Dienstag, 20. Dezember 2011

Wirbelweiß

Weit ragt meine Neugierzunge
in den kalten Wolkenwind
und ein Jauchz harrt in der Lunge
tanzt mit meinem Innenkind

als aus grauem Nebel-Oben
Flock um Flock darniederstürmen
weiße Wirbel fröhlich toben
sich zu weichen Betten türmen

meine Schritte Löcher graben
die sogleich ein Schneekuss füllt
und in Winters kühle Gaben
sich mein wollbeflauschter Mantel hüllt.

Und ich spring dem Schnee entgegen
lächle, singe, rufe gar
fang den Tausendflockensegen
mit vom Sturm zerformten Haar

Auf emporgestreckten Händen
schmelz ich Eiskristall zu Tau
lass von weißem Glanz mich blenden
nehm mir Holles Maid zur Frau.

Meine Pfade knirschen leise
und ein Kugelwesen lacht
als ich lächelnd mir entreise
durch des Winters Flockenpracht.

--

PS:
Das ist natürlich nicht das erste Schneegedicht, das ich schrieb. Ein schönes entstand vor fast sieben Jahren:
schneespaziergang

Freitag, 16. Dezember 2011

Morgendlicher Ohrwurm 50: Engage

Beinahe hätte ich es geschafft, mich selbst zu verhohnepiepeln [Allein für dieses Wort war es schön, diesen Satz geschrieben zu haben.] Der Wecker hatte seine Klingelei bereits überstanden und mich aus nicht erneut abrufbaren Träumen gescheucht. Und doch lag ich noch immer hier, in das Gefühl gestopft, gerade aufzustehen, obgleich mein regloser Körper unter verlockend nachtwarmer Decke keiner Bewegung frönte und meine Augenlider langsam gen einlullender Schwärze sanken. Gerade mal fünf Sekunden konnten vergangen sein, da schreckte ich auf, starrte auf die fehlenden Minuten, die die leuchten Zeitanzeige verschlungen haben musste, und sprang aus dem Bett, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Das grelle Badezimmerlicht fand mich, und mit ihm ein Lied aus der Vergangenheit.

Chase The Dragon - "Engage"

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Schnutenfrau und Messermann

Nachdem die S-Bahn es wagte, nur zwei Minuten vor Abfahrt meines ICEs aus dem Bahnhof Stuttgart in selbigen einzufahren und mir somit ermöglichte, samt Gepäck in Windeseile zwei Etagen voller Treppen ersteigend längst überfälliges Konditionstraining zu absolvieren, war ich nun froh zu sitzen. Hier, auf meinem reservierten Platz im Zweite-Klasse-Abteil des ICEs nach Frankfurt.
Eine Reservierung wäre nicht nötig gewesen, stellte ich beim Umsehen fest, doch allein der Umstand, dass ich den einzigen Einzelplatz bekommen hatte und mit niemandem eine harndrangbedingte Aufsteh-Bekanntschaft eingehen brauchte, war den finanziellen Zusatzaufwand wert. Und natürlich die Aussicht. Denn auf der anderen Seite des Ganges hatte sich ein älteres Ehepaar um einen Tisch herum ausgebreitet und benahm sich beobachtungswürdig.

Der Ehemann las Bild. Dazu hatte er den größten Teil des Papiers auf dem Tisch zurechtgelegt und diesen somit völlig in Beschlag genommen. Einen weiteren Teil hielt er in den Händen. Der ihm gegenübersitzenden Ehefrau war also nicht nur der Blick auf das Gesicht ihres Gatten, sondern auch jegliche Benutzung des eigentlich für vier Personen ausgelegten Tisches verwehrt.
Bei so viel ehegattiger Ignoranz tat sie recht daran, eine Schnute zu ziehen.
Und das nicht nur einmal. Als würde sie für ein Shootoing facebookiger Duckfaces posieren, formte sich ihr Mund im Sekundentakt zu eben erwähnter Schnute, zogen sich die Lippen zur Spitzmäuligkeit zusammen, um sich gleich darauf wieder gen Normalität zu entspannen. Ein Tick, den ich zugleich störend und faszinierend fand.
Wie mochte er wohl entstanden sein?, fragte ich mich gerade, da entnahm die Schnutenfrau einer Bäckerstüte ein mit Käse belegtes Baguette. Sie richtete ein paar Wörter an ihren beschäftigt Bilder und Textfragmente betrachtenden Mann, und dieser kramte aus den Tiefen seiner Hose ein Schweizer Taschenmesser hervor.
Na klar, dachte ich, was für ein Rollenverteilungsklischee. Der Mann darf den gesamten Platz belegen und hat die Obhut über die gefährliche Waffe Taschenmesser. Die Frau hingegen kümmert sich um das Futter.
Und das tat sie. Die Schnutenfrau kreierte eine zeitunsgfreie Stelle auf dem Tisch und schnitt das Baguette erst längs und dann quer durch. Der Mann bekam zwei Stücke gereicht, blieb jedoch trotz Nahrungsaufnahme in seine Lektüre vertieft. Die Frau hingegen teilte den verbliebenen Rest noch einmal. Vielleicht war ihr Schnutenmund zu schmal.
Das Taschenmesser leistete schlechte Arbeit. Das Zerteilen sah eher aus wie eine Opferung, ein Ritual, das begangen werden musste, um die Zuggeister gnädig zu stimmen. Das würde auch erklären, warum die beiden überhaupt etwas essen musste, nur wenige Minuten von Einsteigebahnhof entfernt , so kurz nach dem Aufstehen und recht wahrscheinlichen Frühstück, das ich vermutlich sogar zum ungefähr gleichen Zeitpunkt vollzogen hatte wie diese beiden, ihr Mahl geistesabwesend hinunterschlingenden Mitfahrer.
Die Bäckerstüte wurde geräuschvoll zerknüllt, die Zeitung, die den Weg zum tischeigenen Mülleimer versperrte, kurz angehoben - und schon war jede Spur der unansehnlichen Mahlzeit beseitigt. Neue Spuren mussten her, diesmal in Form von Zitrusfruchtschalen. Die Schnutenfrau, die sich soeben um die Tischreinigung gekümmert hatte, blieb ihrem Rollenbild treu und zauberte nun eine Orange hervor, die es umständlich zuzubereiten galt.
Erst als der Mann mit geschälten, von Fäden und Kernen befreiten, einzeln zerpflückten Orangenstückchen versorgt war, gab sie Ruhe, verzog in unregelmäßigen Abständen den Mund und beseitigte die orangen Obsthinterlassenschaften. Das gesamte Abteil roch nun, was die beiden gerade verspeistet hatten - und ich fühlte ein wenig Dankbarkeit dafür, dass es kein penibel zerkleinerter Döner Kebab gewesen war.
Frankfurt nahte. Doch bevor die Stadt eine Chance hatte, ihre Großbauten neben unseren Fenstern entlanggleiten zu lassen, bevor es dem Zugbegleiter gelungen war, auf die in wenigen Minuten stattfindende dortige Ankunft hinzuweisen, war das Ehepaar aufgesprungen, angezogen und gen Tür gespurtet, wo sie dann standen und den Gang mit ihrer minutenlang ausharrenden Anwesenheit füllten.

Als der Zug schließlich in den Bahnhof einfuhr, stand auch ich auf, schnappte mir meine Tasche und verließ das Abteil. Es roch noch immer nach Orange.

Freitag, 25. November 2011

Begegnungen 58: Schnecke

Ich war gerade auf dem Weg zur S-Bahn, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Ich schaute hin, doch sah nichts. Ein paar Schritte später glaubte ich erneut, eine Bewegung wahrzunehmen, diesmal vor mir. Ich sah genauer hin und entdeckte eine Nacktschnecke, die gerade hinter einer Hauswand verschwand.
"Hey!", rief ich. Die Schnecke drehte sich um und richtete ihre Fühler auf mich.
"Ja?", fragte sie.
Es war eine dicke, fast schon als riesig zu bezeichnende Nacktschnecke, deren helles Grau durchaus hübsch anzusehen war.
"Bist du gerade gerannt?", fragte ich vorsichtig, denn ich war mir nicht sicher, was genau ich eigentlich gesehen hatte.
"Ich? Nö.", antwortete die Nacktschnecke, doch Schnecken sind unglaublich schlechte Lügner, und ich durchschaute sie sofort. Außerdem war sie noch immer außer Atem.
"Du bist gar keine Nacktschnecke, oder?", vermutete ich.
Die Nacktschnecke errötete. Ertappt!
"Ich bin eine Weinbergschnecke.", erklärte die Nichtnacktschnecke. "Allerdings habe ich mein Haus vergessen."
"Ui.", sagte ich, denn obgleich ich sehr vergesslich bin, gelang es mir noch nie, mein Haus zu vergessen. Jedoch besitze ich auch keins.
"Und nun flitze ich gerade zurück, um mein Haus zu holen, bevor mich jemand sieht." Die Schnecke blickte an. "Ich will sozusagen nach Hause."
Sie lächelte müde. Anscheinend hatte sie gerade einen Scherz gemacht.
"Ich muss jetzt los.", sagte sie, und in Sekundenschnelle war sie viereinhalb Meter davongeeilt.
"Warte kurz!", rief ich hinterher und sprintete zu ihr hin. "Sind Schnecken normalerweise nicht unglaublich langsam?"
Die Schnecke lachte, und zum ersten Mal klang sie tatsächlich fröhlich.
"Ja, sind wir.", sagte sie, und bevor ich zwinkern konnte, war sie verschwunden.

Dienstag, 22. November 2011

Begegnungen 57: Blaumeise

Auf einem Ast saß eine Blaumeise und flötete ein Lied. Dieses kam mir seltsam bekannt vor, also blieb ich stehen und lauschte.
"Hey.", sagte ich nach einer Weile. "Ist das nicht von Vivaldi?"
Die Blaumeise schüttelte mit dem Kopf und pfiff weiter, als hätte es meine Unterbrechung nie gegeben. Wunderschön klang es, und obgleich ich noch zu müde war, um zu lächeln, spürte ich, wie sich meine Mundwinkel auseinander bewegten und in meine Zähnen das Bedürfnis erwachte, fröhlich zwischen meinen Lippen hindurchzublitzen.

Ich lauschte andächtig, versank im ruhigen und zugleich fesselnden Takt des Meisenliedes und versuchte mich daran zu erinnern, warum mir dieses bezaubernde Musikstück so bekannt vorkam.
"Chopin?", fragte ich nach anderthalb Minuten. "Ist das von Chopin?"
Die Meise schüttelte abermals mit dem Köpfchen und flötete weiter, fast noch süßer und traumhafter als zuvor. Chopin war falsch, erkannte nun auch ich, doch ich fühlte, dass ich nahe an der Lösung war.

"Schubert?", fragte ich vorsichtig, und die Meise pfiff, als hätte ich nichts gesagt.
"Mozart?"
"Händel?"
Ich seufzte. Alles falsch.

Die Meise tirillierte ihr Lied und ich hörte zu. Wunderschön klang es, und ich hätte mich in den Tönen verloren, wenn da nicht diese bohrende Frage gewesen wäre.
Ich begann wahllos Namen aufzuzählen:
"Beethoven? Bach? Haydn? Telemann? Wagner? Mendelssohn? Berlioz? Tschaikowski? Rachmaninov? Liszt? Brahms?"

Die Meise schüttelte fröhlich ihr winziges Köpfchen und fuhr fort, die Welt mit erquickenden Klang zu streicheln.
Mich durchzuckte ein Gedanke.
"Scooter?", fragte ich. "Ist das Werk von Scooter?"
Die Blaumeise grinste und flog davon

Mittwoch, 2. November 2011

Begegnungen 56: Regenwurm

Ich lief gerade an der Bushaltestelle vorbei, als ich einen Regenwurm entdeckte. Er hatte sich soeben aus der Erde herausgearbeitet und sah mich nun fragend an.
"Entschuldigen Sie.", begann er, und seine Stimme klang erstaunlich brummbärig und unregenwurmig. "Können Sie mir sagen, wann es regnet?"

Ich schaute auf meinen Arm. Seit Jahren trug ich keine Armbanduhr mehr, doch die Gewohnheit war geblieben und hatte letztlich dazu geführt, dass ich mir manchmal die Armbehaarung zu Uhrenzeigern modellierte, um mich an die guten alten Zeiten zu erinnern.
Dann schaute ich in den Himmel. Die Sonne schien, und weit und breit weigerten sich die Wolken, die Szenerie zu betreten.

"Donnerstag.", antwortete ich schulterzuckend.
"Donnerstag?", brummte der Regenwurm. "Sind Sie sich da sicher?"
Ich nickte. "Donnerstag. Hat Frau Heinze gesagt."
Frau Heinze war meine Nachbarin, und immer wenn ein Wetterumschwung drohte, juckte ihr linker Zeigefinger.
"Frau Heinze?", fragte der Regenwurm mit tiefer Stimme.
"Frau Heinze ist meine Nachbarin, und immer wenn ein Wetterumschwung droht, juckt ihr linker Zeigefinger.", erklärte ich.
"Ach.", sagte der Regenwurm brummend.
"Außerdem hat sie die merkwürdige Angewohnheit, täglich ihre vierunddreißig Rosenbeete zu gießen. Bei jedem Wetter."
Der Regenwurm sah mich interessiert an.
"Auch im Winter.", ergänzte ich.

"Frau Heinze scheint eine sehr sympathische Frau zu sein.", brummte der Regenwurm nach kurzem Überlegen. "Ich sollte sie mal besuchen."
Ich nickte. "Das ist eine ausgezeichnete Idee. Aber seien Sie vorsichtig."
Der Regenwurm blickte mich fragend an.
"Frau Heinze hat Angst vor Bären."
Der Regenwurm räusperte sich.
"Das sollte kein Problem darstellen.", piepste er und verschwand in der Erde.

Montag, 31. Oktober 2011

Morgendlicher Ohrwurm 49: Aufstehen

Manchmal vergesse ich, dass ich Aufstehen mag. Ich mag es, nicht lange zu zögern und bereits bei den ersten Weckerlärmversuchen aus dem Bett zu fliehen und den gen Bad zu stürzen. Ich bin nicht wach, doch die Dusche ändert das. Langsam öffnen sich meine Sinne, und wenn ich Glück habe und mich die Müdigkeit nicht allzu sehr lähmt, gedeihen bereits die ersten Ideen in meinem Kopf.

Wohlig gewärmt und gründlich gereinigt schlüpfe ich in die Kleidungsstücke, die mein vergangenes Ich freundlicherweise bereitlegte. Ich danke ihm und genieße das Gefühl frisch gewaschener Stoffe auf meiner Haut. Ich beeile mich, nicht viel, nur genug, um der kühlen Luft, die durch die offene Terassentür in das Schlafzimmer und an meinen Körper dringt, keine Gelegenheit zu geben, mich frieren zu lassen.

Dann frühstücke ich. Ich lasse mir Zeit, liebe es, den Tag mit entspannter Ruhe einzuläuten, nicht alle kommenden Aufgaben umgehend nach dem Aufstehen auf mich einstürzen zu lassen. Und auch wenn das Frühstück nicht immer hochwertig ist und allzu oft nur Müsli in meinem Mund zermalmt wird, so reicht es doch, um mich angenehm zu füllen und das Gefühl zu bestätigen, dass dies ein guter Tag werden könnte.

Und dann finde ich den Ohrwurm in meinem Kopf, entdecke, dass es nicht einer, sondern zwei sind - und dass mir beide gefallen. Leise singe ich mit, springe von einem zum anderen Lied, von Katatonia "Omerta" zu Ethereal Blue "Goliadkin" und laufe vergnügt durch die erwachende Stadt.



Freitag, 28. Oktober 2011

Zwillinge

Aus der Ferne nahen die Lichter der Bahn, und wie von selbst setze ich mich in Bewegung. Gerade, als mich darüber wundere, zu solch früher Stunde bereits zu derartigen Laufgeschwindigkeiten fähig zu sein, schließt sich die Tür hinter mir und ich setze mich auf den erstbesten freien Platz. Mit gegenüber sitzt ein Mann, Anfang Vierzig, mit Strähnchen in den zurückgekämmten Haaren. Er liest in einem Brief, mehrseitig, Recyclingpapier.

Nach einer Weile steckt er ihn die seine Tasche zurück und holt einen zweiten, identisch aussehenden hervor. Er lacht traurig, öffnet ihn und sieht ihn an. Dann mich.

"Das sind Briefe vom Jugendheim. Ich soll zahlen. Ich hatte gestern Geburtstag, und jedes Jahr zu meinem Geburtstag bekomme ich diese Briefe. Tolles Geschenk."
"Na denn. Herzlichen Glückwunsch.", antworte ich halbironisch.
"Ich bin Amerikaner.", erklärt er. "Meine Kinder sind 11. Zwillinge. Die Mutter ist gestorben, und ich darf die beiden nicht mehr sehen. Aber zahlen soll ich."

Mosaikartig bricht sein Leben aus ihm heraus. Er lernte seeen Frau in den USA kennen, schwängerte sie, heiratete sie. Seine Kinder wurden an einem Schnapszahldatum geboren.
"Das sollte doch eigentlich Glück bringen.", werfe ich ein, doch weiß, dass es das nicht tat.
Sie ließen sich scheiden, und weil die Frau Alkoholikerin war, verbrachten die Kinder viel Zeit im Heim. Vor fünf Jahren starb die Frau, vermutlich infolge ihrer Krankheit [Ihm wurde eine diesbezügliche Aussage verweigert.], und das Sorgerecht ging an das Jugendheim.
Nicht an ihn, den Vater. Weil er Amerikaner war. Ausländer.

Er hatte Besuchsrecht, durfte seine Kinder bis zu einem Tag pro Woche sehen. Die mütterlichen Großeltern hatten größere Befugnisse, doch das spielte keine Rolle. Eine Zeitlang machte er das mit, nahm Urlaubstage, fuhr Hunderte Kilometer durch Deutschland, um seine Kinder eine Stunde lang sehen zu können, kehrte dann zurück.

Er vermittelte seiner Tochter eine Brieffreundin, und ihm wurde vorgeworfen, dadurch einen Keil zwischen Heim und Kinder treiben zu wollen. Es gibt einen komplizierten Ausdruck dafür, doch ich habe ihn vergessen, sobald er ihn ausgesprochen hatte.

Nun besteht sein einziger Kontakt zu seinen Kindern in den Zahlungen, die er zu leisten hatte. Für sie ist er ein Fremder. Eine Geburtagskarte erhielt er nicht.

"Ich steige hier aus.", sagt er und geht. Verstört bleibe ich zurück, bis ich bemerkt, dass auch ich aussteigen muss, und schlüpfe rasch durch die sich schließenden Türen hinaus ins Freie.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Morgendlicher Ohrwurm 48: All deine Liebe

Im Wohnzimmer dudelte immer das Radio und warf die besten Hits der Siebziger, Achziger und von heute in den Raum. Wenn ich meinen Vater fragte, wer dieses oder jenes Lied sang, bekam ich immer eine Antwort. Allerdings selten eine ernst gemeinte. "Manfred Mann's Earth Band" sagte er häufig, und ich musste erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass dieser skurrile Bandname kein Produkt seiner Fantasie war.

Songs, deren Interpreten er immer erkannte, würde man heute vielleicht dem Classic Rock zuordnen. ELO und CCR waren Abkürzungen, die mich faszinierten, und als ich irgendwann verinnerlicht hatte, dass es sich dabei um Electric Light Orchestra und Creedence Clearwater Revival handelte, fühlte ich mich ein wenig stolz.

Mein eigener Musikgeschmack entwickelte sich, und es wurde offensichtlich, dass die Rock- und Hardrock-Vorlieben meines Vaters ihren Einfluss ausübten. Als ich irgendwann einer CCR-BestOf von Anfang bis Ende lauschte, stellte ich erfreut fest, dass mein Vater, wenn man von gelegentlichen Abrutschern zu BAP oder den Rolling Stones absah, offensichtlich durchaus gute Musik hörte.

Das Hallenser Beatles-Museum jedoch lieferte mir einen Schock. Auf einer Charttabelle aus dem Jahre 1969, in der irgendein Beatles-Album an der Spitze stand, befand sich "Green River" von Creedence auf Platz 2. Auf Platz 2! Mein Vater war Mainstream gewesen, hatte Chartmusik gehört! Zwar erst Jahre nach der Veröffentlichung des Albums, aber trotzdem: Mein Weltbild schwankte.

Doch dann machte ich mir klar, dass die damaligen Möglichkeiten, "alternative" Musik zu vernehmen, sicherlich beschränkt gewesen waren. Technikbedingt und überhaupt. Und dass CCR eindeutig gut waren, unabhängig von irgendeiner Tabellenposition.

Weniger gut hingegen waren ABBA. Meine Mutter erzählte mir einst, dass sie ABBA eigentlich immer gemocht hatte, und meine Weltbild geriet erneut ins Wanken. Das Wohnzimmerradio mochte ABBA, dudelte tagtäglich den einen und anderen Song vor sich hin, und jedes Mal befiel mich ein Gefühl leichten Ekels. Ich konnte es mir nicht erklären, doch ABBA war widerlich.

Und ist es bis heute. Als in den Neunzigern Ace Of Base als die neuen ABBA bezeichnet wurden, bloß weil sie auch aus Schweden stammten, vererbte sich meine ABBA-Abneigung umgehend. Und als ich heute früh erwachte, und ABBAs "Lay All Your Love On Me" durch meinen Kopf tönte, verblieb mir nur, einen geplagten Seufzer in die Welt zu werfen und zu hoffen, dass der Tag andere Ohrwürmer bereithalten würde.



Mit meiner Mutter versöhnte ich mich übrigens schnell. Schließlich mag sie Deep Purple und neigt sogar bei finstersten Metalsongs dazu, nickend zu kommentieren: "Das klingt ganz gut."

Dienstag, 25. Oktober 2011

Morgendlicher Ohrwurm 47: Sehen und Hören

Schon in der zweiten Klasse wurde festgestellt, dass meine Sehfähigkeit brillenbenötigend schlecht ist. Wenn ich mir später, ohne Kontaktlinsen zu besitzen, selber eine Brille aussuchte, setzte ich mir beim Optiker das unbeglaste Gestell auf die Nase und trat bis auf zehn Zentimeter Abstand an den Spiegel heran - weil ich erst dann scharf genug sah, um das Aussehen beurteilen zu können.

Mittlerweile benutze ich Kontaktlinsen, "Haftschalen", wie sie einst genannt wurden, und auch wenn der Weg zum Bad ein kurzer und mir bekannter ist, greife ich als erstes nach dem Aufwachen nach der Brille. Beziehungsweise als zweites. Zunächst widme ich mich dem Wecker. Dann stülpe ich mir das Nasenfahrrad über das Antlitz [Wuhuu! Weitere antiquierte Begriffe.], um die fünf Schritte in Richtung Kontaktlinsenbehälter zu überwinden und mir eine andere Art des Sehens einzuverleiben.

Bereits als Kind befürchtete ich, dass ich irgendwann erblinden könnte. Beziehungsweise ich versuchte, mich auf den Gedanken vorzubereiten, versuchte, mich schon während des Sehenkönnens an ein Leben ohne Augenlicht zu gewöhnen. Ich nahm mir die Angst. Beispielsweise liebte ich es [und liebe es noch immer], auf gerader, freier Strecke die Augen zu schließen und einfach loszulaufen. Es erstaunt mich immer wieder, dass ich meinen Rekord von ungefähr 40 Schritten nicht zu brechen vermag. Meine Fantasie spielt mir einen Streich, zaubert Bäume und Pfeiler auf den imaginierten Pfad, lässt mich vor Widerstände rennen und Schluchten hinunterstürzen. Selbst wenn eine Hand ein Brückengeländer entlanggleitet, meine Laufrichtung also gesichert ist, male ich mir unfreiwillig aus, wie Menschen mir entgegenrennen oder plötzlich der Asphalt unter meinen Füßen fehlt.

Wenn ich morgens aufstehe, verzichte ich auf Licht. Natürlich, der Badebesuch erfolgt lichtuntermalt, anders liefe eine Gesichtsenthaarung wohl kaum unbeschadet ab. Doch das Aufstehen selbst und auch das spätere Bekleiden erfolgen, sofern es die Jahreszeit zulässt, in morgendunklem Zimmer. Die Kleidungsstücke liegen bereit, und dennoch muss es ein unschöner Anblick sein, mich beim Ertasten des Sockenknäuels zu beobachten. Aber niemand sieht zu. Und selbst wenn: Es ist dunkel.

Ein Teil von mir erhofft sich, durch dieses morgendliche Verweilen in Finsternis noch ein wenig Restschlaf zu erhaschen, noch ein wenig Ruhe zu bewahren, bevor der Tag sich entgültig entfaltet. Und gleichzeitig setze ich fort, was ich vor Jahren begann, bereite mich, auch wenn es unnötig erscheint, darauf vor, irgendwann des Sehens nicht länger fähig zu sein, irgendwann durch dauerhafte Nacht schreiten zu müssen.

Immerhin hätte ich dann noch die Musik. Und mit ihr Ohrwürmer. Zum Beispiel jenen, der mich heute Morgen zum wiederholten Male fand - und dennoch, allein aufgrund seiner Schönheit, Erwähnung finden soll:

"Fjara" von Sólstafir.

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