Freitag, 6. Mai 2011

Begegnungen 16: Wurm

Heute Morgen lief ich über die Wiese. Tautropfen setzten sich frech auf meine frisch geputzten Schuhe, und beinahe wäre ich der Versuchung erlegen, mich hinzulegen und im erwachenden Gras zu wälzen. Doch ich nahm mich zusammen, setzte meinen Weg fort, bis ich auf einen winzigen Erdhaufen stieß. Er bewegte sich. Neugierig heilt ich inne. Schaute ganz genau hin.

Tatsächlich! Er bewegte sich. Winzige Erdkrümel stolperten übereinander, als müssten sie Platz machen für etwas, das sich von
unten seinen Weg bahnte. Ein Wurm!

Ein Wurm hatte die Oberfläche durchbrochen und schaute nun neugierig ins Tageslicht. Schön sah er aus, und insbesondere sein Ringelmuster ließ mich ein wenig wundern:

"Sag mal", fragte ich den Wurm vorsichtig. "Kann das sein, dass du gar kein Wurm bist?"

Der Wurm rührte sich nicht, und ich hatte das Gefühl, dass er mich intensiv anstarrte.
Trotzdem fuhr ich fort: "Bist du nicht das Ende einer Ringelschlange?"

Der Wurm, der keiner war, schaute noch einmal zu mir hinauf, dann auf meine taubedeckten Schuhe und verschwand verschämt im Boden.

"Ich hab's nicht so gemeint.", rief ich ihm hinterher, doch der Wurm war bereits verschwunden.

Raschen Schrittes eilte ich davon. Wütende Ringelschlangen waren besonders giftig.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Das Letz niest V

Ich kann lesen. Und ich schrecke nicht davor zurück, es auch zu tun.
Und zwar am 22.05. in Tübingen bei der fünften Ausgabe von "Das Letz Niest".
Und wer nicht wegen mir kommen möchte, kann sich immerhin auf den superen Vergrämer freuen, der ebenfalls herumlesen wird.

Das-Letz-Niest-V

Begegnungen 15: Maus

Ich hatte kaum die Straße betreten, als ich merkte, dass sich der Schnürsenkel meines rechten Schuhs gelöst hatte. Ärgerlich!, dachte ich, humpelte rasch auf die andere Straßenseite, um nicht überfahren zu werden, und hockte mich dann hin, liebevoll eine Schleife formend.
Aus dem Augenwinkel sah ich eine kleine graue Maus vorbeihuschen. "Huch!", sagte ich, eloquent wie immer, und die Maus blieb stehen.
"Maus.", sagte sie.
"Richtig.", sagte ich, leise, um sie nicht zu verschrecken. "Du bist eine Maus."
"Haus.", sagte sie, und blickte, als wolle sie sich vergewissern, in Richtung des Gebüschs. Vermutlich befand sich dort ihr Mäuseloch.
"Wie heißt du denn, kleine Maus?", fragte ich neugierig.
"Klaus.", antwortete sie.
"Und du kannst reden?"
"Durchaus."
"Ist ja toll.", rief ich begeistert. "Eine Maus, die reden kann!"
Die Maus sagte nichts, schaute nur hin und wieder in Richtung Gebüsch, als wollte sie jeden Moment fliehen.
"Kann es sein", begann ich nach einer Weile zögerlich "dass sich dein Vokabular auf Wörter beschränkt, die sich auf Maus reimen?"
"Naus.", sagte die Maus, schüttelte mit dem Köpfchen und rannte davon.

Montag, 2. Mai 2011

Begegnungen 14: Quaaak

"Quaaak.", hörte ich, kaum dass ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte.
"Quaaak?", fragte ich in die milde Frühlingsluft, doch niemand antwortete.
Ich sah mich um, zuckte dann mit den Schultern und ging weiter.
"Quaaak.", verahm ich erneut, und diesmal sah ich ihn. Ein paar Zentimeter abseits des Weges im taubedeckten Gras hockte ein klitzekleiner Frosch. Hätte ich ihn mir nicht kürzlich geschnitten, wäre mein Daumennagel größer gewesen als dieser kleine grüne Geselle.
"Hallo Frosch.", begrüßte ich ihn.
"Quaaak.", antwortete er, und ich verstand: Das war kein Frosch, sondern eine Kröte. Ein Krötchen, um genau zu sein.
"Quaaak.", ergänzte das Krötchen, und ich nickte schmunzelnd. Amphibien haben einen überraschend guten Sinn für Humor.
"Angeblich bringt es Glück, an einer Kröte zu lecken.", teilte ich dem Krötchen mit. "Darf ich?"
"Quaaak.", meinte das Krötchen, und ich hob es sanft aus dem Gras.
Vorsichtig berührte ich den grünen, gesprenkelten Rücken mit meiner Zungenspitze.
"Ich merke nichts.", sagte ich.
"Quaaak.", sagte das Krötchen.
"Du hast Recht.", antwortete ich und leckte nun richtig. Einmal. Zweimal. Dreimal.
"Ich merke noch immer nichts.", meinte ich. "Angeblich bringt es doch Glück, an einer Kröte zu lecken."
"Bringt es auch.", sagte das Krötchen glücklich. "Allerdings nur der Kröte."
Das Krötchen quaaakte noch einmal und hüpfte dann beschwingt davon.

Donnerstag, 28. April 2011

Begegnungen 13: Fahrrad

Mitten auf dem Gehweg fand ich ein altes Damenrad. Ich hatte Mitleid und richtete es auf.
"Danke.", sagte das Fahrrad leise, als ich es an den Wegesrand schob.
Es quietschte unerträglich laut, und schmerzverzerrt verzog ich das Gesicht.
"Deswegen kann mich keiner leiden.", seufzte das Damenrad. "Weil ich so schrecklich quietsche."
Ich nickte.
"Du musst einfach nur mal richtig geschmiert werden.", schlug ich vor. "Dann klingst du wieder wie neu."
Das Damenrad schüttelte mit dem Lenker. Es quietschte.
"Ich möchte nicht geschmiert werden. Ich will damit nichts zu tun haben."
"Wieso?", fragte ich neugierig.
"Ich wurde schon einmal bestochen.", erklärte das Rad traurig. "Und danach hatte ich zwei platte Reifen."
"Oje.",meinte ich und streichelte sanft über den Fahrradsattel.
Die Vorderlampe flackerte vergnügt auf.
"Das gefällt dir wohl?", fragte ich, und streichelte das Fahrrad weiter. Am Rahmen, am Gepäckträger, am Lenker, an den Reifen. Dann an den Gelenken, an den Achsen, an der Fahrradkette. Und immer wieder, wenn ich mir sicher war, dass das Fahrrad nicht hinsah, träufelte ich bisschen Fahrradfett auf meine Streichelhand und verteilte es gleichmäßig an den nötigen Stellen.
Die Fahrradlampen leuchteten vor Vergnügen. Offensichtlich war das Damenrad lange nicht mehr gestreichelt worden.
"Ich muss jetzt weiter.", sagte ich nach einer Weile. "War schön, dich kennengelernt zu haben."
"Danke.", sagte das Damenrad und rollte mir verabschiedend ein paar Meter hinterher. Dass es nicht länger quietschte, bemerkte es erst später.

Dienstag, 19. April 2011

Begegnungen 12: Schmetterling

Unter einem Baum sah ich einen Schmetterling.
"Ein Schmetterling!", rief ich vergnügt, denn zu so früher Stunde hatte ich bisher noch keinen Schmetterling gesehen.
Der Schmetterling flatterte kurz mit klitzekleinen weißen Flügelchen und ließ sich dann elegant auf einem taubedeckten Grashalm nieder.
"Guten Morgen, lieber Schmetterling.", grüßte ich ihn fröhlich, und der Schmetterling antwortete. Seine Stimme war leise, sanft, wie ein Windhauch, und beinahe hätte ich sie überhört.
"Ich bin kein Schmetterling.", flüsterte der Schmetterling so lautlos, wie es wahrscheinlich nur Schmetterlinge, so flüsternd, dass selbst das Wippen des Grashalms mehr Geräusch zu machen schien.
"Du bist kein Schmetterling?", fragte ich, und der klitzekleine Schmetterling schüttelte sein winziges Köpfchen.
"'Schmettern' ist so ein hartes, unfreundliches Wort.", wisperte der Schmetterling, der keiner war."'Schmettern' klingt so gewaltvoll, so ... unpassend."
Ich blickte ihn verständnisvoll an.
"Ich mag Schmusen lieber als Schmettern.", erklärte das Flügelwesen mit zerbrechlicher Stimme.
Ich lächelte, als ich verstand
"Dann bist du ein Schmusling?" fragte ich.
Der Schmusling nickte und flatterte federleicht davon.

Samstag, 16. April 2011

Begegnungen 11: Terrasse

Von meiner Terrasse vernahm ich ein leises Seufzen. Neugierig schaute ich hinaus. Auf einem der beiden Liegestühle lag ein wurzelkleiner Fluffelpinguin und schnarchte honigleise.
"Huch.", entfuhr es mir.
"Huhu.", sagte der Fluffelpinguin, doch schnarchte weiter.
"Du schläfst ja.", sagte ich, zugegebenermaßen nicht unbedingt vor Intelligenz brillierend.
"Stimmt.", meinte der Fluffelpinguin, und wie er so dalag, verspürte ich den Wunsch, sein flauschiges Federfell zu berühren.
"Kein Problem.", sagte der Pinguin, der trotz geschlossener Augen mein Verlangen bemerkt hatte. "Wir Fluffelpinguine schlafen tief und fest."
"Und ihr redet im Schlaf.", stellte ich fest, während ich das Pinguinchen im Nacken kraulte und ihm einige herzerwärmende Gurrlaute entlockte.
"Stimmt.", sagte der Pinguin und gurrte noch ein wenig lauter.
So verblieben wir eine Weile, hockend und liegend, streichelnd und gurrend, schmunzelnd und schlafend.
"Ich wusste gar nicht, dass Fluffelpinguine reden können.", meinte ich ein paar Minuten später.
"Können wir auch nicht.", sagte der Pinguin und lächelte. "Nur im Schlaf."
"Ach so.", sagte ich und streichelte weiter.

Sonntag, 10. April 2011

Begegnungen 10: Wiese

Während ich über die Wiese lief, vernahm ich plötzlich ein Geräusch. "Quakquak", tönte es, leise und piepsig.
'Ein Frosch!', dachte ich 'Ein winziger Frosch!' und wollte bereits damit ebginnen, den winzigen Frosch zu suchen, auf dass ich ihn nicht versehentlich zertrete. Doch Frösche im gras zu finden, ist bekanntermaßen nahezu unmöglich; also gab ich auf, bevor ich überhaupt begonnen hatte.

"Quakquak.", hörte ich, und diesmal war ich mir sicher, dass es kein Frosch war. 'Eine Ente!', dachte ich, 'Ein winziges Entlein!' Begeistert begann ich zu suchen. Eine Ente konnte ja wohl nicht so schwer zu finden sein - es sei denn natürlich, sie war grün und fröschförmig.

Ich suchte. Suchte. Suche. Fand nichts.

"Quak.", vernahm ich plötzlich, direkt vor meinen Füßen, doch nirgends war eine Ente zu sehen.
Noch nicht einmal eine Feder sah ich. Nur eine winzige kleine Blume.

"Quak.", sagte die Blume leise. "Quakquak."

Ich beugte mich zu ihr hinab.
"Wieso quakst du denn?", fragte ich die Blume.
"Weil ich ein Gänseblümchen bin.", piepste die Blume.
"Ein Gänseblümchen?", fragte ich erstaunt, und das Blümchen wippte bestätigend mit ihrem weißen Blütenkopf.
"Aber du klingst eher wie eine Ente.", sagte ich vorsichtig, und das Gänseblümchen seufzte.
"Ich weiß.", sagte es. "Doch ich habe keine Ahnung, was für ein Geräusch eine Gans macht."
Ich dachte kurz nach.
"Ich weiß es auch nicht.", gab ich zu.
Das Gänseblümchen nickte traurig.

Wir schwiegen, und ich versuchte, mich daran zu erinnern, ws für Geräusche Gänse von sich gaben.
"Ich glaube", sagte ich nach einer Weile. "dass das Wichtigste an Gänsen nicht ihr Geschnatter ist."
Das Gänseblümchen horchte auf.
"Das Wichtigste an Gänsen ist, dass sie weiß, weich und äußerst hübsch sind."
Ich lächelte zum Blümchen hinab.
"Und DAS bist du.", sagte ich und ging weiter.

Donnerstag, 7. April 2011

Begegnungen 09: Hamster

An der U-Bahn-Haltestelle traf ich auf einen Goldhamster. Er fror ein bisschen, also setzte ich ihn ihn unaufgefordert in meine Jackentasche. Er schaute zunächst verdutzt, doch als immer mehr Wärme durch sein weiches Fell drang, schloß er zufrieden die Augen. "Danke.", sagte er, und wenn Hamster lächeln könnten, hätte er es wohl getan.
"Gern geschehen.", sagte ich und beließ den kleinen Nager in seinem genussvollen Schweigen.
"Wie heißt du eigentlich?", fragte er mich nach einer Weile, und ich nannte ihm meinen Namen.
"Und du?"
Der Hamster sah mich empört an. "Das sieht man doch!"
"Peter?", fragte ich vorsichtig, doch der Hamster schüttelte mit dem Kopf.
"Sehe ich aus wie ein Peter?"
"Nein.", gab ich zu. "Eher wie ein Fridolin."
"Hihi.", kicherte der kleine Goldhamster. "Knapp daneben."
"Herrmann? Herrmann Hamster?"
"Nö."
"Gustav? Gustav Goldhämsterchen?"
"Nö."
"Joachim? Siegfried? Jens?"
"Nein, nein und nochmal nein.", antwortete der Hamster und kicherte erneut. "Du denkst in eine völlig falsche Richtung. ich bin nämlich ein Mädchen!"
"Also Fabian?"
"Richtig.", kicherte der Hamster, hüpfte aus meiner Jackentasche und lief in die U-Bahn.

Samstag, 2. April 2011

Begegnungen 08: Narzisse

Gerade, als ich die Stufen zur S-Bahn-Haltestelle hinuntergehen, entdeckte ich eine Narzisse. Es war eine kleine Narzisse, nicht kümmerlich, nur in Anbetracht der winterlichen Temperaturen noch nicht zu voller Pracht entfaltet.
"Wie schön.", rief ich aus, denn das trübe, allesverschlingende Grau, das diese Jahreszeit mit sich herumträgt, mochte ich schon seit Tagen nicht mehr.
"Eine Narzisse!", rief ich aus und bewunderte das liebliche Grün des Stengels und das erwachende Gelb der noch verschlossenen Blüte.
Der Blütenkopf regte sich.
"Ich bin keine Narzisse!", sagte die Narzisse, und ihre Stimme klang hell und fast süßlich.
"Nicht?", fragte ich, zugegebenermaßen nicht sehr eloquent, und beugte mich zum dem kleinen Pflänzchen herunter.
"Nein. Ich bin keine Narzisse.", sagte die Narzisse, die behauptete, keine zu sein.
"Aber du siehst so aus.", entgegnete ich, meine mangelhaften floralen Kenntnisse zusammenkratzend.
"Mag sein.", antwortete die Blume. "Doch Narziss war jene Sagengestalt, die sich beim Blick in einen Teich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Damit möchte ich nichts zu tun haben."
"Aber was bist du dann?", fragte ich die Narzisse, die sich weigerte, eine zu sein.
"Eine Osterglocke."
"Sind Osterglocken nicht einfach nur gelbe Narzissen?", fragte ich.
Die Pflanze schwieg.
"Ich bin eine Osterglocke.", wiederholte sie dann, und hätte sie Füße besessen, so hätte sie vermutlich trotzig auf den Boden gestampft.
"Aber Ostern ist doch erst in fünf Wochen!", meinte ich.
"Trotzdem.", sagte sie und verschränkte die beiden zarten Blätter.
"Gut.", gab ich nach. "Du bist eine Osterglocke."
Die Narzisse, die eine Osterglocke war, nickte, und plötzlich vernahm ich ein leises Klingeln, wie von winzigen Glöckchen, die sanft und zärtlich den Frühling einläuteten.
"Du bist tatsächlich eine Osterglocke!", rief ich erstaunt, und die Osterglocke nickte wieder, klingelte wieder.
"Wie schön!", freute ich mich, und ging lächelnd davon.

Dienstag, 29. März 2011

Begegnungen 07: Frühblüher

Kaum hatte ich heute früh das Haus verlassen, gesellte sich ein Pinguin zu mir. Er war kleiner als jeder andere Pinguin, dem ich je begegnet war, und wirkte ein wenig unglücklich. Ich entdeckte ihn erst, nachdem er ein paar Schritte neben mir hergetappelt war - nicht nur aufgrund seiner geringen Größe, sondern auch, weil ein Taschentuch mein Blickfeld einschränkte. Seit anderthalb Tagen plagte mich nun ein widerlicher Schnupfen und ließ meinen Zellstoffverbrauch ins Unermessiche steigen.
Ich nieste.
"Gesundheit.", piepste der Pinguin, und ich schaute verwundert nach unten.
"Danke.", sagte ich.
"Keine Ursache.", meinte er, und ich stellte fest, dass die vermutlich der höflichste Pinguin war, der mir je begegnet war.
Wir liefen weiter, und plötzlich entdeckte ich am Wegesrand zwei Krokusse, die gerade damit begannen, ihre schlanke Blüte zu entfalten.
"Schau.", sagte ich begeistert zu dem kleinen, höflichen Pinguin. "Die ersten Frühblüher! Ist das nicht wunderschön?"
Der Pinguin seufzte, und ich nieste erneut.
"Gesundheit.", piepste der Pinguin, und ich bedankte mich.
Ein paar Meter weiter sah ich noch mehr Krokusse.
"Noch mehr Krokusse!", rief ich vergnügt, und diesmal seufzte der kleine, höfliche Pinguin laut genug, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte.
"Was ist denn los?", fragte ich und nieste.
"Gesundheit." sagte er, und ich bedankte mich.
"Die Welt...", begann der Pinguin und zögerte.
"Die Welt?", hakte ich nach.
"Die Welt, sie ändert sich.", sagte der kleine, höfliche Pinguin.
"Noch ist es eisig kalt, und vor den Mündern der Menschen formen sich wunderschöne Atemwolken. Der Winter zaubert rote Wangen in die Gesichter und Wollmützen auf die Köpfe. Reif färbt Wiesen weiß, und hin und wieder rieseln weicheste Flöckchen vom Himmel. Ich fühle mich wohl."
Der Pinguin lächelte, und zum ersten Mal fiel mir auf, wie traurig der Pinguin bis vor wenige Augenblicke noch ausgesehen hatte.
Ich nieste, doch der kleine, höfliche Pinguin war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um seiner Höflichkeit Ausdruck zu verleihen. Ich bedankte mich trotzdem, wusste ich doch, dass das Schnabeltierchen mir
normalerweise Gesundheit gewünscht hätte.
"Ich liebe den Winter.", lächelte der Pinguin. "Ich liebe die Kälte, mag es, wenn Winde pfeifen und mein Federkleid nicht durchdringen können. Ich liebe arktisch kaltes Wasser, das meinen Körper umspült, mag sogar die grauen Wolken am Firmament. Ich liebe den Winter."
Ich nieste, wartete kurz und bedankte mich.
"Doch der Winter geht.", fuhr der kleine, höfliche Pinguin fort und eine Sorgenfalte erschien auf seinem Gesichtchen. "Die Welt wandelt sich. Frühblüher erwachen, die Sonne lässt Schals und Handschuhe verschwinden. Es wird warm."
Ich hustete kurz, und freute mich über die Abwechslung.
Der kleine, höfliche Pinguin sah zu mir auf, und wieder hatte sich Traurigkeit in sein Antlitz geschlichen. Ich hätte ihn am liebtsen
umarmt.
"Ich liebe Kälte und alles, was mir ihr zu tun hat.", sagte der
Pinguin leise und verstummte dann. Ich glaubte, eine Träne in seinem Äuglein glitzern zu sehen, doch musste niesen.
"Gesundheit.", sagte der Pinguin, und ich bedankte mich artig.
Wir gingen noch ein Stückchen weiter, passierten einige Schneeglöcken und schwiegen.
"Du kannst meinen Kühlschrank besuchen, so oft du willst.", bot ich dem kleinen, höflichen Pinguin an.
Er blieb stehen.
"Ich liebe Kälte, und alles, was mit ihr zu tun hat.", sagte er. "Vor allem Kühlschränke." Ich nieste.
"Gesundheit.", sagte er, doch anstatt ihm zu danken, hob ich ihn hoch, drückte ihn herzlich und bedeckte sein Gesicht mit zahlreichen Küssen. Sogar auf den Schnabel küsste ich ihn, auch wenn ihm das nicht wirklich behagte.
"Wenn wir Glück haben", sagte ich, nachdem ich ihn wieder abgestellt hatte "Wenn wir Glück haben, bekommst du jetzt meine Erkältung. So bleibt der Winter länger bei dir."
Der kleine, höfliche Pinguin schaute mich an, und langsam wich die Traurigkeit aus seinem Gesicht.
"Ich muss jetzt los.", verabschiedete ich mich. "Viel Glück mit der Erkältung."
Ich ging davon, und zahlreiche Frühblüher säumten meinen Weg.
Der Pinguin blieb zurück, lächelte vorsichtig und winkte mir nach.
"Ich liebe Kälte, und alles, was mit ihr zu tun hat.", sagte er glücklich und nieste.

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