Donnerstag, 16. Februar 2006

FFFfF: Der Visionär

Es wird Zeit für stehende Ovationen, für Jubelrufe und euphorische Zelebrationen! Es wird zeit für endlosen Frohsinn und ausgelassene Glückseligkeit!
Und das nicht, weil der Karnevals-/Faschingskrimskrams derartiges verlangt, sondern einzig und allein weil am heutigen Tage der 150. "Fledermaus Fürst Frederick fon Flatter"-Comic veröffentlicht wird!

Tolle Sache und so!


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In der Bibliothek II

Wieder in der Bibliothek.
Ich stelle fest, daß Asiaten, insbesondere feminine, nicht imstande zu sein scheinen, ihre Füße/Schuhe zu heben. Das ist eine vorurteilsbehaftete Verallgemeinerung, sicherlich, doch bisher fand ich noch keinen Gegenbeweis. Im Augenblick stört es mich nicht, und so bin ich gönnerhaft genug, um der leidlichen Schlurflärm-Belästigung mit Ignoranz zu begegnen.

Neben mir klingelt das Telefon. Eine Universitätsbibliotheksmitarbeiterin ruft eine andere Universitätsbibliotheksmitarbeiterin [Ja, ich mag das Wort.] an, um von irgendeiner Lieferung zu erzählen. Das erfahre nicht, weil ich das Telefonat belausche, sondern weil die beiden sich treffen, direkt neben mir, während das Telefon fröhlich vor sich hinklingelt.Das tut es übrigens schon seit geschätzten drei und gefühlten zwanzig Minuten, und längst war ich drauf und dran, aufzuspringen, den Hörer abzunehmen und hineinzubrüllen:
"Wenn ein Telefon tausend Mal klingelt, ohne daß jemand dran geht, könnte das eventuell daran liegen, daß die Angeklingelte nicht in der Nähe ist!"
Aber ich hätte diesen Satz sowieso nicht herausgebracht, ohne mich zu verhaspeln, also bleibe ich sitzen. Außerdem stört mich das Geklingel nur wenig; schließlich sitze ich nur am Rechner und stöbere auf irgendwelchen Heimseiten herum anstatt zu lernen.
"Das bin ich.", erklärt die eine Universitätsbibliotheksmitarbeiterin der anderen, als die beiden sich treffen. Universitätsbibliotheksmitarbeiterin A hält ein tragbares Telefon in der Hand und legt in dem Moment auf, als Universitätsbibliotheksmitarbeiterin B endlich an Telefon gehen will.
Ich gebe auf, über den Zweck eines stundenlangen Klingelnlassens bei gleichzeitigem persönlichen Besuch der Angeklingelten nachzudenken.

Auf dem Computerplatz vor mir sitzt eine Blondine. Ich liebe Klischees, insbesondere wenn sie zutreffen, beziehungsweise es Menschen gibt, die sich zu bemühen scheinen, sie detailgetreu zu erfüllen.
Die Stimme der Blondine ist piepsig. Wäre ich ausersehen, mittels eines Castings eine Klischee-Blondine zu besetzen, müßte sie diese Stimme haben. Zum Glück schweigt sie zumeist.
Sie sitzt an einem Rechner, ohne ihn zu benutzen. Stur zeigt er die Aufforderung zur Eingabe von Benutzername und Kennwort, doch sie kümmert sich nicht drum, stöbert in ihren handgeschriebenen Unterlagen. Mädchenschrift.
Als sich jedoch der Bildschirmschoner einschaltet und die Eingabeaufforderung gegen komplettes Schwarz austauscht, vernehme ich ein piepsigen "Nein!". ihre hand greift zur Maus und stellt die alte, unbenutzte Eingabeaufforderung wieder her.
Die neben ihr sitzende Freundin benutzt den Computer. Nicht wirklich, aber fast. Auf dem Bhildschirm sehe ich eine Universitätsseite, starr und konstant. Ich überlege, ob ich mich über die Verschwendung von Computerarbeitsplätzen echauffieren sollte, doch entscheide mich dagegen. Schließlich gibt es in unserer Universitätsbibliothek mehr freie Computer als freie "normale" Arbeitsplätze.
Die Blondine jubelt, ein kindliches Arme-in-die-Luft-Werfen kombiniert mit einem semilasziven Freudentanz. Scheinbar hat sie etwas aus ihren Mitschriften verstanden.
Ein zweiter Jubel setzt ein, als sie es beim ersten Versuch schafft, sowohl Benutzernamen als auch Paßwort so einzugeben, daß der Rechner sie auf das System zugreifen läßt. Eine Meisterleistung, das muß auch ich anerkennen.
Sie schreibt eine Mail. Ihre Fingernägellänge läßt eine normales Tastaturbenutzung nicht zu. Wenn sie tippt, dann nur mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Alle anderen Finger sind möglichst weit weggespreizt. Ich ertappte mich dabei, wie ihre Handhaltung nachzuahmen versuche, doch kläglich scheitere, Krämpfe befürchtend.
Ein dritter Freudenschrei, diesmal unter Einbeziehung der Freundin: Auf der Partyfotoseite von DJ Wakko fand sie sich selbst.

Neben mir öffnet der Fahrstuhl seine Türen. Heute scheint er zu schweigen. Die herauskommenden Asiaten wissen trotzdem, daß die Tür offen ist und verlassen ihn, natürlich ohne die Füße zu heben.

Mittwoch, 15. Februar 2006

FFFfF: Gelassenheit

Ich gebe zu, geschummelt zu haben. Der "heutige" Fred, der in letzter Minute des 15. Februars veröffentlicht zu sein scheint, wurde tatsächlich in den ersten Minuten des 16. Februars in dieses Blog gestopft
Das hat weniger mit morastcher Faulheit denn mit Netz-, nein: Scannerabwesenheit zu tun. Kurz: Ich war vor Mitternacht nicht zu Hause. Ich bedaure das zutiefst, insbesondere weil diese Verspätung an einem Tag geschah, an dem ich gleich zwei Comics zeichnete.
Das bedeutet, daß der "morgige" Comic bereits gezeichnet ist und nur noch veröffentlich zu werden braucht - und das voraussichtlich zu einer humaneren Uhrzeit.
Trotzdem liebe ich die Rückdatierungsmöglichkeit, die mir erlaubt, den täglichen Rhythmus beizubehalten und alle Vorwort-Nichtdurchleser glauben läßt, ich sei gerade noch pünktlich gewesen...

Nun ja.


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Menschen 22: Rot, Blau, Grün

Während ich gestern an einer Ampel wartete, kam ein Mann auf mich zugetorkelt. Hätte ich nur sein Gesicht betrachtet, wäre ich dazu veranlaßt gewesen, ihn in die Schubladen "soziale Unterschicht" und "Alkoholiker" einzusortieren. Doch sein intensives Torkeln brachte mich dazu, genauer hinzuschauen, nicht zuletzt, um notfalls einen Sturz verhindern zu können.

Seine Kleidung als "ordentlich" und "sauber" zu bezeichnen, wäre einer maßlosen Unterrteibung gleichkommen, waren doch die sichtbaren Kleidungsstücke eindeutig von höherer Qualität, entsprangen höheren Preisklassen.
"Schickimicki" war das Wort, das mir dazu einfiel, wirkten die Klamotten doch fast affektiert. Insbesondere seine Schuhe stießen bei mir auf Verunderung: Cremefarbene Lederslipper mit Absätzen, die danch Art eines Damenschuhs bei jedem Schritt klackten.

War ich nun dazu geneigt, einen gesellschaftlich Höherstehenden zu betrachten, der auf irgendeiner Feierlichkeit mehr als nötig getrunken hatte, irrte ich mich erneut. Denn das Geischt war eindeutig das eines Trinkers, versehen mit der klischeehaften Trinkerknollnase, die rot zu leuchten schien.

Kopf und Gebahren des Mannes bildeten eine Einheit, die sich nicht mit der äußeren Hülle vertrug. Während ich meine Blicke zwischen klackenden Absatzschuhen und einer Nase, die allein wohl mehrere Schnäpse absorbieren konnte, hin- und herwandern ließ, schaltete die Ampel auf Grün; ich wurde meinen Beobachtungen entrissen und von der sich in Bewegung setzenden Masse auf die andere Straßenseite gespült.

[Im Hintergrund: Aaskereia - "Mit Raben und Wölfen"]

Dienstag, 14. Februar 2006

In der Bibliothek

Ich sitze in der Universitätsbibliothek und pausiere vom ermüdenden Versuch, Dinge zu lernen, die in meinen zusammenkopierten Aufzeichnungen nur unzureichend beschrieben und ohnehin für mich unverständlich sind.

Unweit meines Tisches steht ein weiterer. Gestern saß dort ein Junge, der vorübergehend abwesend war. Diese vorübergehende Abwesenheit ist das Markenzeichen der Bibliothekstische; denn alle sind sie mit Heftern und Laptops belegt, doch nur selten sitzt auch jemand daran, um fleißig zu sein oder sich vorzugaukeln, fleißig zu sein. Der abwesende Junge brauchte nur die Hälfte des für zwei personen ausgelegten Tisches, und so entschloß sich ein Mädel, ihre Unterlagen auf der anderen Hälfte auszubreiten.
Ohne großen Erfolg, denn der Junge kam alsbald zurück. Er lächelte, als er sie sah, ohne sie zu kennen und ohne ihre Entschuldigung für die Tischbesetzung richtig wahrzunehmen: An seinem Tisch saß ein gutaussehendes Mädel und gab ihm Grund, sein Nichtlernen forzusetzen, indem er ein Gespräch begann.

Ich weiß nicht genau, wie er das bewerkstelligte, doch schwer fiel es ihm nicht, studierte sie doch - ebenso wie er - irgendetwas Technisches. Schon bald hörte ich beide flüsternd miteinander reden. Tiefe Männerstimmen sind nicht sehr ausbreitungsfähig; seine Worte erreichten mich kaum. Doch die ihren begannen allmählich, mich zu belästigen. Ich verstand nicht genau, was gesagt wurde und wollte es auch nicht, doch der Stimme des Mädels wohnte eine klanglose Monotonie inne, die mich staunen ließ. Sie leierte jede Antwort langsam und emotionslos herunter, als berichte sie über Dinge, die abseits ihrer selbst geschahen.

Den Jungen schien das nicht zu stören; eine schöne Frau, noch dazu wenn sie intelligent ist, darf auch eine monotone Stimme haben. Nach zwei Stunden gab ich meine Konzentrationsversuche auf, ließ die beiden zurück und fuhr nach Hause.

Am gleichen Tisch sitzen heute Asiaten.Bibliotheksasiaten.
Die Besonderheit an ihnen ist, daß sie niemals alleine sind, auch nicht zu zweit. Nein, es gibt immer mindestens vier von ihnen auf einem Haufen. Die Besetzung des Haufens jedoch wechselt immerfort, und jeder scheint jeden zu kennen.

Wieder und wieder kommt jemand angerannt, hat eine Frage, borgt etwas aus, holt jemanden ab, kommt zurück, blättert in fremden Unterlagen, wird unterbrochen, redet, muß zur Toilette, usw.
Die Asiaten zu beobachten ist, als säße man vor einem Ameisenhaufen. Nach außen hin wirkt er ruhig, und die Berwegung jedes einzelnen Teils wirken gezielt und bewußt. Aber blickt man länger hin, so bemerkt man das Gewimmel und Gedränge, die stete Ruhelosigkeit, die sich unwillkürlich auf das eigene Gemüt überträgt.

Glücklicherweise reden die Asiaten nicht viel, und mir gelingt es, meine Blicke in meine Unterlagen zu vertiefen.

Im Augenblick pausiere ich, überprüfe meine Mails und finde spannende Dinge, die mich davon abhalten, an meinen Platz zurückzukehren.
Ich sitze neben einem Fahrstuhl, der nie ruht, ständig auf und ab fährt, Menschen verschlingt udn wieder ausspeit, und jede Bewegung mit einer Frauenstimmensprachausgabe kommentiert. "Tür schließt." Wenn Fahrstühle den Studenten sagen müssen, daß sich eine Tür bewegt, dann vermisse ich das Vertrauen in deren, unsere, Intelligenz.

Neben mir sitzt ein Paar, jeweils einen Rechner in Beschlag nehmend. Offensichtlich wollen die beiden Zeit totschlagen und bemühen dazu das Internet. Sie findet scheinbar Spannendes, während er den morigen Speiseplan gewissenhaft studiert. Sie jauchzt hin und wieder, redet mit den Bildern und Texten, die sie sieht, liest, nicht mit ihrem Mann, der sie nicht wahrnimmt, nur mit dem Rechner, eigentlich dem Monitor, und der Luft.

Ich fühle mich nicht gestört, doch bin verwundert über ein solches Verhalten. Gerade ertappe ich sie dabei, wie sie den Text vor ihren Augen laut mitliest. Als ich verwundert hinüberblicke, schweigt sie prompt, um kurz darauf wieder undefinierbare Laute zu äußern.

An mir gehen Studenten vorbei, die Stöckelschuhe tragen. Ich wundere mich, warum eine Bibliotheksstille unbedingt mit solchen Schuhe zerstört werden muß, doch stoppe diesen Gedanken, bevor ich ihn zu Ende denke. Die Schnallen meiner Springerstiefel verfügen schließlich auch über ein liebliches, bibliotheksfremdes Klingeln, das Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Konzentrationen zu stören weiß.

Es ist Zeit. Zu viele Dinge warten darauf geschafft, verstanden zu werden. Mit leisem Klingeln begebe ich mich an meinen Arbeitsplatz, versuche, meinen zunehmend schmerzenden Rücken zu ignorieren und meine Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, deren Erschließung sich mir fortwährend verweigert...

FFFfF: Boykott

Eigentlich hatte ich ja überlegt, das Thema für abgehakt zu erklären. Doch - Leserwünsche gern befolgend - beuge ich mich dem Wunsch eines einzelnen Herren und liefere eine weitere Anti-V-Day-Episode.
Denn wenn wir ehrlich sind, kann ein Tag, über den Scooter bereits ein "Lied" verfaßten, nicht sonderlich toll sein...

Nun ja.


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[Im Hintergrund: My Dying Bride - "A Doomed Lover"]

Weiser Ratschlag

Bei einem Wechsel des Paßwortes gab mir ebay heute folgenden, wirklich hilfreichen Tip:
Geben Sie ein Passwort ein, das Sie sich leicht merken können, aber für andere schwer zu erraten ist.
Danke.

[Im Hintergrund: Dornenreich - "Hasses Freigang"]

Montag, 13. Februar 2006

FFFfF: Stark

Wie fast zu erwarten war, habe ich mich dazu entschlossen, daß der heutige Comic nichts mit Valentinstag oder einem traurigen Fred zu tun haben soll. Daß ich am morgigen V-Day mich entsprechender Thematik enthalten werde, ist auch ziemlich wahrscheinlich. Trotzdem möchte ich nichts versprechen...

Und so.


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[Im Hintergrund: Nine Inch Nails - "With Teeth"]

Tageswort Nr. 33: herrichten

Das gab es lange nicht mehr: Ein Wort des Tages.

Das heutige beschäftigt sich mit der Frage, welcher Unterschied eigentlich zwischen den Worten "hin" und "her" besteht. Im Grunde ist es doch nicht mehr als die Richtung, die einen Bedeutungsunterschied ausmacht.

Warum aber hat dann
jemanden herrichten
eine völlig andere Bedeutung als
jemanden hinrichten?

P.S: Es sei außerdem erwähnt, daß es zuweilen ungünstig ist, langsam zu reden. Erst heute vernahm ich folgenden Satz eines liebenden Ehemanns:
"Ich kann sie nicht leiden
sehen.
"

Sonntag, 12. Februar 2006

FFFfF: Ach, Fred...

Vielleicht fing es damals an, als ich vor der Wohnungtür einer sehr guten Freundin stand, die für Fälle ihrer Abwesenheit ein paar Zettel an die Tür geheftet hate, um Das Hinterlassen von Notizen möglich zu machen.
Als Sich-Für-Kreativ-Haltender war es mir unmöglich, einfach niederzuschreiben "Ich war hier." und abzuhauen. Also entsann ich mich unserer gemeinsamen Vorliebe für Mutschekiepchen, für Marienkäfer, und krakelte einen aufs Papier, bestehend aus zwei Kullern und großen Augen.
Der kleine Käfer war geboren, und es war mir eine Freude, ihn später in die ersten Frederick-Comics einbauen zu können. Noch mehr freue ich mich aber darüber, daß ohne den Käfer, der als Türnotiz begann, die Frederick-Comics heute nicht das wären, was sie sind.

Und so..


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[Im Hintergrund: Type O Negative - "Life Is Killing Me"]

Werbefuzzis

Die Werbefuzzis machen Rucola zum Trendsalat.
Wenn Unkraut aus dem Ausland kommt, hat's Glück gehabt.

Rainald Grebe - "Wortkarger Wolfram"

Samstag, 11. Februar 2006

FFFfF: Amerikanisierung

Leere Blätter sind mir ein Greuel, allerdings kein unangenehmes. Nur mißfällt mir, daß leere Blätter immer so rein und sauber, unbenutzt und jungfräulich, aussehen. Das reizt, verlockt. Schließlich bedarf es nur eines Stiftes in meiner Hand, und schon entstehen Welten aus Worten oder Bilder - oder häßliche Sinnlos-Krakeleien.

Tatsächlich gibt es dafür ein Fremdwort:"horror vacui", die Abscheu vor der Leere, der Drang eines Menschen, leere Räume und Flächen befüllen zu wollen.
[Ich dachte immer, "horror vacui" sei die Angst vor dem leeren Blatt, also die Befürchtung eines Künstlers, eines Schreibenden, keinen ordentlichen Strich, keinen Satzanfang zu finden, der angenessen ist. Aber ich irrte mich wohl.]

Eigentlich wollte ich aber nur erwähnen, daß mein heutiger Einkaufzettel neben unzureichend abgearbeiteten Produktaufzählungen vier kleine Zeichnugnen enthielt: eine Spinne, ein Wurm, ein Käfer und eine Fledermaus. Die Einkaufsfreude wurde damit auf jeden Fall erhöht.

Und so.


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[Im Hintergrund: Type O Negative - "Life Is Killing Me"]

Freitag, 10. Februar 2006

FFFfF: Briefe

Ich hätte es nicht für möglich gehalten: Eine von den Ideen, die ich gestern beim Duschen hatte, die sich aber nicht umsetzen lassen wollte, präsentierte sich mir gestern [alos heute Nacht gegen zwei] plötzlich als "in Abwandlung machbar". Ein weiteres Mal durschen - und schon war der heutige Comic fertig - zumindets in meinem Kopf.

Und so.


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[Im Hintergrund: Madrugada - "The Nightly Disease"]

Donnerstag, 9. Februar 2006

Force myself

When I'll fall
I will force myself to fly

Farmakon - "Pearl Of My Suffering"

Wunschliste

Ich wünschte, ich könnte einkaufen. Einfach so.
Ich wünschte, ich müßte ich nicht im Hinterkopf behalten, daß dieses Gemüse gespritzt wurde, daß irgendwelche Bauern subventioniert und somit andere benachteiligt wurden, daß diese Früchte von unterbezahlten Kinderhänden gepflückt und nach Europa versendet wurden, daß ich damit Nationen ausbeute, Menschen unterdrücke, Tiere quäle, die Natur zerstöre.
Ich wünschte, ich müßte nicht darauf achten, ob ich nicht wieder nur einem von schlauen Verpackungsdesignern ausgetüftelten Trick verfalle, ob die Packung halbleer ist oder mich nur wegen bestimmter Fabrkombinationen anspricht, ob ich das Produkt nur kaufe, weil es mir aus irgendeiner Werbung, Empfehlung, Serie, Sendung, unbewußt in Erinnerung blieb und dank geeigneter Bilder in geeigneten Positivzusammenhang gesetzt wurde.
Ich wünschte, ich müßte nicht befürchten, daß die herstellende Firma zu bekannt, zu mächtig, zu sehr kapitalistisch geprägt sei, daß die Firmenkette in international-negative Verwicklungen involviert ist, Kinder oder Mitarbeiter mißhandelt, unölologisch produziert, zu einer Kette gehört, die einst Juden vergaste oder Homosexuelle diskriminierte.
Ich wünschte, ich müßte mich nicht fragen, welche Giftstoffe in die Produkte gespritzt wurden, um sie länger haltbar zu machen, besser aussehen zu lassen, welche Vitamine und angeblich gesundheitsfördernde Zusätze beigefügt wurden, um mich zum Kauf zu bewegen, welche künstlichen Anreicherungen hinzugesetzt wurden, um die Masse zu erhöhen und den Fertigungspreis zu erniedrigen, welche Stoffe Fette und zucker ersetzten, um mit dem Diätwahn und ähnlichem Gesundheitsfanatismus schrittzuhalten, welche Aromen meine Zunge beim Konsum benetzen und meinen Körper vergiften werden.
Ich wünschte, ich hätte nicht mit jedem Produkt, das ich in die Hand nehme, das Gefühl, einer riesigen Lüge aufgesessen zu sein.

Ich wünschte, ich könnte fernsehen, einfach so.
ich wünschte, Nachrichtensendungen bestünden aus nachrichten, nicht aus reißerisch zusammengeklaubten, stimmungsmachenden Informationsfetzen, die in einen Zusammenhang zu bringen ich längst aufgab, nicht aus Bildern, die bewegen sollen, nicht aus stammtischartigen Interviewsentenzen, die mich beeinflussen, in bestimmte Meinungsmuster drängen sollen.
Ich wünschte, ich bräuchte nicht durch die Kanäle schlittern auf der Flucht vor der allgegenwärtigen Penetranz uninformativer, schlecht recherchierter vermutungen und Fakten über Persönen des öffentlichen Interesses, denen gefälligst mein Interesse zu gelten habe, auf der Flucht vor allgegenwärtigen, schlichte Geister fesselnden Zweitleben, für die man auf das erste, eigene, verzichten darf.
Ich wünschte, ich könnte fernsehen, ohne glauben zu müssen, daß mir mit diesem Film, mit dieser Serie, Dinge schöngeredet, angepriesen, würden, derer ich nicht bedarf, daß mir unterschwellig Produkte aufgedrängt wurden, deren Kauf mein leben angeblich vereinfach, entwirren, leiten könnte.
Ich wünschte, ich könnte glauben, was ich sehe, müßte nicht alles hinterfragen, alles anzweifeln, für gestellt, übertrieben, untertrieben, gekünstelt, meinungsforcierend, undurchdacht oder schlichtweg falsch halten, wünschte, ich könnte Informationen beziehen, ohne jedesmal Quellen als glaub- oder unglaubwürdig kategorisieren, andere, thematisch verwandte Berichte auf Deckungsgleichheit der Fakten prüfen zu müssen, wünschte, ich könnte glauben, daß der mir präsentierte Teil der wirklichen Welt auch ein repräsentativer sei.
Ich wünschte, ich könnte fernsehen, ohne zu erwarten, daß jeder einzelne auf der anderen Seite der Glasscheibe Lügen verbreitet.

Ich wünschte, ich könnte leben, einfach so.
Ich wünschte, ich könnte durch die Welt gehen und glauben, was ich sehe, höre, fühle, könnte bewerten, ohne in Gefahr zu geraten, mich auf falsches Wissen zu berufen, könnte Meinungen vertreten, ohne befürchten zu müssen, an irgendeiner Stelle beeinflußt worden zu sein, könnte agieren, ohne das Gefühl, ferngelenkt zu werden.
Ich wünschte, ich könnte reden und schreiben, was mir in den Sinn kommt, wann und wo ich es mag, ohne bedenken zu müssen, wie richtig oder falsch es sein könnte, an dieser oder jener Stelle Informationen preiszugeben, ohne mich ständig fragen zu müssen, was mit meinen Daten passiert, wer mich beobachtet, wenn ich einkaufe, wenn ich meine EC-Karten-Geheimnummer irgendwo eintippe, wer all das sammelbare Bild-, Ton und Textmaterial betrachtet, auswertet, einsortiert, weiterverwendet, wem, welcher Firma, welchem Unbekannten, ich wann vertrauen kann, ob nicht jeder, der mir die Hande schüttelt, in Wahrheit nach Untaten schnüffelt, mir Geld zu entziehen, mich in Fallen zu locken versucht.
Ich wünschte, ich könnte mit Menschen sprechen und müßte nicht nur ihre Fassaden ansehen, nicht nur ein antrainiertes Lächeln, das mich in Sicherheit wiegen soll, nicht nur das routinierte Sympathiegesicht, müßte nicht hinter jedem Wort eine verschönernde Höflichkeit, eine undurchschaubare Halbwahrheit erwarten, gegeben aus Freundschaft, aus gesellschaftlicher Tradition, aus wirtschaftlichen Gründen heraus, müßte nicht in Augen blicken, denen selbst längst der Durchblick abhanden kam, wann und wo die Grenze zur Unwahrheit überschritten wurde.
Ich wünschte, ich könnte in einer Welt leben, die endloser Netze aus Falschheiten, aus ungewolltem oder bewußt erstrebten Lügen, nicht bedarf, die mich nicht in jedem vergehenden Augenblick das Gefühl gäbe, mich längst in diesen Netzen verstrickt zu haben, längst Teil davon zu sein, Opfer und Täter zugleich.

[Im Hintergrund: Farmakon - "A Warm Glimpse"]

Nach K

"Wird ganz schön teuer, die Fahrt nach K. ", sagt sie.
"Wieso?"
"Es hat sich niemand wegen einer Mitfahrgelegenheit gemeldet... Willst du vielleicht mitkommen?"
"Ich kenn doch keinen in K."
"Dann bleibst du halt die ganze Zeit im Auto sitzen und wartest auf mich. Und bezahlst die Hälfte der Benzinkosten."

Ein Scherz nur, und doch driften meine Gedanken bereits ab. Auf nach K!, denke ich und stelle mir vor, im Auto zu sitzen, auf dem Beifahrersitz, angenehme Musik zu hören, belanglose Dinge zu erzählen, angeregt durch andere Belanglosgkeiten aus ihrem Mund. Manchmal verdichtet sich das Gespräch, dann wird sie ernst, werd ich ernst, wir reden über Gefühle, über Innerstes, bis Uneinigkeit die Worte verdunkelt und ein Schweigen heraufbeschört, das ein kleiner Scherz, ein kurzes Lachen zu unterbrechen weiß.

In K werde ich trotz Kälte und Schneeregen aus dem Auto aussteigen und die Innenstadt betrachten, mich in einzelne Geschäfte wagen, mich womöglich über ein Musikgeschäft mit großer Auswahl freuen und dort geraume Zeit verweilen, vielleicht einen Stadtplan kaufen, Wegweisern zu vermeintlichen Sehenswürdigkeiten folgen, meine Enttäuschung über deren Nichtigkeit unter der Freude verbergen, hier zu sein, allein, mit meinen Gedanken, ungestört, ja frei.
Vielleicht werde ich in ein Museum gehen, mich an meinem Drang nach Wissen, nach Bildung, berauschen, vielleicht anschließend ein Café aufsuchen, um, während ich gedankenverloren mit einem Löffel in der halbleeren Tasse rühre, festzustellen, daß die Heiße Schokolade hier auch nicht anders mundet als zu Hause.

Unterdessen wird sie ihre Freundin besuchen, mit ihr den Nachmittag, den Abend verleben, keine Sorgen an mich verschwendend, bin ich doch alt und intelligent genug, mein Handeln und sein in richtige Bahnen lenken zu können. [Bin ich das?]

Ich sehe mich in einer Stadt, deren Straßen sich ob des Wetters, der nahenden Nacht, ob der schließenden Geschäfte, allmählich leeren und fühle die Freiheit verlustig gehen, die Einsamkeit mich finden, sehe mich zwischen scheinbar altbekannten, nie gesehenen Betonbauten stehen und irgendetwas vermissen, einen Menschen vielleicht, einen Freund, eine wärmende Hand, vielleicht ein Ziel, sehe mich weglos und fröstelnd in einer fremden Stadt umherblicken und wundern, was genau ich hier zu finden geglaubt hatte.

Und während ich darüber nachdenke, während ich die Möglichkeit, spontan Ja zu sagen und ohne weitere Planung mit nach K zu reisen, im Geiste mit Bildern bestücke, weiß ich, daß ich mich betrüge, daß ich nicht nach K zu gehen wünsche, daß mir nicht der Sinn nach Autofahrten steht - sondern daß es allein und einzig die Flucht ist, die mich reizt, die ich ersehne, die Flucht ohne Ziel, an deren Ende eine erneute Flucht stehen wird.

"Ich komm nicht mit."
Sie weiß es längst, fragt scherzhaft nach Begründungen, die ich sogleich ihr liefere: fadenscheinig und dennoch wahr. Ich schweife ab, lenke das Thema in andere Bahnen. Sie antwortet, und ich bin dankbar dafür, dankbar, daß ich im nächsten Moment vergessen werde, was ich mir soeben noch präzise auszumalen versuchte: Gedanken um eine aussichtslose Flucht.

[Im Hintergrund: Farmakon - "A Warm Glimpse"]

FFFfF: Sicher

Nach dem Duschen heute morgen hatte ich drei Ideen für einen neuen Comic im Kopf. Keine jedoch war wirklich gut oder ausgereift. Eine setzte ich aber trotzdem um. Es möge mir verziehen werden, wenn diese nicht ganz so witzig sein sollte...

Und so.


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[Im Hintergrund: Muse - "Absolution"]

Mittwoch, 8. Februar 2006

Die Geschichte einer Phobie

Mein Zahnarzt ist eine Frau. Das ist weder ungewöhnlich noch unerträglich, aber Grundlage für folgende Worte.

Nachdem ich als Dreizehnjähriger wegen eines selbstverschuldeten Fahrradunfalls ohne weitere Opfer [Ich fuhr gegen ein parkendes Auto.] einen Oberkiefervorderzahn und eines Teil des zweiten verlor, war ich über einen längeren Zeitraum in Behandlung bei einer Zahnärztin, die ich nicht leiden konnte. Ihre Assistentinnen waren nicht weniger unangenehm, weswegen ich meine ohnehin latent existente Abneigung gegen Zahnärzte noch schüren konnte. Mehrmals in der Woche zu selbem Ort gehen zu müssen und sich dort behandeln, also mit allerhand beängstigenden Werkzeugen und Materialien im Mund herumwerkeln zu lassen - selten ohne begleitende Dosis Schmerz - trug nicht dazu bei, meine Zahnarztphobie zu beseitigen, ganz zu schweigen von den zusätzlich notwendigen Torturen, die mir die Kieferorthopädin auferlegte, ebi der ich außerdem in Behandlung war.

Mit 18 wurden dann meine beiden mehr oder minder privsorisch reparierten Schneidezähne komplett entfernt und durch Imitate ausgetauscht. Das war nötig gewesen, doch fortan fehlte jede Notwendigigkeit, Zahnärzte aufzusuchen. Halbjährlichen kontrolluntersuchungen ging ich nach, so ich es schaffte, meine Abneigung kurzzeitig zu verdrängen, doch für alles, was außerhalb dieser Routinebehandlungen stattfand, stand ich nicht zur Verfügung.

Einst wurde ich zum Kieferchirurgen überwiesen, der einen schiefstehenden Weisheitszahn aus meinem Mund herausreißen sollte. Ich trug die Überweisung wochenlang mit mir herum, konnte mich aber nicht dazu entschließen, den kieferchirurgen tatsächlich aufzusuchen. Allein "Chirurg" klang gefährlich - und die Weisheitszahn-Entfernungs-Erfahrungsberichte, die mir zu Ohren gekommen waren, motivierten mich auch nicht sonderlich. Nach drei Monaten verfiel die Überweisung, und ich war erlöst. Vorerst.

Ich legte eine Zahnarztbesuchspause ein. Rechnete man Zahnspangenwartungs- und korrekturarbeiten mit ein, hatte ich bereits mehr Zeit bei derartigen Ärzten verbracht, als ich akzeptieren konnte. Und überhaupt: halbjährliche Routineuntersuchung - das war etwas für Weicheier. Ich hatte keine spürbaren Probleme, also gab es auch keinen Grund, einen Arzt aufzusuchen.

Irgendwann gab es ihn dann aber doch, den Grund. Irgendetwas in meinem Mund schmerzte und wollte behandelt werden. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich die Zahnärztefraktion gemieden und sollte nun vom Schicksal, von Gott oder von wem auch immer dafür zur Rechenschaft gezogen werden. 'O nein!', dachte ich und zögerte den Besuch noch ein paar Tage hinaus, bis ich mich dem Unausweichlichen zu fügen hatte.

Was lag näher, als das Naheliegenste zu wählen: Die Zahnärztin, die ich zu besuchen gzwungen [nicht: gewillt] war, hatte ihre Praxis nur wenige Fußwegminuten entfernt von meinem Domizil. Mich störte nicht, am letzten Tag eines Quartals noch die üblichen zehn Euro herausrücken zu müssen, solange der Zahn wieder geheilt werden würde.

Die Zahnärztin war lieb und vertrauenserweckend. Die Schwestern wirkten nicht minder sympathisch und um mein Wohlergehen besorgt. Zum ersten Mal verlor ich einen Teil meiner Zahnarztangst. Alles könnte gut werden, glaubte ich zu ahnen.

Wurzelbehandlung. Das Wort dröhnte durch meine zahnarztfürchtenden Ohren und klammerte sich mit eiskalten Klauen im Magen fest. Ohne wirklich zu wissen, was dahinterstand, war klar: Eine einmalige Behandlung würde nicht ausreichend sein. Auf keinen Fall.

Der nächste Termin sollte das mir eingesetzte Provisorium durch den nächsten Schritt im Wurzelbehandlungs-Standard-Algorithmus ersetzen, doch ich nahm ihn nicht wahr. Warum auch. Das Provisorium hielt, und schnell vergaß ich, daß es nur vorübergehend sein sollte. Die alte Angst, die längst nicht zurückgewichen war, kam wieder hervor und ließ mich den Termin vergessen, wog mich in falsche Sicherheit.

Das Provisorium hielt vermutlich länger, als die Zahnärztin es vermutet hatte, doch für mich nicht lange genug. Eines Tages fehlte meinem Zahn, ohnehin längst tot, der Inhalt. Jede einzelne provisorische Innerei war einem schier endlosen Loch gewichen, in dem ganze Mahlzeiten Platz finden konnten, und mir wurde klar, daß ich meine Zahnärztin besuchen und meine Schuld eingestehen mußte.

Die Zahnärztin war lieb, nicht wirklich erfreut, aber lieb, erstzte das Loch durch ein neues Provisorium, das alsbald weiterbehandelt werden mußte. Ihre Worte waren nicht von Dringlichkeit, und die Schwestern akzeptierten, daß ich wegen meines vergessenen Kalenders mir noch keinen neuen Behandlungstermin geben lassen konnte. Die alte Angst rieb sich hämisch die Hände: Ach, einen neuen Termin kannst du dir immernoch holen. Vorerst ist ja alles gut.

Nach zwei Wochen, das erfuhr ich irgendwann, hätte das Provisorium spätestens weiterbehandelt werden müssen. Zwei Monate nach meinem letzten Termin jedoch bemerkte ich erstmals Mißstände im Mundbereich. Irgendetwas war dick, die Zahnwurzel war geschwollen. Ich brauchte einen neuen Termin.

Eine Woche später saß ich erneut auf dem Zahnarztstuhl. Erstmalig war die Zahnärztin unfreundlich, herablassend. Warum ich denn nicht rechtzeitig, was ich mir dabei gedacht, es sei meine eigene Schuld, Wurzelbehandlung steht in Frage, alles entzündet, geht so nicht, kann nichts machen, muß erst abklingen, vielleicht Zahn ziehen, Zahnersatz, teuer.

Was!? Zahnersatz? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer nich gewußt, was eine Wurzelbehandlung eigentlich war. Zwar hatte mir die Zahnärztin erklärt, daß der Backenzahn drei Wurzelbeinchen habe, die soundso aufgebaut seien undsoweiterundsofort, doch niemals war die Rede davon gewesen, daß Wurzelbehandlungen einen toten Zahn retten, stabilisieren und einem Zahnersatz, der bekanntlich Unmengen von Geld kostet, vorbeugen sollen. Niemals!

Ich war wütend. Sicherlich, das konnte ich nicht verhehlen, war es meine eigene Dummehit, meine Faulheit, meine Angst, die mich hierher gebracht hatte. Doch warum hatte ich nie etwas von den Konsequenzen erfahren? Warum hatte man mir verschwiegen, welche Folgen meine Dummheit haben könnte?

Die Schwellung klang nicht ab. Der Zahn war offengelassen worden, sammelte nach jeder Mahlzeit fleißig Vorräte, die zu beseitigen sich als außerordentlich schwierig erwies. Ich mochte meine Zahnärztin nicht mehr, fürchtete mich mehr als je zuvor vor dem nächsten Termin. Schließlich kam jetzt zu meiner normalen Furcht auch das schlechte Gewissen, das mich plagte.

Sie könne nichts machen, meinte die Zahnärztin eine Woche später und verschrieb mir ein Antibiotikum. Durch die Entzündung sei die Wurzel angegriffen worden, ein Zahnziehen sei unvermeidlich. Ich hatte mich bereits mit diesem Schicksal abgefunden und begann erstmals, Fragen zu stellen. Und endlich fand ich auch wieder die Zahnärztin, die mir anfangs, beim ersten Besuch, jede Furcht genommen hatte.

Beruhigend, fast mütterlich, klärte sie mich auf, was geschehen würde, welche Alternativen ich hatte. Keine Zahnwurzelbehandlung mehr, Antibiotika zur Reduzierung der Entzündung, mit entzündetem Zahn sei gar nichts machbar, eine Woche lang Tabletten schlucken, dann Zahn ziehen, kein Zahnersatz, der Weisheitszahn würde aushelfen.

Der Weisheitszahn? Jener Weisheitszahn, den zu ziehen ich verweigert hatte, indem ich die Überweisung zum Kieferchirurgen sinnlsoerweise mit mir herumschleppte, aber nicht wahrnahm? Dieses Zeichen meiner Furcht, meiner Faulheit, sollte mir nun helfen? Ich wunderte mich, schöpfte Hoffnung. Der Weisheitszahn, meinte die Ärztin, würde ein wenig nachrücken. Ein teurer Zahnersatz war daher voerst nicht nötig. Und Wurzelbehandlungen seien sowieso immer voller Risiko; die Wurzel könne ja jederzeit Probleme bereitn, vor allem bei einem Zahn mit drei Wurzelbeinchen...

Nun also hieß es: Zahn ziehen. Mich graute davor, doch das Gros der Furcht hatte ich beim letzten Mal im Wartezimmer vergessen. Eine Woche lang schluckte ich Antibiotika, bis der Termin heranrückte. Ich saß im Behandlungsstuhl und wartete auf die Spritze. Es schmerzte kurz, doch nicht unerträglich. Schlimmer war die Radiodudelmusik, die im Hintergrund lief.

Mir wurde die Brille abgenommen, während ich wartete, daß die Betäubung wirkte. Eine kleine Stichprobe [pun intended], und es konnte losgehen. Die Zahnärztin, wieder die freundliche, zerrte kräftig.
'Zahnärzte sind destruktiv', dachte ich noch und grinste in mich hinein, 'können nur kaputtmachen.'
Ich hielt mich am Behandlungsstuhl fest, beziehungsweise wollte mich festhalten. Doch mit jeder Bewegung meiner Hände berührte ich den Oberschenkel der Zahnärztin oder ihrer Helferin. Sie ließen es sich nicht anmerken; doch mein inneres Grinsen wuchs, als meine Händw an weißem Stoff vorbeiglitten und sich am Stuhlleder festkrallten.

'Kein Wunder, daß ich Angst vor Zahnärzten habe.', dachte ich. 'Als männliches Wesen muß ich über mich ergehen lassen, wie zwei oder drei Frauen gleichzeitig mit Metall- und Plastikwerkzeugen in meinem Mund herumstochern, an meinen Zähnen werkeln, die ich nie für die attraktivste Seite meiner selbst heilt, ja zumeist, selbst im Lächeln, zu verbergen suche.

Unterwürfig liege ich hier, zur Bewegungslosigkeit verdammt, meiner männlichen Würde nahezu beraubt, völlig ausgeliefert der Willkür dieser Frauen. Und wenn ich meine Hände bewege, ihre Schenkel berühre, droht mir womöglich noch eine Klage wegen sexueller Belästigung.'

Das dudelnde Radio vermochte nicht, mich vom Gezerre an meinem toten Zahn abzulenken, doch meine Gedanken konnten es. Wäre mein Mund nicht voller Hände und Gerätschaften gewesen, hätte mein Grinsen die Dimensionen des Möglichen gesprengt.

"Es ist gleich vorbei.", tröstete mich die Schwester, und ich war froh, von weiblichen Wesen behandelt zu werden, die brutal zu bohrten oder an Zähnen zogen, und zugleich Beruhigend-müttleriches von sich gaben, ja ihrer Sorge um mein Wohlergehen deutlich Ausdruck verliehen.

"Das wars.", sagte die Zahnärztin plötzlich und zog den blutigen zahn aus meinem Mund. Irgendwo anders verweilte meine Brille, und ich erkannte nichts.

"Machen Sie langsam. Gehen Sie nach Hause. Legen Sie sich dort eine Weile hin. Sie haben es überstanden..."
Der tröstende Singsang wogte mich in Zufriedenheit und obwohl der fehlende Zahneinen schmerzenden letzten Gruß hinterlassen hatte, und obwohl ich gerade vom Zahnarzt kam, einem ort, dem ich normalerweise tiefste Abscheu, größte Furcht, entgegenbrachte - war ich guter Dinge, eins mit der Welt und dem Loch in meinem Mund.

FFFfF: Heute

Theoretisch könnte ich heute das gleiche schreiben wie letzten Donnerstag. Schließlich darf ich nachher mal wieder zum Zahnarzt, und diesmal wird es wohl ernst. Nun ja, zumindest fehlt mir ehute ein Teil der Angst von letzter Woche.
Vorsichtshalber habe ich trotzdem schon einmal vorher den heutigen Comic gezeichnet - man weiß ja nie, ob ich anschließend noch zu derartigem fähig sein werde.

Mal schaun.


[Bild klicken für eine geringfügige Vergrößerung.]

[Im Hintergrund: Muse - "Hullaboloo"]

Dienstag, 7. Februar 2006

FFFfF: Neuschnee

Der gestrige Comic war bereits vorgestern fertig. Eigentlich hätte mich das dazu bewegen können, fortan derart weiterzumachen, also den heutigen Comic schon amVortag zu zeichnen und mir so eine Art Puffer zu verschaffen, der möglicherweise mit der Zeit sogar auf mehrere Tage anwächst.
Doch wie ich nun einmal bin nutzte ich den entstandenen Freirauzm dazu aus, einen Tag lang keinen Fineliner, keinen Bleistift in die Hand zu nehmen und Fred Fred sein zu lassen. Nicht, daß ich eine Pause nötig hatte. Aber die mir innewohnende Faulheit freut sich bei jeder noch-so-kleinen Gelegenheit, sich präsentieren zu dürfen

Nun ja.


[Bild klicken für eine geringfügige Vergrößerung.]

[Im Hintergrund: Smashing Pumpkins - "Greatest Hits - Rotten Apples"]

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