Mittwoch, 9. März 2005

relativ

Erstaunlich, daß heute scheinbar jeder die allgemeine und spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins versteht und erklären kann.

Zu seinen Lebzeiten gab es nach eigener Aussage nur drei, die das konnten. Und nun, im Rahmen des fabulös-fantastischen Einstein-Jahres, begegnet man an allen Ecken überschlauen Büchern, hochbrisanten Artikeln, superspannenden Fernsehsendungen und pseudointelligenten Menschen, die jene großartige Theorie auch für sabbernde Vakuumköpfe und notorische Nichtversteher begreiflich zu machen wissen, die mit wenigen, simplen Worten das zu erläutern vermögen, was für eine der größten und bedeutsamsten Erkenntnisse der Wissenschaft des 20.Jahrhunderts gehalten wird, die sich also anmaßen, daß sie im Jahre 1915 zu den ominösen drei Megacheckern gehört hätten.

Unverständlich.
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Tropfen

Es schneit.
Erneut.
An meinem Fenster schmelzen die Flocken zu silberklaren Tropfen.
Sturz auf Glas und dann sich selbst aufgegeben.
Langsam kriecht das Naß die Scheibe hinab, um schließlich noch tiefer zu stürzen.

Es schneit Tränen.
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Abschied

Der Blick durch die zerkratzen Scheiben der Straßenbahn gilt der altbekannten Temperaturanzeige. 1,6° Celsius. 9 Uhr morgens.

Ich bedaure den Winter, der sich langsam auf den Heimweg zu begeben hat, schenke ihm mitleidige Gedanken. Als ich aussteige, bemerke ich letzte, schmutzige Reste Schnee. Wie vergessene Vergangenheiten liegen sie im Matsch und beweinen ihr Vergehen mit eisigen Tränen.

Erstmalig vernehme ich das süße Trillern einiger Singvögel. Eine Amsel läßt sich neben mir nieder und berührt mich mit ihrem Lied. Adieu, lieber Winter. Selbst die Vögel wissen, daß du gehst.

Gern hätte ich noch einen Schneemann gebaut, Schuhabdrücke in unberührtes Weiß gesetzt. Gern wäre ich noch einmal tanzend durch die Schneewinde gelaufen, hätte versucht, die kalten Flocken mit der Zunge zu fangen.

Und wie als Antwort beginnt es zu schneien, erst leise, lieblich, dann stärker. Schneeflocken wirbeln in mein Gesicht, in mein Haar. Unzählige weiße Küsse taumeln mir fröhlich entgegen.

Gerührt halte ich die Zeit an, bedanke mich lächelnd für diesen zauberhaften Abschiedsgruß.
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Nachtrag zum Frauentag

Zufällig mit einer ehemaligen Mitbewohnerin konfrontiert, nutzte ich gestern die Gelegenheit, ihr "Alles Gute." zum Frauentag zu wünschen. Was wünscht man eigentlich zu Frauentag? Schenkt man irgendwas? Ich weiß es nicht. "Alles Gute." finde ich akzeptabel, ist schließlich allgemein genug gehalten, um immer zu passen. Im Laufe des Gesprächs kam heraus, daß wohl gewisse Begebenheiten innerhalb meiner Vergangenheit darauf hindeuten, daß auch ich einen netten Gruß zum Frauentag gebrauchen könnte, wurde ich doch schon oft genug für ein feminines Wesen gehalten. Ich lehnte dankend ab, doch die einmal geweckten Erinnerungen konnte ich nicht mehr vertreiben.

Zu Beginn meines Studiums beherrschte mich noch der Wunsch, an studentischen Großveranstaltungen teilhaben zu wollen. Warum, weiß ich auch nicht, kann ich doch nicht sagen, daß ich bei derartigen Veranstaltungen sonderlich viele nette Menschen kennenlernte oder übermäßig viel Spaß hatte. Doch mich trieb es hinaus, ich wollte in den feiernden Massen versinken - und sei es nur um festzustellen, daß ich nicht zu ihnen gehörte.
So begab es sich, daß ich auf einem sogenannten Beschnüfflungsball verweilte. Die einzige Gemeinsamkeit mit einem "echten" Ball war vermutlich, daß unzählige amüsierwillige Menschen dort aufzufinden waren. Selbst Musik lief keine. Allerdings wurde auf drei Etagen der Versuch unternommen, mit schlechten Popsongs der 80er, mit noch schlechteren Dancefloorkrachern der derzeitigen Hitparaden und mit tanztaktorientiertem Techno-/House-Bässen [inklusive simpelster Dreitonkeyboardmelodien] "echte" Musik zu imitieren, so daß die schwitzende, trinkende Meute ausreichend ihr Tanzbein schwingen oder mit ihrem Hintern wackeln konnte.
Innerhalb solcher Veranstaltungen ist Nüchternheit so etwas wie ein Tabu, nicht zuletzt, weil man aus Selbstschutzgründen permanente Eigenbetäubung vornehmen sollte. Doch dazu war ich nicht gewillt und besuchte abwechselnd alle drei Etagen, ganz in Schwarz, mit einem schicken Samthemd bekleidet, die langen Haare rebellisch offen, bewaffnet mit einem nahezu geleerten Plastikbecher, der nichts Bedeutsameres als fade Cola enthielt. Damals versuchte ich, mir einzureden, ich suchte auf den verschiedenene "Floors" nach richtiger Musik, heute weiß ich, daß ich eigentlich floh.
Als ich meinen vergeblichen Fluchtversuchen eine Pause gönnte und mich irgendwo am weniger belebten Rand positionierte, drang ein vernuscheltes "Hey!" von hinten an mein Ohr. Ich war nicht willens, mich umzudrehen und reagierte erst, als ein zweiter Laut ertönte: "Hey du!" Vor mir stand einer dieser H.P. Baxxter-Verschnitte, die in Magdeburg so häufig anzutreffen waren: kurzes, blondiertes, mit Gel beschmiertes Haar, krebsgesundes Sonnenstudiobraun, ein biergefüllter Plastikbecher in der einen und eine glühende Zigarette in der anderen Hand.
Als ich mich umgedreht hatte und wir uns gegenseitig in die Gesichter blicken konnte, reagierte er alkoholpegelbedingt in Zeitlupengeschwindigkeit: "Äh ... Du bist ja ... n KERL!"
Ich schenkte ihm ein bestätigendes, aber geringschätzendes Lächeln und wandte mich wieder ab. Allerdings vernahm ich noch, wie H.P.Baxxter zu seinen Begleitern torkelte und von seinem Erlebnis berichtete: "Ey, der Typ ist gar keine Frau. Alder..."

Wenn ich später irgendwem von dieser mir durchaus unangenehmen Geschlechterverwechsulng berichtete, wurde mir stets versichert, ich sähe maskulin aus und sei keineswegs mit einem Weibchen zu verwechseln. Ich war geneigt, diesen Beteuerungen Glauben zu schenken und die Verwechslung, die für mich wohl peinlicher gewesen war als für den potentiellen Verehrer [der davon sowieso nicht viel behalten haben wird], auf dessen stark alkoholisierten Zustand und seine dadurch stark eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit zu schieben.
Doch leider blieb es nicht dabei.

Einst arbeitete ich im Kaufland als Wursteinsortierer. Kein sonderlich aufregender oder gar angenehmer Job, insbesondere weil ich nicht behaupten kann, zu meinen Kolleginnen gute Kontakte gepflegt zu haben. Mir mißfiel unter anderem die Tatsache, daß ich genötigt wurde, aus gesundheitstechnischen Gründen mich mit einem lächerlichen, weißen Kittel zu bekleiden. Ich hatte schließlich keinerlei Umgang mit Nahrunsgmitteln und kam nur mit den zugeschweißten Plastikverpackungen der Wurstsorten in Berührung.
Eines Tages kniete ich nieder, um in der untersten Kühlregaletage Sülzwurstpackungen zu stapeln. Ein Mann trat an mich heran, ich sah nur seine verwaschen-blauen Jeans, und sagte: "Ich wollte schon immer, daß eine Frau so vor mir kniet." Sein Genitalbereich befand sich direkt vor meinem Gesicht.
Schockiert rückte ich ein Stück von ihm weg, schaute hinauf. Seine Gesichtszüge entgleisten, als er mein unrasiertes Gesicht erkannte und ihm bewußt wurde, daß er sich wohl geirrte hatte. Ich teilte ihm mit, daß er wohl schwul sein müsse, wenn er wollte, daß ich vor ihm kniete, und er beeilte sich, eine alberne Ausrede murmelnd meinem Sichtfeld zu entfliehen.

Bis heute sage ich mir: Der Kittel war schuld. Der dämliche, asexuelle Kittel war der Grund für die wiederholte Verwechslung.
Doch sicher bin ich mir nicht.
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Montag, 7. März 2005

Liebst du mich?

Ich flüstere einen Strauß Blumen in die Sonne, denk an dich, während du Silberblasen schweigst. Sie platzen auf meinen Lippen, hinterlassen den faden Geschmack vergänglicher Merkwürdigkeiten. Ich sehe auf, sehe dich an, entrückte dem Nichts, das sich noch immer heimlich an mein Hosenbein klammert. Ich könnte Worte wie Regentropfen auf deine Nasespitze setzen, dir mit fliegenden Sinnen in die Seele lachen, könnte das kitzelnde Sternenfunkeln in deine lieblichen Augen zaubern, könnte meinen unsichtbaren Mantel in den Winden flattern lassen und verlieren, könnte dich jederzeit unter Millionen Namen erkennen, deine Hand tief in rauschzartsüße Träume halten - wenn du nur wolltest, wenn dich dich nur sehntest.

Als ich die Welt anhalte, lächelst du verschmitzt und fliehst in die Wolken. Ich sehe dich und male aus meinen Gedanken tränenheiße Fragezeichen in den Himmel.
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Zugbegleitende Minderheiten

Die Bahn macht mobil. In Minderheiten.

Ich habe keine Ahnung, ob der allseits unbeliebte Bahnchef Mehdorn in einem deutschlandweiten Rundbrief an seine Personalabteilungen die Forderung nach zunehmender Integration von Minderheiten in das Zugbegleiterpersonal stellte oder ob ich nur das skurrile Glück hatte, bei den letzten Zugfahrten immer wieder von derartigen nach meinem Ticket befragt zu werden. Fest steht, daß ich eines Tages als ich schmökernd in dem S-Bahn-artigen Gefährt saß, welches stündlich zwischen Halle und Magdeburg hin und her pendelt, von einer wenig attraktiven Frau nach meiner Fahrkarte gefragt wurde. Ich habe ihr Gesicht nicht länger in Erinnerung, doch erinnere mich noch deutlich eines slawischen Akzents, der mich grübeln ließ, welcher nationalen Abstammung die Schaffnerin, Verzeihung: die Zugbegleiterin, wohl sein mochte. Allein die Tatsache der Integration einer urspünglich ausländischen Mitbürgerin in das Bahnpersonal fand ich lobenswert und verschaffte der sonst selten mit Positivaspekten belegten Deutschen Bahn einen kleinen Pluspunkt auf meiner inexistenten Bewertungsskala.

Allerdings maß ich der Sache nicht derart große Bedeutung bei, daß sie mir in allen Einzelheiten im Gedächnis blieb. Jedoch begab es sich, daß mir auf der Rückreise in der gleichen Regionalbahn erneut die Frage nach meiner Fahrkarte gestellt wurde. Diesmal handelte es sich bei dem Kontrolleur um einen jungen Mann von geringer Körpergröße und schmaler Statur. Sein Schnauzer wirkte ein wenig albern und erweckte den Eindruck, zu einem Türken zu gehören. Der Eindruck täuschte nicht, war doch sein Akzent eindeutig türkisch gefärbt. Ich gebe zu, daß die Färbung auch arabisch gewesen sein konnte, daß der kontrollierende Zugbegleiter womöglich nicht aus der Türkei, sondern aus dem Iran oder dergleichen stammte, doch steht fest, daß Deutschland vermutlich nicht als seine ursprüngliche Heimat zu bezeichnen war.

Wieder vergaß ich diese Begebenheit und sollte ich mich erst wieder an sie erinnern, als ich mich vor wenigen Tagen in der Regionalbahn von Halle nach Magdeburg befand. Es war Samstag Abend, der Zug war verhältnismäßig leer, ich hatte meine Ruhe. Letzteres ist in den seltensten Fällen gegeben, weswegen ich bei nahezu jeder Zugfahrt die Möglichkeit des Erwerbs eines tragbaren Musikabspielgerätes zum Ohrenverstopfen erwäge. An einer der unzähligen Dorfhaltestellen steigen zwei Rentner zu, plazierten sich direkt hinter mir und begannen ausfürlich über ihren Sohn zu diskutieren, dem sie gerade einen Besuch abgestattet hatten. Ich versuchte, mich in die Bedienungsanleitung meines Photoapparates zu vertiefen, doch versagte. Die beiden, in wasserabweisendes Wanderoutfit gekleidet und mit scheinbar unabnehmbarer Woll- bzw Schirmmütze bestückt, wurden in ihrer dorfdialektisch eingefärbten Nonsens-Unterhaltung, in der sie ständig einander zu bekräftigen versuchten und immer neue Worte fanden, um bereits Gesagtes anders zu umschreiben, erst unterbrochen, als der Zugbegleiter in das Abteil hereinspazierte.

"Hereinspazierte" trifft es vielleicht nicht ganz, war es doch mehr ein elegantes Tänzeln, das man bei maskulinen Wesen eher selten sieht. Sowohl diese Gangart als auch seine Frisur, sein gut ausrasierter Bart und der Ring im rechten Ohr bewirkten bei mir eine Spontanassoziation zu dem Wort "schwul". Und wie es aussah, war mein erster Eindruck ein richtiger, wurde er doch durch Gestik, Stimme und Sprache des Zugbegleiters verstärkt.

Das Rentnerpaar besaß eine eindeutig falsche Fahrkarte, aber nicht die Fähigkeit zur Einsicht, was zu einer Endlosdiskussion zu führen schien. Immer wieder verwies der kontrollierende Bahnmitarbeiter darauf, was deutlich auf dem Ticket zu lesen war, vermochte aber keine weiteren Argumente für die Eindeutigkeit seiner Aussage zu finden. Er blieb ruhig, ging höflich auf die beiden Älteren ein, neigte aber zu einem Anflug von Verzweiflung, als er der Uneinsichtigkeit der Rentner gewahr wurde. Diese nämlich diskutierten wild durcheinander, nicht vergessend, sich völlig ihrem unappetitlichen Dialekt hinzugeben, auf die Bahn, ihre Preise und die bösen, bösen Automaten zu schimpfen, die doch gefälligst alles ausführlich zu erklären hätten.

Selbst als der offensichtlich homosexuelle Zugbegleiter sich mir zuwandte und die beiden Nahezu-Schwarzfahrer mit ihrem flaschen Ticket allein ließ, ohne ihren Fehler zu ahnden, schimpften sie weiter, diskutierten, behaupteten, die richtige Fahrkarte zu besitzen.

Seiner Verzweiflung nachgebend zeigte er nun auch mir das Ticket, wollte darin bestätigt werden, was auf dem unrichtigen Ticket eindeutig zu lesen war. Lächelnd gab ich ihm recht, zeigte meine eigene, gültige Fahrkarte und war sogar so großzügig, meine Bahncard unaufgefordert vorzuweisen. Die Alten gaben keine Ruhe, doch diskutierten mittlerweile eher mit sich selbst als mit dem Zugbegleiter. Dieser hatte seine Ruhe noch immer nicht verloren, beendete seinen freundlichen Kontrollblick auf mein Ticket und verschwand aus dem Abteil.

Ich hörte mir die Diskussion der beiden Zurückbleibenden noch eine Weile an, versuchte, einen guten Rat einzubringen, der aber abprallte und darin mündete, daß die bereits tausendfach aufgeführten Unschuldsbetuerungen noch einmal von vorn begannen. Ich seufzte leise und vertiefte mich erneut in meine Bedienungsanleitung.

Als die Rentner wenige Bahnhöfe später ausstiegen und die ersehnte Ruhe in mein Abteil zurückkehrte, stellte ich resümierend fest, daß ich nicht nur die zunehmende Integration in Deutschland lebender Minderheiten in das Zugbegleiterpersonal der Deutschen Bahn guthieß, sondern wohl in meinem gesamtem Bahnfahrerdasein noch keine derart freundlichen Zugbegleiter erlebte.

Deswegen fordere ich an dieser Stelle lautstark:

Mehr schwule Schaffner für deutsche Bahnen!
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Sonntag, 6. März 2005

Zeitlos

Ich wünschte, ich könnte für einen Augenblick die Zeit anhalten, jede Bewegung stoppen, jedes Geräusch in Stille wandeln und in diesem winzigen Moment mich auf die Suche nach mir selbst begeben, nicht länger abgelenkt durch Gedanken, nicht länger bewegt durch Bilder, durch Worte, durch Klänge, nicht länger beeinflußt durch das Leben.
Ich wünschte, ich könnte mich selbst betrachten, wie ich still stehe, zu Stein erfroren, könnte mir in die Augen blicken und erkennen, wer, was, ich bin, was ich träume, was ich suche.
Ich wünschte, ich könnte mir ins Ohr flüstern, was ich will, mir selbst Zeilen in den Sinn setzen, die unvergänglich in meinem Schädel verblieben und mich wissen ließen, daß irgendwo ein Leben meiner harrt.
Ich wünschte, ich meinen Körper in die Hände nehmen und ihn drehen, der richtigen Richtung entgegen, dorthin, wo der bessere Pfad sich durch mein Dasein schlängelt.
Ich wünschte, ich könnte heimlich ein Taschentuch hervorzaubern und meine Tränen wegwischen, die herabhängenden Mundwinkel nach oben zerren und mit wunderlich-magischem Glitzerglanz ein Funkeln in meine trüben Augen malen.
Ich wünschte, ich könnte mir sagen, daß alles gut werden wird.

Und dann sehe ich der Zeit zu, wie sie zur Wirklichkeit schmilzt, sehe mir selbst zu, wie ich beginne, das Ersehnte zu finden.
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Was schenkt man einem Toten?

Einen kalten Stein, der einen unvergeßlichen Namen trägt, der unvergänglich verharrend einem grauen Himmel entgegenstrotzt?
Einen Strauß gelb leuchtender Blumen, von der Schönheit des Lebens berichtend und doch selbst in Bälde welkend?
Einen Topf mit zarter Pflanze, noch blühend, doch dem eisigen Frost und der eigenen Vergänglichkeit ausgesetzt?
Ein lächelndes Gesicht, mit fröstelnder Hand in den Schnee gezeichnet, im ersten Sonnenstrahl zerfließend?
Einen Gedanken, der in Liebe zu zerfließt und die Gewißheit birgt, nicht zu vergessen und sich jederzeit erinnern zu wollen?

Vielleicht nichts von alledem.
Vielleicht auch alles.
Vielleicht...
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Widerliche Wendungen

Zu den Formulierungen in der deutschen Sprache, die mir am auffälligsten mißfallen, gehört eindeutig

im Endeffekt.

Tatsächlich bemerkte ich schon desöfteren, daß diese Wortgruppe vor allem in mündlicher Rede sehr gern angewendet wird, um einen elegant klingenden Lückenfüller als Ersatz für das wenig ansprechende "Ähh..." zu benutzen. Nicht selten erlebte ich eine Aneinanderreihung von Sätzen, die allesamt mit "Im Endeffekt" begannen, doch keinerlei Schlußfolgerung oder ähnliches beinhalteten. Zu Spielergebnissen befragte Sportler können ein rhetorisch mißtönendes Liedchen davon singen.

Besonders supekt jedoch wird es, wenn beispielsweise selbst höhere Gewerkschaftsfunktionäre vor den Pforten eines bestreikten Betriebs mehrfach zu dieser Formulierung greifen und dabei auch noch einen unappetitlichen Aussprachefehler einfügen, den ich mit tiefster Mißgunst zu belegen gewillt bin.

Denn nicht selten wird "im Endeffekt" so ausgesprochen, als schriebe man "im Ende Fekt". Das klingt nicht nur unglaublich albern, sondern überzeugt auch den letzten Hörenden davon, daß der Sprechende keine Ahnung von dem zu haben scheint, was er gerade in den Mund nahm.

Schade eigentlich.
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nur ein traum

feuerroter augenblick
als dein blick den meinen findet
kreise zieht
wie um zu suchen
lichtbegierde mir entweiht
als ich fern von mir erwache
tiefer sinkend mich verlier
träumend deinen namen ahne
als dein lächeln mich erhellt
mich entführt
in deine sinne
als kein wort mich noch erreicht.

flammengreller augenblick
als dein auge mich erkundet
mich verzaubert
mich verziert
streichelnd meine tränen flüstert
krallend sich in sehnsucht schlägt
mir das herze zerrt zu wunden
mir die liebe nennt als weg
als dein atem leben kündet
meiner brust den atem nimmt
als ich tränend dich erträume
dich erfinde
dich verlier.

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Samstag, 5. März 2005

Das Wort des Tages 5

Das gestrige Wort des Tages war eindeutig

Abwasserkanallampenkohlenstaub.

In dem wahrlich guten Disney-Zeichentrickfilm "Basil, der große Mäusedetektiv" aus dem Jahr 1986, welcher am gestrigen Abend auf SuperRTL zu sehen war, wird dieses wunderschöne Wort zwar nicht explizit genannt, doch nahezu erwähnt, als Basil Staubspuren auf einem Blatt Papier analysiert und mit untrüglicher Sicherheit feststellt, daß diese Spuren zweifelsohne von Kohlenstaub stammen, wie er nur für Abwasserkanallampen verwendet wird. Nicht nur weiß ein solcher Scharfsinn zu beeindrucken, sondern auch die Möglichkeit, ein derart abstrus langes, dennoch sinnbefülltes Wort zu kreieren. -----

Freitag, 4. März 2005

Lebenspfad

Selbst
wenn du auf gleicher Stelle
weglos
suchend
stumm verharrst
zögernd leise Trippelschritte
nicht in Zukunft
Heute
wagst
finden dich
die Weltenwege
findet dich
das Leben.

Doch
vergiß nicht
loszulaufen.

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wo das morgen mich verliert

irgendwo beginnt die träne
wo das morgen mich verliert
wo das leben sich zerspaltet
nebel aus den träumen kriecht
wo des geistes letzte reise
in der welt aus dir verebbt
regungslos die kälte schlummert
ungeboren licht entweicht.

irgendwo beginnt die träne
fängt den namen einer sucht
treibt den abgrund aus dem dunkel
in ein flackertrübes herz
löscht mit blindem kuß die lider
füllt die nacht mit meinem wort
reißt mit eiseshand und flamme
letzten schild von meiner brust.

irgendwo beginnt die träne
dort, wo mich der tag vergißt.

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vorhang

flüsternd
leise trippelschritte
auf der stelle
atemlos

müder blick
nach vorn
zurück
kein wort noch findend

ungelebten traum gewebt
stumme seufzer aus der brust
flüsternd
fliehend ohne weg

öffne ich die tauben lieder
sehe ich
erkenne mich
zerfetz den traum
zerfetze mich -
dünner vorhang
vor dem leben.

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Mittwoch, 2. März 2005

vielleicht zu nah

erst wenn die sonne untergeht
der abend uns in nebel hüllt
wenn finsternis die masken tilgt
und körper unter tuch versteckt
erst wenn dein antlitz sanft verwischt
und müdigkeit die lüge löscht
wenn jeder weltenklang verstummt
und deine nähe endlos fern

ertönen leise, sanfte worte
erzählen wahre wirklichkeit
ein lächeln, das im dunkel glitzert
dein name, der mich leuchten läßt
erklingen lieblich die gedanken
die wärme, die mir seufzer schenkt
ein zarter traum in zitterwelten
der jeden morgen neu zerbricht.

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Dienstag, 1. März 2005

Schrei

Es gibt Augenblicke, in denen ich mir nichts sehnlicher wünsche als zu schreien. Der Schrei käme nicht aus meinen Lungen, nicht aus meiner Kehle, nein, er bräche hervor aus den dunkelsten Tiefen meines Herzen, risse all meine Tränen, all mein Trübsal, all meinen Unmut, all meine Wut, mit sich, explodierte aus meinem gesamten Körper heraus, gellte in fahle Licht der Welt hinein, um die Luft mit lautestem Klang zu zerfetzen. Mein Schrei könnte Welten vernichten, den Himmeln jede Sonne rauben, spülte allen Gram aus meinem Innersten hinaus in die Weiten der Bedeutungslosigkeit. Vielleicht wäre ich dann frei, vielleicht dann endlich aller Lasten entledigt; vielleicht gelänge es mir dann, wieder zu atmen...
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Schneewinde

Wind zerzaust mein Haar, treibt Flocken wirbelnd durch die Lüfte. Ich versuche, ihrem Tanz zu folgen, doch bin nicht schnell genug. Ich halte inne, laufe langsamer, bedächtiger, setze behutsam einen Schritt vor den anderen, meide bereits betretene Wege. Mit jedem Schritt male ich eine neue Spur in das unberührte Weiß, ein weiteres Zeichen meiner Existenz. Lächelnd klaube ich eine Handvoll Schnee von einem Ast. Weich und seidig schmiegt er sich in meine Handfläche, liebkost mich mit zart-kühlem Kuß. Schnell schmilzt der kalte Freund, perlt silberzart von meiner ertaubten Haut. In den eisigen Tropfen entdecke ich das fahle Licht der untergehenden Sonne. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen.
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Montag, 28. Februar 2005

Straßenbahnerlebnisse 3

Ich gebe zu, ich bin ein häufiger Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs und neige zuweilen dazu, in diesen Fortbewegungsmitteln den kleinen Ungewöhnlichkeiten anderer Passagiere zu widmen. Eines jedoch ertrage ich überhaupt nicht, insbesondere wenn mir geeignete Gegenmittel [wie mobile Musikabspielgeräte jeder Art] fehlen: überlaute Unterhaltungen.

Erst heute begegnete ich einem besonders aufdringlichen Exemplar dieser Gattung. Zwei Frauen, schätzungsweise zwischen 50 und 60 Jahre alt, wenig vorteilhaft gekleidet, saßen einander gegenüber. Etwas abseits hatte sich der zu einer der beiden gehörende Mann platziert.

Die Damen unterhielten sich, besser: eine von ihnen unterhielt. Ihr Mund stand nie still. Vermutlich lag es an ihrem albernen Ohrenwärmerstirnband, daß sie der Überlautstärke ihrer Stimme nicht gewahr wurde. Ich jedoch bemerkte sie. Und das nicht nur nebenbei.
Die Frau redete und redete und schien weder zu einer Atempause noch zu einem Themawechsel bereit.

Ihre unzähligen Sätze faßten den Inhalt irgendeiner hirnlosen Comedy-Sendung des Vortags zusammen, bei der sie sich wohl hinreichend amüsiert hatte. Nun glaubte ich nicht, daß mein Amusement ebenso intensiv gestaltet gewesen wäre. Schlimmer noch war es jedoch, ihr notgedrungen zuhören zu müssen, wie sie jedes unbedeutende Detail des Gesehenen dezibelintensiv beschreiben mußte, aber irgendwie verfehlte, auch nur eine winzige Prise Humor beizufügen.

Sie gab ihren ausführlichen Bericht zum Besten und vergaß auch nicht, immer wieder, insbesondere bei Erwähnung teilhabender deutscher Pseudoprominenz à la "Schanedd Biedormann", ihrer lauschenden Begleitung die rhetorische Frage zu stellen: "Die gennste doch, oder?".

Nur einmal richtete sie eine derartige Frage an ihren Mann und kommentierte sogleich lautstark seine darauffolgende Sprachlosigkeit:
"Du hörst mir doch eh nich zu. Ich genn dich doch. Du hörst eh nich zu."

Bis jetzt bewundere ich diesen Mann und frage mich, wie er er wohl geschafft haben mag, trotz aufdringlicher Überlautstärke nicht zuzuhören...
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Bekanntschaften auf dem Kneipenklo

Der Besuch auf der Kneipentoilette offenbarte mir Bemerkenswertes: Die Firma ille, Hersteller diverser Servicegeräte öffentlich zugänglicher sanitärer Anlagen, hatte sich wohl am Vorbild von IKEA orientiert und jedes ihrer Produkte mit eigenem Namen versehen, vermutlich sogar unter Beachtung eines gewissen humoristischen Inhalts desselben.

So fand ich bei meinem Abstecher in die nur maskulinen Wesen vorbehaltenen Bereiche der Kneipe direkt neben dem Waschbecken eine nette junge Dame namens "Soap Susie" [man beachte die wundervolle Alliteration] vor, deren Flüssigekit ich in gebührenden Maßen nutzte. Mit feuchten Händen war ich wenige Augenblicke später auf die Gunst eines weiteren Helfers angewiesen: "Paper Jack" [sicherlich in Anlehnung an das Bucheinbandformat Paperback] spendete mir papierne Handtücher zur Beendigung meines Reinigungsprozesses.

Jedoch konnten weder Susie noch Jack mir die Bekanntschaft ersetzen, de ich bereits kurze Zeit zuvor innerhalb der von mir genutzten Toilettenkabine geschlossen hatte:

Die metallene Gerätschaft zur Aufbewahrung und Halterung immens großer, einlagiger Toilettenpapierrollen, welche sogar mit einem Aschenbecher bestückt war, trug einen Namen, den ich persönlich, inbesondere an dieser Lokalität, mit völlig anderem als Klopapier assozierte:
"Big Willie".

Ich konnte mir ein anzügliches Grinsen nicht verkneifen...
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Das Wort des Tages 4

Das heutige Wort des Tages vernahm ich schon am gestrigen, entschlüpft dem Mund der Freundin meines Bruders, resultierend aus einem winzigen Versprecher, mündend in das Amusement über die bildliche Vorstellung des Gesagten:

Halsarmee.
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das wort des tages 3

ich hatte es am gestrigen tage vergessen zu erwähnen. dessen schäme ich mich durchaus ein bißchen, insbesondere weil das wort mir heute schon wieder zwischen die lippen geriet. sicherlich wäre es ein einfaches, das wort nicht zu dem des gestrigen, sondern zu dem des heutigen tages zu deklarieren, womit aber zum einen dieser kryptsiche vortext seinen sinn verlöre, zum anderen auch der heutige tag schon in den frühen morgenstunden seine chance abgeben müßte, ein eigenes 'wort des tages' zu kreieren.

das gestrige ist jedenfalls
wirrwarr.

vermutlich verfüge ich über eine mir bislang unbekannte vorliebe für doppelte Rs, war die R-verdopplung doch schon beim letzten vertreter dieser (noch nicht zu einer solchen erklärten) rubrik vorhanden und auffällig. ich bin deswegen auf das nächste wort gespannt, das mich in beschlag nehmen wird.

ich versuchte gerade, noch andere beispiele herauszufinden, in denen ein doppel-doppel-R anzufinden ist, doch vermag ich aufgrund mangelnder konzentrationsfähigkeit keinerlei ergebnisse zu liefern. mir sei das verziehen.

erwähnt werden muß aber, daß ich wirrwarr vor allem deswegen gut finde, weil das wort an sich schon selbstbeschreibend wirkt. vielleicht handelt es sich dabei auch um onomatopoeia, also lautmalerei. vielleicht aber auch nicht.

auch das wort "wirr", ein ableger des gestrigen 'wort des tages', findet sich mit überraschender häufigkeit in meinem wortschatz wieder. nicht selten versuche ich mich an pauschalisierenden aussagen wie "die welt ist ..." und muß dann feststellen, daß "wirr" das einzige wort ist, mit dem ich mich als beschreibendes element zufriedenstellen kann.

was demnach verbleibt, ist die frage, was eigentlich ein "warr" ist...
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Sonntag, 27. Februar 2005

Als die Welt unter meinen Füßen zusammenfiel, versäumte ich, eine neue zu finden.

Es gibt Momente, in denen ich zu erahnen beginne, wieviel vom Leben, wieviel von der Liebe, ich wirklich vermisse, welch bedeutender Teil meines eigenen Daseins mir allein dadurch vorenthalten wird, daß SIE fehlt.

Wer ist SIE?, frage ich mich und bin betrübt beim Anblick der bitteren Erkenntnis, daß ich nicht instande zu sein scheine, mir ein Bild vor Augen zu führen, mir IHR Licht als Trost im Herzen zu bergen. Fetzen und Silhouetten, verschwommene Gesichter, gesagte Worte und ungelebte Träume wirbeln durch meine Sinne, doch formen nicht länger das Antlitz der Hoffnung. Es ist, als hielte ich Tausende Mosaiksteinchen in den Händen und wäre niemals fähig, auch nur zwei zueinander passende zu entdecken. Fragend flüstere ich der Vergangenheit meine Sehnsucht zu, doch das Lächeln, das als Antwort folgt, wirkt matt und leer, hat mich nahezu vergessen.

Als die Welt unter meinen Füßen zusammenfiel, versäumte ich, eine neue zu finden.

Wenn ich meine Augen schließe, vermag ich zuweilen, SIE in mir zu entdecken, gesichtslos, namenlos, doch beseelt von meiner unendlichen Liebe, warm und nah in jedem Moment. Im nächsten Atemzug ist SIE entschwunden. Ihr zarter Hauch hinterläßt nur ein Echo in mir, ein Wissen, dem eine Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem folgt.

Ich wage nicht, die Augen wieder zu öffnen, befürchte, SIE endgültig aus mir verlieren zu können, wage nicht, in mein Leben zu gehen, aus Angst, IHR niemals zu begegnen...
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Eine amüsante Erinnerung

Mein Bruder rief mich an. Verzweifelt nach endloser Suche, ratlos nach erfolgloser Lektüre der Bedienungsanleitung fragte er mich nach dem Schalter für die Heckscheibenwischer des familiären Personenkraftwagens. Irgendwie müßte man den doch steuern, an- und ausschalten können. Irgendwo am Armaturenbrett mußte doch ein Hebel, ein Drehknopf oder ähnliches zu finden sein...

Es kostete einige Mühe und einige Momente ungläubigen Staunens, ihn von der recht simplen Lösung seines Problems zu überzeugen:

Unser Auto besitzt gar keinen Heckscheibenwischer.
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Umarmung

Kraftlos
deine zarten Arme
um meinen dürren Leib.

Deine Nähe schwächelt
liebkost mich nicht.

Der Glanz deiner Augen
trügt.

Für einen Moment
bin ich versucht
alles zu geben
mich dir
hinzugeben
nachzugeben.

Einer von vielen
in deinem Arm.

Abgestumpftes Lächeln
findet mich nicht
perlt an meinen Tränen
ab.

Ich hör kein Herz pulsieren
spür dich nicht
leben
lieben.

Als ich wortlos gehe
weinst du
keine Träne.

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Samstag, 26. Februar 2005

Zugfahrt - Ein Tatsachenbericht

Der Kasper neben mir, der sich als "Juppi" vorgestellt hatte, schweigt nicht. Seine Bierfahne bemerke ich schon lange nicht mehr; leicht vermag sie sich in unter dem allgemeinen Gestank der grölenden Masse zu verstecken.

Nachdem ich feststellte, daß die Welt unter meinen Füßen außeinanderzubrechen droht, trat ich die Heimfahrt an - allerdings inmitten einer zugbesetzenden Gruppe angetrunkener Fußballfanatiker, deren Verein in meiner Heimatstadt ein scheinbar bedeutsames Spiel zu bestreiten hat. Ein Derby: Magdeburg gegen Halle.

Der Fahrkartenautomat verweigerte im letzten Moment den Dienst, mein Zugeintieg erfolgte in höchster Eile. Ich quetschte mich an den unzähligen grüngewandeten, mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüsteten Ordnungskräften vorbei und platzierte mich auf dem letzten, verfügbaren Sitz, direkt neben einem unrasierten Mittdreißiger, der mich sogleich mit lallenden Worten belegte und sich umständlich vorstellte Juppi. Ich leihe ihm meinen Schlüsselanhänger zum Öffnen seiner Bierflasche, und unsere Freundschaft ist besiegelt.

Er ist freundlich, erklärt mir die Umstände (Magdeburg gegen Halle. Derby. Fußball. Fans. Zugfahrt. Polizei. Lustig.) , die ich längst begriff, versucht den uns umgebenen Lärm mit Eigengeräusch zu ünertönen. Ab und zu unterbricht er sich, um bei einem Fußballgesang, den er kennt, mitzugrölen.

Die Gespräche ringsum kann man kaum als solche bezeichnen: Sinnlose Bemerkungen über Bier wechseln sich ab mit einem gegenseitigen Anfeuern; es folgt eine Diskussion über die verbleibende Anzahl an Bierflaschen im Kasten und darüber, sich und insbesondere die Stimmorgane, für später zu schonen; gleichzeitig fliegen Haßtiraden gegen Hallenser Fußballer und deren Anhänger durch die stickige Luft, unterbrochen von einer Zählung der verbliebenen Bierflaschen und textlosen Schalala-Gesängen. Und stets präsent ist die wohl bedeutsamste aller Fragen dieser Augenblicke: Wo zur Hölle ist das verdammte Klo?

Die grünen Wächter bleiben erstaunlich gelassen, tolerieren den zunehmenden Alkoholkonsum, den Genuß von Zigaretten im Nichtraucherabteil, tolerieren die albernen Gesten und das pseudomännlich-affenartige Gehabe. Nur einmal "eskaliert" die Situation, als ein Fußballfreund in ruhigem Tonfall aufgefordert wird, sich zu setzen - und nach einigen bierbedingten Verständigungsschwierigkeiten gehorcht. Neben ihm lassen sich zwei Grüne nieder, augenscheinlich froh, auch einmal sitzen zu können.

Ich bemerke erstaunt, daß die Gesangsstimmen der sangesfreudigen Magdeburger Fans stets mindestens eine Oktave tiefer zu sein scheinen als ihre mittlerweile recht heiseren Sprechstimmen. Ein Grüner wird beim allgemeinen Rumgehüpfe angerempelt - und erhält eine Entschuldigung dafür.

Juppi, der freundliche Anhänger einer einseitigen Konversation mit mir, vertraut mir seinen Beutel an. Dessen Inhalt besteht - natürlich - aus mehreren Bierflaschen. Immerhin hat er einige Minuten zuvor erfahren, daß ich Bier meide, was mich wohl in seinen Augen zu einem vertrauenswürdigen Menschen macht. Er verzieht sich - natürlich - aufs Klo.

Sein Sitzplatz wird schnell wieder besetzt - von einem schätzungsweise vierzehnjährigen Jungen, der irgendwann feststellt, daß ich gar keine Frau bin. Ich bin von seiner Auffassungsgabe beeindruckt. Er wiederum davon, daß ich so viele Wörter aneinanderreihe. Ich habe einen weiteren Freund gefunden.

Die Gesänge, sofern man so euphemistisch ist, sie als solche zu bezeichnen, lassen nicht nach; das Niveau der durchaus lautstarken Kommunkation sinkt weiter. Juppi kehrt zurück, tanzt den vierzehnjährigen Platzbesetzer an, der sich aber um andere Dinge kümmert (Bier). Erstaunlicherweise führt auch das zu keinerlei Verdruß.

Nicht minder erstaunlich ist der Umstand, daß auch die wenigen Freunde der Hallenser Mannschaft toleriert werden. Sicherlich fliegen höhnische Worte und beleidigende Gesänge durch die Luft, doch sind sie harmlos und münden nur in verbalen Gegenattacken.

Juppi schmeißt sich unterdessen an eine Sechszehnjährige heran, deren Hüfthose beeindruckend tief sitzt, und versucht sich als Alleinunterhalter - beides natürlich vergeblich. Erwähntes Mädel, ich stelle später fest, daß ihr echter Name Uli ist, zeigt alberne Knutschfotos herum, präsentiert diese sogar den beiden sitzenden Grünen - nur nicht meinem Freund Juppi.

Fast bin ich geneigt, so etwas wie Mitleid mit ihm zu empfinden, was mich jedoch nicht davon abhält, mich der Distanz zwischen mir und ihm zu erfreuen.

Nach einer Weile aber läßt sich Püppi, wie Juppi sie nannte, dazu herab, auch ihm ihre albernen Fotos zu zeigen; die restlichen Mädels, die erstaunlich laut zu grölen vermögen, beschweren sich geifernd über ein anderes Zugabteil, wo alte Männer ihnen an Brust und Po gegrabscht haben. Immenser Biergenuß läßt wohl auch treuste Ehemänner zu hirnlosen Kinderschändern mutieren.

Juppi ist in seinem Element, als er beginnt, lautstark in die Gesänge der anderen Abteile einzustimmen. Erstaunlich, wie laut ein einzelner Mensch sein kann. Ebenso erstaunlich ist, daß der besungene Fußballverein mit einem Male keine Bedeutung mehr zu haben scheint und spontan gegen einen Erstligisten ausgetauscht wird.

Nicht minder erstaunlich ist die Knopfdruck-Funktion: Juppi beginnt mit melodiebefreitem, rhythmusfernen "Schalala"-Gegröle, und die übrigen Anwesenden - abgesehen von mir und den Polizisten - stimmen ein. Ich kann keinerlei Texte ausmachen, obgleich sicherlich irgendwo in dem dezibelintensiven Gelalle ein- oder zweisilbige Wörter versteckt sind.

Ein Grüner ermahnt einen Marsriegelesser, der gerade mit reger Begeisterung eine Bierthematik anschlägt, sein Verpackungspapier nicht auf dem Boden liegen zu lassen, und wird mit einem kollektiven "Spielverderber!" belegt. Ich schmunzle unfreiwillig.

Mittlerweile beginnen mich die kindischen Hirnlosigkeiten und die montonen, stetig wiederkehrenden und vor allem überlauten Gesänge zu nerven. Den Grünen reicht es aber scheinbar auch. Die Ermahnungen nehmen zu. Ruhe wird gefordert. Mehrmals. Drohungen werden ausgesprochen. Die Reaktionen sind verhalten.

Einer der Störenfriede, der ominöse Marsriegelesser, wird beiseite gezogen, ein unfreundliches Wort findet das nächste. Der Ermahnte setzt sich wieder und bleibt einigermaßen ruhig.

Aber Juppi, der inzwischen wieder den Platz neben mir einnimmt und von der geladenen Simmung innerhalb des Abteils nicht viel mitzubekommen scheint, beginnt zu schunkeln. Ich erwäge mehrmals aufzustehen und zu gehen. Doch wohin?

Püppi wird von Juppi aufgefordert, sich auf seinen Schoß zu setzen, übt sich aber in Ignoranz. Derart abgewiesen wendet er sich mir zu, belastet mich mit zwei oder drei wirren Sätzen, beinhaltend seine Kinder in Thüringebn, seinen Onkel im Ruhrgebiet, sein geschiedene Frau und Fußballfanatismus. Ich verstehe kein Wort. Er erkundigt sich nach meiner bereits gegründeten, allerdings leider nichtexistenten Familie. Ich lächle verzweifelt.

Juppi nervt. Immer mehr. Er beginnt zu grölen, direkt neben meinem rechten Ohr, hört auf, macht weiter. Immer wieder. Aggression liegt in der Luft: gegen Juppi, gegen die Grünen, gegeineinander. Skins laufen durch die Gänge, präsentieren sich. Arroganz zeigt verbissene Gesichter.

Draußen schneit es. Ich versuche, mich dauaf zu konzentrieren, schaffe es nicht.

Zunehmend Beschwerden über Grabscher. Vorher Angetrunkene sind längst Besoffen. Gehirne funktionieren nicht länger. Schreie zerschmettern mein malträtiertes Trommelfell. Polizisten greifen sich einen weiteren Fan. Juppi singt wieder.

Schnee. Atmen. Atmen. Schnee.

Ich will hier raus.

Der Hallenser Bahnhof rückt nahe. Die Grünen postieren sich ander Tür, allgemeines Gedränge herrscht. Doch niemand schubst. Langsam quellt der weißblaue Brei durch die Tür nach außen. Dort erkenne ich nur grün. Der ganze Bahnsteig ist mit Polizisten zugepflastert. Die Treppe zur Bahnhofshalle ist durch eine grüne Mauer versperrt. Ich stelle mich davor und lächle. Inmitten eines Pulks angetrunkener, grölender Fans ("Hurra, hurra, die Magdeburger sind da!") stehe ich und lächle. Ein Polizist bemerkt mich, begreift, daß ich nich zur Meute gehöre und läßt mich durch.

Befreit laufe ich durch die leeren Gänge. Polizisten säumen den Weg. Grimmige Gesichter. Angespannte Minen.

Mein Telefon klingelt. Mein Bruder fordert mich zur Eile auf. Er steht im Parkverbot und ist schon mehrmals von Polizisten zur Weiterfahrt aufgefordert worde. Ich fange an zu zu rennen.

Ein merkwürdiges Gefühl, inmitten einer Masse aus Gesetzeshütern urplötzlich zu rennen...

Ich verlasse den Bahnhof. Mein Bruder winkt mir aus der Ferne zu. Erleichtert lache ich ihm zu.

Es beginnt zu schneien.
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zerbrechende welten

darnieder kniet
was fliehend lebt
auf welkem weltenboden
ein aschekuß
in kaltem staub
wo licht mich nun verlor.

gefaltet zum gebet
die hand
die flehend sich zur sonne richtet
doch abgewiesen
jedes wort
einst suchend mir erdacht.

zu meinen füßen
bricht die welt
die silberklinge formt den pfad
der nebelhauch entreißt ein herz
aus meinem
das verblieb.

ein toter odem
zerrt zugleich
raubt leben und ein lachen
vergänglichkeit
das alte wort
entsendet tränen mir.

verblassend weicht
der letzte traum
nennt flüsterleere zeilen
ein klang aus der erinnerung
als liebe mich erwarb.

der tiefste wald
ward blankes feld
ein wind stäubt tote samen
wo altes flieht
sei neues mir
doch starb ein letzter pfad.

darnieder kniet
auf welkem grund
auf welten, die zerbrechen
was träumend jeden pfad verlor
auf asche tränen sät.

www.bluthand.de
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