Heute nahm ich die Abkürzung über den Rasen. "Hihi.", kicherte ich und fühlte mich ziemlich verwegen. Dann sah ich den Grashüpfer.
"Hallo Grashüpfer.", grüßte ich den kleinen Gesellen.
Der Grashüpfer grüßte zurück. "Hallo und guten Morgen." Er schaute mich noch kurz an, dann ging er weiter.
"Moment mal.", sagte ich. "Grashüpfer gehen normalerweise doch nicht. Sie hüpfen!"
Und nach einer kurzen Pause ergänzte ich: "Deswegen heißen Grashüpfer doch so!"
Der Grashüpfer wippte mit dem Kopf, als könnte er sich nicht zwischen Nicken und Kopfschütteln entscheiden.
"Eigentlich sind wir Grashüpfer zugleich Kleegänger, doch Grashüpfer-und-zugleich-Kleegänger ist zu lang und hat sich deswegen nicht durchgesetzt.", erklärte er.
"Verstehe ich nicht.", gab ich zu.
"Ist doch ganz einfach.", meinte der Grashüpfer-und-zugleich-Kleegänger. "Im Gras hüpfen wir, im Klee gehen wir."
"Aber warum das denn?"
"Um nach einem vierblättrigen Glückskleeblatt zu suchen.", sagte der Grashüpfer-und-zugleich-Kleegänger und ging weiter durch den Klee.
"So eins wie das hier?", fragte ich und zeigte auf das vierblättrige Kleeblatt, das direkt vor meiner Schuhspitze wuchs.
"Genau.", rief der Grashüpfer-und-zugleich-Kleegänger erfreut.
"Ich schenk es dir.", sagte ich.
Der Grashüpfer-und-zugleich-Kleegänger strahlte vor Begeisterung.
"Wuhuu!", rief er und sprang vergnügt in die Luft. Wieder und wieder.
Ich lächelte und ging, weiter über den Rasen. 'Ich bin ein Grasgänger.', dachte ich und lächelte noch ein bisschen mehr.
morast - 17. Jan, 17:47 - Rubrik:
Begegnungen
Vor meinem Fahrrad saß eine Ratte.
"Guten Morgen, liebe Ratte.", grüßte ich sie höflich, denn sie sah recht freundlich aus.
Die Ratte schüttelte mit dem Kopf. "Ich bin keine Ratte."
"Keine Ratte?", wunderte ich mich.
Die Ratte schüttelte erneut mit dem Kopf. "Keine Ratte." Sie dachte kurz nach. "Zumindest keine ganze." Sie grinste.
"Aber was bist du dann?"
Die Ratte schwieg und grinste weiter.
"Eine übergroße Maus?", fragte ich, und ein dicker Klumpen Zweifel lag in meiner Stimme.
Die Ratte schüttelte mit dem Kopf. Mal wieder.
"Ein Biber, der aussieht wie eine Ratte?"
Kopfschütteln.
"Ein verzaubertes Einhorn?"
Erneutes Kopfschütteln.
"Eine Ratte?"
Die Ratte zögerte kurz, schüttelte dann aber erneut mit dem Kopf.
"Aha.", rief ich triumphierend aus. "Ratte ist richtig!"
"Fast richtig.", korrigierte die Ratte.
"Dann bist du ... eine Matte? Kaffee Latte? Zuckerwatte? Eine Fregatte? Irgendetwas, das ich hatte?"
Mehrfaches Kopfschütteln. Der Ratte wurde sicherlich langsam schlecht.
"Ich gebe dir einen Tipp.", sagte sie. "Such, was ich verloren habe."
Ich lief ein wenig herum, fand aber nichts weiter als einen alten Pfefferminzteebeutel.
"Du hast Tee verloren?", fragte ich die Ratte unsicher.
Die Ratte grinste.
"Eine Ratte, die ein wenig Tee verlor...", überlegte ich laut. Dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Nur nicht so stark. Eher wie der Stromschlag eines Weidezauns.
"Du bist eine Rate!", rief ich begeistert aus.
Die Ratte nickte endlich, grinste noch breiter als zuvor, schnappte sich den Teebeutel und eilte davon.
"Hätte ich gleich drauf kommen können.", sagte ich und schwang mich auf mein Fahrrad.
morast - 13. Jan, 17:13 - Rubrik:
Begegnungen
Auf dem Weg zur Haltestelle begegnete ich einem Elefanten.
"Ein Elefant!", rief ich verzückt aus, denn ich mochte Elefanten.
Der Elefant war nicht sehr groß. Eigentlich war er sogar winzig. Sehr sehr winzig. Der Elefant war so winzigklein, dass ich mich außerstande sah, seine Farbe zu bestimmen.
'Er ist bestimmt grau.', dachte ich, denn Grau war die übliche Farbe für Elefanten. 'Allerdings', dachte ich weiter. 'wäre ein roter Elefant auch nicht schlecht. Oder ein grüner. Der könnte sich dann im Gras verbergen.'
Der Elefant war so winzig, dass ich ihn noch nicht einmal sah.
'Es gibt wahrscheinlich gar keinen Elefanten.', dachte ich traurig und ging weiter. 'Schade eigentlich.'
Hinter einem Löwenzahn trompetete es leise.
morast - 10. Jan, 17:18 - Rubrik:
Begegnungen
Ich betrat den Wald. Hinter grauen Wolken stahl sich heimlich die Sonne ihrem Untergang entgegen und sandte kühlen Niesel auf bereits schlammige Pfade. Der Schnee des gestrigen Tages versteckte scheu in wenigen Mulden zwischen dunklen kahlen Stämmen. Oben im Geäst entdeckte ich noch letzte Blätter, welke Grüße des vergangenen Sommers, die sich tapfer an kleinste Zweige krallten.
Unten hingegen lief ich, in schwarze Wolle gehüllt, kapuziert, von Stöpselmusik ertaubt, die Hände tief im Mantel vergraben - und atmete. Es roch nach Wald, nach feuchtem Laub, nach Pilzen vielleicht. Meine Schritte waren lang und ohne Ziel. Ich brauchte keines, wollte nichts finden, keinen Ort, nicht mich, wollte nur Meter für Meter nach vorne treiben, den sich allmählich verfinsternden Forst durchschreitend, meinen Gedanken freien Lauf lassend.
Ein alter Mann kam mir entgegen, in seiner Hand einen Golfschläger tragend. Ich schmunzelte, ging meines Weges.
Der Regen nahm zu, schickte auch die letzten verlorenen Fußgänger ins wärmende Heim, doch ich setzte meinen Ausflug fort, hinein ins Ungewisse, hinein in die wachsende Dunkelheit des Waldes. Meine Schritte wuchsen, als wüssten sie, wohin sie mich trugen, und erstmals öffnete ich mich. Ich formte Laute passend zum wuchtigen Klang in meinem Ohren, ließ meine Hände ihr Versteck verlassen, meine Arme sich ausbreiten, als wollte ich Wald und Welt in einer Umarmung bergen. Irgendwo in der Kapuze formte sich ein Lächeln, wanderte seines Weges zwischen schlafenden Bäumen hindurch.
Vom Himmel, aus hüllendem Gewölk heraus, grüßte mich der Mond, spiegelte sich einen Moment lang in den von Tropfen aufgewühlten Pfützen, und noch immer hielt ich nicht inne, kehrte nicht zurück. Nadelbäume formten erste Menschensilhouetten, doch störten nicht den steten Takt meiner Stiefel, hielten mich nicht auf.
Irgendwo inmitten der Sträucher keimte mein Pfad, harrte meines Nahens, von wucherndem Dunkel verborgen. Dies ist mein Ziel, dachte ich und ging voran.
morast - 6. Jan, 18:12 - Rubrik:
Wortwelten
Das Kopfkissen hatte mein Haupt bereits gefunden und in sich gebettet, als die Gedanken sich erst auf den Weg begaben. "Schreib doch die Geschichte zuende.", drängten sie mich, und wenige Augenblicke des Zögerns später hatte ich mir bereits Kleidung übergeworfen und mich an den Rechner begeben, um bei ruhigem Klang in Kopfwelten zu schwelgen.
Zweieinhalb Stunden raubte ich der Nacht und presste sie in Worte. Und als ich fertig war, saß ein zufriedenes Lächeln auf meinem Gesicht.
'Ich werde es dem Kissen schenken.', dachte ich und kehrte zurück.
„Und? Bleibt er liegen?“, fragt Mutter am Telefon, und fast bin ich geneigt, „Ja.“ zu antworten. Doch ich zögere.
An meinem Bürofenster stürmt der Schnee vorbei, unzählige Flocken jagen einander, finden einander, befüllen die längst gilbe, von Herbstkrähen auf Nahrungssuche zerhackte Rasenfläche mit einem Weiß, das mein Lächeln weckt. Und es hört nicht auf. Stundenlang schneit es, als müsste es jede Erinnerung an Frühling und Sommer unter einer Schicht verformten Wassers verdecken.
„Hier hat es auch geschneit.“, berichtet Mutter, 500 Kilometer entfernt. Doch der Schnee blieb nicht lange, paarte sich mit Regen, malte grimmige Gesichter auf Weihnachtsgeschenke suchende Passanten und verschwand.
Doch hier, vor meinem Fenster, schneit es. Ununterbrochen. Die Schneckdecke auf dem ehemaligen Rasen, auf dem Dach des sechsten Stockwerkes, wächst und gedeiht, und kein Schritt wagt es, ihre Jungfräulichkeit zu schänden.
„Bleibt er liegen?“, fragt Mutter, und „Ja.“ liegt auf meiner Zunge. Ja, hier bleibt er, lässt mich bei jedem Blick grinsen, mein inneres Kind vor Freude hüpfen. Ja, hier bleibt er, der Schnee, der mich plötzlich inspiriert, zu Gedichten, Fotos, Gemälden drängt. Ja, hier bleibt er.
„Nein.“, antworte ich schließlich. Auf den Straßen bleibt nichts. Auf den Wegen bleibt nichts. Zu warm ist es noch, als dass anderes als Schneematsch entstehen kann, der schließlich auch verschwinden wird.
„Nein.“, antworte ich. „Er bleibt nicht liegen.“ Selbst wenn er könnte, ergänze ich im Geiste. Schließlich schneit es hier im Schwabenländle, wo Kehrwoche oberste Bürgerpflicht ist, und jede Schneeflocke, noch bevor sie den Boden erreicht, zusammen mit einem letzten verirrten Herbstlaubblatt vom Weg entfernt wird.
Als ich nach Hause laufe, ist vom stundenlangen Schneefall kaum noch etwas übrig. Nur auf den Wiesen liegt etwas Weiß und hofft darauf, noch ein wenig liegen bleiben zu dürfen.
morast - 21. Dez, 15:50 - Rubrik:
Wortwelten
Weit ragt meine Neugierzunge
in den kalten Wolkenwind
und ein Jauchz harrt in der Lunge
tanzt mit meinem Innenkind
als aus grauem Nebel-Oben
Flock um Flock darniederstürmen
weiße Wirbel fröhlich toben
sich zu weichen Betten türmen
meine Schritte Löcher graben
die sogleich ein Schneekuss füllt
und in Winters kühle Gaben
sich mein wollbeflauschter Mantel hüllt.
Und ich spring dem Schnee entgegen
lächle, singe, rufe gar
fang den Tausendflockensegen
mit vom Sturm zerformten Haar
Auf emporgestreckten Händen
schmelz ich Eiskristall zu Tau
lass von weißem Glanz mich blenden
nehm mir Holles Maid zur Frau.
Meine Pfade knirschen leise
und ein Kugelwesen lacht
als ich lächelnd mir entreise
durch des Winters Flockenpracht.
--
PS:
Das ist natürlich nicht das erste Schneegedicht, das ich schrieb. Ein schönes entstand vor fast sieben Jahren:
schneespaziergang
morast - 20. Dez, 13:09 - Rubrik:
Seelensplitter
Beinahe hätte ich es geschafft, mich selbst zu verhohnepiepeln [Allein für dieses Wort war es schön, diesen Satz geschrieben zu haben.] Der Wecker hatte seine Klingelei bereits überstanden und mich aus nicht erneut abrufbaren Träumen gescheucht. Und doch lag ich noch immer hier, in das Gefühl gestopft, gerade aufzustehen, obgleich mein regloser Körper unter verlockend nachtwarmer Decke keiner Bewegung frönte und meine Augenlider langsam gen einlullender Schwärze sanken. Gerade mal fünf Sekunden konnten vergangen sein, da schreckte ich auf, starrte auf die fehlenden Minuten, die die leuchten Zeitanzeige verschlungen haben musste, und sprang aus dem Bett, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Das grelle Badezimmerlicht fand mich, und mit ihm ein Lied aus der Vergangenheit.
Chase The Dragon - "Engage"
morast - 16. Dez, 17:14 - Rubrik:
Morgenwurm
Nachdem die S-Bahn es wagte, nur zwei Minuten vor Abfahrt meines ICEs aus dem Bahnhof Stuttgart in selbigen einzufahren und mir somit ermöglichte, samt Gepäck in Windeseile zwei Etagen voller Treppen ersteigend längst überfälliges Konditionstraining zu absolvieren, war ich nun froh zu sitzen. Hier, auf meinem reservierten Platz im Zweite-Klasse-Abteil des ICEs nach Frankfurt.
Eine Reservierung wäre nicht nötig gewesen, stellte ich beim Umsehen fest, doch allein der Umstand, dass ich den einzigen Einzelplatz bekommen hatte und mit niemandem eine harndrangbedingte Aufsteh-Bekanntschaft eingehen brauchte, war den finanziellen Zusatzaufwand wert. Und natürlich die Aussicht. Denn auf der anderen Seite des Ganges hatte sich ein älteres Ehepaar um einen Tisch herum ausgebreitet und benahm sich beobachtungswürdig.
Der Ehemann las Bild. Dazu hatte er den größten Teil des Papiers auf dem Tisch zurechtgelegt und diesen somit völlig in Beschlag genommen. Einen weiteren Teil hielt er in den Händen. Der ihm gegenübersitzenden Ehefrau war also nicht nur der Blick auf das Gesicht ihres Gatten, sondern auch jegliche Benutzung des eigentlich für vier Personen ausgelegten Tisches verwehrt.
Bei so viel ehegattiger Ignoranz tat sie recht daran, eine Schnute zu ziehen.
Und das nicht nur einmal. Als würde sie für ein Shootoing facebookiger Duckfaces posieren, formte sich ihr Mund im Sekundentakt zu eben erwähnter Schnute, zogen sich die Lippen zur Spitzmäuligkeit zusammen, um sich gleich darauf wieder gen Normalität zu entspannen. Ein Tick, den ich zugleich störend und faszinierend fand.
Wie mochte er wohl entstanden sein?, fragte ich mich gerade, da entnahm die Schnutenfrau einer Bäckerstüte ein mit Käse belegtes Baguette. Sie richtete ein paar Wörter an ihren beschäftigt Bilder und Textfragmente betrachtenden Mann, und dieser kramte aus den Tiefen seiner Hose ein Schweizer Taschenmesser hervor.
Na klar, dachte ich, was für ein Rollenverteilungsklischee. Der Mann darf den gesamten Platz belegen und hat die Obhut über die gefährliche Waffe Taschenmesser. Die Frau hingegen kümmert sich um das Futter.
Und das tat sie. Die Schnutenfrau kreierte eine zeitunsgfreie Stelle auf dem Tisch und schnitt das Baguette erst längs und dann quer durch. Der Mann bekam zwei Stücke gereicht, blieb jedoch trotz Nahrungsaufnahme in seine Lektüre vertieft. Die Frau hingegen teilte den verbliebenen Rest noch einmal. Vielleicht war ihr Schnutenmund zu schmal.
Das Taschenmesser leistete schlechte Arbeit. Das Zerteilen sah eher aus wie eine Opferung, ein Ritual, das begangen werden musste, um die Zuggeister gnädig zu stimmen. Das würde auch erklären, warum die beiden überhaupt etwas essen musste, nur wenige Minuten von Einsteigebahnhof entfernt , so kurz nach dem Aufstehen und recht wahrscheinlichen Frühstück, das ich vermutlich sogar zum ungefähr gleichen Zeitpunkt vollzogen hatte wie diese beiden, ihr Mahl geistesabwesend hinunterschlingenden Mitfahrer.
Die Bäckerstüte wurde geräuschvoll zerknüllt, die Zeitung, die den Weg zum tischeigenen Mülleimer versperrte, kurz angehoben - und schon war jede Spur der unansehnlichen Mahlzeit beseitigt. Neue Spuren mussten her, diesmal in Form von Zitrusfruchtschalen. Die Schnutenfrau, die sich soeben um die Tischreinigung gekümmert hatte, blieb ihrem Rollenbild treu und zauberte nun eine Orange hervor, die es umständlich zuzubereiten galt.
Erst als der Mann mit geschälten, von Fäden und Kernen befreiten, einzeln zerpflückten Orangenstückchen versorgt war, gab sie Ruhe, verzog in unregelmäßigen Abständen den Mund und beseitigte die orangen Obsthinterlassenschaften. Das gesamte Abteil roch nun, was die beiden gerade verspeistet hatten - und ich fühlte ein wenig Dankbarkeit dafür, dass es kein penibel zerkleinerter Döner Kebab gewesen war.
Frankfurt nahte. Doch bevor die Stadt eine Chance hatte, ihre Großbauten neben unseren Fenstern entlanggleiten zu lassen, bevor es dem Zugbegleiter gelungen war, auf die in wenigen Minuten stattfindende dortige Ankunft hinzuweisen, war das Ehepaar aufgesprungen, angezogen und gen Tür gespurtet, wo sie dann standen und den Gang mit ihrer minutenlang ausharrenden Anwesenheit füllten.
Als der Zug schließlich in den Bahnhof einfuhr, stand auch ich auf, schnappte mir meine Tasche und verließ das Abteil. Es roch noch immer nach Orange.
morast - 15. Dez, 18:37 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
Ich war gerade auf dem Weg zur S-Bahn, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Ich schaute hin, doch sah nichts. Ein paar Schritte später glaubte ich erneut, eine Bewegung wahrzunehmen, diesmal vor mir. Ich sah genauer hin und entdeckte eine Nacktschnecke, die gerade hinter einer Hauswand verschwand.
"Hey!", rief ich. Die Schnecke drehte sich um und richtete ihre Fühler auf mich.
"Ja?", fragte sie.
Es war eine dicke, fast schon als riesig zu bezeichnende Nacktschnecke, deren helles Grau durchaus hübsch anzusehen war.
"Bist du gerade gerannt?", fragte ich vorsichtig, denn ich war mir nicht sicher, was genau ich eigentlich gesehen hatte.
"Ich? Nö.", antwortete die Nacktschnecke, doch Schnecken sind unglaublich schlechte Lügner, und ich durchschaute sie sofort. Außerdem war sie noch immer außer Atem.
"Du bist gar keine Nacktschnecke, oder?", vermutete ich.
Die Nacktschnecke errötete. Ertappt!
"Ich bin eine Weinbergschnecke.", erklärte die Nichtnacktschnecke. "Allerdings habe ich mein Haus vergessen."
"Ui.", sagte ich, denn obgleich ich sehr vergesslich bin, gelang es mir noch nie, mein Haus zu vergessen. Jedoch besitze ich auch keins.
"Und nun flitze ich gerade zurück, um mein Haus zu holen, bevor mich jemand sieht." Die Schnecke blickte an. "Ich will sozusagen nach Hause."
Sie lächelte müde. Anscheinend hatte sie gerade einen Scherz gemacht.
"Ich muss jetzt los.", sagte sie, und in Sekundenschnelle war sie viereinhalb Meter davongeeilt.
"Warte kurz!", rief ich hinterher und sprintete zu ihr hin. "Sind Schnecken normalerweise nicht unglaublich langsam?"
Die Schnecke lachte, und zum ersten Mal klang sie tatsächlich fröhlich.
"Ja, sind wir.", sagte sie, und bevor ich zwinkern konnte, war sie verschwunden.
morast - 25. Nov, 07:36 - Rubrik:
Begegnungen