Auch das dritte Bild war verwackelt.
"Vielleicht ist die Kamera kaputt.", meinte ich und wusste, dass es nicht stimmte. Ich hatte einen ganzen Film damit verbracht, sie auszuprobieren, Schnappschüsse zu machen und mich davon zu überzeugen, dass die Kamera in bestem Zustand war. Trotzdem richtete ich sie auf Peter und betätigte den Auslöser.
Es dauerte einen winzigen, spannungsgeladenen Aufgenblick, dann begann die Kamera zu arbeiten. Wie hatte ich das vermisst, dieses Geräusch von Mechanik, dieser Beweis einer maschinell ausgeführten Tätigkeit, die ich bis heute nicht völlig begriffen hatte. Wie hatte ich es vermisst, dem weißen Polaroidfoto zuzuschauen, wie es langsam aus dem Inneren des Apparates ins Freie geboren wurde. Wie hatte ich es vermisst, ihm das Gezeugte zu entreißen und und wild wedelnd darauf zu warten, dass sich allmählich Formen und Farben auf dem belichteten Papier herausbildeten.
Ich lächelte, Peter schaute genervt. Nicht nur auf dem Foto, sondern auch in Wirklichkeit. Wie niedlich er aussah, wenn sich seine Stirn in Falten legte, wenn seine Mundwinkel nach unten sanken, wenn er die Backenzähne aufeinanderpresste.
"Scharf!", rief ich und hielt Peter sein Abbild vor die Augen. Er nickte, betrachtete sich selbst, seine abweisende Miene, festgehalten mit einer Kamera, die vor 20 Jahren als modern gegolten hätte, ließ ein winziges Schmunzeln aufblitzen und versuchte dann, seinen Unmut wiederzufinden und sich in ihm zu vergraben. Es gelang ihm nicht ganz. Zu gut kannte ich ihn, um nicht zu bemerken, dass sein Portrait ihn aufgeheitert hatte. Und dass er sich Sorgen machte. Nicht wegen mir, sondern wegen des Fotos. Wegen der drei verwackelten Fotos. Wegen des Stuhls.
Die Fotos waren nicht verwackelt. Nicht völlig. Nur der Stuhl war unscharf darauf zu sehen, als hätte man eine stuhlförmige Milchglasscheibe vor ihm positioniert. Als wären Nebel aufgezogen, um sein wahres Antlitz zu verhüllen. Als wäre er eine Art Vampir, den zu fotografieren nicht möglich war. Doch es war ein Stuhl. Ein schlichter Holzstuhl. Ein Bertil, vor einer Stunde bei Ikea erworben und innerhalb weniger Minuten montiert. Ein Stuhl aus Kiefer, Schrauben und Leim. Ein Stuhl.
Ich fotografierte ihn ein viertes Mal. Der Apparat gebar, und ungeduldig wedelte ich das Polaroidfoto hin und her, auf und ab. Unscharf.
Die Konturen meiner Strickjacke, die ich auf dem Stuhl abgelegt hatte, waren klar und eindeutig. Das Kachelmuster des Küchenfußbodens war in Perfektion abgebildet. Selbst die Stehlampe hinter dem Stuhl war, obgleich außerhalb des Bildzentrums stehend, noch schärfer zu sehen als der hölzerne Stuhl, dessen Kanten schwammigen Wesen aus fernen Galaxien glichen, als bestünde die Welt eigentlich aus Aquarellfarbe und für den Stuhl wäre zu viel Wasser benutzt worden.
"Vielleicht kommt der Fokus mit der Farbe nicht klar.", murmelte ich zweifelnd, rannte rasch ins Arbeitszimmer, kramte in einer der zahlreichen Schubladen, hielt triumphierend die Digitalkamera hoch und eilte in die Küche zurück. Peter war verschwunden, hatte vermutlich die Lust verloren. War auf dem Klo oder so. In schneller Folge schoss ich fünf, sechs Bilder vom Stuhl - und allesamt waren sie scharf.
Unglaublich.
"Peter, schau dir das an!", rief ich, doch bekam keine Antwort. Ich ergriff die Polaroidkamera, richtete sie auf den Stuhl, drückte ab. Es surrte, brummte. Ich wartete, wedelte. Unscharf.
Allerdings hatte sich die Farbe des Stuhles geändert. Das helle Kiefernholz hatte auf dem Foto einen dunkleren Farbton angenommen, als wäre die Polaroidkamera nicht nur nicht imstande, seine Konturen ordnungsgemäß darzustellen, sondern hätte auch die Fähigkeit verloren, die Farben der Wirklichkeit entsprechend zu reproduzieren. Allerdings nicht alle Farben. Nur die des Stuhls.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
"Peter!", rief ich, und hoffte, dass er die Panik in meiner Stimme nicht hörte. "Peter, sieh dir das an!"
Peter reagierte nicht. Gab keinen Laut von sich. War nicht zu sehen. Arschloch!, dachte ich, da fiel mein Blick auf die Mikrowelle. Auf die gläserne Scheibe der Mikrowelle, in der sich der Stuhl spiegelte. Oder eben nicht spiegelte.
Ich lief ins Bad. Kein Peter weit und breit zu sehen. Ich zuckte mit den Schultern, griff mir den Kosmetikspiegel und kehrte zum Stuhl zurück. Schaute ihn an. Erst so, dann durch den Spiegel.
Keuchte.
Selbst das Spiegelbild des Stuhles war verschwommen.
Das konnte doch nicht sein!
Ein Vampirstuhl!, durchzuckte es mich, und vor zwei Minuten hätte ich diesen Gedanken noch herrlich lächerlich gefunden. Doch jetzt nicht mehr.
Peter! Wo war Peter?
"Peter!", rief ich, verzweifelt, den Tränen nah. Doch Peter schwieg. War wie vom Erdboden verschluckt. Oder von einem Stuhl.
Misstrauisch betrachtete ich das Möbelstück. Schüttelte den Kopf. Das war doch alles albern!
Vielleicht war der Stuhl ja ein der Sarg eines Vampires gewesen, hatte dessen negative Energien aufgesaugt und war nun selbst ... Ich unterbrach meine Gedanken.
Peter. Ich musste Peter finden.
Stellte man Särge überhaupt aus Kiefer her? Verwendete man dazu nicht Eiche? Und waren die Bretter nicht eigentlich zu schmal, um später aus ihnen einen Stuhl...
"Schnauze!", schrie ich mich an. "Schnauzeschnauzeschnauze!"
Ich drehte mich um, rannte durch die Wohnung, suchte nach Peter. Im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, erneut im Bad, öffnete die Wohnungstür, rannte ins Erdgeschoss, auf die Straße, entdeckte niemanden, keinen Peter, keine Menschenseele, absolut niemanden. Vielleicht hatte ich ihn übersehen, dachte ich, stürmte zurück. Vielleicht in dem hohen Sessel im Arbeistzimmer. Vielleicht war er - aus welchem Grund auch immer - gerade im Kleiderschrank. Jedes Zimmer durchforstete ich, suchte Peter, öffnete Schränke und Schubladen, schaltete Lampen an und aus, riss das Fenster auf, rief seinen Namen, wieder und wieder, rannte in die Küche zurück, weil ich ein Geräusch zu hören glaubte - und hielt dann inne.
Keuchte. Außer Atem. Fassungslos. Verständnislos.
Was geschah hier? Wo war Peter? Was war das für ein bescheuerter Stuhl?
Mir drehte sich alles. Die Welt drohte in meinem Kopf zu kollabieren, und ich setzte mich.
Auf den Stuhl.
morast - 8. Okt, 13:50 - Rubrik:
Wortwelten
Das Paket konnte noch nicht lange dort stehen. Vor einer halben Stunde hatte ich noch den Müll herausgebracht, hatte die Wohnungstür geöffnet, war die sieben Stufen hinuntergelaufen, hatte mich durch die Haustür begeben, die fünfeinhalb Meter Fußweg zurückgelegt, den Beutel mit dem bereits unangenehm riechenden Inhalt in die erstbeste Tonne geworfen und war zurückgelaufen, zurück in meine Wohnung, zurück in meine Küche, wo der Wasserkocher bereits seinen Betrieb eingestellt hatte und geduldig darauf wartete, mir einen heißen Morgentee zuzubereiten. Sicherlich war ich gerade aufgestanden gewesen, hatte trotz wasserintensiver Reinigung noch das eine oder andere Krümelchen Müdigkeit in meinen Augenwinkeln kleben, doch bezweifelte ich, dass ich selbst bei absoluter geistiger Abwesenheit imstande gewesen wäre, dieses Paket zu übersehen.
5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Die halbvolle Tasse Tee war längst erkaltet und ich stand in Wintermantel, Schal und andere gesellschaftlich akzeptierte Körperverhüllungen gekleidet in der Tür und betrachtete das Paket, das meinen frisch geputzten Schuhen so unerwartet Widerstand geleistet hatte. Es konnte noch nicht lange dort stehen, stellte ich fest. 5 Uhr 30 kam noch keine Post, stellte ich fest. Meine Nachbarn, allesamt im Rentenalter, wären niemals imstande gewesen, dieses Monstrum von einem Paket anzuheben und in frühester Morgenstunde geräuscharm vor meiner Tür abzustellen, stellte ich fest. Meine Nachbarn hätten niemals ein Paket für mich angenommen, stellte ich fest und grinste säuerlich.
Woher stammt also dieses Paket, wunderte ich mich. Doch nicht sehr lange, denn das Paket selbst, dessen fast absurdes Äußeres, lud viel mehr zur Verwunderung ein. Es war groß, überaus groß, nahm fast die gesamte Breite des Türrahmens ein und ging mir teilweise bis zum Bauchnabel. Teilweise. Denn das Paket war kein Paket, das der üblichen Achteckigkeit, der altbekannten Sechsflächigkeit frönte, nein es hatte zahllose Flächen unterschiedlichster Form und Größe und weigerte sich, auch nur annähernd quaderförmig zu sein. Fast war es, als wäre das Paket von einem Wahnsinnigen entworfen worden, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit auszuloten.
Das Paket war pink. Und damit meine ich nicht das Pink, das kleine Mädchen und Jugend erstrebende Mittvierziger gerne als Kleiderkoloration wählen, nicht jenes Pink, dem eine gewisse kecke Mädchenhaftigkeit beiwohnt, jenes Pink, das ich zwar noch nicht für hübsch erachtete, dessen Existenz ich aber keineswegs bedauerte. Nein ich meinte Pinkpink. Überpink. Grellpink. Ein Pink, das mich anschrie, meine Augen auspeitschte, eines, das selbst nach dem Wegsehen noch im Blick nachglomm, das sich sogar auf meine Zunge gelegt, meine Geschmacksnerven beeinflusst zu haben schien. Echtes Pink.
Und dann die Schleife. Sie war keine Schleife, sondern die Karikatur einer Schleife, die Groteske einer Schleife, ein monströses Konstrukt, das lächerlich und beeindruckend zugleich war, das schaffte, mich schmunzeln zu lassen, während mir das Herz vor Schreck beinahe stehen ...
Das Paket bewegte sich.
Nein, das konnte nicht sein! Pakete bewegten sich nicht. Selbst derart abstruse Pakete wie das vor meiner Tür bewegten sich nicht. Nie-mals!
Das pinkfarbene Papier riss auf. 'Kein Dinosaurier!', dachte plötzlich und ohne Grund. 'Bitte lass es kein Dinosaurier sein!'
Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück.
"Tadaa!", rief der Kerl, der soeben auf dem unförmigen Paket sprang und breite die Arme aus. Verdutzt starrte ich ihn an. Sein Anzug war pink. Normal pink. Nicht überpink, grellpink, kreischpink, sondern normal pink. Wie man es kennt. Er grinste und schob sich die zerzausten Haare aus der Stirn.
"Ich komme gleich zur Sache:", sagte er und sein Grinsen verbreiterte sich proportional zu meinen den Gesetzen des Entsetzens frönenden Pupillen.
"Du schläfst zu wenig. Viel zu wenig. Es ist jetzt...", Er hielt inne, schaute auf sein linkes Handgelenk, wo er mit Filzstift ein paar zeigerähnliche Linien hingekrakelt hatte. "... viel zu früh, und du bist schon wach."
Er starrte mich an, blickte mir ins Gesicht, und ich konnte die Augenringe spüren, die unter meinen Sehorganen hingen, fühlte die Schlafsandreste in meinen Augenwinkeln, spürte bereits jetzt die Kraftlosigkeit, die sich im Laufe des Nachmittags in meinem Körper ausbreiten würde, erkannte jede einzelne Sekunde fehlenden Schlafes.
"Wann bis du ins Bett gegangen?", fragte er mich. "Um elf? Um zwölf?"
"Halb eins.", murmelte ich. Das war korrekt. Dass ich anschließend noch mindestens zwanzig Minuten gelesen hatte, verschwieg ich jedoch.
"Halb eins?!?", schrie der Anzugmensch und streifte sich letzte Paketpapierreste ab. "Halb eins?!? Das ist zu spät! Ich meine, jetzt ist es gerade mal ..." Er sah wieder auf seine aufgemalte Uhr. "viel zu früh, und du bist bereits wach!"
"Ich...", setzte ich an.
"Und so geht das seit Tagen!", rief der Anzugmann.
"Ich..."
"Seit Wochen!!"
"Aber..."
"Du brauchst Schlaf. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle.", sagte der Anzugmann und beruhigte sich ein bisschen.
"Aber ich muss doch arbeiten!"
"Nicht jetzt. Nicht für die nächsten Stunden.", widersprach der Anzugmann.
"Ich schlafe morgen länger.", versprach ich.
Der Anzugmann schüttelte den Kopf. Wurde ernst. Und leise.
"Schau dich an. Schau dich ganz genau an. Du brauchst Schlaf. Viel Schlaf. Nicht nur ein bisschen, sondern viel. Und zwar jetzt." Er seufzte. "Ich sage das als Freund, weil ich dir helfen will, weil ich möchte, dass es dir gutgeht. Schau dir doch an, wohin du gekommen bist: Du stehst morgens um ..." Er sah auf seine nicht existierende Uhr. "Äh... ganz schön früh auf dem Flur und hast Halluzinationen."
"Halluzinationen? ich habe keine Hallu..."
"Und was bin ich?"
"Du bist e-echt?"
"Und dieser pinkfarbene Anzug?"
"Echt."
"Und dieses überpinke Paketpapier?"
"Auch echt."
"Und diese wahrlich abstruse Schleife?"
"Die ist ebenfalls echt.", meinte ich und war mir meiner Sache äußerst sicher.
"Und dieser überaus nutzvolel, aber auf jeden Fall halluzinierte Gummihammer?", fragte der Anzugmann.
"Ech-", begann ich. "Welcher Gummihammer?"
"Der hier!", rief der Anzugmann triumphierend und zog aus der Innentasche seines Jackets einen drei Meter großen überpinkfarbenen Gummihammer.
Ich begann zu zweifeln. Das konnte doch nicht echt sein, oder?
Der Hammer drehte sich ein Stück und raste dann direkt auf mich zu. Der Anzugmann lachte irssinig, dann traf mich eine Wucht aus pinkfarbenem Gummi und ich fiel in Ohnmacht.
Ich erwachte in meinem Bett. Schaute auf den Wecker. "8 Uhr 15. Zeit zum Austehen.", sagte ich, gähnte kurz und lächelte. Heute hatte ich endlich mal gut geschlafen.
morast - 7. Okt, 07:02 - Rubrik:
Wortwelten
"Felix.", sagte sich Felix zum dritten Mal innerhalb der letzten Stunde. "Felix kommt aus dem Lateinischen und heißt glücklich."
Felix hingegen kam aus Essen und war alles andere als glücklich. Nicht, weil er aus Essen kam. Essen war eine mittelmäßig hübsche Stadt, in der man sich ebenso wohl fühlen konnte wie in Magdeburg oder Tübingen. Und dass Essen ebenso wie Pforzheim und Darmstadt Ziel immer gleicher Wortwitzigkeiten war, störte ihn auch nicht. Eher im Gegenteil: Felix lachte gerne. Selbst wenn er den Witz schon kannte.
Im Augenblick jedoch fühlte er sich nicht so, als läge ein Lachen auf der Lauer. Und wenn, dann nur eines von denen, die galgenhumorige Traurigkeit mit sich herumschleppten, also besser im Verborgenen blieben.
Glücklich sollte er sein, nicht traurig. Er hieß schließlich schon so.
"Felix, altes Haus!", grüßte ihn Ludwig, der Indianer. Ludwig war kein Indianer, doch trug er stets einen prächtigen Federschmuck auf dem Kopf und verzichtete, sobald Sonne nur erahnbar war, auf Oberbekleidung.
"Hugh!", sagte Felix und merkte, wie sich sein Gemüt ein wenig aufhellte. Ludwig war in Ordnung. Er bezahlte nie, roch manchmal etwas streng, konsumierte zu viele Kräuter, deren Namen Felix nicht einmal aussprechen konnte - doch er war in Ordnung. Vielleicht steckte tatsächlich ein wenig Indianerblut in ihm; wer wusste es schon.
"Wie geht es dir?", fagte Ludwig, und zum ersten Mal begriff Felix, dass Ludwig zu den wenigen Menschen gehörte, die eine solche Frage stellten, weil sie an der Antwort interessiert waren - nicht daran, Konversation zu betreiben.
"Nicht so gut.", sagte Felix und hoffte, Ludwig möge nicht nach dem Grund dafür fragen. Es gab nicht einen Grund, es gab Hunderte. Doch allesamt waren sie winzig, unsinnig, fast albern, nicht bedeutsam genug, um den eigenen lateinischen Vornamen zu vernachlässigen.
Ludwig aber schwieg, nickte nur. Der USB-Stick an der Plastikkette um seinen sonnengegerbten Hals klapperte fröhlich.
"Was wir brauchen", verkündete er nach einer Weile mit wissender Miene, "ist eine Friedenpfeife."
Felix wunderte sich. Friedenspfeifen rauchte man doch, um Kriegsbeile zu begraben, Stämme zu einen und zukünftiges Blutvergießen zu verhindern. Was hatte das mit ihm, Felix, dem Unglücklichen, zu tun?
Und überhaupt: Er rauchte doch gar nicht. Weder Pfeife, noch Zigarette, noch Shisha. Gar nicht. Noch nie und niemals.
Ludwig nickte bedächtig, und der USB-Stick klapperte.
"Das Ritual will es so.", meinte er. Felix beschloss, nicht zu fragen. Ludwig war ein sonderbarer Kerl, und wenn man ihn twas fragte, wusste man anschließend weniger als zuvor.
Ludwig führte Felix an eine Fußgängerampel.
"Schließ die Augen. Atme sieben Mal flach und tausendmal tief. Bewege dich nicht."
Und als Felix ihn fragend anschaute, ergänzte er: "Das Ritual will es so."
Felix seufzte. Schloss die Augen. Atmete flach. Atmete tief. Die Ampel sprang auf Grün, er hörte Menschen an ihm vorübergehen, doch er bewegte sich nicht. Er zählte. Atmete. Zählte.
Gedanken fielen von ihm ab. Sorgen.
Das Ritual. Felix schmunzelte. Zählte weiter.
Tausend.
Felix öffnete die Augen. Ludwig grinste ihn an und hielt eine Trillerpfeife hoch.
"Die Friedenspfeife."
Felix begriff nicht. Öffnete den Mund, um zu fragen.
"Die ist für inneren Frieden. Den Seelenfrieden.", erklärte Ludwig, und sein Grinsen wurde noch breiter.
Felix zweifelte. Ludwig veralberte ihn doch. Dieser lächerliche Indianerimitator hatte ihn die ganze Zeit veralbert! Die schwarzen Wolken, die sein Gemüt vernebelt, ihn fast verlassen hatten, kehrten zurück. Felix, der Unglückliche, seufzte.
Ludwigs Miene wurde ernst. Er reichte Felix die Trillerpfeife.
"Blas hinein.", sagte er und sein Tonfall duldete keine Widerrede.
"Blas hinein. Das Ritual will es so."
Felix nahm die Trillerpfeife und bließ vorsichtig hinein. Ein leiser Ton entsprang, verkümmerte ihm Verkehrslärm.
Ludwig nickte auffordernd, und der USB-Stick an der Plastikkette um seinen Hals klapperte fröhlich.
"Das Ritual will es so.", sagte Felix und stieß so fest er konnte die gesamte Luft seiner Lungen in die winzige Pfeife.
Ein Trillern ertönte, laut und grell, schrill und gellend, Menschen drehten sich verwundert um, Ludwig hielt sich grinsend die von Federn umkränzten Ohren zu, und aus Felix Mund barsten Krach und Lärm, trillerten Ton und Töne zum Himmel empor, ließen sich von Wänden zerschmettern, von Bäumen aufsaugen, von rauschenden Autos übertönen.
Und dann war es vorbei.
Felix atmete ein, atmete aus, sah Ludwigs Federhaupt hinter der nächsten Straßenecke verschwinden - und war glücklich. "Danke.", rief er Ludwig hinterher und lachte.
Sorgsam verwahrte er die Friedenspfeife in seiner Tasche. 'Vielleicht brauche ich sie noch einmal.', dachte Felix der Glückliche und ging nach Hause.
morast - 5. Okt, 16:32 - Rubrik:
Wortwelten
"Multimillionär!", rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Hatte ich aber nicht. Diesbezüglich war ich mir ziemlich sicher.
Worin ich mir außerdem sicher war: mein Berufswunsch.
Ich hatte gerade meinen siebenunddreißigsten Geburtstag hinter mir gelassen und steuerte nun mit rasanter Geschwindigkeit nicht nur auf die Vierzig zu, sondern auch durch Hamburg, das ironischerweise genau die Stadt war, in der ich meine Kindheit verbrachte und in der mir die Frage erstmals begegnet war:
"Na, was willst du werden, wenn du groß bist?"
Ich hatte keine Antwort gewusst, doch nachgedacht. Lange. Sehr lange, um genau zu sein. Meine Freunde wollten Politiker werden. Arzt. Astronaut. Schauspieler. Einer sogar Bestattungsunternehmer. Ich hingegen ... wusste es nicht.
Das ärgerte mich. Nicht sehr, denn in meiner Familie waren alle klein gewachsen. Bis ich also tatsächlich groß wurde, würde noch eine geraume Weile vergehen. Wenn es überhaupt dazu kam.
Dennoch ließ mich die Frage nicht los.
Im Herbst des Jahres 1994 war ich sechseinhalb Wochen davon überzeugt gewesen, endlich meinen Traumberuf gefunden zu haben, endlich zu wissen, was ich denn eines Tages, lieber früher als später, werden wollte: Elefantenbesichtiger.
Ich hatte mir sogar eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft, sozusagen als Investition in die Zukunft, und bis ich feststellte, dass niemand einen Elefantenbesichtiger einstellen wollte, ja, dass es wohl noch nicht einmal einen Beruf gab, der so hieß, verging eine Weile.
Selbst danach hing ich noch ein bisschen an meinem täglichen Besichtigen, bis mir der Elefantenbulle Kashmir einen genervten Blick zuwarf und ich mir überlegte, ob es nicht an der Zeit war, mir einen richtigen Beruf zu suchen. Der Posten des Maulwurfbesichtigers war schon vergeben, vermutete ich. Maulwürfe können keine genervten Blicke werfen.
Also grübelte ich. Darin hatte ich Übung, doch wenn mir jemand den Posten eines Grüblers angeboten hätte, hätte ich abgelehnt. Bloß weil man etwas gut konnte, hieß das noch lange nicht, dass man es zu seinem Beruf machen musste. Oder wollte. Oder sollte. Außerdem konnte ich nicht gut grübeln. Auf einer Skala von eins bis Karotte war ich maximal ein bleistiftiger Grübler. Semibleistiftiger, um genau zu sein.
"Was willst du werden?", fragte ich mich immer wieder und ergänzte im Geiste "wenn du groß bist".
Ich wusste es nicht. "Elefantenbesichtiger!", fiel mir dann ein, und bis ich mich daran erinnerte, dass dieser Berufszweig keiner war, hatte ich oft schon eine Dauerkarte für den Tierpark gekauft. Zuweilen sogar mehrmals innerhalb eines Tages.
Ich wusste es nicht. Wusste es nicht. Wusste es nicht.
An meinem siebenunddreißigsten Geburtstag bat ich einen Freund, mich zu messen. Ein Meter neunundfünfzig. Das war nicht sehr groß, beschloss ich, und dass mir noch ein wenig Zeit bis zur Entscheidung blieb.
"Was willst du werden, wenn du groß bist?", fragte ich mich und schüttelte mit dem Kopf.
Bis ich das Wörterbuch fand. Aufschlug. Das erste Wort verlas, das ich sah: Multimillionär.
"Multimillionär!", rief ich begeistert, sprang auf und ab und fuhr zum Tierpark, um mir eine Dauerkarte zu kaufen. Man konnte nie wissen.
"Multimillionär!", rief ich und lachte, als hätte ich schon wieder meinen Goldfisch gefrühstückt. Doch Herr von Flusensieb III. schwamm heiter in seinem Aquarium, während ich durch Hamburg brauste, als wüsste ich, wohin ich fuhr.
Multimillionär - das war endlich mal ein richtiger Berufswunsch. Multimillionär - das klang nach etwas. Mit einem Beruf wie diesem konnte man sich sehen lassen. Multimillionär - das wollte ich werden!
Begeistert parkte ich mein Moped in der Agathenstraße, rannte zum nächstbesten Supermarkt, riss die Frankfurter Allgemeine aus dem Kühlregal und bezahlte sie. Und nicht nur das! Ich gab sogar Trinkgeld.
"Ich kann es mir leisten!", jauchzte ich der verblüfften Kassiererin zu, die sämtliche sieben Trinkgeldcents unbetrachtet in der Kasse verschwinden ließ. Ich sprang auf die Straße, wich zwei krokettenfarbenen Volvos aus und schlug die Zeitung auf.
In den Stellenangeboten jedoch stand nichts, was mein Augenmerk erregte. Politiker wurden gebraucht. Ärzte. Astronauten. Schauspieler. Sogar ein Bestattungsunternehmer. Aber kein Multimillionär. Dabei stand ich doch zur Verfügung! Ich war hier! Bereit! Großzügig! Und ich besaß eine Dauerkarte für den Tierpark!
Enttäuscht von Welt und Leben ließ ich die Zeitung fallen und ging zu meinem Moped zurück. Was wollte ich werden, wenn ich groß war? Ein Niemand! Ein lächerliches Stück Nichts!
Grübelnd kurvte ich durch die Stadt. Was wollte ich werden? Ich wusste es nicht. Mein siebenunddreißigster Geburtstag lag hinter mir, und ich steuerte unaufhaltsam auf die Vierzig zu. Und auf den Tierpark.
Ich bremste scharf. Stieg ab. Kaufte eine Dauerkarte.
Elefantenbulle Kashmir entdeckte mich sofort, kaum dass ich das Gehege erreicht hatte. Er wirkte erfreut. Ich schmunzelte müde, hob kraftlos grüßend den Arm, setzte mich auf die Bank, die mir einst zur zweiten Heimat geworden war, und gab mich meinen Gedanken hin.
Was wohl Herr von Flusensieb III. von alledem hielt?, fragte ich mich nach einer Weile und spürte plötzlich, dass ich seit der letzten Mahlzeit nichts gegessen hatte. "Ein Currywurststeak - das soll es sein!", rief ich aus und mit neuem Enthusiasmus bestückt stand ich auf. Kashmir zwinkerte mir zu. 'Nanu?', dachte ich. Und 'Nanu?' dachte ich ein zweites Mal, als ich am Zaun des Elefantengeheges einen Zettel entdeckte. Der war neu.
"Elefantenbesichtiger gesucht! Supere Bezahlung!" hieß es dort in liebevoll arrangierten Lettern.
"Elefantenbesichtiger!", rief ich begeistert und fühlte mich plötzlich ganz groß.
morast - 4. Okt, 22:30 - Rubrik:
Wortwelten
"Ich bin nicht hier.", sagte ich und hielt mir die Augen zu.
"Doch, ich kann dich sehen.", sagte Peter. Zumindest glaubte ich, dass es Peter war, der sprach. Sicher konnte ich mir nicht sein. Ich hielt schließlich meine Augen zu.
Vielleicht war es ja gar nicht Peter. Vielleicht hatte in dem kurzen Zeitraum, in dem ich nun meine Hände vor die Augen hielt, ein außerirdischer Stimmenimitator nicht nur Peter lautlos vertilgt, sondern nun auch seine Position eingenommen, um mich zum Narren zu halten.
Doch so leicht konnte ich nicht zum Narren gehalten werden. Solange ich meine Augen zuhielt, war ich nicht sichtbar, nicht für Peter, nicht für den schrecklichen peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen, nicht für mich selbst. Und solange ich meine Hände nicht entfernte, konnte mir nichts passieren.
Ich atmete auf, ganz leise, denn wer wusste schon, wie gut die Hörorgane des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen waren. Wenn sie nur vergleichsweise so gut waren wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, konnte ich leicht in Schwierigkeiten geraten, wenn ich zu viele Geräusche von mir gab.
Ich hielt die Luft an. Vorsichtshalber. Lange würde ich das nicht durchhalten, das war mir klar. Aber auf diese Weise würde ich ein paar wertvolle Sekunden gewinnen, um mein weiteres Vorgehen zu planen.
"Alles klar?", fragte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mit einer Stimme, die so überzeugend peterisch klang, dass ich beinahe genickt hätte. Doch ich durfte mich nicht bewegen. Wenn die Bewegungswahrnehmung des peterverschlingenden Stimmenimitatoraußerirdischen genau so gut war wie seine Fähigkeit, Peters Stimme zu imitieren, steckte ich in Schwierigkeiten, sobald ich auch nur daran dachte, meine Reglosigkeit aufzugeben.
Doch wie lange würde ich meine Hände vor den Augen und die Luft in meinen Lungen halten können? Wie lange, bis der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische mich fand, verschlang und dann so tat, als wäre er ich? Wie lange?
Moment, mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische gar kein peterverschlingender Stimmenimitatoraußerirdischer. Vielleicht war dort draußen noch immer Peter, der sich wunderte, wo ich geblieben war. Vielleicht.
Vielleicht musste ich einfach die Hände von den Augen nehmen und sähe Peter, Peter, wie ich ihn seit Jahren kannte, Peter, wie er leibte und lebte, Peter, wie er aussähe, wenn der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische ihn verschont hätte. Vielleicht.
Vielleicht aber war der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische auch ein Gestaltwandler, vielleicht sah er Peter so erschütternd ähnlich, dass noch nicht einmal ich, der sein bester Freund war, ihn vom echten Peter unterscheiden könnte. Vielleicht.
Und noch schlimmer: Vielleicht hatte der peterverschlingende Stimmenimitatoraußerirdische Peter nicht gerade eben, nicht in dem Augenblick, da ich meine Augen mit meinen Händen bedeckte, verschlungen und ersetzt, sondern viel früher, vielleicht sogar schon vor Monaten! Vielleicht hatte ich mit einem Peter gespielt, der längst kein Peter mehr war, sondern ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer, der seinen Platz eingenommen hatte.
Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Was sollte ich tun? Was sollte ich nur tun? Die Luft wurde knapp, meine Arme wurden schwer, Schweißperlen formten sich auf meiner Stirn. Konnte der peterverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische auch nur ansatzweise so gut riechen wie er Peters Stimme imitieren konnte, dann würden nur noch wenige Augenblicke vergehen, bis er mich gefunden hatte.
Ich hatte keine Wahl! Ich musste atmen! Ich musste mich bewegen, die Hände von den Augen nehmen, mich sichtbar machen!
Noch einmal mahnte ich mich zur Ruhe. Vielleicht war alles in Ordnung, Peter noch immer Peter, ich außerhalb jeder Gefahr und die Welt frei von peterverschlingenden gestaltwandelnden Stimmenimitatoraußerirdischen. Vielleicht war jede Sorge unberechtigt, jede Furcht unnötig.
Ich nahm die Hände von den Augen, schleuderte die verbrauchte Luft aus meinen Lungen, atmete tief ein und blickte zu Peter. Er war nicht da. Weder er noch ein peterverschlingender gestaltwandelnder Stimmenimitatoraußerirdischer.
Die einzige Person, die hier war, war ich selber. Allerdings doppelt.
"Hallo!", lächelte der michverschlingende gestaltwandelnde Stimmenimitatoraußerirdische, und es klang, als redete ich mit mir selbst.
morast - 3. Okt, 13:22 - Rubrik:
Wortwelten
Ich würde mit dir tanzen, könnte ich es, dachte ich. Ich bewegte mich nicht.
Du hingegen glittest dahin, von Klängen getragen, von Rhythmen gewogen, triebst mal sanft mit Schmunzellippen, sprangst dann unbeherrscht und doch grazil durch Luft und Takt, formtest wirre Muster aus wehendem Haar, maltest mit Händen und Füßen verzückende Zeichen in den Raum, umtost von Inbrunst aus Tönen, von Flammen aus Laut.
Dann hieltest du inne, betrachtetest dich im schmalen Spiegel, lächeltest scheu und schenktest dir einen flüchtigen Kuss und flohst, von Glücken benetzt, hinfort.
Ich würde mit dir tanzen, dachte ich, nicht zum ersten Mal. Doch ich konnte nicht. Noch immer wellte sich der treibende Takt der Musik an meine Haut, liebkoste mich zärtlich, als wollte er mich locken.
Ich kann nicht, dachte ich, doch dann spürte ich meinen Kopf sich bewegen, träge nur, kaum wahrnehmbar, und doch im Takt der Töne, und doch im Klang des Jetzt. Hier war ich, und doch war ich entflohen, entrissen, entwurzelt, trieb dahin, als wäre ich pulsierender Hauch.
Kämest du jetzt, dachte ich noch, und beseelt ließ ich mich von Stimmen und Instrumenten durchfluten, so wäre ich dein, deiner Berührung ergeben, deiner Nähe verfallen, irgendwo in deinem Haar vergraben, an deine Fingerspitzen gefesselt.
Die Musik verklang. Der letzte Ton ließ mich noch einmal im Rhythmus den Kopf bewegen, nicht mehr als ein Nicken und doch fast ein Tanz; dann erwachte ich und fand meine Sinne.
Du betratst den Raum, und ich erstarrte. Dein Antlitz gleißte, und wäre ich dir nicht längst verfallen, so verlöre ich mich jetzt in dir, verlöre mich und kehrte nie zurück.
Worte wollte ich flüstern, deinen Namen. Hände dir entgegenstrecken, deine Wärme finden.
Und doch: Ich konnte nicht.
Dein Lächeln war warm und weich, und als du mich gossest, als du die meeresblaue Gießkanne an meinen Leib führtest, mich mit belebender Feuchte tränktest, strahlte dein Haupt, als wären wir eins und einig, als wärest auch du eine zierliche Pflanze, ein Usambaraveilchen auf dem Fensterbrett, ein leuchtender Fleck aus Licht und Farbe irgendwo zwischen leeren weißen Wänden.
Ich tanze nicht, dachte ich. Doch ich lebe.
Für dich.
morast - 1. Okt, 14:07 - Rubrik:
Wortwelten
Ich wühlte mich in die Laken, als gäbe es Wege, Wege nach unten, weiter nach unten, so tief es eben ging. Schluchten wollte ich finden, Höhlen, sie mit meinen Händen betasten, mit meinen unnützen Augen erahnen. Nicht, weil ich schlafen wollte, nicht um die verlockende Wärme der Decken, das weiche Flauschen des Kissen, weiterhin um mich zu spüren, nicht, um nicht der warmen Obhut meines Bettes entrissen, der alltäglichen Tat ausgeliefert zu werden. Nein, ich suchte, war ein Forscher, ein Finder, ein Entdecker.
Ich tauchte tiefer in die Laken, tiefer in die schlafwarme Welt, die so angenehm vertraut roch, die sich über Stunden, Nächte hinweg vollgesogen hatte mit mir. Ich raubte dem Tageslicht jeden Zugang zu meinem Pfad, den erwachenden Geräuschen jeden Eintritt unter die wärmende Federschicht. Bleibt draußen, hauchte ich, und blickte hinab in das Dunkel.
Ich sah nichts. Nichts. Nur Schwärze, finsterste Lichtlosigkeit. Und. Eine Tür.
Keine Tür. Das konnte nicht sein. Noch immer befand ich mich in meinem Bett. Ich riss die Decken von mir fort. Sonnenlicht durchflutete meine Höhle aus Stoff, ließ die Tür verblassen, als sei sie Traum und Hirngespinst gewesen. Keine Tür. War ja klar.
Und doch zweifelte ich. An mir. Am Licht. An meinen Augen. Denn veilleicht war sie noch da. Irgendwo unter den Laken, versteckt in der Dunkelheit, die sich wiederum vor der plötzlich aufwuchernden Helligkeit versteckt hielt.
Ich kroch zurück ins Bett, erbaute meine Höhle neu, schloß Tag und Vernunft aus und begann zu suchen. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an das Dunkel, vermochten nur allmählich die Falten in meinem Laken zu erahnen, streiften über die winzige Fläche unter mir, als sei dort irgendwo eine Tür verborgen.
Und da war sie.
Keine Tür, die einem Märchen entsprungen wäre. Keine Tür, die mit metallenen Schnörkeln, mit blattwerkiger Verzierung, mit Initialen oder güldenem Gleißen aufwartete. Nein, eine normale Tür, wie sie in jeder normalen Wohnung zu finden war. Pressholz mit schlichter Klinke. Glatt und frei von Kratzern. Und auch wenn ich wusste, dass es unmöglich war, hätte ich doch geschworen, dass diese Tür eine normale Größe besaß, groß genug war, dass ein Mensch hindurchgehen konnte.
Ich legte die Hand auf die Klinke.
Zögerte.
Was mochte dahinter sein? Eine fremde Welt voller sagenhafter Fabelwesen, wie sie Narnia und zahllose weitere Geschichten herbeiwünschten? Vielleicht ein Weg in meinen Kopf, wie es der Film "Being John Malkovich" vorschlug? Vielleicht war die Tür gar ein Tor, in eine andere Dimension, eine andere Zeit, irgendwohin, wo fremdartige Gestalten mit primitivster oder höchster Technologie nach Besserem strebten? Vielleicht, kicherte ich leise, landete ich aber nur in meinem Bettkasten.
Die Klinke war warm. Gerne hätte ich ein Pulsieren gespürt, verlockende Stimmen gehört. Doch da war nichts. Nur die Klinke, deren Temperatur der Umgebung glich, in der sie sich befand, die Klinke, die weder sonderlich schön noch interessant oder einladend wirkte. Nur die Klinke.
Ich zögerte noch immer.
Würde ich zurückkehren können? Würde ich erblinden? Würde ich...?
Ich drückte die Klinke nach unten. Erst langsam, unsicher. Dann verlor ich die Geduld, riss die Tür auf, die keinen Widerstand leistete. Ein Raum offenbarte sich mir, nicht groß, doch dunkel.
Ich nickte. "So etwas hatte ich erwartet."
Seufzend schaltete ich das Licht an und ging duschen.
morast - 30. Sep, 15:18 - Rubrik:
Wortwelten
Der Laubbläsermann schwieg. Die Maschine in seiner Hand dröhnte gleichmäßig vor sich hin, stieß Luft in die Welt, gegen taufeuchte Blätter und störrischen Dreck, der schon jahrelang hier lag und sich durch ein bisschen Wind nicht aus der Ruhe bringen ließ.
Der Laubbläsermann schwieg. Seine Ohren waren bedeckt von Kopfhörergebilden, denen es an Musik mangelte. Falten gruben sich sorgentief in seine Stirn. Aus seinem Gesicht sprossen Haare, noch kein Bart, nur desinteressierter Ausdruck morgendlicher Faulheit. Er lächelte.
Die Maschine war sein Arm, war eine Verlängerung seiner selbst in die Übermenschlichkeit, war eine Waffe, die Winde wecken konnte. Er ging nicht, er schritt, befeuerte den Boden mit bewegter Luft, trieb Blätter zusammen wie willenlose Schäfchen, sammelte sie, häufte sie zu bunten Bergen aus Dreck, Müll und Laub.
Manchmal hielt er inne, sah sich um, nahm Anlauf - und sprang hinein. Er, der Maschinenmann, er, das bionische Wesen, halb Mensch, halb Automat, lag im Laub und lachte.
Dann erhob er sich, befreite sich flüchtig von Schmutz und Blättern und kehrte zu seiner Arbeit zurück, warf die Maschine an, den Laubbläser, ließ ihn zur Verlängerung seines Armes werden, zum Teil seiner selbst.
Der Laubbläsermann schwieg. Sein Antlitz sprach Gram, doch seine Augen lachten noch immer. Vielleicht, dachte er, und sein Mundwinkel kroch ein wenig in die Höhe, käme irgendwann seine Zeit, jener Tag, an dem zur Rettung Unschuldiger, zur Befreiung Bedrohter, zur Bewahrung des gesamten Planeten, ein Superheld gebraucht wurde, halb Mensch, halb Maschine, jemand, der sich darauf verstand, Winde zu wecken, Luft aufzuwirbeln - jemand wie er.
Vielleicht.
Der Ritter in meinem Schrank ächzte leise. Er war alt und seine Rüstung sah alles andere als bequem aus. Außerdem befand er sich in meinem Kleiderschrank, was zugegebenermaßen nicht der bequemste Ort für Besucher im Allgemeinen und Metallanzugträger im Speziellen war. Doch war er es, der plötzlich im Schrank gestanden hatte, als wäre er schon immer dort gewesen. Und er war es auch, der dort bleiben wollte, ganz gleich, wie viele freundliche Worte ich für ihn fand oder wie viele Schokokekse ich ihm anbot. Mehr als drei hatte ich sowieso nicht.
"Wie bist du überhaupt in meinen Kleiderschrank gekommen?", fragte ich unbeteiligt, so, als hätte ich es nicht schon dutzende Male vergebens versucht, als würde ich mir nicht seit dreiundvierzig Minuten den Kopf darüber zerbrechen, wie ein Ritter in rostiger, aber dennoch beeindruckend massiver Gewandung plötzlich in mein Zimmer kam.
Der Ritter in meinem Schrank ächzte erneut. Vielleicht seufzte er auch. Oder seine Rüstung knarrte. Ich kannte ihn noch nicht lang genug, um das bereits auseinanderhalten zu können. Erst seit dreiundvierzig Minuten. Vierundvierzig, um genau zu sein.
"Das ist eine lange Geschichte.", meinte der Ritter. Seine Stimme klang überraschend hell aus dem Helm heraus, so dass ich mich für einen Moment lang wunderte, wer überhaupt mit mir redete.
"Eine lange lange Geschichte.", sagte der Ritter, und ich fühlte die Schwere, die hinter diesen Worten lang, die Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, die auf seinen blechbemantelten Schultern lasteten.
"Willst du einen Keks?", bot ich ihm an.
Er blickte mich verwundert an, betrachtete die beiden verbliebenen Kekse und nickte dann. Ich reichte ihm den Teller.
Der Ritter setzte sich. Ächzend. Seufzend. Knarrend.
"Es war die Hexe.", sagte er dann und biss vom Keks ab.
"Was für eine Hexe?", wollte ich fragen, doch da war er bereits verschwunden.
Ich suchte den ganzen Nachmittag im Kleiderschrank, in meinem Zimmer, schließlich sogar im ganzen Haus nach ihm, doch fand ihn nicht. Nicht ihn, nicht seine Rüstung, nicht seinen Keks.
Nur einen rostigen Fleck auf meiner Lieblingsjacke.
"Mami wird mir das nicht glauben.", seufzte ich und aß den letzten Keks.
morast - 28. Sep, 22:36 - Rubrik:
Wortwelten
"Hüte dich vor seinem Handschlag.", flüsterte ich Peter zu. Herr Arthur näherte sich, wie immer in seinen braunen Plüschpantoffeln, die eher an schrumpelnde Kartoffeln als an Hausschuhe erinnerten. Kartoffelpantoffeln, nannte ich sie insgeheim, wenn sich Herr Arthur in ihnen zum Supermarkt schlich, wie immer in einer Geschwindigkeit, die höchstens stillstehende Schnecken für beeindruckend hielten.
"Wieso?", flüsterte Peter mir zu. Wenn man einmal angefangen hatte zu flüstern, gab es kein Zurück mehr, und da spielte es keine Rolle, ob Herr Arthur noch zwanzig Meter entfernt war und zudem schlechte - oder vielleicht einfach nur verstopfte - Ohren hatte.
"Sind seine Hände dreckig? Hat er Warzen?", fragte Peter angewidert.
"Nein, nein.", beruhigte ich ihn. Tatsächlich hatte Herr Arthur keine Warzen - zumindest soweit man das beurteilen konnte,. Er hatte überall Haare, oft Speisereste im Gesicht oder auf den Kleidungsstücken hängen, die er stets viel zu lange zu tragen schien, er hustete häufig feucht, und seine Zähne waren nur noch gelbschwarze Stummel - doch seine Hände waren sauber. Immer.
Und was für Hände es waren! Keine faltigen, mit Altersflecken bedeckten Zitterhände, nein Pranken, riesige, kräftige Biester, die zupacken konnten, wenn sie nur wollten, die vor Energie zu bersten schienen. Überhaupt war Herr Arthur ein Riese, ein Hüne fast, der mit seinen Schaufelbaggerhänden sicherlich ganze Baumstämme zerbrechen konnte. Wäre sein Bart etwas gepflegter, sein Gang etwas aufrechter, seine Schuhe keine Kartoffelpantoffeln, dann wäre Herr Arthur trotz seines Alters eine wahrlich beeindruckende Erscheinung gewesen.
Vielleicht, überlegte ich nicht zum ersten Mal, war Herr Arthur tatsächlich ein König, DER König, König Arthur, auch Artus genannt, jener, dessen Tafelrunde, dessen Zauberer Merlin, dessen heldenhafte Ritter Geschichten, Märchen und Legenden formten. Vielleicht hatte es Arthur wirklich gegeben, und vielleicht gab es ihn immer noch, ihn, den weisen, tapferen König, der die Macht hatte, gewöhnliche Knappen zum Ritter zu schlagen, zu echten Rittern, die ihm treu ergeben beiseite standen und bereit waren, ihr Leben für den größten aller Könige zu lassen. Vielleicht war König Arthur unser Nachbar.
"Hüte dich einfach vor seinem Handschlag.", flüsterte ich noch rasch zu Peter, dann hatten wir Herrn Arthur erreicht. Selbst im gebeugten Gang überragte er mich noch um anderthalb Köpfe, und mich ließ die Vorstellung nicht los, dass vor mir tatsächlich der wahre König Arthur in Kartoffelpantoffeln zum Supermarkt schlich.
"Hallo Herr Arthur!", begrüßte ich ihn freundlich, denn obwohl er sonderbar war, gab es keinen Grund, ihn nicht zu mögen. "Hallo Junge.", grüßte er mich, und seine Stimme waren Reibeisen in meinen Gehörgängen. "Wer ist dein Freund?" Er nickte Peter zu.
"Das ist Peter. Er wohnt jetzt in der Langenhauserstraße.", sagte ich.
"Hallo Peter.", lächelte Herr Arthur und entblößte seine unschönen Zahnreste. "Willkommen in der Nachbarschaft." Herr Arthur reichte Peter seine Hand. Ich schaute Peter warnend an.
Wenn Herr Arthur wirklich König Arthur war, und wenn der Ritterschlag einen normalen Menschen zum Ritter machen konnte - wozu war dann ein Handschlag imstande?
Peter ignorierte mich, murmelte schüchtern "Hallo." und schlug in die dargebotene Hand ein.
Entsetzt schloss ich die Augen und hielt die Luft an. Eine Minute vielleicht. Oder zwei. Ich konnte nicht hinsehen.
Dann ging mir der Atem aus und hechelnd stieß ich die verbrauchte Luft aus meinen Lungen. In zehn Metern Entfernung schlich Herr Arthur in Richtung des Supermarktes, und seine Kartoffelpantoffeln rieben sich geräuschvoll am Asphalt.
Peter war verschwunden. Einfach so.
Oder doch nicht.
Etwas zog an meinem Hosenbein. Ich blickte nach unten. Keuchte geschockt. Wandte den Blick ab. Schaute wieder hin. Schüttelte den Kopf.
Wer mit einem Ritterschlag Menschen zu Rittern macht, sollte keine Handschläge geben, dachte ich und starrte auf die Hand auf meinem Schuh, die tatsächlich stark an Peter erinnerte. "Ich hatte dich gewarnt.", sagte ich und die Hand, die Peter war, nickte traurig mit dem Zeigefinger.
morast - 27. Sep, 19:18 - Rubrik:
Wortwelten