Es ist immer wieder erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln ich dazu bewegt werden kann, Geld auszugeben. Als ich meine Verbindung nach Nürnberg heraussuche, wird mir über ein klitzekleines Ausrufezeichen mitgeteilt, dass der ICE, den ich zu benutzen gedenke, sehr gefragt ist und dass eine Sitzplatzreservierung daher sinnvoll wäre. Als ich dann aber allein einen Doppelsitz einnahm, sich mit fortschreitender Zugfahrt die Reihen um mich herum allmählich lichteten und nur das Erste-Klasse-Abteil mit Zahlreichtum aufwarten konnte, zweifelte ich plötzlich am Wahrheitsgehalt der Mitteilung.
Und auch sonst verlief die Fahrt angenehmer als die nach Stuttgart: Kein Gegenüber reduzierte meine Beinfreiheit, keine Mitfahrer versuchten immer wieder trotz Tunnelhäufung und Empfangsarmut, geschäftliche Telefonate zu führen, keine wachsende Verspätung bedrohte meinen Termin.
Na gut, der ICE hatte letztlich fünf Minuten Verspätung, doch spielte sie keine Rolle. Ebenso unwichtig war, dass ich nicht imstande zu sein schien, an einem der bereitstehenden Automaten U-Bahn-Tickets für den nächsten Morgen zu erwerben. Wichtig hingegen erschien mir, dass es ausgerechnet das Gleis 23 es war, das den Durchgang zum gesuchten Südausgang barg.
Der Weg zum Hotel war kurz, ein kurzes Klingeln öffnete mir die Tür, an der Rezeption lag ein Umschlag mit meinem Namen drauf und meinem Zimmerschlüssel drin. Das Treppenhaus verbarg sich, doch konnte ich den altertümlichen Fahrtuhl in die erste Etage nutzen. Das kleine Zimmer war eben ein Zimmer, und dass WLAN nur über zu bezahlenden Telekom-Hotspot erreichbar war, interessierte mich kaum. Nur eine der beiden Nachttischlampen funktionierte, eigentlich logisch in einem Einzelzimmer, die Badezimmerlüftung rumorte gefühlte dreiundzwanzig Äonen lang, selbst wenn man den Badlichtschalter versehentlich betätigte.
Nürnbergs Innenstadt ist schön und leicht findbar. Außerdem existieren dort zahlreiche altertümliche Bauten, die angenehm anzuschauen sind und mir bewiesen, dass mein Telefon kein Freund von uhrzeitbedingt mangelhaft belichteten Fotografien ist. Zunächst glaubte ich noch, dass Stuttgart Nürnberg zumindest in Hinblick auf die beim Durcheilen entdeckte Anzahl von Läden mit Sexbezug überbieten könnte, doch als ich bei Nummer 5 aufhörte zu zählen, war auch diese Stuttgart-Überlegenheit beseitigt.
Die von Max Goldt erwähnte Allgegenwärtigkeit Hannovers war auch hier anzutreffen: Die Läden der Innenstadt waren die jeder Innenstadt. Doch dann entdeckte ich einen Comicladen. Einen mit drei Etagen!
Natürlich ging ich hinein – und war überwältigt vom Angebot. Sicherlich besitzt mein geliebtes Magdeburg auch einen Comicladen, einen, der kürzlich sein Innenstadtdomizil zugunsten preiswerterer, aber ungünstigerer Lage aufgeben musste. Doch dies war eine andere Welt. Überall, wohin ich blickte, entdeckte ich Comics, die mich begeisterten, die ich am liebsten sofort erworben hätte.
„Kann ich Ihnen helfen? Wir wollen nämlich jetzt schließen.“ Die Standardantwort „Ich schaue mich erstmal um.“ lag auf meiner Zunge, doch erschien mir unangebracht. Spontan fragte ich nach dem ersten Band von
Herrn Hases haarsträubenden Abenteuern, den es jedoch nicht gab. Ich griff in einem Anflug erneiter Spontaneität nach Band 10, bezahlte erfreut und ging.
Hunger trieb mich in das sogenannte Literaturhaus, wo ich Penne mit Gorgonzolasauce bestellte, die zwar recht ungorgonzolig und dafür fertigsoßig schmeckte, dafür ruccolaisiert war. Außerdem konnte ich während des Essens Herrn Hases zehntes haarsträubendes Abenteuer studieren.
Als ich bezahlte, fragte die Kellnerin nach meinem Comic, und es entspann sich ein Gespräch über französische Comics, die ich nicht kannte, Comics, die ich zeichnete, und Künstler, die durch ein kunstfremdes, bodenständiges Studium sich selbst im Weg stehen. Um eine Visitenkarte ärmer, doch um ein Lächeln bereichert ging ich zurück ins Hotel und half meiner Mami telefonisch, eine DVD abzuspielen.
morast - 26. Jan, 12:37 - Rubrik:
Wortwelten
Stuttgart schafft es, auf eine sympathische Weise hässlich zu sein.
Der vorangegangene Satz entspricht keineswegs der Wahrheit, sondern nur dem Eindruck, den die bawüer Landeshauptstadt innerhalb von fünf in ihr zugebrachten Stunden auf mich machte, fünf Stunden, von denen ich eine halbe Stunde auf dem Hauptbahnhof, eine halbe in der S-Bahn und ein Großteil des Rests in einem Bürogebäude der zahlreichen Stuttgarter Vorstädte zubrachte. Das Stuttgart, das ich kenne, fliegt an unsauberen Fensterscheiben vorbei oder befindet sich über von mir gerade befahrenen Tunneln.
Sicherlich: In der Ferne erheben sich die Bergbauten, wildromantisch an den Hügel geklebt. Doch die Bergigkeit Stuttgarts ist mir bekannt, und dass sie keinen sonderlich euphorischen Ruf genießt, ebenfalls. Sicherlich: Hier und da entdeckte sogar ich auf meinem äußerst kurzen Kurzbesuch Gebäude, die wohl höheren architektonischen oder kunsthistorischen Wert besaßen, doch überwog die Zahl der Bauten, von denen mir zwar das beschreibende Adjektiv „uninteressant“], nicht aber das Aussehen in Erinnerung blieb.
Steigt man am Hauptbahnhof aus, wähnt man sich in kleinstädtischen Gefilden. Zu winzig scheint das Bahnhofsgebäude zu sein, um den Landeshauptstadtbewohnern Fernreisestation zu sein. Zudem schenken überallige Baumaßnahmen erste Eindrücke von Stuttgarts Hässlichkeit: Sie stören nicht, doch sind vorhanden. Auch die Bild möchte den Häßlichkeitsbrei mitmischen, und stellt einen unansehnlichen Audi-SUV als gewinnbar zur Verfügung – eine Masche, auf die normalerweise nur weltfremdeste Ueckermarkbewohner hereinzufallen pflegen.
Immerhin beeindruckte mich Stuttgart mit der Leichtfindbarkeit von eigentlich fast allem. Selbst als ich bewusst beschloss, bereits an der Haltestelle „Stadtmitte“ die S-Bahn zu verlassen und durch die Innenstadt zu irren, ohne einen Stadtplan erworben zu haben, gelang es mir nicht, mich zu verlaufen. Und nicht nur das; ich fand auch immer zur gerade verlassenen Haltestelle zurück, bis ich irgendwann aufgab, mich wieder in eine S-Bahn setzte und die eine Haltestelle zurück zum Hauptbahnhof fuhr, während die bilingualen Lautsprecherdurchsagen mit ihrer sympathisch-deutschen Akzentuierung mich zu erheitern vermochten.
Denn so war es in Stuttgart: Nichts wirkte überzeugend oder beeindruckend, und doch fühlte ich mich nicht gestört, nicht aufgewühlt ob irgendwelcher Hässlichkeiten, nicht beleidigt aufgrund dessen, was ich sah oder gar roch. Stuttgart war nicht schön, ja unschön, und wirkte es auf seltsame Weise angenehm, sympathisch. Wie ein alter Terrier vielleicht, der keine Schönheitskonkurrenz mehr [um mal einen Monopoly-Begriff einzuflechten, den ich noch nie in anderem Umfeld vernahm] aber dafür noch immer das Herz älterer Damen und spielender Kinder gewinnen wird. Nur dass jene Damen und Kinder in Wahrheit Anzugträger waren, die sich überall in der Innenstadt antreffen ließen. Und selbst das störte mich nicht – vielleicht weil ich an meinem Besuchstag einer von ihnen war.
Die Bezeichnung „Stadtmitte“ war irreführend, nicht auf die bösartige Märchenwald-, sondern auf die unzufriedenstellende Art. Sicherlich: es gab Fußwege und Geschäfte, wie man sie in jeder Stadt zu finden vermag. Es gab schlendernde Menschen und zahlreiche Methoden, sich ohne anzuhalten Essen in das Gesicht zu stopfen. Doch das war auch alles.
Ich landete in einer Passage, die exquisit zu sein schien, wagte kaum, die Auslagen zu beschauen, aus Angst, als neidischer Schaufensterossi zu gelten, und ich fand zwei Dönerläden, die auf den ersten Blick völlig anders aussahen, als ich Dönerladen kenne. Doch das war auch alles.
Ich sitze im Zug, fahre heim, versuche, Stuttgarts fehlende Schönheit als negativ zu erachten, doch kann es nicht. Aus irgendeinem Grund mochte ich diese Stadt. Vielleicht weil mir nicht ein einziger unfreundlicher Mensch begegnet war. Vielleicht aber auch, weil ich alte Terrier mag.
morast - 24. Jan, 16:02 - Rubrik:
MiSt
Temperaturen weit unter Null, ein wenig gefallener Schnee und sonnenreicher, klarer Himmel erweckten in C einen Gedanken: Schlittenfahren. Nach kurzer Rundfrage fanden sich in J und mir zwei begeisterte potentielle Schlittenmitfahrer, und rasch war es entschieden: Der Tag der Heiligen Drei Könige, im heimischen Sachsen-Anhalt mit weiträumiger Arbeitsplatzvermeidung zelebriert, würde uns in den Harz führen, dorthin, wo Recherche nicht nur Schee-, sondern auch Rodelbahnexistenz ermittelt hatte. Ein vorfreudiges Wuhuu! lag auf meinen Lippen, als ich mich am Abend des 5. Januars zu Bett begab.
Gegen 10 Uhr klingelte das Telefon. C und J warteten bereits in Js Gefährt, um die anderthalbstündige Reise gen Westen anzutreten, geleitet von einem modernen Navigationsgerät und den bereitwillig geteilten Erinnerungen eines Js. Minus zehn Grad Celsius zeigte mein nichtexistentes Thermometer, und vorsorglich hatte ich so viele Kleidungsschichten übereinandergezogen, dass meine Winterjacke sich fast weigerte, verschlossen zu werden. Eine Trainingshose diente als Ersatz für sich nicht in meinem Besitz befindliche lange Unterhosen, und obwohl ich üblicherweise auf Kopfbedeckungen verzichtete, weil mein Haarschopf sie bei jeder Kopfbedeckung zu verrücken pflegte, hatte ich nicht nur einen dicken Wollschal und wunderwarme Handschuhe, sondern auch eine Wintermütze im Gepäck. Einzig meine Füße, mit jeweils zwei Socken und stiefeligem Schuhwerk bedeckt, hätten eine zusätzliche Stoffschicht vertragen können.
J und C hatten größere Weitsicht bewiesen und nicht nur mehr Socken, sondern auch noch Thermoskannentee inklusive optionalem Zucker, Becker und Löffel, Noisette-Schokolade und Wechselkleidung im Gepäck.
Die Straßen waren geräumt und somit angenehm befahrbar, und bereits anderthalb Stunden später parkten wir vor der Bad Harzburger Touristeninformation. Bad Harzburg, in Niedersachsen gelegen, war von dem katholischen Feiertag verschont geblieben, was uns zu diesem Zeitpunkt aber egal sein konnte. Im Weg stehende NDR-Mitarbeiter verdrängend befragten wir die freundliche Touristeninformationsmitarbeiterin nach potentiellen Rodelrouten und Schlittenentleihmöglichkeiten und wussten alsbald Bescheid: Unweit vom Parkplatz befand sich der Märchenwald, wo jeder von uns gegen eine Tagesgebühr von 4 Euro und das Hinterlassen von Cs Reisepass einen Schlitten entlieh. Der erste Test ergab Rostspuren auf dem Schnee. Die Schlitten waren wohl weder neu noch gerade gewachst worden. Leider war auch die vom Märchenwald wegführende Schräge nicht steil genug, um bereits erste Abwärtsfahrten genießen zu können, und irgendwelche Idioten hatten die Brücke über die Bundesstraße mit Streugut bestückt, so dass auch dort ein Rodeln verhindert wurde.
Wir kehrten zum Auto zurück, trafen letzte Vorbereitungen, tranken einen Schluck Schwarztee und bemerkten, dass unsere Füße bereits jetzt zur Eisklumpen zu mutieren drohten. Bewegung! Wir brauchten Bewegung!
Durch Schnee und Kälte stapften wir etwa 100 Meter weit zur Gondelstation, wo wir im beheizten Warteraum die fast gehässige, nur zwei Minuten lange Bad-Harzburg-Präsentation und hintergründige Klimperklänge über uns ergehen ließen. 28 Leute sollten in die Gondel passen. Zwar unterschritten wir diese Zahl bei weitem, doch durch Kleidungsüberflüss zu Unformen aufgebläht und mit Schlitten bewehrt, konnten wir uns im Inneren der Gondel keineswegs einer Arm- oder Beinfreiheit erfreuen.
Der erste Gang führte uns und unsere hölzernen Gefährte nach dem Ausstieg direkt zum Aussichtspunkt der Harzburg, wo J uns mit Wissen über das zu Sehende und das Fehlende erfreute. Hier, in knapp 600 Metern Höhe konnte ich sogar endlich ein paar Schneeflächen entjungfern und mit meinen Stiefelstapfen verschönern. Wir liefen weiter, Richtung Molkenhaus, einem Ziel, das etwa 4,5 Kilometer entfernt lag und der Beginn einer drei Kilometer langen Rodelbahn sein sollte.
Erstmals bekamen wir Gelegenheit, uns auf die Schlitten zu setzen und bergab zu rodeln, zwar nur ein paar Meter, doch mit hoher Geschwindigkeit und inklusive Kurve. Wuhuu! C schaffte es sogar, nähere Bekanntschaft mit dem weißen Untergrund zu machen.
Von nun an ging es bergauf. Nicht steil, aber kontinuierlich. Cs Schuhwerk, profilarm und für wintrige Ereignisse nicht unbedingt ideal, veranlasste ihn zu moonwalkigem Vorwärtskommen: Einen Schritt nach vorn gehen, einen halben Schritt zurückgleiten. Während wir um das Tal herumliefen, den Schnee und die wundervollen schneebeladenen Bäume bewunderten, teilten wir nicht nur Js Noisette-Schokolade, sondern auch diverse Erinnerungen an frühere Winterurlaube und Rodelfahrten. Erstaunlich, wie lange es her war, dass ich zuletzt auf einem Schlitten saß.
Uns war warm. Offensichtlich waren die benutzten Kleidungsstücke mindestens ausreichend. Und selbst unsere Füße frierten nicht länger. J und ich zogen sogar die Handschuhe aus, um die überschüssige Wärme abzuleiten.
Hin und wieder begegneten wir Wandernden, doch zumeist waren wir allein, und erst als wir am Molkenhaus ankamen, erhöhte sich die Menschzahl in unserer Nähe enorm. Und nicht nur das: Vor dem Molkenhaus waren auch zahlreiche Schlitten abgestellt, so dass wir uns kurz fragten, warum wir die unseren vom Tal nach oben befördert hatten. Vor dem Molkenhaus befand sich außerdem eine Stempelstation der Harzer Wandernadel und stolz bestempelte ich mein Notizbuch.
Wir entschieden uns nicht nur gegen die Benutzung des Biergartens, sondern auch gegen einen Restaurantbesuch, und bemühten uns darum, die berühmte Rodelbahn ausfindig zu machen. Wir irrten ein wenig durch die Gegend, bis ich mich dazu entschloss, im Restaurant nachzufragen. Zwar konnte ich aufgrund beschlagener Brillengläser und ahnungsloser Kellnerinnen kaum etwas erkennen, doch bekam ich immerhin eine Richtung mitgeteilt, die jedoch von J und C unterdessen bereits ermittelt worden war.
Ein paar Hundert Meter weiter ging von der beschneiten Straße ein schmalerer Fußweg ab, und wir wussten: Nun gilt es! Fröhlich setzten wir uns auf unsere Schlitten, stießen uns kräftig ab - und rodelten nur wenige Zentimeter weit. Das Gefälle war nicht groß und die Strecke nicht glatt genug. Also liefen wir noch ein wenig, die Schlitten hinter uns her ziehend.
Als die Strecke steiler wurde, probierten wir es erneut, diesmal mit Erfolg. Wuhuu!, rief ich, und obwohl die Fahrt alsbald wieder zuende war, weil der Weg immernoch zu flach war, bieben wir guter Dinge: Bald würde die Rodelbahn besser werden. Immerhin konnten wir bereits eines feststellen: Dass jeder Lenkvorgang zugleich ein Abbremsen darstellte, war in Anbetracht einer kurvigen, aber unsteilen Strecke ein wenig ungünstig.
Wir wanderten weiter, und auch wenn das Gefälle nicht ausreichte, um eigenständig fahren zu können, war es doch steil genug, dass sich C und J auf ihre Schlitten setzen und relaitv aufwandsarm von mir gezogen werden konnte. Bald tauschten wir, und J zog. Nur C weigerte sich aufgrund haftungsarmen Schuhwerks.
Dann nahm das Gefälle zu; wir setzten uns auf unsere Holzgestelle und rodelten los. Der Weg war schmal und kurvig, und der Schlitten weigerte sich trotz aller Lenkbemühungen beharrlich, die Ideallinie zu halten und bevorzugte die buschreiche und Geschwindigkeit reduzierende Außen- und Innenbahn. Dennoch wuhuu!te ich begeistert. C überholte J, ich überholte J und wir drei rodelten bergab.
Plötzlich verbreiterte sich der Weg. C zeigte auf ein Schild. "Beginn Rodelbahn" stand dort geschrieben, und wir fragten uns, was das denn gewesen war, wo wir soeben heruntergefahren waren. Die Rodelbahn war breiter und glatter, fuhr sich besser, doch war dennoch nicht frei von Kurven oder entgegenkommenden, bereitwillig beiseite tretenden Fußgängern.
Wuhuu!, rief ich, den Schlitten mit herausgetrecktem linken Bein die stete Linkskurve entlang lenkend, ohne dabei großen Richtungskorrekturerfolg zu haben. Abwärts ging es, und der Fahrtwind umwirbelte meine ständig verrutschende Wintermütze. Wuhuu!
Plötzlich war es vorbei. Ein Schild verkündete das Ende der Rodelbahn, ein anderes die Nähe des Märchenwaldes. Die Bundesstraße und Parkplatz waren nah und wir ein wenig enttäuscht: Niemals waren das drei Kilometer!
Zugleich waren wir begeistert: Rodeln fetzt! Einstimmig beschlossen wir, den Rodelberg wieder hochzuwandern, um erneut hinabzufahren. Der Anstieg jedoch erwies sich schnell als äußerst anstrengend: nicht nur die Steilheit, auch der Schnee behinderten das Vorankommen. C nutzte seinen Schlitten teilweise als Gehhilfe, um nicht zurückzurutschen.
Wir passierten das "Beginn Rodelbahn"-Schild und entschieden uns dafür, obwohl es anstrengend war, weiter nach oben zu wandern. Schließlich hatte uns bereits der Teil vor der echten Rodelbahn sehr zugesagt. Also stapften wir durch den Schnee, die leeren Schlitten hinter uns her ziehend.
Irgendwann meinte C, dass es ihm reiche. J und ich liefen noch bis zur nächsten Kurve, und dann ging es los. Ein paar Fußgängern mussten wir ausweichen, hin und wieder kamen wir den Wegrändern zu nah, doch rasten wir jubelnd den Berg hinab. Als sich der Weg zur echten Rodelbahn aufweitete, gelang es mir sogar, der Kurve zu folgen, nicht im schneereichen Gebüsch zu landen und die Geschwindigkeit beizubehalten. Wuhuu!
Wieder war die Fahrt viel zu schnell zu Ende, doch nun wollten wir nicht noch einmal nach oben kraxeln. Wir beschlossen, zum Auto zurückzukehren und dann nach Torfhaus zu fahren, einem Ort, der ungefähr zehn Minuten weit entfernt lag und neben einer Rodelbahn auch einen Rodellift umfassen sollte.
Angekommen stellten wir zunächst fest, dass wir offensichtlich nicht die einzigen waren, die den Gedanken hatten, diese Rodelbahn zu besuchen. Verglichen mit der Bad Harzburger Rodelstrecke herrschte hier ein heilloses Gedränge. Tatsächlich hatten wir zunächst Schwierigkeiten, überhaupt einen freien Parkplatz zu finden. Der Weg zur Bahn war dementsprechend weit, doch wir zögerten nicht und gelangten alsbald zu einem Aussichtpunkt, der uns klar machte, dass die Rodelbahn noch ein paar Meter weiter zu unserer Rechten lag.
Hier gab es nicht nur allerlei Menschen und Schlitten, sondern auch zahlreiche Nahrungsmittelaufnahmestationen. Bevor uns der Hunger überwältigen konnte, gingen wir zur Rodelbahn. Dabei nahmen wir eine Abkürzung, die einen kleinen Hügel beinhalte, den wir nacheinander hinunterrodelten. Unglücklicherweise folgte kleinen, aber steilen Hügel sogleich eine starke Unebenheit, und C stürzte beim Erleben dieser nicht nur vom Schlitten, sondern verlor auch einen Absatz seines Schuhs. J und ich folgten, aus Cs Unfall lernend, mit angemessener Vorsicht.
Der nächste Hügel war weniger steil und weniger gefährlich, doch auch hier folgten unzählige Unebenheiten. Und natürlich hob es hier auch mich aus dem hölzernen Gefährt. Doch alles war in Ordnung, und die Fahrt konnte weitergehen.
Zwar war die Strecke recht glatt, aber auch vielbefahren, hügelig und flach. Wenn der Schlitten mal alleine fuhr, dann nur langsam und mit Unterbrechungen, in denen man krebsartig versuchte, ein wenig Schwung zu gewinnen. J und ich warteten am Ende der Strecke, wo sich der Zugang zum Lift befand, und C kam langsam nach. Obwohl es nicht unlustig gewesen war, war keiner von uns übermäßig begeistert von der Bahn. J holte die Tickets, und nacheinander setzten wir uns auf die blauen Plastikschlitten des Lifts, der uns mit deutlich höhrerer Geschwindigkeit aufwärts zog, als wir eben abwärts erreicht hatten. J erlebte die Bergauffahrt auf dem Bauch liegend, C gar rückwärts fahrend und auf uns zurückblickend.
Oben angekommen beschlossen J und ich, den Rodelbahnanfangshügel noch einmal zu erleben, damit C ein kleines drehen konnte. Cs Schlitten war an mehreren Stellen destruiert und für weitere Benutzung ungeeignet. J schaffte es tatsächlich, bei der Abfahrt seinen unlenkbaren Schlitten so zu steuern, dass er allen größeren Unebenheiten auswich. Der Videobeweis zeigt: Im Gegensatz zu Bad Harzburg, wo die Strecke eben war, reichte die Hügeligkeit hier aus, um J aus dem Schlitten zu heben. Immerhin blieb er störrisch darauf sitzen. Ich jedoch, ihm folgend, stürzte recht rasch von meinem Gefährt hinab in den festgefahrenen Schnee und beweißte mich von oben bis unten.
Wir kehrten zum Auto zurück, verstauten die Schlitten und fuhren zur Bad Harzburger Märchenwald. Erstaunlicherweise gab es keine Probleme beim Zurückgeben der Holzgefährte und schon bald befanden wir uns auf dem Weg in die Innenstadt von Bad Harzburg, wo wir nicht nur eine Fußgängerzone befuhren, sondern auch ergebnislos nach einer Lokation suchten, die geöffnet hatte und unseren gemeinsamen lukullischen Wünschen entsprach. In Anbetracht von zwei Fleischvermeidern und einem Käseverabscheuer keine leichte Aufgabe, und so kam es, dass wir schon bald Bad Harzburg verließen und nach Wernigerode fuhren. Hier war Feiertag, und die Innenstadt begrüßte uns mit wenig erfreuender Ausgestorbenheit. Erst in Blankenburg wurden wir fündig. Dort kehrten wir bei einem Asiaten ein. Zwar waren wir die einzigen Gäste, doch das störte uns wenig. Wir hatten Hunger.
Die Kellnerin erwies sich als angenehm gesprächsfreudig, das Essen als weder sonderlich gut noch sonderlich schlecht, und nachdem wir einigermaßen gesättigt waren und bezahlt hatten, traten wir die Heimfahrt an. Längst war es dunkel geworden, doch die vereinten Kräfte von Fahrerverstand und Navigationsgerät führten uns sicher nach Magdeburg zurück, gerade pünktlich, damit ich mich zu dem gerade beginnenden Geburtstagsnachfeierfondue meiner WG hinzugesellen und den ohnehin wundervollen Tag nicht minder schön ausklingen lassen konnte.
morast - 7. Jan, 21:42 - Rubrik:
Wortwelten
Meine Mami [Ja, ich sage "Mami", auch wenn das klingt, als wäre ich gerade vier Jahre alt geworden.] mag Eulen. Daher kreierte ich ihr im Vorjahr für 2008 einen kleinen Eulenkalender. Um sie nicht mit Eulen zu überfluten und zugleich nicht so unkreativ zu sein, dasselbe Geschenk in verschiedener Ausführung mehrfach zu schenken, habe ich in diesem Jahr auf den Eulenkalender verzichtet, was sie zu der Bemerkung veranlasste, dass sie gar nicht wisse, was nun an die Stelle gehängt werden könne, wo sich bisher der Morastsche Eulenkalender befand.
Also schuf ich spontan ein paar Zeichnungen und versammelte sie in einem Werk, das als "Eulenkalender 2009" in die Geschichte eingehen wird.
Und so gibt es nun nicht nur den neulich präsentierten
Arztkalender und den wunderfeinen
Fred-Kalender, sondern auch ein Werk, das als "Eulenkalender 2009" in die Geschichte eingehen wird.







morast - 28. Dez, 20:42 - Rubrik:
Farbenfroh
morast - 12. Dez, 00:25 - Rubrik:
Farbenfroh
„Es war einmal...“, begann das Märchenschwein und rülpste laut. „Iiieh!“, schrie Peter. „Du bist überhaupt nicht niedlich! Du hast die Verkleinerungsform gar nicht verdient!“ Das Märchenschwein schaute entsetzt, dann begann es zu schrumpfen, Kleiner und kleiner wurde es, seine Borsten formten sich zu Haaren, seine Hauer zu hübschen kleinen Nagezähnchen. „Du hast recht, Peter.“, quiekte das Märschwein betrübt und huschte aus dem Zimmer.
morast - 1. Dez, 01:04 - Rubrik:
Krimskrams
In Anbetracht der allgemein umherschwirrenden und oftmals berechtigten Abneigung gegen Behörden mag der folgende Satz ein wenig befremdlich wirken, doch stehe ich hinter ihm beziehungsweise vor ihm, sobald er mit anzweifelnden Aussagen bombardiert werden wird.
Die Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit war nett und kompetent. Zumindest jene, die ich bei meinem ersten Besuch antraf, jene, der ich zugewiesen wurde, nachdem ich versehentlich und vergeblich eine halbe Stunde lang an falscher Stelle gewartet und somit meinen Antragsübergabetermin um 14.35 Uhr verpasst hatte. Sie war nett, vielleicht weil auch ich beschlossen hatte, nett zu sein, obwohl ihr erster Satz "Aber das stand doch auf dem Zettel!" zu anderem verleitet hatte. Sie war kompetent, denn rasch arbeitete sie den Papierberg aus Antrag, Anlagen und Nachweisen durch, und obgleich sie meinen Antrag, also den auf ALGII, nicht die andere Art von Antrag, nicht annehmen wollte, weil diverse Unterlagen nachzureichen waren, und obwohl sie meinen nächsten Termin erst für zwei Wochen später festsetzte, hatte ich doch das Gefühl, so behandelt worden zu sein, wie ich es mir gewünscht hätte.
Der zweite Besuch war anders. Andere Frau, anderer Raum, andere Uhrzeit. Gleicher Antrag, allerdings um einige Unterlagen angereichert. Mir war bewusst, dass die Gewerbeanmeldung für die klitzekleine Firma, die ich zuweilen nebenbei betreibe, fehlte, doch ich hatte sie nicht finden können und erachtete meine Umsatzsteuerabrechnung für 2007 und diverse Berufsgenossenschaftsschreiben für beweiskräftig genug.
Als ich der zweiten Frau allerdings meinen Antrag samt Erweiterungen auf den Tisch legte, stöhnte sie auf. "Das ist ja gar nicht sortiert." Ich beruhigte sie. Doch, das ist es. Ich kramte den alten Antrag hervor, die einzelnen Blätter, die zwischengeheftet worden waren, erläuterte meine Anlagen und ließ mich auch nicht durch ihre zahlreichen Unterbrechungen aus dem Konzept bringen. Auch nicht durch ihre Verständnislosigkeit. Ich blieb nett und erwartete von ihr Gleiches. Nun ja.
Die Tatsache, dass ich in einer WG wohne, die ihre einzelnen Mietbeiträge selbst errechnet hatte, ohne dass der Vermieter seine Einwilligung dazu gab, brachte sie aus dem Konzept. Offensichtlich gab es kein Gesetz, keine Regelung, wo diese Ausnahme eingeordnet werden konnte. Sie war es nicht gewohnt, außerhalb ihrer Schienen zu denken, bemerkte ich und seufzte innerlich. Zum dritten Mal erklärte ich das Zustandekommen meiner Miete und was die einzelnen, deutlich beschrifteten Zahlen meiner sehr übersichtlichen Tabelle bedeuteten.
Letztlich lief es darauf hinaus, dass die Gewerbeanmeldung fehlte. Und nötig war. Dringend sogar. Wenn ich sie nicht innerhalb von drei Tagen eingereicht hätte, wäre die Woche vorbei, wäre der Monat vorbei, und sie müsste mir Antrag und Unterlagen unbearbeitet zurückgeben, auf dass ich den gleichen Kram noch einmal ausfüllte.
Von wegen!
Auf zum Gewerbeamt!, dachte ich. Ein kurzer Besuch auf dem Amt, ein rasches Ausdrucken der Gewerbeanmeldung, eine eilige Rückkehr, und alsbald wäre mein Antrag inklusive aller Nachweise vollständig. Doch wo befand sich eigebtlich das Gewebeamt?
Als ich das Gewerbe vor vier Jahren anmeldete, war das Gewerbeamt ein heruntergekommener Bau irgendwo abseits der Innenstadt, dort, wo man keine arbeitenden Beamten, sondern nur wohl situiert Wohnenden samt ihrer Häuser vermutete. Wo genau das gewesen war, wusste ich jedoch nicht mehr, und ob sich in der Zwischenzeit nicht etwas verändert hatte, ebenso wenig.
Also: Internet. Doch eine Heimkehr fand ich unsinnig und überaufwändig, und andere Zwischennetze waren nicht verfügbar.
Also: Telefonische Internetsuche. Ich rief meine Mitbewohnerin an, in der Hoffnung, sie in Rechnernähe anzutreffen, doch geriet nur an den Anrufbeantworter, dessen Spruch auch noch meine eigene Stimme wiedergab. Ich redete mit mir selbst. Ergebnislos.
Also: Oldschool-Suche. Gelbe Seiten. Wo bitte gab es die Gelben Seiten? Ich kann mich nicht erinnern, vor wievielen Jahren meine WG zum letzten Mal ein papiernes Telefonbuch besessen hatte, und konnte mir nicht vorstellen, dass überhaupt noch jemand, der freien Zugang zum weltweiten Netz besaß, freiwillig Jahr für Jahr dicke Wälzer von der Post nach Hause schleppte.
Die Post! Ich begab mich sogleich zur nächsten Postfiliale. Weil ich mich in der Innenstadt befand, also zur Hauptpost. Die Idee war gut und schlecht zugleich. Gut, weil von allen Orten der Erde die Hauptpost einer mittelgroßen Stadt noch am ehesten über ein Exemplar der Gelben Seiten verfügen wurde. Schlecht, weil die Menschenschlange, die sich mehr oder minder geduldig wartend im Filialraum gebildet hatte, enorme Länge besaß. Optimistisch geschätzte Wartezeit: Zehn Minuten. Realistisch geschätzte Wartezeit: ... Ich wagte es nicht, den Realismus auszupacken, sondern betrachtete die Schlange, rief laut und unangemessen euphorisch "Hurra!" und reihte mich ein. Die Minuten vergingen, und ich begutachtete die strategisch neben der Warteschlange aufgebauten Warenangebote. 3D-Papppuzzles verschiedener internationaler Sehenswürdigkeiten zum Beispiel. Wahnsinnig interessant.
"Was ist das überhaupt?", fragte der hinter mir Stehende.
"Das sind 3D-Papppuzzles verschiedener internationaler Sehenswürdigkeiten.", erklärte ich, und er schnaufte abwertend. Offensichtlich hatte dieser kleine Dialog ausgereicht, um eine Tür zwischen uns beiden zu öffnen, denn fortan war ich sein Ansprechpartner.
"Nur drei Schalter offen... Ewig warten... Das is doch kein Service!"
"Tja.", antwortete ich eloquent und unverbindlich. Ich mag es nicht zu warten, doch es wird nicht besser, wenn man sich auch noch darüber ärgert. Ich neige dazu, meine gute Laune bewahren zu wollen und die die offensichtlich hektisch arbeitenden Postfilialmitarbeiterinnen mit Freundlichkeit anstelle von Grummel zu bedecken.
"Hoffentlich hält das.", hörte ich eine ältere Dame sagen, die sich am Schalter 1 soeben nicht nur eine Rolle Packpapier, sondern auch ein überdimensional großes Paket griff und humpelnd den Ausgang suchte. Hin und wieder schleifte das Paket auf dem Boden. Oje, dachte ich, wo waren nur die Jungpioniere und Pfadfinder, wenn man sie brauchte. Wo waren die Altpapiersammler, Über-die-Straße-Helfer und Einkauf-nach-Hause-Trager, der zu sein ich einst erzogen wurde? Ich warf einen Blick auf die Menschenmasse vor mir, schätzte meine weitere Wartezeit optimistisch auf 15 Minuten, betrachtete die alte Dame, wie sie Stufe für Stufe dem Ausgang entgegenhumpelte, und fasste einen Entschluss. Ich rückte den Beschwerer hinter mir beiseite, drängte mich an allen anderen vorbei und gesellte mich zu der alten Frau.
"Wohin müssen sie denn?", fragte ich, auf das Paket deutend.
"Ach, auf den Werder.", seufzte sie, wissend, dass ich mit Sicherheit nicht willens wäre, ihr bis dorthin, Paket schleppend, zu folgen.
"Aber bis zur Straßenbahnhaltestelle kann ich's doch immerhin tragen.", meinte ich, und ihr Gesicht erhellte sich.
"Das wäre nett."
Wir gingen los. Das Paket war nicht schwer, nur klobig, und die Schnüre trugen sich sehr unangenehm. Die alte Frau humpelte auch ohne Paket, und wir kamen nur langsam voran. Macht nichts, dachte ich, denn ich kannte bereits mein nächstes Ziel. Und das lag sogar ein Stückweit Richtung Werder.
Wir betrieben Smalltalk. Sie erklärte, dass sie gerade vom Arzt käme, dass sie ja nicht gewusst hatte, wie riesig das Paket sei, dass sie den Postboten verpasst hatte, dass es Weihnachtsgeschenke seien, die ich trug, dass sie am Alten Markt umsteigen würde, weil doch wegen der Baustelle die Bahnen jetzt anders fuhren, dass es heutzutage nicht mehr so oft passiere, dass ein junger Mann... Ich sagte nicht viel. Musste ich auch nicht.
Die Straßenbahnhaltestelle rückte näher, und als wir sie erreichten, befand sich in meiner Hand plötzlich ein 2-Euro-Stück. Das hatte ich gewiss nicht beabsichtigt, und ich lehnte ab.
"Aber das ist doch nicht nötig..."
Wenn Omas Geld verschenken, wollen sie es nicht zurück, und ich wehrte mich nicht lange.
"Kaufen Sie sich etwas Süßes oder so.", drängte sie und akzeptierte nichts anderes.
Als die Bahn kam, stiegen wir ein. Zwei Haltestellen später würden wir aussteigen, sie, um zur Bushaltestelle zu wechseln, ich, um die Touristeninformation aufzusuchen. Denn wenn jemand etwas wusste, dann ja wohl eine Informationsstelle.
Die Bahn war voll, doch ich bewachte das klobige Paket und rückte nicht von der Stelle. "Nächste Haltestelle: Alter Markt". Blechern tönten ansagende Kinderstimmen aus den Lautsprechern, die Türen öffneten sich, wir stiegen aus und verabschiedeten uns, natürlich nicht ohne Dankesworte. Und bevor ich ging, hatte die alte Dame plötzlich noch eine Idee. Sie nahm ihre Rolle Packpapier, führte sie unter den beiden Paketschnüren hindurch – und schuf einen wunderbaren Tragegriff. Ich war begeistert. "So ist's besser.", meinte sie lächelnd und humpelte davon.
Die Touristeninformation war gleich um die Ecke, und ich musste Privatgespräche der Mitarbeiter unterbrechen, um mir Gehör zu verschaffen.
"Ich bin zwar kein Tourist, aber brauche trotzdem eine Information.", begann ich und fragte nach dem Gewerbeamt. Alternativ gingen auch die Gelben Seiten. Die ich auch gereicht bekam. Anstelle einer Infromation.
Während ich mich durch die blassgelben, bunt bedruckten Seiten wühlte, bekam ich vom Touristeninformanten einen guten Tipp:
"Warum gehen Sie nicht zur Stadt?"
"Zur Stadt?"
"Na, zum Rathaus. Der Portier weiß bestimmt Bescheid."
Gute Idee. Denn auch das Rathaus befand sich gleich um die Ecke. Ich blätterte noch ein wenig, ohne fündig zu werden, verabschiedete mich dankend und begab mich zum Rathaus. Der Portier war eine Frau, befand sich nicht in ihrem Glaskasten und humpelte.
"Ich suche das Gewerbeamt.", erklärte ich mich, denn bei allem odysseesken Herumgelaufe hatte ich mein Ziel nicht aus den Augen verloren.
Die Frau wusste Bescheid, und ich atmete auf. Sie setzte zu einer Erklärung an, doch unterbrach sich sogleich.
"Kommen Sie mit."
Sie humpelte zur Tür und deutete auf ein nebenstehendes Gebäude.
"Da ist der Eingang. Aber wie spät ist es? Kurz vor Zwölf. Da müssen Se sich beeilen."
Ich bedankte mich herzlichst und rauschte davon. Tatsächlich war es bereits Zwölf, denn sobald ich die Stufen zum besagten Gebäude betrat, läuteten Kirchenglocken.
"Ich möchte zum Gewerbeamt.", teilte ich dem weiblichen Portier mit.
"Zwei Treppen, dann erste Tür rechts. Raum 311. Aber beeilen Se sich."
Ich eilte, stürmte die Treppen hinauf, fand die Tür, klopfte, trat ein. Wieder unterbrach ich ein Mitarbeiterprivatgespräch, als ich meinen Wunsch äußerte.
"Ich weiß, es ist bereits 12 Uhr, aber ich bräuchte einen neuen Ausdruck meiner Gewerbeanmeldung.", sagte ich in reuevollem Tonfall.
Dass dieser Ausdruck haufenweise Geld kostete, bedarf keiner Erwähnung. Dass sich die Mitarbeiterin trotz der Uhrzeit ans Werk machte, jedoch schon. Und auch, dass sie bei der Kasse anrief, um mich anzukündigen. Die Kasse war ein Stockwerk höher gelegen und nach dem Bezahlvorgang hatte ich zu verkünden, dass ich der letzte sei. Kaum war ich wieder im Raum 311, wurde mir der Ausdruck ausgehändigt. Wuhuu!, dachte ich. "Danke.", sagte ich und verschwand.
Der weibliche Portier, für die mir noch immer keine passende Berufsbezeichnung eingefallen war, blickte mich fragend an, und ich winkte mit meiner Mappe. "Hat noch geklappt. Danke!", und ich wanderte davon, über den frisch eröffneten Weihnachtsmarkt Richtung Agentur für Arbeit.
Eine Straßenbahnfahrt, ein paar Meter Fußweg und allerhand Treppenstufen später stand ich vor der Tür meiner Sachbearbeiterin und klopfte. Keine Reaktion. Ich klinkte. Verschlossen. Mist.
Was nun?, überlegte ich, da kam plötzlich die Kollegin meiner Sachbearbeiterin vorbei, jene, die nicht nur mit ihr den Raum teilte, sondern auch noch Bescheid wusste.
"Haben Sie die Gewerbeanmeldung?"
Völlig außer Atem konnte ich nur nicken und ihr das kostbare Blatt reichen. Während sie kopierte, dachte ich an die alte Frau, der ich geholfen und an das Glück, das ich danach gehabt hatte. Karma? überlegte ich, die eigentlich mürrisch dreinblickende Kollegin gab mir die Gewerbeanmeldung zurück und wünschte mir freundlich einen guten Tag.
morast - 26. Nov, 12:34 - Rubrik:
Wortwelten
"Sei vorsichtig! Die Klinge ist scharf!", sagte Bruno, der dicke Clown, und reichte Jürgen das Schwert.
"Haha!, grummelte Jürgen, denn als Schwertschlucker kannte er sich mit Klingen bestens aus.
"Nee, im Ernst!", meinte Bruno, "Die Klinge ist wirklich scharf!"
Wenn Clowns Dinge wie "im Ernst" und "ernsthaft" sagten, waren sie im Allgemeinen noch unglaubwürdiger als ohnehin schon. Insbesondere wenn sie schminkbedingt dabei hämisch zu grinsen schienen. So wie Bruno, der hämisch grinste.
"Is gut.", brummte Jürgen. "Schwerter sind nunmal scharf."
"Aber...", begann Bruno, doch Jürgen hatte bereits den Kopf gehoben und sich das Schwert tief in Mund und Rachen eingeführt. Eine Sekunde lang war es still. Dann errötete urplötzlich Jürgens kahler Schadel, reifte wie eine Tomate zu leuchtender Ampelfarbe. "Farf!", stöhnte Jürgen, der Schwertschlucker, und zog hastig das Metall aus seinem Gesicht.
"Scharf!", wiederholte er kurz darauf, nun verständlicher. Flammen züngelten zwischen seinen Lippen hervor.
Clown Bruno feixte. "Sag ich doch." Er reichte dem Schwertschlucker eine Flasche Chilisauce "Extra Scharf!!!".
"Dann werd' ich eben Feuerspucker.", meinte Jürgen gleichgültig und ging, während es grell aus seinem Mund loderte.
morast - 24. Nov, 11:35 - Rubrik:
Wortwelten
ich vermisse dich.
nicht dich, die jemals existierte, sondern dich, die du traumbild bist, wunschbild, sehnsucht abseits aller realitäten, abseits aller möglichkeiten. ich vermisse dich, vermisse den trost, den du mir schenkst, die intensität, mit der sich deine nähe zeigt. ich vermisse dein lächeln, das mich dazu bringt, mich wieder und wieder in dich zu verlieben, vermisse deine hauchzarte berührung, das einander finden, die bedeutung, die in diesem fast nur erahnbaren kontakt innewohnt, das wissen, das diese berührung mit sich bringt. ich vermisse dich, vermisse dich, als wärest du teil von mir, teil meines daseins, vermisse dich, als hätte ich dich nicht nur ersonnen, als erfülltest du nicht ideale, nicht gedanken, sondern als wärest du hier gewesen, eben noch, vor kurzem, als röchen die laken nach dir, als fände ich irgendwo hier eine spur von dir, einen beweis dessen, dass du hier verweiltest, dass du mich zurückließest mit der erinnerung, gefangen in meinem kopf und dieser lächerlich belanglosen spur. ich vermisse dich, als könnte ich auf dich warten, hier ausharren, bis du zurückkehrst, bis du mich entdeckst, lächelnd, voller liebe. ich vermisse dich, vielleicht weil du auch vergangenheit bist, weil du teile des gewesenen zusammenfügst, tatsächliches mit träumen kombinierst, zu einem gewebe verdichtest, das mich fast weinen, fast lachen lässt, das dich malt, wie du niemals sein wirst, niemals, niemals, niemals. und in meinem kopf erwachen bilder von vergangenheiten, von momenten, die zu schön waren, als dass ich mich ihrer ständig erinnern könnte, von momenten, die bedeutung besitzen. und selbst wenn die bedeutung ursprünglich abseits deiner existenz stattfand, so ist sie nun mit dir verknüpft, schönheit mit schönheit, erinnerung mit erinnerung, träumen mit träumen. ich vermisse dich, meine liebe, vermisse dich, und obgleich ich dich niemals halten, niemals finden werde, bin ich doch bereit, dich zu suchen, dich in täglichen begegnungen zu erahnen, teile deines daseins in anderen zu erkennen und mich in dich, in sie, zu verlieben. und, trotz allem, bin ich nicht gewillt aufzugeben, nicht gewillt, die hoffnung sterben zu lassen. vielleicht, vielleicht finde ich dich ja doch. irgendwann. irgendwo.
morast - 12. Nov, 21:24 - Rubrik:
Geistgedanken
"Geht es dir gut?", fragte ich leise. Die Frage erübrigte sich selbstverständlich. Die Maus war tot, und selbst wenn sie noch gelebt hätte, hätte sie vermutlich nicht geantwortet. Dennoch, ungeachtet der Unsinnigkeit meines Tuns, ungeachtet dessen, dass ich mit einem äußerst zweidimensionalen und äußerst leblosen Nagetier sprach, fragte ich noch einmal "Geht es dir gut?".
Die noch immer tote Maus zog es vor, weiterhin zu schweigen, und eine Träne kroch meine Wange hinab. "Ich werde dich rächen!", schluchzte ich. "Ich werde den Übeltäter finden und zur Strecke bringen!" Ich hatte sie nicht gekannt, die Maus, die ihr kleines, wertvolles Leben auf dem Asphalt ausgehaucht hatte, doch ich war nicht länger bereit wegzusehen, nicht länger willens, derartiges weiterhin geschehen zu lassen.
"Ich werde dich rächen!", stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und stand auf. Der Baseballschläger schmiegte sich angenehm an meine Handfläche. Ich sah mich um. Die Straße war voller Autos, und unter ihnen gab es einen Mörder.
'Nur eine Frage der zeit, bis ich dich finde.', dachte ich wütend, schwang den Baseballschläger und begann mein Werk.
morast - 29. Okt, 19:09 - Rubrik:
Wortwelten