schien mir, als sei dies der richtige Spitzname für ihn, als passte er noch ein bisschen besser zu ihm.

Luke wusste von alledem nichts, und selbst als ich ihn eines Tages mit "junger Padawan" anredete, verzog er keine Miene. Und so sollte es auch bleiben, denn nun hatte ich eine Möglichkeit gefunden, ihn mit Namen anzusprechen. Nicht mit seinem Namen, natürlich, aber mit irgendeinem. Aus Padawan wurde Pad, aus Pad iPad, daraus für kurze Zeit Ei, bis er genervt mit den Augen rollte, wenn ich ihn so nannte. Das Rollen machte ihn zu Rolli, zu Rolf, zu Zuckowski, zu Zucker, zu Sweety. Seine Augenrollfrequenz nahm zu, und ein männlicherer Name musste her. Ich nannte ihn Sylvester, nach Sylvester Stallone, aber gleichzeitig auch nach der Trickfilmkatze, die den frechen Vogel Tweety jagt, dessen Name wiederum fast wie Sweety klingt.

Aus Sylvester wurde Syl, wurde Sid, wurde - keine Ahnung, warum - Peter, wurde Pete. Pete blieb eine Weile, bis ich es Leid wurde, ihn mit einem englischem Namen anzureden. Etwas Hiesigeres musste her, etwas, das in Kürze und Merkbarkeit mit Pete konkurrieren konnte, das zu ihm, zu Pete, passte, dass altbekannt und dennoch erfrischend modern war. Ich zerbrach mir den Kopf, doch die Ideen ließen mich im Stich.

Das Buch "Beliebte Babynamen" half auch nicht weiter. Die meisten Namen waren Mist, passten nicht, waren zu lang, zu fremdartig, zu bedeutungsschwanger, zu hässlich. Ich war bereits beim Buchstaben T angelangt, als Pete mich ansprach.

"Sag mal.", und hier, an dieser Stelle, wo mein Name eingesetzt werden könnte, vernahm ich eine fühlbare Pause. Pete wirkte unsicher. "Haben wir einander eigentlich jemals vorgestellt?"
Ich starrte ihn an, unfähig auch nur ein Wort zusagen. Dann schüttelte ich den Kopf, langsam, zögerlich, mir meiner Lüge bewusst.
Pete reichte mir die Hand und grinste. "Ich bin Peter. Wie heißt du?"
"Äh ... Lukas.", antwortete ich und schlug ein.

Ich heiße nicht Lukas.

Donnerstag, 5. August 2010

Ganz anders

"Nein, wir machen alles ganz anders!", rief Peter und fuchtelte hektisch mit den Armen. "Ganz ganz anders!"
Ich seufzte, ganz leise nur, denn sowohl meine Lust als auch meine Geduld dürften mittlerweile in irgendeinem Fundbüro angekommen sein. Ich hatte sie jedenfalls bereits vor Stunden verloren.
"Wie denn?", fragte ich und dachte 'Ganz anders.'
"Na, ganz anders!", rief Peter und fuchtelte noch hektischer mit seinen Körperauswüchsen, fast so, als hätte ich ihn beim Versuch unterbrochen, flügge zu werden.
"Ach so.", meinte ich. Die Ironie, die aus diesen beiden Silben nur so triefte, blieb unbemerkt. Peters Denken und Handeln hatte sich ganz dem "anders" verschrieben, das er nun schon so lange proklamierte - das unglücklicherweise sekündlich seine Form zu ändern schien.
"Ich hab's!", rief Peter. Sein Gesicht erstrahlte zum geschätzten dreiundzwanzigsten Mal, als eine neue Genialität seinen Geist heimsuchte. Ich ersparte mir ein weiteres Seufzen. Der Vorrat für die nächsten Wochen war bereits aufgebraucht.
Mein Gesicht war ein Fragezeichen, und es gelang mir, mein erblühendes Desinteresse so zu kneten, dass es nach außen hin wie Geduld wirkte. Ich wartete, dass Peter fortfuhr, doch seine Stirn knitterte schon wieder bedrohlich.
"Wir müssten eigentlich nur...", begann Peter, unterbrach sich, begann erneut. "Eigentlich sollten wir..." Er atmete ein, aus, wieder ein.
"Nein, wir machen alles ganz anders!", rief er dann triumphierend, als wäre, was soeben geäußert hätte, eine Idee.
"Wie anders?", fragte ich und bereute es sofort.
"Na, ganz anders!", erklärte Peter. Sein Gesicht gleißte, und ich wünschte, seine Begeisterung würde nicht immer wieder auf dem Weg zu mir verenden, so wie meine Fragen nach Details immer wieder an Peters Hörorganen zerschellten.
"Wie wär's denn...", setzte ich an, doch Peter unterbrach mich. "Ich weiß es!", rief er, "Jetzt weiß ich es!"
Ich zog die Augenbrauen hoch.
"Es ist eigentlich ganz einfach. Erstaunlich, dass wir bisher nicht drauf gekommen sind! Dabei lag es die ganze Zeit direkt vor unserer Nase." Er sah mich an und grinste. "Wir waren einfach betriebsblind."
"Also...?", sagte ich. Für eine komplette Frage hatte ich keine Kraft mehr.
Peter fuchtelte mit den Armen und verkündete fröhlich:
"Wir machen alles ganz anders!"
Ich nickte. Genau das hatte ich erwartet.
"Ganz ganz anders.", ergänzte Peter und strahlte vergnügt vor sich hin.

Dienstag, 20. Juli 2010

Five in a Million

Eine weitere Giraffenkrakelei, weil es so viel Spaß macht. Und auch wenn ich eigentlich keine weiteren zeichnen wollte, ist auch diese für One Million Giraffes.
Und so.

Montag, 19. Juli 2010

Three in a Million

Ein drittes und letztes Giräffchen für One Million Giraffes.
Wuhuu!

Samstag, 17. Juli 2010

Two in a Million

Ein weiteres Werk für One Million Giraffes.
Und so.

Donnerstag, 15. Juli 2010

One in a million

Weil ich das Projekt One Million Giraffes so fetzig finde, habe ich gleich mal eine gekrakelt und beigesteuert.
Macht mit und so!

Mittwoch, 14. Juli 2010

Wenn Peter lachte

"Lach leise.", ermahnte ich ihn zum zweiten Mal, doch selbst das fand Peter lustig. Er war ein einfaches Gemüt, konnte sich an Winzigstem erfreuen, stundenlang einen Grashalm beschmunzeln oder über einen leeren Einkaufsbeutel kichern. Und jedesmal, wenn er lachte, starb irgendwo ein Schmetterling.

Eigentlich starb kein Schmetterling. Wir hatten zumindest noch nie beobachten können, dass, während Peter lachte, plötzlich ein Schmetterling vom Himmel fiel. Aber ich hegte einen Verdacht, und man konnte nie vorsichtig genug sein.

"Lach leise.", sagte ich daher und ergänzte zum wahrscheinlich zehntausendsten Mal "Denk an die Schmetterlinge."

Der Gedanke an sterbende Schmetterlinge betrübte Peter immer ein wenig, und für einen Augenblick lang konnte ich dann aufatmen. Sicherlich war es wenig heldenhaft, meinem jüngeren Bruder das Lachen zu verbieten und sich darüber zu freuen, wenn er durch trübe Stimmungssümpfe watete. Doch noch weniger heldenhaft war es vermutlich, Schmetterlinge zu töten.

"Ich möchte keine Schmetterlinge töten.", murmelte Peter, und eine winzige Träne schimmerte in seinem Auge.

"Schhhh. Nicht weinen.", tröstete ich ihn. Mir tat es Leid, ihn so traurig zu sehen. Traurige kleine Brüder können einem das Herz zerfetzen.

"Vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm. Vielleicht stirbt gar kein Schmetterling, wenn du lachst.", redete ich auf ihn ein. "Vielleicht bilden wir uns das alles nur ein."

Peters Antlitz erhellte sich.
"Vielleicht interessieren sich Schmetterlinge überhaupt nicht für Gelächter.", ergänzte ich, um auch die letzte Sorgenfalte von seiner Stirn zu bügeln.

Peter schmunzelte wieder. Ich hatte es geschafft.

Vor dem Küchenfenster tanzten zwei Schmetterlinge miteinander durch die Luft. Rasch wandte ich den Blick ab, bevor Peter es sah. Doch es war zu spät.

"Guck mal, Schmetterlinge!", rief er, rannte ans Fenster und erfreute sich am spielerischen Geflatter der zwei Flügeltiere. Als sie einander kurz berührten, lachte Peter vergnügt auf.

Wie vom Blitz getroffen hielten die Schmetterlinge plötzlich inne und segelten leblos zu Boden.
Peter war schockiert. "Sind sie ... tot?"
Ich nickte, keines gesprochenen Wortes mehr mächtig.

Peter begann zu weinen. "Es tut mir leid!", rief er wieder und wieder, und Tränen schossen über seine Wangen, bilden winzige Bäche salziger Fluten.
"Es tut mir so Leid!"

Eine feuchte Perle löste sich von seinem Kinn und fiel auf den Boden. Dort wo sie aufprallte, zischte es kurz, und plötzlich entstand ein ganzer Schwarm Schmetterlinge, flatterte in wirrer Schönheit durch den Raum, fand das offene Küchenfenster und flog hinaus, ins Freie. Mit verzücktem Lächeln starrte ich ihnen hinterher.

Peter lachte.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Unter einem Elefanten

Unter einem Elefanten stehend
dort kaum noch die Sonne sehend
begann ich ganz spontan zu stinken
und das Tier, mir zuzuwinken
mit dem schmalen Hinterschwanz.

Doch das war es nicht so ganz
denn noch vor dem Miefgestank
fiel vom Himmel - schönen Dank! -
dicker dunkelbrauner Matsch.

[Lyrikende.
Knicks und Klatsch.]

Mittwoch, 7. Juli 2010

Peter

"Ich heiße gar nicht Peter.", rief Peter und rannte davon. Ich schaute ihm hinterher, als ergäbe sein Ausruf plötzlich Sinn, wenn ich nur lang genug seinen kleiner werdenden Rücken betrachtete.

Irgendwann fiel mir noch ein, "Wieso denn nicht?" zu fragen, doch meine Worte erreichten ihn nicht mehr. Ich zuckte mit den Schultern, drehte mich um und ging nach Hause.

Mutter bereitete gerade das Abendbrot zu, kramte in Schubladen, holte Teller aus untersten Schrankfächern, entrang dem frisch gebackenen Laib ein paar betörend duftende Scheiben, zerkleinerte Gurken und Tomaten mit einem überdimensional großen Messer und pfiff das gleiche Lied, das sie immer pfiff, wenn ihr Gemüt mit bester Laune besprenkelt war.

"Peter heißt gar nicht Peter.", sagte ich zu ihr und sie gab einen abwesenden Brummlaut von sich, während sie in Töpfen rührte und Gläser spülte.

Eigentlich hießen wir alle Peter. Peter hieß Peter, Peter hieß Peter und sogar Peter hieß Peter - und sie war ein Mädchen. Überraschenderweise gab es keine Verwechslungen, und selbst jetzt, da ich Mutter mitgeteilt hatte, dass Peter gar nicht Peter hieß, war klar, welcher Peter gemeint war. Peter, mein Klassenkamerad und Freund seit vielen Jahren, Peter, dessen Schwestern Peter und Peter die wahrscheinlich hübschesten Mädchen des ganzen Dorfes waren. Peter, dessen Onkel - seinen Vornamen kannte ich nicht - uns für die Sommerferien in ein Haus am See eingeladen hatte. Eben Peter.

Ich hieß auch Peter, mochte es aber lieber, wenn man mich Pe nannte. Ich kannte einen Pjotr, einen Pete und sogar jemanden, der Petra hieß - und er war ein Junge. Ich hatte von einem Pietro gehört, der nicht aus der Gegend kam und vielleicht auch Pedro hieß, und von einer Petty, mit der aber niemand etwas zu tun haben wollte. Sie stank ein bisschen, hieß es, aber ich fand, sie roch auch nicht schlimmer als beispielsweise Peter.
Alle hießen Peter.

"Peter heißt gar nicht Peter.", wiederholte ich, obwohl ich wusste, dass Mutter mich bereits beim ersten Mal gehört hatte. Doch ich wollte eine Antwort haben, und wenn ich eine Antwort haben wollte, wiederholte ich meine Frage eben solange, bis ich eine Antwort bekam. Selbst wenn ich gar keine Frage gestellt hatte.

"Peter heißt gar ni..."
"Ist ja gut, Peter.", unterbrach mich Mutter und goss kochendes Wasser in die blaue Kanne, die ich nicht berühren durfte, damit sie nicht kaputt ging. Dann setzte sie sich auf ihren Hocker und seufzte. Sie seufzte immer, wenn sie sich auf den Hocker setzt, fast so, als würde der Hocker alle nutzlose Luft aus ihr herausdrücken. Und vielleicht war es auch so.

"Peter heißt nicht Peter.", erklärte Mutter, "Er hieß noch nie Peter."
Ich riss die Augen auf. Das konnte doch nicht sein! Alle hießen Peter. Peter, Peter, Pjotr, Peter ... - sie alle hießen Peter!

"Aber alle heißen Peter!", rief ich und fuchtelte mit den Armen, versuchte, das Unglaubliche zu verscheuchen.
"Alle.", bestätigte Mutter langsam nickend, "Alle außer Peter."

In der Küche wurde es still. Selbst das stete Brodeln und Köcheln auf dem Herd schien sich zu bemühen, ein wenig leiser zu sein. Ich versuchte zu begreifen, doch konnte nicht. Alle hießen Peter. Auch Peter.

Mutter seufzte ein zweites Mal, doch der Hocker hatte bereits alle Luft aus ihr herausgedrückt, so dass sie eher ausatmete als seufzte. Ich bemerkte es trotzdem.

Mutter sah aus, als müsste sie sich überwinden weiterzureden.
"Es wird Zeit, dass du es erfährst: Peter heißt nicht Peter. Er tut so, als hieße er Peter, um nicht aufzufallen, um nicht von allen geärgert zu werden. Doch er heißt nicht Peter.
Er heißt Olaf!"

Und während das Entsetzen sich in meinem Kopf ausbreitete, ergänzte Mutter traurig:
"Und du auch."

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