Donnerstag, 24. Juli 2008

Bilderrätsel

Damit auch mal wieder etwas "Buntes" auftaucht, gibt es hier ein klitzekleines Bilderrätsel. Es handelt sich um ein englisches Wort.



Und da vielleicht jemand obiges schon kennt oder gar sehr rasch erraten hat, füge ich noch ein zweites an, das einst die ehrenwerte L erdachte. Hier ist herauszufinden, was das im rechteren Teil des Bildes überhaupt sein soll...



Und so.

Update:
Ich habe beschlossen, die Lösung zu verkünden.
Im ersten Rätsel sieht man unter anderem einen Rattenschwanz. Dieser entspricht grob geschätzten 14,15% einer Ratte. Somit hätten wir also insgesamt 1+1+1+0,1415 Ratten, was eine Gesamtsumme von 3,1415 Ratten ergibt. Mit dem Wissen, dass 3,1415 etwa Pi sind und dass es sich um englische Ratten handelt, haben wir also "Pi rats" bzw "pirats".

Das zweite Rätselchen sei auch nochmal aufgelöst: Dieser Haufen soll natürlich ein Stoffwechselendproukt darstellen, auch als "Kot" bezeichnet - womit diese Dinger da rechts logischerweise "Kotflügel" wären.

Mittwoch, 23. Juli 2008

King of the Road

Ich mag es, wunderfeine Geschichten zu erzählen, kleine, schöne Dinge zu beobachten und selbst in den skurrilsten Wesen etwas zu entdecken, das mich schmunzeln und die Welt lobpreisen lässt. Doch nun ist es an der Zeit, dass ich mich einmal aufrege. Über Fußgänger. Und über Fahrradfahrer. Und überhaupt.

Ich fahre gern Rad, und früher besaß ich meistens Mountainbikes, deren Sattel-Lenker-Verhältnis mich stets in windschnittiger, sportlicher Haltung sitzen ließen und somit allein aus der eigenen Haltung heraus dazu anregte, rastlos durch die Gegend zu düsen, Verkehrsregeln nur soweit wichtig zu nehmen, wie sie andere betrafen, Bürgersteige hoch und runter zu springen und immer wieder neue Rekorde für gleiche Strecken aufzustellen.

Vor etwa zwei Jahren kaufte ich mich dann ein Herrenrad, alt, gebraucht, aber rüstig und verkehrstüchtig. Ich mochte es auf Anhieb. Der Sattel war bequem, und die aufrechte Haltung ließ mich eher an Spazierfahrt als an rasantes Zielerreichen denken. Ich weiß bis heute nicht, aus welchem Jahrzehnt das Rad stammt, doch allein die antiquierte 3-Gang-Schaltung ließ mein Herz höher schlagen. Und überhaupt: Kein Plastik, kein billiger Schund, war verwendet worden. Das Leder das Sattels schmiegte sich angenehm an mein Gesäß, und fortan fuhr ich Rad, als wäre ich ein König.

Das bedeutet jedoch nicht, dass ich langsam fuhr. Sicherlich, ich fuhr gemächlicher, wenn ich es wollte, spürte nicht länger den Drang, nach vorne zu preschen, schneller, schneller und noch schneller davon zu eilen. Doch wenn wollte, konnte ich. Und die Schönwettermeute, die sommers die Radwege bevölkerte, war stets rasch überholt.

Ich habe gelernt, vorausschauend zu fahren, mich zwischen Menschen und Autos hindurchzuschlängeln, das Verhalten von Verkehrsteilnehmern genau abzuwägen und erst dann meine Wegentscheidung zu treffen, in Sekundenbruchteilen optimale Strecken mit Minimalhinderniszahl zu ersinnen, Ampelphasen zu studieren und auszunutzen, Erzeuger unvorhersehbarer Ereignisse, zum Beispiel Kinder und Hunde, weiträumig zu meiden – und bei alledem so zu fahren, dass die darauf wartenden Polizisten nicht imstande wären, mir Unrechtes vorzuwerfen.

Wenn ich an einer Ampel stehe, muss ich jedoch feststellen, dass die Voraussicht, die ich zu besitzen glaube, den wenigsten zueigen ist. Nähere ich mich einer bei Rot wartenden Menschen- und Radfahrermasse, so beschaue ich mir die Mitanwesenden genau, versuche abzuschätzen, wie schnell wer starten und wer wem im Weg sein wird, um alsbald die beste Route erdacht zu haben und meinen Weg ungebremst und beschwerdefrei fortzusetzen.

Doch da erscheint eine ältere Dame. Und es muss keine Frau sein, und alt sowieso nicht. Irgendwer erscheint und stellt sich direkt vor mein Vorderrad. Hallo?, denke ich empört, dass dies ein Radweg ist, spielt keine große Rolle. Aber dass Sie direkt vor meinem Fahrrad zu warten beschlossen haben, schon! Ein Rad ist im Allgemeinen mit höherer Geschwindigkeit bestückt als ein zu Fuß Gehender, und sobald ich anfahre, muss ich mich darum bemühen, Ihnen auszuweichen, weil ich – natürlich – bereits wenige Sekunden nach dem Start zu Ihnen aufgeschlossen haben werde und Sie somit als unwillkommenes Hindernis empfinde. Und nicht nur das: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich das grüne Lichtsignal vor Ihnen bemerke, denn ich bin jung und besitze gute Reflexe. Schwuppdiwupp habe ich meine Masse in die Pedalen geworfen – und lande in ihrem Allerwertesten. Und da das sicherlich nicht auf ihrer heutigen Tagesplanung verzeichnet ist, stellt sich doch die Frage, warum Sie dachten, dass ausgerechnet vor mir die günstigste Postion wäre, um auf ein Ampellichtumschalten zu warten? Glauben Sie tatsächlich, durch diese winzige Drängelei Sekunden gutmachen zu können? Wohl kaum, denn mein Vorderreifen in ihrem Allerwertesten wird sie mit Empörung bestücken und jeden Zeitgewinn genüsslich aufzehren.

Doch ich bleibe ruhig, sage nichts, warte bis mein Vorderwesen das grüne Leuchten bemerkt und sich in Bewegung gesetzt hat – und beginne dann mit meinem Lieblingsspiel, der Suche nach dem optimalen Weg.

Allerdings wäre es nicht rechtens, ausschließlich Fußgänger mit Schimpfgedanken zu versehen, nur sie mit innerer Nörgelei zu bedecken. Denn Radfahrer neigen dazu, sich ähnlich zu verhalten – jedoch häufiger.

Während ich also durch die schönste aller sachsen-anhaltinischen Landeshauptstädte radle, geschieht es nicht selten, dass ich eine oder zwei Personen überhole. Prompt taucht auch schon die nächste Ampel auf. Rot ist ihre Farbe und Bremsen meine Tätigkeit. Ich stehe und warte, als ich plötzlich spüre, wie sich von hinten zwei Gefährte nähern. Oh, Sie kenne ich!, denke ich erfreut, während die beiden Drahtesel samt ihrer Besitzer an mir vorbei rollen. Ey!, denke ich dann, als die beiden Drahtesel somit ihrer nicht minder esligen Besitzer sich elegant vor mich schlängeln und dort zum Stehen kommen. Hallo?, rufe ich nicht, ich habe Sie soeben überholt, und das ziemlich mühelos, wie Sie zugeben müssen. Von dieser Information ausgehend und voraussetzend, dass ich aufgrund meiner immernoch einigermaßen vorhandenen Jugendlichkeit nicht dazu neigen werde, schneckige Starts hinzulegen, erscheint es ziemlich befremdlich, dass Sie ihre Gefährte ausgerechnet vor mich setzen. Es wäre zwar sowohl für mich als auch für Sie erfreulich, wenn Sie üblicherweise sehr rasch anfahren würden und damit ihren Freundeskreis zu beeindrucken pflegen, doch glaube ich davon ausgehen zu können, dass dem nicht so ist, dass Sie mir also, sobald ich das grüne Lämpchen bemerke und die Pedale zu nutzen gedenke, starr und immobil im Wege sein werden. Und hätten Sie beobachtet, mit welch beeindruckender Lässigkeit ich vorhin an Ihnen vorbeizischte, so wären Sie sicherlich zu derselben Schlussfolgerung gekommen wie ich lässiger Zischer, nämlich, dass dem Vorhaben, sich ausgerechnet in eine vor mir befindliche Warteposition zu begeben, nur sehr wenig Sinn innewohnt.

Ich schweige, gnädig, warte, bis das Grünlicht erscheint, harre geduldig aus, bis die vier Esel vor mir von dannen düsen und setze ihnen nach, ruhig, locker, doch zugleich rasch und sportlich, fast majestätisch. Ich lächle, als ich an ihnen vorbeizische, lässig, wie gewohnt, und fühle mich, als wäre ich ein König.

[Im Hintergrund: Esoteric - "The Maniacal Vale"]

Dienstag, 22. Juli 2008

Der Stummelmann

Während ich an der Haltestelle stand und auf meine Bahn wartete, kam ein älterer Man mir kurzem, weißem Haar und fragendem Gesichtsausdruck langsamen Schrittes herbeigelaufen. In unmittelbarer Nähe des Haltestellenhäuschens blieb er stehen und blickte suchend auf den Boden. Noch bevor ich mich fragen konnte, was er verloren hatte, bückte er sich und hob eine Zigarettenkippe auf.

Nun finde ich Zigarettenkosnum an sich schon verhältnismäßig ungut, doch der Zwang, der einen dazu treibt, kümmerliche Reste ehemaliger Rauchwaren vom Boden aufzuklauben und in der eigenen Tasche verschwinden zu lassen, betrübt mich. Ich fragte mich, was er später mit dem Stummel machen würde, aber ihn noch einmal anzuzuünden versuchen würde, um ihm ein oder zwei Züge zu entlocken, oder ob er nur den Tabak herausbröseln, ihn sammeln und zu neuem Glutgut vereinigen würde. Doch dafür bräuchte er Papers, die wiederum Geld kosteten.

Die Geschwindigkeit, mit der er den Stummel in seiner Jackentasche verschwinden ließ, obgleich er ansonsten recht ungelenk wirkte, ließ mich zweierlei vermuten: Er praktizierte die Stummelsuche regelmäßig. Und: Er schämte sich ihrer.

Der Mann ging weiter und zeigte dabei einen erstaunlichen Laufstil: Alle paar Schritte blieb er stehen, hielt inne und schaute auf den Boden. Zwei Schritte. Stehenbleiben. Gucken. Weitergehen. Vier Schritte. Stehenbleiben. Auf den Boden schauen. Weitergehen.

Ich war versucht, ihm einen Euro zuzustecken oder mehr, damit er sich echte Zigaretten kaufen könnte, doch zugleich weigerte ich mich, diese üble Angewohnheit zu unterstützen. Glücklicherweise – für mich, für ihn eher unglücklicherweise – entdeckte er keinen weiteren brauchbaren Stummel und lief weiter, fort von der Haltestelle, fort aus meinem Blickfeld, sein Laufmuster beibehaltend: Ein paar Schritte. Stehenbleiben. Gucken. Weiterlaufen.

Am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Ich befand mich auf dem Weg zur Haltestelle, als er mir auffiel. Er hatte seine Jogginghose in die Socken gestopft. Zumindest sah es so aus, und ich fragte mich, warum mir das am Vortag nicht aufgefallen war.

Der Mann ging vor mir, und ich drosselte die Geschwindigkeit, um seinen Laufstil zu beobachten. Und tatsächlich: Ein paar Schritte. Innehalten. Weiterlaufen. Immer wieder.
Heute verzichtete er auf den suchenden Blick auf den Boden, doch auf dafür gab es eine Erklärung: Er rauchte.

In seinem Mund steckte eine fürchterlich stinkende Zigarillo, die er immer, wenn er gerade lief, in die Hand nahm, und an der er immer, wenn er stand, zog. Eigentlich wirkte es eher so, als würde er bewusst alle paar Schritte innehalten, um genüßlich an der Zigarillo zu ziehen. Rauchen. Weiterlaufen. Stehenbleiben. Rauchen.

Verdutzt überholte ich ihn. Hatte sein Rauchverhalten seinen Gehstil geprägt?, fragte ich mich. Konnte es sein, dass er sich so sehr an das Innehalten gewöhnt hatte, dass er gar nicht mehr imstande war, anders zu laufen? Dass er, selbst wenn er nicht an einem Glimmstengel zog, Pausen machte und diese nutzte, um auf dem Boden nach weiterem Rauchzeug zu schauen?

Als meine Bahn kam, lächelte ich kurz: Das stetige Innehalten zum Inhalieren oder Stummelsuchen lieferte eine völlig neue Definition des Wortes "Raucherpause"...

Montag, 21. Juli 2008

23: Parkplatz Brandenburger Straße

Sonntag, 20. Juli 2008

23: Diesdorfer Straße

Samstag, 19. Juli 2008

So etwas wie ein Loblied

Normalsterbliche Erwachsene schlafen um diese Uhrzeit, dachte ich mir und grinste. Ich war müde und geschafft. Die letzten Tage hatten es nicht an Anstrengung mangeln lassen, jedoch im Gegenzug nicht ausreichend Schlaf geboten, um meiner wachsenden Erschöpfung Herr zu werden. Ich sollte schlafen, dachte ich mir und grinste erneut. Schließlich war ich gerade dabei, mir Schuhe anzuziehen.

Freitag Nacht um eins. Eigentlich ein guter Zeitpunkt. Um auszugehen, das Nachtleben zu erfahren. Oder einfach um zu schlafen. Ich griff nach meinem Rucksack, fand Portemonaie und Schlüsselbund und verließ die Wohnung. Das Treppenhaus war finster, und im Dunkeln lief ich die Stufen herab.

Ich fühlte mich matt, weich irgendwie, und hätte ich mich in ein Bett gelegt, so wäre ich innerhalb weniger Sekunden in tiefste Träume versunken. Mein Fahrrad stand auf dem Hof, wartete. Um diese Uhrzeit auf öffentliche Verkehrsmittel zu warten, hätte in elende Warterei gemündet. Und vielleicht wäre ich sogar an der Haltestelle eingschlafen.

Es regnete nicht, obwohl ich fest damit gerechnet hatte. Obwohl ich bereit gewesen war, durch strömendes Nass zu fahren. In meinem Bauch rumorte der Liter Cola, den ich wenige Minuten zuvor konsumiert hatte. Keine gute Kombination, dachte ich, lähmende Müdigkeit und koffeiniertes Erfrischungsgetränk. Denn anstatt sich gegenseitig auszulöschen, ergänzten sich diese zwei Komponenten zu einem unwirklichen Gefühl von Trunkenheit.

Ich sollte schlafen, dachte ich und schwang mich aufs Rad. Der warme Sommerwind fegte mir ins Gesicht, und ich genoss es, durch die leeren Straßen zu rasen. Vermutlich hätte ich das Fahrradlicht anschalten sollten, doch das kümmerte mich nicht. Mein Ziel war nicht fern, und mein Weg führte mitten durch kleinstraßiges Wohngebiet.

Die Zeit verflog zu rasch. Als die Packstation vor meinen Augen auftauchte, glaubte ich einer Täuschung aufgesessen zu sein. So schnell?

Ich zückte die goldene Karte und hatte keine Mühe, mich an meine PIN zu erinnern. Nicht Christoph Kolumbus; nicht 1492. Meine Merkhilfe war unnütz und nützlich zugleich, und nur wenige Augenblicke später hielt ich mein Paket in der Hand.

Natürlich, es ist Unrecht, dass die Post persönlichen Service durch Automaten ersetzt, dass womöglich Arbeitsplätze verloren gingen, bloß weil es preiswerter für das Unternehmen war, Automaten zu betreiben als Menschen zu beschäftigen. Und doch: In diesem Augenblick war ich bereit, eine Ode zu schreiben, an Loblied auf die Packstation zu singen, eine Hymne komponieren, in der ich pries, was da gelb und klobig vor mir aufragte.

Denn nicht nur, dass ich sowohl per Mail als auch per SMS benachrichtigt wurde, dass ich nicht erst nach Hause fahren musste, um dort im Briefkasten eine Mitteilung zu finden, die ein erneutes Losfahren erwirkte [Aber nicht vor 16.30 Uhr desselben Tages!], nicht nur, dass ich nach bis in die Abendstunden gehender Arbeit keinen Grund hatte, mich über idiotische Postfiliaenöffnungszeiten zu ärgern. Nein, ich konnte auch trotz Doppelbenachrichtigung vergessen, bei der Packstation vorbeizufahren und mein Paket abzuholen; ich konnte heimkehren und mich erst Stunden später an das Geschickte erinnern, dass irgendwo in einem Metallcontainer auf mich wartete; ich konnte mich nachts um eins aufs Rad schwingen, durch leere Straßen sausen und völlig übermüdet mein Paket in Empfang nehmen; ich konnte mit zusätzlicher Euphorie bestückt nach Hause fahren, mich aller Sachen entledigen und kurz bevor mir die Augenlider tatsächlich zufielen, die Pappe aufreißen und deren Inhalt bewundern; ich konnte plötzlich erneutes Wachsein und Lust finden, noch ein wenig zu blättern, zu begutachen, was mir die Post zukommen ließ, was ich in unsinnigem, nächtlichen Überschwang unbedingt abholen musste und was mich nun glücklich und zufrieden einschlafen ließ.

[Im Hintergrund: Depeche Mode - "The Singles 86-98"]

Freitag, 18. Juli 2008

Rocking the Damaschkeplatz

Der Magdeburger Damaschkeplatz ist der Inbegriff von Hässlichkeit. Und obwohl sich hier der Nachtverkehr zur Weiterfahrt sammelt und Umsteigenden die Möglichkeit gibt, sich in alle Richtungen Magdeburgs transportieren zu lassen, vermeide ich es, hier zu warten. Verkachelte Betonklotzhäuschen von häßlich graubrauner Farbe, die vermutlich noch nicht einmal in den 70ern hübsch ausgesehen hatten, erinnern nur zu deutlich daran, was für einen abartigen Geschmack Städtebauer zuweilen gehabt haben mussten.

Üblicherweise passiere ich den Damaschkeplatz in einer Bahn opder einem Bus sitzend, und selbst wenn der Nachtverkehr minutenlang auf Neuankömmlinge wartend an Ort und Stelle steht, bin selten ich es, der zusteigt. Nein, ich bin der, von innen nach außen schaut und interessiert die Leute betrachtet, die sich dort auf den Bahnsteigen und innheralb der anderen Gefährte tummeln.

In den letzten Tagen entdeckte ich immer wieder einen jungen Mann, vielleicht zwanzig, mit kurzem, dunklem Haar, modischer, aber unspektakulärer Kleidung und einem Schäferhund an der Leine. Der Schäferhund wirkte freundlich, und ihm schien es keineswegs etwas auszumachen, dass sein Herrchen immer wieder vor- und zurück wippte, wieder und wieder, einem Metronom gleich.

Ich wunderte mich ein wenig, doch bin ich bisher genug behinderten Menschen begegnet, um das Wundern nicht lange beibehalten zu können. Als sich Busse und Bahnen in Bewegung setzten, hatte ich den jungen Mann zumeist schon wieder vergessen.

Heute jedoch wartete ich am Damaschkeplatz. Der Optimist in mir hatte mich davon überzeugen können, dass ich möglicherweise eine frühere Bahn erreichen könne, wenn ich nur alsbald zum Damaschkeplatz käme - und irrte sich. Ich war allein auf dem Bahnsteig, und obwohl meine Bahn erst in zehn Minuten eintreffen würde, war ich nicht gewillt, mich laufenderweise nach Hause zu begeben. Schließlich wartete in meinem Rucksack ein Buch darauf, gelesen zu werden.

Ich setzte mich, ignorierte den aus dem Fußgängertunnel zeitweise hervorquellenden Urindunst, ignorierte den Boden unter meinen Schuihen, der angefüllt war mit Zigarettenkippen und nicht näher zu definierendem Ehemaligem, ignorierte die Un-Architektur um mich herum - und begann zu lesen. Dann vernahm ich Gesang.

Keineswegs waren es Engelchöre oder menschliches Äquivalent, das da an mein Ohr drang, auch Worte waren nicht vernehmbar - und dennoch handelte es sich um Gesang. Ich blickte auf, und mir gegenüber, auf der anderen Gleisseite stand der junge Mann und wippte hin und her. Nein, vor und zurück wippte er, und zwar in konstant gleicher Geschwindigkeit und im Takt zu den Lauten, die aus seinem Mund drangen.

Denn Laute waren es, die er von sich gab, nicht viel mehr. Es war, als hörte man Timmy aus Southpark zu, wie er versuchte zu singen. Und nicht nur das: Der erste Eindruck hatte mir vorgegaukelt, Englisch zu vernehmen, doch das, was der junge Mann ertönen ließ, waren Silben, die eher Englisch imitierten als es zu sein. Es war, als würde er ein Lied nachsingen, dessen Text er nicht verstanden hatte.

Sein Gesang hätte niemand als schön oder ergreifend bezeichnen können, doch war er auch kein verqueres Musikgebilde, das einem zerrütteten Geist entsprungen war. Nein, der junge Mann traf Töne, hielt den Rhythmus - und kannte offensichtlich das gesamte Lied in- und auswendig - wenn man von seiner kleinen Textschwäche absah. Minutenlang saß ich wie gebannt da, außerstande, mich auf mein Buch zu konzentrierten, gebannt von dem, was auf der anderen Seite der Gleise geboten wurde.

Was ich hörte, war moderne Rockmusik, und ich bemühte mich verzweifelt zu erkennen, um welche Band es sich handelte. Doch abgesehen von einem Wort, das "closer" heißen konnte, war kein Text auszumachen - und somit jede Chance auf potentielle Nachrecherche vertan. Also lauschte ich nur und versuchte, einen Blick auf das rechte Ohr des Jungen zu werfen. Denn nur das linke war mir zugewandt - es war leer, und ich hätte gerne gewusst, ob sich im rechten ein klitzekleiner Kopfhörer verbarg.

Mit welcher Unermüdlichkeit er vor sich hin sang, beeindruckte mich. Er musste dieses Lied wirklich lieben, wenn er es auf diese Art und Weise auswendig kannte. Als es endete, begann ein weiteres, ebenso detailreich wiedergegeben, ebenso unverständlich wie das erste. Ich war fasziniert.

Meine Faszination war jedoch noch steigerbar: Denn irgendwann bemerkte ich ein hintergründiges Taktgeräusch. Es klang, als trete man mit feuchtem Schuh kräftig auf und das Wasser quetschte sich aus dem zusammengepressten Material. Oder als fegte man mit einem Handfeger über groben Asphalt. Dies war das Metrum, und es deckte sich mit der Wippbewegung des Jungen, die ihn abwechselnd den linken und den rechten Fuß, beziegungsweise, da er in Schrittstellung stand, den vorderen und hinteren Fuß heben ließ. Und es passte zu seinem Gesang, selbst als sich dieser - bewusst - neben dem Takt bewegte.

Ich begriff es nicht. Irgendwo musste das Geräusch doch seine Ursache haben. Es seinen Schuhen zuzuordnen, wäre logisch gewesen, doch niemals wäre sein Schuhwerk, so trocken und unversehrt es war, zu solchen Geräuschen fähig gewesen. Der Taktklang musste aus seinem Mund kommen.

Aber auch das war kaum möglich, sang er doch stetig und kontinuierlich, gepresst und mit Timmy-artig genutzter Stimme, und ich an seiner Stelle hätte ein zusätzliches Taktgeräusch nicht gleichzeitig hervorbringen können. Aber vielleicht er. Vielleicht hatte er, ohne es bewusst wahrzunehmen, eine Möglichkeit gefunden, seinem Mund zugleich Perkussion und Gesang zu entlocken.

Ich horchte, beobachtete ihn. Ich schämte mich nicht, ihn anzustarren, denn er schämte sich auch nicht, auf öffentlichem Platz vor wachsendem Warte-Publikum lautstark englischige Rockmusik zu intonieren. Besonders gewissenhaft achtete ich auf Pausen. An irgendeiner Stelle musste er doch stillstehen, innehalten, den Takt ruhen lassen, oder mit dem Wippen aufhören. Doch das geschah nicht. Drei komplette Lieder, von Anfang bis Ende, zumindest soweit ich das beurteilen konnte, vernahm ich, und nicht einmal hielt er inne und ließ mich erkennen, woher das Taktgeräusch stammte, das mich so sehr rätseln ließ. Und auch die Band erkannte ich nicht, wenngleich ich feststellte, die Musik für eingängig und hörbar zu befinden.

Sein Schäferhund war dieses Gebaren offensichtlich gewohnt. Im Takt schwang seine Leine auf und ab, doch er blieb stoisch sitzen, mit gespitzen Ohren seine Umgebung wahrnehmend, als wäre es das Normalste der Welt, dass jemand auf einem Umsteigebahnhof für öffentlichen Personenahverkehr lautstark Lieder trällerte.

Dann kam meine Bahn, und alsbald füllte sich der gesamte Damaschkeplatz mit Gefährten, mit Aus- und Umsteigenden. Ich behielt den jungen Mann im Auge, als ich mir einen Sitzplatz suchte, betrachtete ihn durch drei Glasscheiben hindurch - doch von seinem Gesang vernahm ich nichts mehr. Er wippte weiter vor sich hin, zog die Aufmerksamkeit verschiedener Passagiere auf sich, doch stieg nirgendwo ein. Er hatte kein Ziel, nur seine Musik, die er unverdrossen erklingen ließ.

Ich freute mich. Keine Zeile meines Buches hatte ich gelesen; die Faszination war stärker gewesen.

Als meine Bahn zur Fahrt ansetzte, trat eine ältere Frau auf den jungen Mann zu, kramte in ihrer geblümten Tasche und holte Süßigkeiten hervor. Sie unterhielt sich mit ihm, und lächelnd nahm ich wahr, wie er selbst, als er ihr antwortete, nicht aufhörte zu wippen.

[Im Hintergrund: Empyrium - "A Wintersunset..."]

Donnerstag, 17. Juli 2008

I Killed The Radio Star

Ich gebe auf.

Üblicherweise verzichte ich auf das das Belauschen von Radiosendern, und jährlich freue ich mich erneut über einen Brief von der GEZ, der mich daran erinnert, dass meine Anlage durchaus radiotauglich ist - obwohl ich sie nie dafür nutze. Abgesehen von versehentlichen Berührungen mit ungewollten Klängen in der Öffentlichkeit ist der einzige Ort, an dem das Radio eine Bedeutung für mich hat, das Badezimmer.

Ich habe keine Ahnung, wem das Gerät dort gehört und langfristig wird es sich vermutlich als ungute Idee erweisen, ein Radio in Feuchtgebieten zu positionieren, doch verleitet es mich hin und wieder dazu, einfach mal reinhören zu wollen, was die musikalische Welt zu bieten hat. Die üblichen 80er-90er-Superhitsender brauchen nicht erwähnt zu werden; nur wenige Sekunden angewiderten Hinhörens schenke ich ihnen, bevor ich das Radiosenderauswählrad zum nächsten Programmplatz bewege.

Irgendwo entdecke ich meist Musik, die ich als "hörbar" einstufe und die mich dazu bringt, dem Sender eine Hintergrundbefüllung zuzugestehen - mit der steten Hoffnung auf Besseres. DIe Hoffnung wird enttäuscht, nach ein paar erträglichen Liedern kommt stets irgendetwas, das zu akzeptieren ich nicht bereit bin, und ich schalte aus.

Wahrscheinlich liegt es an mir. Jeder, der so etwas wie einen Musikgeschmack besitzt, wird zugeben, dass dieser Grenzen hat. Woher aber soll ein Radiosender diese Grenzen kennen? Woher soll er wissen, dass er, wenn er diesen Song spielt, den anderen nicht spielen sollte - obwohl er demselben Genre angehört, ja vielleicht sogar von derselben Band ist? Er kann nicht in meinen Schädel schauen, und selbst wenn, würde er sicherlich ablehnend mit dem Kopf schütteln: Mein Musikgeschmack ist wenig radiotauglich.

Das Internet ist groß, weit und bunt, und irgendwo lärmen sicherlich auch Sender in den digitalen Äther, deren Programm mir zusagen könnte. Doch ich bin verwöhnt. Musik existiert für mich nicht als Element des Hintergrunds, sondern zieht einen bedeutenden Teil meiner Aufmerksamkeit auf sich. Und sobald die erwähnte Grenze überschritten wird, beginne ich, mich unwohl zu fühlen und ein Werk zu bevorzugen, das sich in meinem eigenen Besitz befindet und von dem ich weiß, dass ich es mag.

Selbst wenn die Unmöglichkeit gelänge, meinen Musikgeschmack derart zu spezifizieren, dass ein Radiosender nur Titel spielt, von denen er sicher sein kann, dass ich sie mag, hätte er keine Chance. Schließlich sind Musikvorlieben stimmungsabhängig, und auch wenn ich alle Alben einer Band besitze, habe ich nicht automatisch zu jedem Zeitpunkt Lust, ihre Klängen zu lauschen.

Das Radio hat keine Chance. Zu leicht ist es für mich, Klänge auszuwählen, die ich für gut befinde, mich bei plötzlichen Geschmacksunsicherheiten durch ein annehmbar großes, stetig erweitertes Archiv an Titeln zu wühlen und schlußendlich jene hervorzukramen, die ich im Augenblick für passend halte. Zu leicht ist es zu pauschalisieren und den Großteil der von den Radios verbreiteten Songs für ungut zu erklären - eben weil sich unter ihnen zahlreiche befinden, die mich zum Abschalten nötigen. Zu leicht ist es, in der riesigen Auswahl an Möglichkeiten des Internets, mir bewusst jene Musiken zu suchen, die ich mag, anstatt darauf zu warten, dass irgendwann etwas an mein Ohr dringt, dass mir zumindest einigermaßen gefällt.

Ich gebe also auf. Das Badezimmerradio erhält keine weitere Chance, sich mit mir zu versöhnen, mich zu unterhalten, während heißes Wasser auf mein Haupt rieselt oder eine Klinge über mein Antlitz wandert. Statt dessen werde ich die Ruhe genießen und mir einen Fred-Comic ausdenken - oder einen Text ersinne, in dem ich erkläre, warum ich nicht fernsehe.

[Im Hintergrund: My Dying Bride - "The Scarlet Garden"]

Mittwoch, 16. Juli 2008

23: Die schönste Zahl

Bei Welt Online existiert eine 100-teilige Bildergalerie über die 100 gefährlichsten Internet-Seiten, die neben anderen Reaktionen auch den Vorschlag hervorbrachte, doch eine Galerie der schönsten Zahlen bis 10000 zu generieren. Diesen Vorschlag griff Stefan Niggemeier auf und baute ihn in seinen, durchaus sehr interessanten Artikel in der Frankfurter Sonntagszeitung ein, in dem die Klickgeilheit deutscher Online-Medien beschrieben wird. Prompt schuf die taz in ihrer Online-Präsenz eine 12-teilige Bildergalerie mit dem Titel "Die schönsten Zahlen". Und als allererste Zahl taucht dort, natürlich, die 23 auf. Hurra!

Dienstag, 15. Juli 2008

Schwarze Tiere im Dunkeln

Aus der beliebten, einteiligen Serie "Schwarze Tiere im Dunkeln" präsentiere ich heute folgendes Werk:

Flatterfred...

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Aktuell...

Altslawische fantastische...
Ich möchte dir mein fantasy Welt vorstellen. Vielleicht...
Cerny Vlk - 6. Jan, 21:45
Radtour Salbker See II
Danke für die tollen Tipps, wir waren im August auch...
Physiotherapie Leipzig (Gast) - 21. Nov, 17:06
Higtech
Naja, man glaubt es kaum, aber was der Angler an Energie...
Martin Angel (Gast) - 12. Sep, 11:27
gar nisch süß
dat is gar nisch süß soll isch de ma was rischtisch...
free erdem (Gast) - 6. Jun, 16:40
Hier wird es fortan weitergehen: http://morast .eu Und...
Hier wird es fortan weitergehen: http://morast .eu Und...
morast - 1. Feb, 21:10

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