Zu den für mich interessantesten Magdeburger Attraktionen, zu den Sehenswürdigkeiten, an die ich Ortsfremde stets zu führen pflege, gehört das Klingding. Sicherlich: das Klingding gibt es auch in anderen Städten und gehört mit Sicherheit nicht zu den architektonischen oder skulpturellen Höchstleistungen der Stadt. Und sicherlich: Das Klingding besitzt vermutlich mindestens einen anderen, vielleicht sogar besser passenden Namen – doch für mich ist es nur das Klingding.
Das Klingding ist ein Quadrat, das wiederum aus neun metallenen Quadraten zusammengesetzt ist. Es wurde irgendwo in den Boden des Nordabschnitts des Breiten Wegs eingelassen, und wenn man versehentlich oder bewusst auf eines dieser Quadrate tritt, erklingt ein Ton. Neun Töne stehen zur Verfügung, und obgleich es bereits erfolgreiche Versuche gab, bekannte Melodien zu erhüpfen, zeichnet sich die Mehrzahl der erzeugten Klangmuster durch eine fast wahllose Aneinanderreihung von Tönen aus. Kling! Klingklingkling!
Kinder mögen es, darauf herumzutollen, und auch ich weiche nur allzu gern von meiner aktuellen Route ab, um dem Klingding ein paar Klänge zu entlocken. Meistens bin ich mit dem Fahrrad unterwegs und brause somit rasch über die Metallquadrate im Boden. Klingelingeling!, vernehme ich und freue mich.
Manchmal ist das Klingding besetzt, und ich wage nicht, mit dem Rad direkt neben einem Töne erwirkenden Kind entlangzurauschen. Also fahre ich einfach vorbei, werfe einen Blick auf den, der sich da vom Klingding Vergnügen schenken lässt, und freue mich, nicht der einzige zu sein, dem dieses unscheinbare Spielgerät gefällt.
Allerdings, wie in jedem Ding, das Freude bringt, wohnen im Klingding auch unangenehme Schattenseiten: Anwohner beschwerten sich direkt nach der Installation darüber, dass selbst nachts die Klingelei zu vernehmen sei und immer wieder irgendwelche Klingdingler sie per unerlaubter Ruhestörung um den wohlverdienten Schlaf brächten. Höhere Mächte reagierten, und so geschah es, dass das Klingding ab einer bestimmten Uhrzeit abgeschaltet wird.
Ich selbst war verwundert, ob derartiges überhaupt möglich sei, doch tatsächlich: In späteren Abendstunden wird es einem erschwert, dem Klingding Töne zu entlocken. Man muss schon mit immenser Wucht auf den Tontasten herumstampfen, um winzigleise Tönchen zu erzeugen.
Um 9 Uhr morgens schlendern bereits unzählige Menschen über den Breiten Weg. Zwar sind die Geschäfte noch eine halbe Stunde, die Stadtbibliothek gar noch eine ganze Stunde mit geschlossenen Pforten bestückt, doch Bäcker, Cafés und Sonnenschein laden ein, hier und dort kurz zu verweilen. Ich radle zur Universität, und wie so häufig fahre ich einen kleinen Schlenker. Das Klingding wartet.
Ich rattere über die quadratischen Metallpatten, doch kein Ton entspringt. 'Nanu?', wundere ich mich, 'Noch nicht angeschaltet?' Ein kleiner Junge, der bis eben noch an einem andere Spielgerät herumturnte, hat meinen vergeblichen Klangerzeugungsversuch mitbekommen. Fröhlich wirft mir sein Lachen hinterher.
Immerhin.
Update: MeinVz/StudiVz hat jetzt auch die entsprechende Gruppe:
Klingdingzumklingenbringer.
Tausend Dank und so.
morast - 26. Jul, 15:00 - Rubrik:
Wortwelten
Was würde passieren, wenn niemand mehr imstande wäre zu lügen, beziehungsweise, wenn es unser moralisches Gewissen oder irgendetwas ähnliches untersagen würde, unverfroren Unwahrheiten zu verbreiten, wenn eine Art Filter im Gehirn sitzen würde und bei jeder Lüge, der man sich bewusst wird, Unwohlseinsenzyme ausschüttete. Was würde dann passieren?
Mir selbst bereitet es tatsächlich Unwohlsein, wenn ich lüge. Dennoch kann ich nicht behaupten, stets die Wahrheit und nichts als die Wahrheit von mir zu geben. Nur allzu oft geschieht es, dass ich, um mich oder andere in besserem Lichte stehen zu lassen, die Wahrheit ein wenig verdrehe, sie beschönige und somit - eigentlich - lüge. Die allseits gefürchtete Frage "Findest du mich zu dick?" würde ich nur mit "Ja." beantworten, um zu bekräftigen, dass dem nicht so ist und dass ich die Frage für überflüssig erachte. Wenn mich eine dicke Frau fragen würde, ob ich sie zu dick fände, gelänge es mir sicherlich, die eine oder andere ausweichende Antwort aus dem Hut zu zaubern.
Lügen, der Höflichkeit wegen. Um jemanden anderes nicht zu verletzen. Um sich selbst vor Schaden zu bewahren. Notlügen. Kleine Unwahrheiten, die man vorschiebt, um nicht zu viele Details aufzählen zu müssen.
"Wie geht es dir?" "Ganz gut."
Es fiele schwer, so etwas auszulöschen. Und das soll auch nicht das Ziel sein.
Wichtiger wäre es, bewusste Lügen, Lügen größeren Ausmaßes, zu verhindern, zu beseitigen. Nicht durch Strafen im eigentlichen Sinne. Sondern dadurch, dass Menschen nicht willens sind, sie zu benutzen. Eben weil die Wahrheit sie besser fühlen lässt.
Und da taucht das nächste Problem auf: In den seltensten Fällen gibt es eine reine, klare, echte Wahrheit. Allein schon aufgrund subjektiver Wahrnehmung ist die Wahrheit selten ein klarer Punkt, auf den man zeigen kann, der unumstritten im Raum steht, fest verankert und von allen Seiten erkennbar. Die Wahrheit ist allzu häufig, ein wabbliges, schwammiges Gebilde, wird ausdiskutiert bis zum letzten, weil jeder der Diskutanten, sie, die Eine, gefunden zu haben glaubt. Der eigene Blickwinkel ist nur ein Produkt aller verfügbaren Infomationsquellen, und wer glaubt, ausreichend Informationen getankt zu haben, meint häufig, sich im Besitz der Wahrheit zu befinden. Dass weitere Informationen dieses Konstrukt aber destabilisieren könnten, wird vorerst ignoriert.
Es gibt keine reine, ideele Wahrheit. Jeder sieht die Dinge anders - und auch das will ich nicht ändern.
Was möchte ich also dann? Ich möchte, dass niemand imstande ist, mit Vorsatz eine Lüge auszusprechen. Eine richtige Lüge, eine, die die Wahrheit nicht nur verzerrt, sondern umkehrt. Niemand soll ohne schlechtes Gewissen, ohne psychische Folgen fähig sein, anderen Dinge zu berichten, von denen er selber weiß, dass sie sich anders verhalten als er sie erzählt. Das ist es, was ich möchte: Niemand soll etwas anderes sagen können als er weiß.
Allerdings ist das nicht einfach. Märchen zu erzählen beispielsweise bedeutet, Lügen zu erzählen. Einen Roman zu schreiben bedeutet zu lügen. Jedoch sind diese Lügen durchschaubar, und sie dienen auch nicht dem Zwecke, die Realität zu verzerren, sondern Geschichten zu erzählen, also zu unterhalten und gegebenfalls Lehren zu vermitteln. Märchen und Romane mögen Lügen sein, doch sind sie als solche erkennbar und daher keine echten Lügen.
Schwierig wird es nur, wenn die Erkennbarkeit fehlt, wenn also der Rezipient nicht imstande ist auszumachen, ob es sich um Wahrheit oder Fiktion handelt. Das kann passieren, weil das Kind, dem das Märchen vorgelesen wird, dieses für ebenso wahr hält wie den Weihnachtsmann, oder aber weil der Romanleser glaubt, einen Tatsachenbericht vor sich zu haben und mangelnde Informationen über den tatsächlichen Sachverhalt ihn in diesem falschen Wissen lassen oder gar bestätigen. Und schwupps wurde aus einer erkennbaren Lüge eine nicht länger erkennbare, aus einer harmlosen oder "falschen" Lüge eine echte. und dabei wollte ich die doch vermeiden.
Auch an anderer Stelle wird es schwierig: Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge sind zu schwammig. Obiges Beispiel aufgreifend halte ich es nicht für eine Lüge, einer dicklichen Frau zu erzählen, sie sie nicht zu dick. Abgesehen davon, dass die "Bin ich zu dick?"-Frage in den meisten Fällen überflüssig ist, ist das Verschweigen des "Aber"-Teils der Antwort durchaus akzeptabel. "Nein, Schatz, du bist nicht zu dick, sondern wunderschön, aber du wärst noch schöner, wenn du ein paar Kilo abnehmen würdest."
Notlügen sind also erlaubt. Echte Lügen nicht. Wo ist die Grenze? Es gibt keine.
Was ist, wenn sie tatsächlich immer mehr zunimmt, er sie aber trotzdem noch immer mag. "Es kommt nicht allein auf das Äußere an." Aber eben auch, und allein ihrer Gesundheit zuliebe oder um sich [und ihm] die komischen Blicke der Mitmenschen zu ersparen, wäre es durchaus sinnvoll abzunehmen. Die Frage naht "Bin ich zu dick?" und nicht länger kann der Gefragte sich mit einer Notlüge behelfen. Er ist der festen Überzeugung, sie sei zu dick, und würde er etwas anderes behaupten, würde er lügen. Die Wahrheit ignorieren. Und gäbe es das eingangs gewünschtes moralische Gewissen, wäre er nicht imstande, eine solche Lüge auszusprechen. Es würde antworten: "Ja, du bist zu dick." und bervor er eine Abmilderung oder Begründung oder ein "Ich liebe dich aber trotzdem, denn du bist viel mehr als nur Körper." hinterher schieben kann, bricht sie in Tränen aus, verlässt ihn, futtert sich weitere Pfunde an und wirft mit Küchenradios oder -messern um sich. Nicht unbedingt in der Reihenfolge.
Die Wahrheit erwirkt in diesem äußerst wacklig zusammengebastelten Beispiel hauptsächlich Negativeffekte, und das ruhige Gewissen des Mannes ist von fast vernachlässigbarer Bedeutung. Aber, denke ich mir, wenn alle immer die Wahrheit sagen würden, wenn also auch Situationen wie obige nicht mit Lügen besänftigt werden würden, würde es dann nicht ein Gewöhnungseffekt eintreten, die ungewohnte Offenheit und Ehrlichkeit zur Normalität erklärt werden und dementsprechend die Empfindlichkeit gegenüber wahrheitsgetreuen, aber verletzenden Aussagen sinken? Das wäre fein und würde so manches Problem lösen, das sich mir stellt, wenn ich überlege, ob es nicht besser wäre, wenn niemand mehr lügen könnte.
Was wäre mit Geheimnissen? Darüber habe ich lange nachgedacht und festgestellt, dass es eigentlich keine positiven Geheimnisse gibt. Sicherlich, man kann jemanden überraschen wollen und dies so lange wie möglich geheim zu halten versuchen. Aber in diesem Fall wird es sicherlich Möglichkeiten geben, den zu Überraschenden davon zu überzeugen, erstmal nicht weiter nachzufragen.
Ansonsten finde ich, dass Geheimnissen immer etwas Negatives anhängt. Der eine besitzt ungewöhnliche Hobbys oder Vorlieben, die in der Gesellschaft nicht anerkannt werden, der nächste ist nur noch aus Gewohnheit mit seiner Frau zusammen usw. Die meisten Sachen bergen ohnehin die Gefahr, dass irgendwann die Wahrheit oder etwas ähnliches ans Licht gerät.
Wenn niemand imstande wäre zu lügen, wären solche Geheimnisse alsbald bekannt. Ich bin zuversichtlich genug zu glauben, dass die Menschheit voll ist mit Wesen, die absonderliche Vorlieben haben und unnormal zu sein glauben. Doch wenn jeder unnormal ist, ist Unnormalität wieder normal.
In einigen Fällen wird es wohl an gesellschaftlicher Toleranz fehlen, und derjene, dessen Geheimnis keines mehr ist, wird als Perversling oder ähnliches geächtet. In diesem Fall hoffe ich darauf, dass einigermaßen humane Methoden gefunden werden, dem Absonderlichen zu begegnen.
Sorgen machen mir allerdings jene, die Situationen auszunutzen verstehen. Da steht ein Ladenbesitzer mitten in der Nacht in seinem Geschäft und drei muskulöse Männer kommen herein. "Gibt es hier Kameras oder eine Alarmanlage?" fragt der eine. Der Ladenbesitzer muss verneinen, weil er nicht lügen kann. Gäbe es Kameras, würden die Drei vermutlich wieder gehen, unbescholten, denn die Frage nach den Kameras allein ist ja nicht strafbar. Der zweite Mann fragt: "Hast du eine Waffe?" Wieder muss der Ladenbesitzer verneinen; Lügen ist ihm nicht möglich. Die Drei sehen ihre Chance, rücken bedrohlich näher, und es wird klar, dass es keine Möglichkeit geben wird zu verhindern, dass der Ladenbesitzer einen Teil seiner Habe in fremde Hände geben muss.
Auch dieses Beispiel ist mühsam zusammengebastelt, doch soll es verdeutlichen, dass die Fähigkeit, nicht lügen zu können, weiterr Nachteile birgt. Sicherlich, einmal gefasst werden die Täter maximal schweigen können. Abstreiten geht schließlich nicht. Doch bis es soweit ist, wenn es überhaupt dazu kommt, sind Geld und Waren dahin, der Ladenbesitzer geht pleite und traut sich nicht mehr aus dem Haus.
Ein weiterer Aspekt erweist sich als schwierig: Die Werbung. Werbung ist Beschönigung pur, meistens sogar reine Lüge. Und trotzdem enthält sie auch Informationen, und ich kann jeden verstehen, der sein eigenes Produkt lobpreist, als wäre es von höheren Mächten ersonnen. Und ich glaube sogar daran, dass zuweilen einer von ihnen die Wahrheit erzählt, nämlich weil er selbst davon überzeugt ist, etwas Besonderes geschaffen zu haben, selbst wenn die Wirklichkeit das widerlegt. In den meisten Fällen ist Werbung aber Augenwischerei, und wenn es keine Lügen mehr geben könnte, müsste auch die Werbung verschwinden. Zumindest die übertreibende, buntisierende, euphemisierende Werbung.
Was ist mit Werbung, die die reals existierenden guten Seiten eines Produkts anpreist, aber die schlechten verschweigt? Genau hier wird es wieder schwammig. Es existiert keine eindeutige Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, und wenn Photoshop ein paar Bilder aufpoliert, dann kann man das mal als Lüge, mal Hervorhebung deuten. Wahrscheinlich müsste sich auch hier die menschliche Mentalität ein wenig wandeln: Es gäbe mehr Ehrlichkeit, auch in Hinsicht auf erwerbbare Produkte, und jeder Hersteller, der heute Dinge erzählt, die an der Realität scheitern würden, gäbe es da nicht das leicht bekleidete Mädchen im Werbespot, würde in einer lügenfreien Welt an sich selber verzweifeln müssen beziehungsweise dafür sorgen, dass seine Versprechen sich als wahr erweisen. Dennoch blieben Augenwischerei und Notlügen vorhanden, und ich wäre der letzte, auch das noch ahnden zu wollen.
Eine Welt, in der aus eigenem Willen heraus keine "echten" Lügen mehr existieren, wird anfangs mit Problemen zu kämpfen haben. Wahrheit schmerzt oft genug, und nicht selten ist Lüge die angenehmere Alternative. Doch bin ich optimistisch und glaube, dass Menschen imstande wären, sich an diese angebliche Härte zu gewöhnen, dass sie fähig wären zu lernen, sie richtig zu werten. Sicherlich, hier und da entstünden neue Probleme, die erst Lösungen bräuchten, doch vermutlich wären auch diese findbar.
Und dann? Was wäre dann? Was wäre so toll an einem Leben, in dem ich nicht mehr lügen könnte, in dem es für normal erachtet würde, die Wahrheit zu sagen, und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott ... Moment! Was wäre mit den Religionen? Würde sich dann endlich herausstellen, welche Religion Recht hat oder ob sie alle nur Märchen erzählen? Nein, natürlich nicht. Wer davon überzeugt ist, die Wahrheit zu erzählen, wird dies auch weiterhin tun. Wer also daran glaubt, dass Jesus das Rote Meer teilte und somit 72 Jungfrauen vor dem fliegenden Spaghettimonster rettete, wird dies auch weiterhin verkünden und Anhänger finden, die Gleiches glaube und für wahr halten. Aber jene, die tatsächlich lügen, die sich dessen bewusst sind, werden fortan von sich selbst daran gehindert werden.
Und dann? Friede, Freude, Eierkuchen? Harmonie ultra? Ich weiß es nicht, doch ich bin der festen Überzeugung, dass es das gegenseitige Verständnis erhöhen würde, würde man nicht mehr lügen. Plötzlich wären Radiomoderatoren nicht mehr unendlich gut gelaunt, sondern einfach nur menschlich; plötzlich würden Schauspieler öffentlich ihren unfähigen Regisseur denunzieren, anstatt dessen Mistfilme und die Zusammenarbeit zu preisen. Plötzlich würden unzählige Zeitschriften eingestampft werden, weil die Promis von allein nicht genug interessante, berichtenswerte Erlebnisse produzieren. Politiker müssten sich nicht mehr anhören, ständig zu lügen. Männer und Frauen könnten einander ein winziges Bisschen besser verstehen, weil niemand dem anderen irgendetwas vorzumachen imstande ist. Sicherlich, es gäbe zahlreiche wahrheitsbedingte Trennungen, doch gleichzeitig wäre es möglich, jederzeit mit einer einzigen Frage absolute Klarheit zu schaffen. "Habt ihr Atomwaffen?" "Glaubst du, mich zu lieben?" "Haste ma n bissel Kleingeld?" "Bist du schwul oder was?"
Es werden keine rosa Plüschhasen durch die Gegend hüpfen, wenn wir alle aufhören zu lügen. Das Ozonloch wird sich deswegen nicht schließen, und Arschlöcher werden weiterhin Arschlöcher bleiben. Aber es wird ein wenig mehr Verständnis geben, ein wenig mehr Offenheit. Unzählige Verderbtheiten werden zutage treten, erstaunliche Gewohnheiten, und wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Vermutlich wird vieles einfach wegignoriert, irgendwie akzeptiert werden, aber vielleicht gelingt es auch, manches, das für ungewöhnlich und absonderlich gehalten wird, zu normalisieren, einfach weil sich herausstellt, dass es viel zu viele Ungewöhnliche gibt, um sie noch als ungewöhnlich bezeichnen zu können. Es wird leichter, andere zu verstehen, die Motive des Handelns nachzuvollziehen, leichter zu begreifen, was der andere denkt und warum. Auf eine Frage nicht zu antworten, wird unschick sein, und Ehrlichkeit Grundbedingung für den täglichen Umgang miteinander. Forschungsberichte werden nicht aus beschönigenden, nichtssagenden Zahlen bestehen, und der Satz "Ich kann nicht." wird nicht länger Versagen bedeuten. Niemand wird sich Mühen müssen, so zu tun, als wäre er jemand anderes, bloß um sich selbst oder Vorstellungen von anderen gerecht zu werden. Männer werden durchschaut, wenn sie den harten Macker spielen, und die Kellnerin wird sich nicht erschrecken, wenn man ihre Frage, ob es denn geschmeckt habe, mit angewidertem Gesichtsausdruck verneint. Wir werden abhärten, weil plötzlich unser Inneres offenliegt und zugleich leichter zu uns selber finden, sobald nur jemand die richtigen Fragen stellt. Die Welt wird nicht schöner werden, aber besser. Sobald wir aufhören zu lügen.
[Im Hintergrund: Iron Maiden - "No more lies"]
morast - 25. Jul, 16:43 - Rubrik:
Wortwelten
Damit auch mal wieder etwas "Buntes" auftaucht, gibt es hier ein klitzekleines Bilderrätsel. Es handelt sich um ein englisches Wort.
Und da vielleicht jemand obiges schon kennt oder gar sehr rasch erraten hat, füge ich noch ein zweites an, das einst die ehrenwerte L erdachte. Hier ist herauszufinden, was das im rechteren Teil des Bildes überhaupt sein soll...
Und so.
Update:
Ich habe beschlossen, die Lösung zu verkünden.
Im ersten Rätsel sieht man unter anderem einen Rattenschwanz. Dieser entspricht grob geschätzten 14,15% einer Ratte. Somit hätten wir also insgesamt 1+1+1+0,1415 Ratten, was eine Gesamtsumme von 3,1415 Ratten ergibt. Mit dem Wissen, dass 3,1415 etwa Pi sind und dass es sich um englische Ratten handelt, haben wir also "Pi rats" bzw "pirats".
Das zweite Rätselchen sei auch nochmal aufgelöst: Dieser Haufen soll natürlich ein Stoffwechselendproukt darstellen, auch als "Kot" bezeichnet - womit diese Dinger da rechts logischerweise "Kotflügel" wären.
morast - 24. Jul, 11:26 - Rubrik:
Farbenfroh
Ich mag es, wunderfeine Geschichten zu erzählen, kleine, schöne Dinge zu beobachten und selbst in den skurrilsten Wesen etwas zu entdecken, das mich schmunzeln und die Welt lobpreisen lässt. Doch nun ist es an der Zeit, dass ich mich einmal aufrege. Über Fußgänger. Und über Fahrradfahrer. Und überhaupt.
Ich fahre gern Rad, und früher besaß ich meistens Mountainbikes, deren Sattel-Lenker-Verhältnis mich stets in windschnittiger, sportlicher Haltung sitzen ließen und somit allein aus der eigenen Haltung heraus dazu anregte, rastlos durch die Gegend zu düsen, Verkehrsregeln nur soweit wichtig zu nehmen, wie sie andere betrafen, Bürgersteige hoch und runter zu springen und immer wieder neue Rekorde für gleiche Strecken aufzustellen.
Vor etwa zwei Jahren kaufte ich mich dann ein Herrenrad, alt, gebraucht, aber rüstig und verkehrstüchtig. Ich mochte es auf Anhieb. Der Sattel war bequem, und die aufrechte Haltung ließ mich eher an Spazierfahrt als an rasantes Zielerreichen denken. Ich weiß bis heute nicht, aus welchem Jahrzehnt das Rad stammt, doch allein die antiquierte 3-Gang-Schaltung ließ mein Herz höher schlagen. Und überhaupt: Kein Plastik, kein billiger Schund, war verwendet worden. Das Leder das Sattels schmiegte sich angenehm an mein Gesäß, und fortan fuhr ich Rad, als wäre ich ein König.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ich langsam fuhr. Sicherlich, ich fuhr gemächlicher, wenn ich es wollte, spürte nicht länger den Drang, nach vorne zu preschen, schneller, schneller und noch schneller davon zu eilen. Doch wenn wollte, konnte ich. Und die Schönwettermeute, die sommers die Radwege bevölkerte, war stets rasch überholt.
Ich habe gelernt, vorausschauend zu fahren, mich zwischen Menschen und Autos hindurchzuschlängeln, das Verhalten von Verkehrsteilnehmern genau abzuwägen und erst dann meine Wegentscheidung zu treffen, in Sekundenbruchteilen optimale Strecken mit Minimalhinderniszahl zu ersinnen, Ampelphasen zu studieren und auszunutzen, Erzeuger unvorhersehbarer Ereignisse, zum Beispiel Kinder und Hunde, weiträumig zu meiden – und bei alledem so zu fahren, dass die darauf wartenden Polizisten nicht imstande wären, mir Unrechtes vorzuwerfen.
Wenn ich an einer Ampel stehe, muss ich jedoch feststellen, dass die Voraussicht, die ich zu besitzen glaube, den wenigsten zueigen ist. Nähere ich mich einer bei Rot wartenden Menschen- und Radfahrermasse, so beschaue ich mir die Mitanwesenden genau, versuche abzuschätzen, wie schnell wer starten und wer wem im Weg sein wird, um alsbald die beste Route erdacht zu haben und meinen Weg ungebremst und beschwerdefrei fortzusetzen.
Doch da erscheint eine ältere Dame. Und es muss keine Frau sein, und alt sowieso nicht. Irgendwer erscheint und stellt sich direkt vor mein Vorderrad. Hallo?, denke ich empört, dass dies ein Radweg ist, spielt keine große Rolle. Aber dass Sie direkt vor meinem Fahrrad zu warten beschlossen haben, schon! Ein Rad ist im Allgemeinen mit höherer Geschwindigkeit bestückt als ein zu Fuß Gehender, und sobald ich anfahre, muss ich mich darum bemühen, Ihnen auszuweichen, weil ich – natürlich – bereits wenige Sekunden nach dem Start zu Ihnen aufgeschlossen haben werde und Sie somit als unwillkommenes Hindernis empfinde. Und nicht nur das: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich das grüne Lichtsignal vor Ihnen bemerke, denn ich bin jung und besitze gute Reflexe. Schwuppdiwupp habe ich meine Masse in die Pedalen geworfen – und lande in ihrem Allerwertesten. Und da das sicherlich nicht auf ihrer heutigen Tagesplanung verzeichnet ist, stellt sich doch die Frage, warum Sie dachten, dass ausgerechnet vor mir die günstigste Postion wäre, um auf ein Ampellichtumschalten zu warten? Glauben Sie tatsächlich, durch diese winzige Drängelei Sekunden gutmachen zu können? Wohl kaum, denn mein Vorderreifen in ihrem Allerwertesten wird sie mit Empörung bestücken und jeden Zeitgewinn genüsslich aufzehren.
Doch ich bleibe ruhig, sage nichts, warte bis mein Vorderwesen das grüne Leuchten bemerkt und sich in Bewegung gesetzt hat – und beginne dann mit meinem Lieblingsspiel, der Suche nach dem optimalen Weg.
Allerdings wäre es nicht rechtens, ausschließlich Fußgänger mit Schimpfgedanken zu versehen, nur sie mit innerer Nörgelei zu bedecken. Denn Radfahrer neigen dazu, sich ähnlich zu verhalten – jedoch häufiger.
Während ich also durch die schönste aller sachsen-anhaltinischen Landeshauptstädte radle, geschieht es nicht selten, dass ich eine oder zwei Personen überhole. Prompt taucht auch schon die nächste Ampel auf. Rot ist ihre Farbe und Bremsen meine Tätigkeit. Ich stehe und warte, als ich plötzlich spüre, wie sich von hinten zwei Gefährte nähern. Oh, Sie kenne ich!, denke ich erfreut, während die beiden Drahtesel samt ihrer Besitzer an mir vorbei rollen. Ey!, denke ich dann, als die beiden Drahtesel somit ihrer nicht minder esligen Besitzer sich elegant vor mich schlängeln und dort zum Stehen kommen. Hallo?, rufe ich nicht, ich habe Sie soeben überholt, und das ziemlich mühelos, wie Sie zugeben müssen. Von dieser Information ausgehend und voraussetzend, dass ich aufgrund meiner immernoch einigermaßen vorhandenen Jugendlichkeit nicht dazu neigen werde, schneckige Starts hinzulegen, erscheint es ziemlich befremdlich, dass Sie ihre Gefährte ausgerechnet vor mich setzen. Es wäre zwar sowohl für mich als auch für Sie erfreulich, wenn Sie üblicherweise sehr rasch anfahren würden und damit ihren Freundeskreis zu beeindrucken pflegen, doch glaube ich davon ausgehen zu können, dass dem nicht so ist, dass Sie mir also, sobald ich das grüne Lämpchen bemerke und die Pedale zu nutzen gedenke, starr und immobil im Wege sein werden. Und hätten Sie beobachtet, mit welch beeindruckender Lässigkeit ich vorhin an Ihnen vorbeizischte, so wären Sie sicherlich zu derselben Schlussfolgerung gekommen wie ich lässiger Zischer, nämlich, dass dem Vorhaben, sich ausgerechnet in eine vor mir befindliche Warteposition zu begeben, nur sehr wenig Sinn innewohnt.
Ich schweige, gnädig, warte, bis das Grünlicht erscheint, harre geduldig aus, bis die vier Esel vor mir von dannen düsen und setze ihnen nach, ruhig, locker, doch zugleich rasch und sportlich, fast majestätisch. Ich lächle, als ich an ihnen vorbeizische, lässig, wie gewohnt, und fühle mich, als wäre ich ein König.
[Im Hintergrund: Esoteric - "The Maniacal Vale"]
morast - 23. Jul, 23:05 - Rubrik:
Wortwelten
Während ich an der Haltestelle stand und auf meine Bahn wartete, kam ein älterer Man mir kurzem, weißem Haar und fragendem Gesichtsausdruck langsamen Schrittes herbeigelaufen. In unmittelbarer Nähe des Haltestellenhäuschens blieb er stehen und blickte suchend auf den Boden. Noch bevor ich mich fragen konnte, was er verloren hatte, bückte er sich und hob eine Zigarettenkippe auf.
Nun finde ich Zigarettenkosnum an sich schon verhältnismäßig ungut, doch der Zwang, der einen dazu treibt, kümmerliche Reste ehemaliger Rauchwaren vom Boden aufzuklauben und in der eigenen Tasche verschwinden zu lassen, betrübt mich. Ich fragte mich, was er später mit dem Stummel machen würde, aber ihn noch einmal anzuzuünden versuchen würde, um ihm ein oder zwei Züge zu entlocken, oder ob er nur den Tabak herausbröseln, ihn sammeln und zu neuem Glutgut vereinigen würde. Doch dafür bräuchte er Papers, die wiederum Geld kosteten.
Die Geschwindigkeit, mit der er den Stummel in seiner Jackentasche verschwinden ließ, obgleich er ansonsten recht ungelenk wirkte, ließ mich zweierlei vermuten: Er praktizierte die Stummelsuche regelmäßig. Und: Er schämte sich ihrer.
Der Mann ging weiter und zeigte dabei einen erstaunlichen Laufstil: Alle paar Schritte blieb er stehen, hielt inne und schaute auf den Boden. Zwei Schritte. Stehenbleiben. Gucken. Weitergehen. Vier Schritte. Stehenbleiben. Auf den Boden schauen. Weitergehen.
Ich war versucht, ihm einen Euro zuzustecken oder mehr, damit er sich echte Zigaretten kaufen könnte, doch zugleich weigerte ich mich, diese üble Angewohnheit zu unterstützen. Glücklicherweise – für mich, für ihn eher unglücklicherweise – entdeckte er keinen weiteren brauchbaren Stummel und lief weiter, fort von der Haltestelle, fort aus meinem Blickfeld, sein Laufmuster beibehaltend: Ein paar Schritte. Stehenbleiben. Gucken. Weiterlaufen.
Am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Ich befand mich auf dem Weg zur Haltestelle, als er mir auffiel. Er hatte seine Jogginghose in die Socken gestopft. Zumindest sah es so aus, und ich fragte mich, warum mir das am Vortag nicht aufgefallen war.
Der Mann ging vor mir, und ich drosselte die Geschwindigkeit, um seinen Laufstil zu beobachten. Und tatsächlich: Ein paar Schritte. Innehalten. Weiterlaufen. Immer wieder.
Heute verzichtete er auf den suchenden Blick auf den Boden, doch auf dafür gab es eine Erklärung: Er rauchte.
In seinem Mund steckte eine fürchterlich stinkende Zigarillo, die er immer, wenn er gerade lief, in die Hand nahm, und an der er immer, wenn er stand, zog. Eigentlich wirkte es eher so, als würde er bewusst alle paar Schritte innehalten, um genüßlich an der Zigarillo zu ziehen. Rauchen. Weiterlaufen. Stehenbleiben. Rauchen.
Verdutzt überholte ich ihn. Hatte sein Rauchverhalten seinen Gehstil geprägt?, fragte ich mich. Konnte es sein, dass er sich so sehr an das Innehalten gewöhnt hatte, dass er gar nicht mehr imstande war, anders zu laufen? Dass er, selbst wenn er nicht an einem Glimmstengel zog, Pausen machte und diese nutzte, um auf dem Boden nach weiterem Rauchzeug zu schauen?
Als meine Bahn kam, lächelte ich kurz: Das stetige Innehalten zum Inhalieren oder Stummelsuchen lieferte eine völlig neue Definition des Wortes "Raucherpause"...
morast - 22. Jul, 09:46 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
morast - 21. Jul, 14:41 - Rubrik:
23
morast - 20. Jul, 12:01 - Rubrik:
23
Normalsterbliche Erwachsene schlafen um diese Uhrzeit, dachte ich mir und grinste. Ich war müde und geschafft. Die letzten Tage hatten es nicht an Anstrengung mangeln lassen, jedoch im Gegenzug nicht ausreichend Schlaf geboten, um meiner wachsenden Erschöpfung Herr zu werden. Ich sollte schlafen, dachte ich mir und grinste erneut. Schließlich war ich gerade dabei, mir Schuhe anzuziehen.
Freitag Nacht um eins. Eigentlich ein guter Zeitpunkt. Um auszugehen, das Nachtleben zu erfahren. Oder einfach um zu schlafen. Ich griff nach meinem Rucksack, fand Portemonaie und Schlüsselbund und verließ die Wohnung. Das Treppenhaus war finster, und im Dunkeln lief ich die Stufen herab.
Ich fühlte mich matt, weich irgendwie, und hätte ich mich in ein Bett gelegt, so wäre ich innerhalb weniger Sekunden in tiefste Träume versunken. Mein Fahrrad stand auf dem Hof, wartete. Um diese Uhrzeit auf öffentliche Verkehrsmittel zu warten, hätte in elende Warterei gemündet. Und vielleicht wäre ich sogar an der Haltestelle eingschlafen.
Es regnete nicht, obwohl ich fest damit gerechnet hatte. Obwohl ich bereit gewesen war, durch strömendes Nass zu fahren. In meinem Bauch rumorte der Liter Cola, den ich wenige Minuten zuvor konsumiert hatte. Keine gute Kombination, dachte ich, lähmende Müdigkeit und koffeiniertes Erfrischungsgetränk. Denn anstatt sich gegenseitig auszulöschen, ergänzten sich diese zwei Komponenten zu einem unwirklichen Gefühl von Trunkenheit.
Ich sollte schlafen, dachte ich und schwang mich aufs Rad. Der warme Sommerwind fegte mir ins Gesicht, und ich genoss es, durch die leeren Straßen zu rasen. Vermutlich hätte ich das Fahrradlicht anschalten sollten, doch das kümmerte mich nicht. Mein Ziel war nicht fern, und mein Weg führte mitten durch kleinstraßiges Wohngebiet.
Die Zeit verflog zu rasch. Als die Packstation vor meinen Augen auftauchte, glaubte ich einer Täuschung aufgesessen zu sein. So schnell?
Ich zückte die goldene Karte und hatte keine Mühe, mich an meine PIN zu erinnern. Nicht Christoph Kolumbus; nicht 1492. Meine Merkhilfe war unnütz und nützlich zugleich, und nur wenige Augenblicke später hielt ich mein Paket in der Hand.
Natürlich, es ist Unrecht, dass die Post persönlichen Service durch Automaten ersetzt, dass womöglich Arbeitsplätze verloren gingen, bloß weil es preiswerter für das Unternehmen war, Automaten zu betreiben als Menschen zu beschäftigen. Und doch: In diesem Augenblick war ich bereit, eine Ode zu schreiben, an Loblied auf die Packstation zu singen, eine Hymne komponieren, in der ich pries, was da gelb und klobig vor mir aufragte.
Denn nicht nur, dass ich sowohl per Mail als auch per SMS benachrichtigt wurde, dass ich nicht erst nach Hause fahren musste, um dort im Briefkasten eine Mitteilung zu finden, die ein erneutes Losfahren erwirkte [Aber nicht vor 16.30 Uhr desselben Tages!], nicht nur, dass ich nach bis in die Abendstunden gehender Arbeit keinen Grund hatte, mich über idiotische Postfiliaenöffnungszeiten zu ärgern. Nein, ich konnte auch trotz Doppelbenachrichtigung vergessen, bei der Packstation vorbeizufahren und mein Paket abzuholen; ich konnte heimkehren und mich erst Stunden später an das Geschickte erinnern, dass irgendwo in einem Metallcontainer auf mich wartete; ich konnte mich nachts um eins aufs Rad schwingen, durch leere Straßen sausen und völlig übermüdet mein Paket in Empfang nehmen; ich konnte mit zusätzlicher Euphorie bestückt nach Hause fahren, mich aller Sachen entledigen und kurz bevor mir die Augenlider tatsächlich zufielen, die Pappe aufreißen und deren Inhalt bewundern; ich konnte plötzlich erneutes Wachsein und Lust finden, noch ein wenig zu blättern, zu begutachen, was mir die Post zukommen ließ, was ich in unsinnigem, nächtlichen Überschwang unbedingt abholen musste und was mich nun glücklich und zufrieden einschlafen ließ.
[Im Hintergrund: Depeche Mode - "The Singles 86-98"]
morast - 19. Jul, 10:25 - Rubrik:
Wortwelten
Der Magdeburger Damaschkeplatz ist der Inbegriff von Hässlichkeit. Und obwohl sich hier der Nachtverkehr zur Weiterfahrt sammelt und Umsteigenden die Möglichkeit gibt, sich in alle Richtungen Magdeburgs transportieren zu lassen, vermeide ich es, hier zu warten. Verkachelte Betonklotzhäuschen von häßlich graubrauner Farbe, die vermutlich noch nicht einmal in den 70ern hübsch ausgesehen hatten, erinnern nur zu deutlich daran, was für einen abartigen Geschmack Städtebauer zuweilen gehabt haben mussten.
Üblicherweise passiere ich den Damaschkeplatz in einer Bahn opder einem Bus sitzend, und selbst wenn der Nachtverkehr minutenlang auf Neuankömmlinge wartend an Ort und Stelle steht, bin selten ich es, der zusteigt. Nein, ich bin der, von innen nach außen schaut und interessiert die Leute betrachtet, die sich dort auf den Bahnsteigen und innheralb der anderen Gefährte tummeln.
In den letzten Tagen entdeckte ich immer wieder einen jungen Mann, vielleicht zwanzig, mit kurzem, dunklem Haar, modischer, aber unspektakulärer Kleidung und einem Schäferhund an der Leine. Der Schäferhund wirkte freundlich, und ihm schien es keineswegs etwas auszumachen, dass sein Herrchen immer wieder vor- und zurück wippte, wieder und wieder, einem Metronom gleich.
Ich wunderte mich ein wenig, doch bin ich bisher genug behinderten Menschen begegnet, um das Wundern nicht lange beibehalten zu können. Als sich Busse und Bahnen in Bewegung setzten, hatte ich den jungen Mann zumeist schon wieder vergessen.
Heute jedoch wartete ich am Damaschkeplatz. Der Optimist in mir hatte mich davon überzeugen können, dass ich möglicherweise eine frühere Bahn erreichen könne, wenn ich nur alsbald zum Damaschkeplatz käme - und irrte sich. Ich war allein auf dem Bahnsteig, und obwohl meine Bahn erst in zehn Minuten eintreffen würde, war ich nicht gewillt, mich laufenderweise nach Hause zu begeben. Schließlich wartete in meinem Rucksack ein Buch darauf, gelesen zu werden.
Ich setzte mich, ignorierte den aus dem Fußgängertunnel zeitweise hervorquellenden Urindunst, ignorierte den Boden unter meinen Schuihen, der angefüllt war mit Zigarettenkippen und nicht näher zu definierendem Ehemaligem, ignorierte die Un-Architektur um mich herum - und begann zu lesen. Dann vernahm ich Gesang.
Keineswegs waren es Engelchöre oder menschliches Äquivalent, das da an mein Ohr drang, auch Worte waren nicht vernehmbar - und dennoch handelte es sich um Gesang. Ich blickte auf, und mir gegenüber, auf der anderen Gleisseite stand der junge Mann und wippte hin und her. Nein, vor und zurück wippte er, und zwar in konstant gleicher Geschwindigkeit und im Takt zu den Lauten, die aus seinem Mund drangen.
Denn Laute waren es, die er von sich gab, nicht viel mehr. Es war, als hörte man Timmy aus Southpark zu, wie er versuchte zu singen. Und nicht nur das: Der erste Eindruck hatte mir vorgegaukelt, Englisch zu vernehmen, doch das, was der junge Mann ertönen ließ, waren Silben, die eher Englisch imitierten als es zu sein. Es war, als würde er ein Lied nachsingen, dessen Text er nicht verstanden hatte.
Sein Gesang hätte niemand als schön oder ergreifend bezeichnen können, doch war er auch kein verqueres Musikgebilde, das einem zerrütteten Geist entsprungen war. Nein, der junge Mann traf Töne, hielt den Rhythmus - und kannte offensichtlich das gesamte Lied in- und auswendig - wenn man von seiner kleinen Textschwäche absah. Minutenlang saß ich wie gebannt da, außerstande, mich auf mein Buch zu konzentrierten, gebannt von dem, was auf der anderen Seite der Gleise geboten wurde.
Was ich hörte, war moderne Rockmusik, und ich bemühte mich verzweifelt zu erkennen, um welche Band es sich handelte. Doch abgesehen von einem Wort, das "closer" heißen konnte, war kein Text auszumachen - und somit jede Chance auf potentielle Nachrecherche vertan. Also lauschte ich nur und versuchte, einen Blick auf das rechte Ohr des Jungen zu werfen. Denn nur das linke war mir zugewandt - es war leer, und ich hätte gerne gewusst, ob sich im rechten ein klitzekleiner Kopfhörer verbarg.
Mit welcher Unermüdlichkeit er vor sich hin sang, beeindruckte mich. Er musste dieses Lied wirklich lieben, wenn er es auf diese Art und Weise auswendig kannte. Als es endete, begann ein weiteres, ebenso detailreich wiedergegeben, ebenso unverständlich wie das erste. Ich war fasziniert.
Meine Faszination war jedoch noch steigerbar: Denn irgendwann bemerkte ich ein hintergründiges Taktgeräusch. Es klang, als trete man mit feuchtem Schuh kräftig auf und das Wasser quetschte sich aus dem zusammengepressten Material. Oder als fegte man mit einem Handfeger über groben Asphalt. Dies war das Metrum, und es deckte sich mit der Wippbewegung des Jungen, die ihn abwechselnd den linken und den rechten Fuß, beziegungsweise, da er in Schrittstellung stand, den vorderen und hinteren Fuß heben ließ. Und es passte zu seinem Gesang, selbst als sich dieser - bewusst - neben dem Takt bewegte.
Ich begriff es nicht. Irgendwo musste das Geräusch doch seine Ursache haben. Es seinen Schuhen zuzuordnen, wäre logisch gewesen, doch niemals wäre sein Schuhwerk, so trocken und unversehrt es war, zu solchen Geräuschen fähig gewesen. Der Taktklang musste aus seinem Mund kommen.
Aber auch das war kaum möglich, sang er doch stetig und kontinuierlich, gepresst und mit Timmy-artig genutzter Stimme, und ich an seiner Stelle hätte ein zusätzliches Taktgeräusch nicht gleichzeitig hervorbringen können. Aber vielleicht er. Vielleicht hatte er, ohne es bewusst wahrzunehmen, eine Möglichkeit gefunden, seinem Mund zugleich Perkussion und Gesang zu entlocken.
Ich horchte, beobachtete ihn. Ich schämte mich nicht, ihn anzustarren, denn er schämte sich auch nicht, auf öffentlichem Platz vor wachsendem Warte-Publikum lautstark englischige Rockmusik zu intonieren. Besonders gewissenhaft achtete ich auf Pausen. An irgendeiner Stelle musste er doch stillstehen, innehalten, den Takt ruhen lassen, oder mit dem Wippen aufhören. Doch das geschah nicht. Drei komplette Lieder, von Anfang bis Ende, zumindest soweit ich das beurteilen konnte, vernahm ich, und nicht einmal hielt er inne und ließ mich erkennen, woher das Taktgeräusch stammte, das mich so sehr rätseln ließ. Und auch die Band erkannte ich nicht, wenngleich ich feststellte, die Musik für eingängig und hörbar zu befinden.
Sein Schäferhund war dieses Gebaren offensichtlich gewohnt. Im Takt schwang seine Leine auf und ab, doch er blieb stoisch sitzen, mit gespitzen Ohren seine Umgebung wahrnehmend, als wäre es das Normalste der Welt, dass jemand auf einem Umsteigebahnhof für öffentlichen Personenahverkehr lautstark Lieder trällerte.
Dann kam meine Bahn, und alsbald füllte sich der gesamte Damaschkeplatz mit Gefährten, mit Aus- und Umsteigenden. Ich behielt den jungen Mann im Auge, als ich mir einen Sitzplatz suchte, betrachtete ihn durch drei Glasscheiben hindurch - doch von seinem Gesang vernahm ich nichts mehr. Er wippte weiter vor sich hin, zog die Aufmerksamkeit verschiedener Passagiere auf sich, doch stieg nirgendwo ein. Er hatte kein Ziel, nur seine Musik, die er unverdrossen erklingen ließ.
Ich freute mich. Keine Zeile meines Buches hatte ich gelesen; die Faszination war stärker gewesen.
Als meine Bahn zur Fahrt ansetzte, trat eine ältere Frau auf den jungen Mann zu, kramte in ihrer geblümten Tasche und holte Süßigkeiten hervor. Sie unterhielt sich mit ihm, und lächelnd nahm ich wahr, wie er selbst, als er ihr antwortete, nicht aufhörte zu wippen.
[Im Hintergrund: Empyrium - "A Wintersunset..."]
morast - 18. Jul, 00:05 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
Ich gebe auf.
Üblicherweise verzichte ich auf das das Belauschen von Radiosendern, und jährlich freue ich mich erneut über einen Brief von der GEZ, der mich daran erinnert, dass meine Anlage durchaus radiotauglich ist - obwohl ich sie nie dafür nutze. Abgesehen von versehentlichen Berührungen mit ungewollten Klängen in der Öffentlichkeit ist der einzige Ort, an dem das Radio eine Bedeutung für mich hat, das Badezimmer.
Ich habe keine Ahnung, wem das Gerät dort gehört und langfristig wird es sich vermutlich als ungute Idee erweisen, ein Radio in Feuchtgebieten zu positionieren, doch verleitet es mich hin und wieder dazu, einfach mal reinhören zu wollen, was die musikalische Welt zu bieten hat. Die üblichen 80er-90er-Superhitsender brauchen nicht erwähnt zu werden; nur wenige Sekunden angewiderten Hinhörens schenke ich ihnen, bevor ich das Radiosenderauswählrad zum nächsten Programmplatz bewege.
Irgendwo entdecke ich meist Musik, die ich als "hörbar" einstufe und die mich dazu bringt, dem Sender eine Hintergrundbefüllung zuzugestehen - mit der steten Hoffnung auf Besseres. DIe Hoffnung wird enttäuscht, nach ein paar erträglichen Liedern kommt stets irgendetwas, das zu akzeptieren ich nicht bereit bin, und ich schalte aus.
Wahrscheinlich liegt es an mir. Jeder, der so etwas wie einen Musikgeschmack besitzt, wird zugeben, dass dieser Grenzen hat. Woher aber soll ein Radiosender diese Grenzen kennen? Woher soll er wissen, dass er, wenn er diesen Song spielt, den anderen nicht spielen sollte - obwohl er demselben Genre angehört, ja vielleicht sogar von derselben Band ist? Er kann nicht in meinen Schädel schauen, und selbst wenn, würde er sicherlich ablehnend mit dem Kopf schütteln: Mein Musikgeschmack ist wenig radiotauglich.
Das Internet ist groß, weit und bunt, und irgendwo lärmen sicherlich auch Sender in den digitalen Äther, deren Programm mir zusagen könnte. Doch ich bin verwöhnt. Musik existiert für mich nicht als Element des Hintergrunds, sondern zieht einen bedeutenden Teil meiner Aufmerksamkeit auf sich. Und sobald die erwähnte Grenze überschritten wird, beginne ich, mich unwohl zu fühlen und ein Werk zu bevorzugen, das sich in meinem eigenen Besitz befindet und von dem ich weiß, dass ich es mag.
Selbst wenn die Unmöglichkeit gelänge, meinen Musikgeschmack derart zu spezifizieren, dass ein Radiosender nur Titel spielt, von denen er sicher sein kann, dass ich sie mag, hätte er keine Chance. Schließlich sind Musikvorlieben stimmungsabhängig, und auch wenn ich alle Alben einer Band besitze, habe ich nicht automatisch zu jedem Zeitpunkt Lust, ihre Klängen zu lauschen.
Das Radio hat keine Chance. Zu leicht ist es für mich, Klänge auszuwählen, die ich für gut befinde, mich bei plötzlichen Geschmacksunsicherheiten durch ein annehmbar großes, stetig erweitertes Archiv an Titeln zu wühlen und schlußendlich jene hervorzukramen, die ich im Augenblick für passend halte. Zu leicht ist es zu pauschalisieren und den Großteil der von den Radios verbreiteten Songs für ungut zu erklären - eben weil sich unter ihnen zahlreiche befinden, die mich zum Abschalten nötigen. Zu leicht ist es, in der riesigen Auswahl an Möglichkeiten des Internets, mir bewusst jene Musiken zu suchen, die ich mag, anstatt darauf zu warten, dass irgendwann etwas an mein Ohr dringt, dass mir zumindest einigermaßen gefällt.
Ich gebe also auf. Das Badezimmerradio erhält keine weitere Chance, sich mit mir zu versöhnen, mich zu unterhalten, während heißes Wasser auf mein Haupt rieselt oder eine Klinge über mein Antlitz wandert. Statt dessen werde ich die Ruhe genießen und mir einen Fred-Comic ausdenken - oder einen Text ersinne, in dem ich erkläre, warum ich nicht fernsehe.
[Im Hintergrund: My Dying Bride - "The Scarlet Garden"]
morast - 17. Jul, 10:20 - Rubrik:
Wortwelten