Sich gelassen in den Sessel fletzend, mit einer albern-häßlichen Mütze auf dem Kopf und einem guten Buch in den Händen, zufrieden Pink Floyd lauschend und Dosenmandarinen futternd ...
Des Lebens Schönheit besteht zuweilen nur aus wenigen Dingen.
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morast - 21. Mär, 17:49 - Rubrik:
Wortwelten
Heute war ich auf dem Campus unterweg. Als ich das Akademische Auslandsamt betreten wollte, fand ich den Türgriff nicht. Er war auf der falschen Seite.
Ich blickte mich um, ob meine In-die-Luft-greif-Bewegung gesehen worden war und untersuchte die Tür genauer, verglich sie gar mit anderen Eingangstüren in der Umgebung.
Tatsächlich waren alle Türen für von außen kommende Rechtshänder konzipiert worden: der Griff / die Klinke / der Knauf befand sich links, so daß man ohne Schwierigkeiten die eigene rechte Hand dazu nutzen konnte, um die Tür aufzuziehen oder - drücken. An "meiner" Tür jedoch befand sich die Klinke rechts. Es fiel mir merkwürdig schwer, war unangenehm ungewohnt, die Tür derart zu öffnen. Irgendwie war es ... falsch.
Dabei stört es mich beim Hinausgehen im Allgemeinen keineswegs, daß sich der Griff / die Klinke / der Knauf auf der rechten Türseite befindet.
Ich sann darüber nach, ob Türdesigner wirklich berücksichtigt hatten, wie man den Rechtshändern, die nunmal einen Großteil der Bevölkerung ausmachen, den Zutritt zu Gebäuden und Zimmern, insbesondere das Öfnnen der entsprechenden Türen, leichter gestalten könnte oder ob es ein Zufall war, daß bei nahezu allen Türen, die ich kenne (abgesehen von der des Akademischen Auslandsamtes und meiner Haustür), der Griff / die Klinke / der Knauf an der linken Seite befestigt wurde und sich die Türangel an der rechten befindet...
Montag Nachmittag ist übrigens eine schlechte Zeit, um das Akademische Auslandsamt aufsuchen zu wollen, weswegen ich unverrichteter Dinge die sich nun links befindliche Klinke betätigte und ins Freie trat.
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morast - 21. Mär, 17:48 - Rubrik:
Wortwelten
Überall gibt es regionale sprachliche Unarten, die einem Hochdeutschmöger Ohrenbluten zu verschaffen vermögen. In der Saalestadt Halle ist der Drang weit verbreitet, jedes Wort mit einem E abzuschließen. Diese eigentlich skurrile und womöglich niedliche Unsitte bedürfte keiner Erwähnung, wäre sie mir nicht neulich aufs Gemüt geschlagen, als ich an der Kasse eines Supermarktes Folgendes erlebte:
Eine Kundin zeigt der Kassiererin den Einkaufswageninhalt zur korrekten Abrechnung der zu erwerbenden Produkte: Zwölf Schokoladenosterhasen und vier Plastikeinkaufsbeutel.
Sie hält einen Osterhasen in die Luft, sagt: "Zwölfe".
Sie hält eine Tüte in die Luft, sagt: "Viere."
Und als wäre der Deutschsprachvergewaltigung nicht Genüge getan worden, schnauzt sie noch ihren umherstreifenden Jungen an:
"Kommste jetze!?"
Dieser antwortet genervt: "Jaaa, Muttiiije."
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morast - 21. Mär, 17:48 - Rubrik:
Wortwelten
Ich hatte gerade das Gebäude betreten, als mir eine junge Frau entgegenkam, ihren Sohn tragend. Während die beiden sich zum Ausgang bewegten, schaute der Junge neugierig über ihre Schultern zu mir herüber. Und bevor sich die Tür automatisch hinter ihnen schloß, vernahm ich noch die Worte des Kleinen:
"Mami, ist das 'ne Frau oder 'n ..."
'Nicht schon wieder!', dachte ich und betätigte den Fahrstuhlknopf etwas intensiver als sonst.
[siehe auch
hier]
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morast - 21. Mär, 17:47 - Rubrik:
Wortwelten
Amüsant, wenn das Aufstehen durch ein Lied begleitet wird, das selbiges (also das Aufstehen) nichtig zu machen wünscht...
Deine Lakaien - "Don't Wake Me Up"
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morast - 21. Mär, 16:34 - Rubrik:
Morgenwurm
Das heutige Wort des Tages ist eindeutig
anderthalb.
Warum?
Weil es ein tolles Wort ist.
Weil ich nie im Leben auf den Gedanken käme, "eineinhalb" zusammenzustottern.
Und
darum.
[via
argh!]
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morast - 21. Mär, 10:49 - Rubrik:
Tageswort
Des gestrige Wort des Tages war eindeutig
schlendern.
Nicht nur, weil es mir in den Sinn kam und spontan gefiel, sondern auch weil ich gestern feststellte, daß das Schlendern eine meiner favorisierten Fortbewegungsarten ist, bietet es doch die Möglichkeit, die Details der Umgebung wahrzunehmen, aufzunehmen und sich ihrer zu erfreuen. Dem Schlendern wohnt eine Unbekümmertheit inne, die sich wohl vor allem auf das Zeitliche richtet, eine Unbekümmertheit Terminen und Planungen gegenüber, eine Spontansorglosigkeit, die in der Hektik der Tage zu oft unterzugehen droht, ein beschwingtes Sich-Treiben-Lassen, das dabei zu helfen vermag, das eigene Ich inmitten des Lebenswirrwarrs wiederzufinden und das Fremde, Bedrohende für einen Augenblick zu vernachlässigen.
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morast - 21. Mär, 10:47 - Rubrik:
Tageswort
Als ich das Abteil betrat, sahen die beiden alten Leute nicht auf. Eifrig wühlten sie gemeinsam in einer kleinen Tasche und zauberten eine Zeitung und ein Buch hervor. Ich setzte mich, nahm einen Viererplatz in Beschlag und überlegte, in welche Richtung der Zug fahren würde.
Die beiden Alten nahmen keinen Anstoß an meinem Platzraub, an meinen Schuhen auf der Sitzkante, vertieften sich in ihre Lektüre. Heimlich schaute ich hinüber. Keinerlei Reaktion erfolgte. Ich blickte offensichtlich hinüber, wendete demonstrativ Kopf und Oberkörper in ihre Richtung, starrte sie aufdringlich an. Die alte Frau drehte sich zu ihrem Mann und murmelte ein paar Worte. Er antwortete, sie lachte, las weiter. Ich bin ein Geist.
Mein Schnupfen machte sich bemerkbar, machte mich bemerkbar. Ich nieste lautstark. Mehrmals. Anschließend vernahm ich nur Stille, keine Genesungswünsche, keine Regung, keinen Laut aus den Mündern der Alten. Selbst als ich mir die Lunge aus dem Hals hustete, als ich mich keuchend an der Lehne festkrallte, um nicht von mir selbst vom Sitz zu gerissen zu werden, als mir jede Luft zum Atmen fehlte und ich im Geiste flehte, daß dieser Hustenanfall vorbeigehen möge, blickten die beiden Alten nicht zu mir herüber. Ich war unsichtbar.
Heimlich faßte ich in mein Gesicht, tastete nach meinem Leib, befürchtete, mit der Hand hindurchzugleiten. Doch ich spürte mich, war noch da.
Die Alten erhoben sich, halfen sich gegenseitig beim Bekleiden. Sie sahen zu mir - doch sahen mich nicht. Als sie ausstiegen, fragte ich mich, wo ich bin. Noch immer hier?
Ich sah mich, meinen Körper, fühlte mich, konnte mich atmen hören. Verweilte ich noch in dieser Welt? Oder war ich unsichtbar, für mich allein zu sehen, ein Geist, ein Dämon gar?
Der Schaffner trat ins Abteil, wünschte meine Fahrkarte zu sehen.
Ich atmete auf: Ich war noch immer hier.
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morast - 20. Mär, 20:33 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
Gerade eben setzte sich sich der Zug behäbig in Bewegung, begann beschleunigend die Fahrt in meien zweite Heimat. Das Bahnhofsgelände rauscht außen vorbei; ich sehe aus dem Fenster und begegne fremden Welten.
Dieser Bahnhof besitzt zwei Seiten. Die erste kenne ich gut. Unzählige Male hielten sich meine Blicke an den bekannten Gebäuden fest, erfreuten sich heimkehrend der restaurierten Fassade der Bahnhofshalle. Die zweite Seite jedoch verbirgt sich, verblieb bislang unbekannt.
Auf rostenden Gleisen stehen wuchtige Lokomotiven, deren roter Lack allmählich abzublättern beginnt. Unzählige Masten und Signale bilden einen wirren Wald aus Metall. Zerfallene Backsteinbauten stehen herum, mit längst veralteten, verrottenden Schildern bestückt. Überall wuchert wild das Unkraut, entfaltet sich in unkontrollierter Freiheit.
Hinter den Gleisen stehen Häuser. Ihre Scheiben sind längst erblindet oder von Steinen zerschmettert. Grau und tot präsentiert sich das dreckverkrustete Mauerwerk, zeugt von Vergessen. In Reih und Glied warten sie neben den Gleisen wie Veteranen längst verlorener Kriege. Ich kenne sie nicht.
Vielleicht tummelte sich einst Leben in ihnen, Arbeitende, Maschinen, menschliche Stimmen, zu Gelächter geformt, die üblichen Wünsche und Sehnsüchte in den Köpfen träumender Wesen. Vielleicht waren sie einst wichtig, stolze Bestandteile des Bahnhofs, bedeutend für den seinen Betrieb, unentbehrlich für seine Funktionalität.
Heute jedoch wirken sie traurig, leer und kalt, einer Geisterstadt entnommen. Ich entdecke einige Buchstaben - eine einstige Beschriftung vielleicht - doch vermag ich sie nicht zu entziffern, kann mich nicht erinnern, die zweite Seite des Bahnhofs jemals zuvor entdeckt zu haben.
Schon länger bewohne ich diese Stadt, wandle durch ihre Adern, kenne Bauten, kenne Bewohner. Doch die Welt hinter dem Bahnhof kenne ich nicht.
In meinem Kopf befrage ich den Stadtplan, orte den geheimen, vergessenen Bezirk. Schon oft verweilte ich hier, lief durch die Straßen, fuhr zu wichtigen Zielen. Doch niemals zuvor sah ich diese Häuser.
Nur wenige Straßen weiter erblicke ich weitere Gebäude, Wohnhäuser. Ich erkenne sie wieder, glaube mich an einen Mieter erinnern zu können, fände sie sofort, müßte ich danach suchen. Aber das vergessene Zwischenreich, die ungesehene Welt hinter dem Bahnhof, vermag ich nicht zu fassen.
Für einen Moment bedrängt mich der Wunsch auszusteigen, zu erkunden, was längst dem Verfall überlassen wurde, der Wunsch zu entdecken, was so geheim, so fremd, auf der Bahnhofsrückseite verweilt, will berühren, was sich so geschickt vor meinen Blicken verbarg. Schon stehe ich auf...
Am Fenster rauscht die Außenwelt vorbei. Längst liegt die zweite, die myteriöse, Seite des Bahnhofs Kilometer hinter mir. Ich setze mich wieder, versinke im Sitz, in meine Gedanken.
Die Lautsprecherstimme weckt mich. Ich bin bereits am Ziel. Als ich mich erhebe, mir meine Jacke überwerfe, erhasche ich, kurz bevor der Zug zum Stehen kommt, einen Blick nach außen - auf eine weitere Welt jenseits des Bahnhofs, jenseits menschlicher Erinnerung.
Fassunglos steige ich aus, fliehe in die Wirklichkeit.
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morast - 20. Mär, 20:33 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
In deiner Gegenwart fühle ich mich falsch. Wenn ich meinen Mund öffne, spüre ich, daß die Worte, die mich verlassen, dich nie erreichen werden. Dein Ohr verdreht sie. Ein Vorwurf liegt in der Luft, eine Rechtfertigung, eine Erklärung für Dinge, die keiner Erlärung bedürfen, eine Verteidigung meiner Gedanken, obwohl ich mich nicht verteidigen möchte. Und jedes neue Wort gesellt sich zu den alten, rückt mich in eine Ecke, in die ich nicht gehöre. Blind und taub siehst du mich an, hörst mir zu, nimmst mich nicht wahr. Du nimmst nicht wahr, was dich zu erreichen sucht, Gedanken äußert, die nicht in deinen Schädel passen. Ich lächle - wie immer - mit guter Miene zum öden Spiel, fühle mich verletzt, weil dir Verständnis fehlt. Ich erkläre mich, wieder und wieder, versuche es, geduldig. Du drängst mich zurück, ich suche Schutz, finde keinen. Deine Antwort peitscht mir entgegen, zeugt von Unverständnis. Und schmerzt. Mein Bild in deinem Kopf peinigt mich.
Als du gehst, sinke ich zurück. Erleichtert, verwirrt, betrübt.
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morast - 20. Mär, 17:46 - Rubrik:
Wortwelten
Ist das Gegenteil von
übernachten
eigentlich
unternachten?
Oder gar
untertagen?
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morast - 20. Mär, 17:45 - Rubrik:
Wortwelten
Die intensive Beziehung zwischen Politik und Medien ist längst bekannt und anerkannt. Niemand wundert sich mehr darüber, wenn ein Kanzler Schröder gewinnend in die Kamera lächelt, wenn das Treffen bedeutsamer Staatsmänner medienintensiv ausgeleuchtet wird, wenn der US-Präsidentschaftskandidat ein Kleinkind in den Armen hält oder über die neueste Frau des Außenministers hergezogen wird. Medien sind Teil der Politik, sorgen als Informationsübermittler dafür, daß politische Entscheidungen dem gemeinen Volk nahegebracht werden.
Daß dadurch den Medien große Macht innewohnt, dürfte auch niemanden mehr überraschen. Einseitige Berichterstattung, polemisierende Schlagzeilenrhetorik, imagevernichtende Privatgeschichten der Volksvertreter - die Liste der Möglichkeiten, durch Medien bestimmte Meinungen zu bilden, ist lang. In den letzten Jahren jedoch setzte sich eine Art der Meinungsbildung durch, bei der das Volk als richtungsweisender Souverän bewußt außen vor gelassen wurde. Medienspektakel zelebrierten Negativereignisse und stellten mit riesigen Lettern die Frage, wann endlich etwas dagegen geschehen würde.
Die Politik reagierte prompt - mußte ihr Gesicht wahren, initiierte Presseversammlungen, Gesetzesentwürfe und zuweilen auch -änderungen. Den Medienstimmen wurde genüge getan, ein Opfer dargebracht. Das grausame Raubtier Meinungsbilder jedoch sucht bereits nach dem nächsten Stück Fleisch, auf das zu stürzen sich lohnen könnte - natürlich in Abhängigkeit von Auflagenstärke und Einschaltquoten.
Jedoch stellt sich die berechtigte Frage, inwieweit der Medienrummel überhaupt politisierend sein darf.
Wenn unkontrollierbare Wolfsnachfahren Menschen verletzen, inszeniert die Medienlandschaft ein Bild aus Schrecken und Bedrohung - Kampfhundgesetze werden gefordert. Die Menschmassen ist alarmiert, reagiert entsetzt, wendet sich an die Politik. Doch auch die Politker lesen Zeitung, sehen ihr Image in Gefahr, beratschlagen.
Wenn möglicherweise verfassungswidrige Gruppierungen zu Volksvertretern mutieren, stöhnen alle Medien, erinnern zaunpfahlwinkend an die blutige Geschichte der Nation und fordern Gegenmaßnahmen. Das Volk ist polarisiert, die Politik erst recht. Beschränkungen der Versammlungsfreiheit werden ausdiskutiert; der Verfassungsschutz läßt sein wachendes Auge kreisen.
Wenn dem einstmals befreundeten Ausland Terrorgefahr zu drohen scheint, spielen die Medien bewußt und manipulativ mit Angst und Schrecken, schüren das alte Feuer der Angst. Der Terrorismus muß bekämpft werden - auch im eigenen Land, wenn möglich präventiv. Die Politik reagiert. Die zitternde Masse dankt für Maßnahmen, die sie in friedlicheren Zeiten als Bedrohung empfunden hätte.
Wenn in den Vereinigten Staaten eine Komapatientin, deren gehaltlose Scheinexistenz nur noch von Maschinen ermöglicht wird, aufgrund des Willens des Ehemannes, vielleicht gar aufgrund ihres eigenen Willens, von ihrem Dasein erlöst, ihres Lebens beraubt, werden soll und ihre Eltern sich hilfesuchend an höhere Politiker, gar an den Präsidenten selbst, wenden, dann ist die Zeit gekommen zu handeln. Zugunsten eines einzigen Menschenlebens werden die Belange von Millionen vernachlässigt - das sensationsheischende Medienauge übt Zwänge aus, denen man sich nicht zu entziehen vermag. Die Politik muß eilig reagieren; in höchster Geschwindigkeit wird die unfreie Meinung des Volkes durch entsprechende Gesetze untermauert: Terri Schiavo soll leben, egal ob sie es wollte oder nicht. Hugh, die Medien haben gesprochen.
Groß ist die Gefahr des Mißbrauchs; leicht kann die wankende Meinung in falsche Richtungen neigen, von Medien auf falsche Wege gelenkt werden. Medienfreiheit darf nicht beschränkt werden. Jegliche Verantwortung aber liegt auf Seiten des Konsumenten.
Ein trauriges Schicksal: Der blonde, blauäuige Peter Stein wurde von einem bösartigen Vetreter jüdischen Glaubens mißbraucht und brutal zerstückelt. Auf allen Fernsehsendern sieht man die reindeutschen, blutveschmierten Körperteile und das grimmige Antlitz des hinterhältigen Juden.
"Hitler hatte recht!", proklamieren die Medien, "Die Juden sind unser Unglück!".
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morast - 20. Mär, 17:45 - Rubrik:
Wortwelten
mit gehauchtem kuß
ein lächeln
in dein antlitz
zu flüstern
dinge zu spüren
die keine namen haben
atemlos deinem atem
zu lauschen
dich zu kennen
als wärest du ich
dich zu betrachten
als fühlte ich
mein herz
in deiner brust
mit schlendernden schritten
der sonne entgegen
ins nichts
ins alles
zu dir.
www.bluthand.de
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morast - 20. Mär, 10:02 - Rubrik:
Seelensplitter
Ein Junge kommt mir entgegen. Zielstrebig steuert er eine kleine Pfütze an, rennt darauf zu, hält kurz davor an, wagt noch einen halben Schritt und beobachtet dann fasziniert den eigenen Fuß, wie er langsam im schlammigen Naß untergeht. Wenige Augenblicke später macht er mit dem anderen Fuß einen großen Schritt über die Pfütze und rennt vergnügt weiter.
Drei Kinder klettern auf einer metallenen Plastik herum, halten sich auf fast schon obszöne Weise an allen erdenklichen Körperteilen der dargestellten nackten Ringer fest, offensichtlich ohne sich ihres Treibens bewußt zu sein.
Eine alte Frau in orange-braun-gestreifter Strickjacke gibt bei der Lektüre des Bibliotheksbuches "Hilfe, ich habe Urlaub" immer wieder ein leises Kichern von sich und zupft die ganze Zeit über an den faltigen Hautlappen unterhalb ihres Kinns herum.
Ein pubertärer Junge hockt rebellisch auf einer Banklehne, die Schuhe auf der Sitzfläche postiert. Er pfeift durch die Zähne, reiht wild und ohne Taktgefühl Töne aneinander, minutenlang, hält nicht inne. Ich atme auf, als ich in die Straßenbahn entfliehen kann.
Ein Kind führt einen kleinen Hund an der Leine. Dieser rennt los, das Kind eilt hinterher, tollt mit ihm herum. Dabei stürzt es zwei Treppenstufen hinab, steht auf, rennt weiter.
Die besorgte Oma ruft viel zu leise hinterher:
"Sei vorsichtig, ja!?"
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morast - 19. Mär, 15:38 - Rubrik:
Menschen
Ein winziger Flecken Erde, der an dich erinnern soll. Ich schüttle traurig mit dem Kopf, als ich mir der Lächerlichkeit bewußt werde, die in diesem Denken steckt.
Noch verkünden keine steinernen Letter deinen Abschied, beträufeln Lesende mit Vergangenheit. Die lebensfrohen Lieder der Amseln in nadligem Geäst suchen meine Tränen. Der Ort hat keinen Namen; anonym zeigt sich mir die blanke Erde, ein winziger Platz, der seines Geheimnisses nicht würdig ist.
Du bist nicht hier. Ich weiß es, wußte es vom ersten Augenblick, wußte es, als der eigenartige Mann mit aufgesetzter Trauermiene eine Rede hielt, die deiner nicht würdig war, geschwollene Worte in die totenschwere Luft warf, über die du gelacht hättest, wußte es, als das winzige Kämmerlein ein blumengeschmücktes Metallgefäß barg, in dem du verschwunden sein solltest, wußte es, als teilnahmslose Fremdwesen mit jenem lebenskalten Gefäß ein dunkles Erdloch füllten, wußte es, als ich in einsamen Momenten hier verweilte und dich nicht fand.
Ein winziger Flecken Erde, der an dich erinnern soll. Inmitten starrer Steine, inmitten fremder Namen, inmitten sterbender Pflanzen, inmitten betrübt wandelnder Gestalten, inmitten unzähliger Tränen. Ich verharre in Erinnerungen, verweile an deiner letzten Stätte, spüre dich nicht. Nicht hier. Nicht in der beengten Welt geregelter Trauer. Nicht an einem Ort der Toten.
Weinend schließe ich die Augen, suche dich in meinen Tiefen, finde dich.
In meinem Herzen gehören dir Welten.
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morast - 18. Mär, 17:44 - Rubrik:
Wortwelten
In der Straßenbahn saß hinter mir ein Paar. Ich schätzte die beiden auf Ende Vierzig und stellte mal wieder fest, wie schwer es mir fiel, Menschenalter zu erahnen. Heimlich nach hinten lugend, beobachtete ich sie, wie sie ihrerseits einen BMW beobachteten, der neben uns hielt. Silbergraumetallic. Neu. Funkelnd und glänzend.
Die beiden schauten aus dem Straßenbahnfenster hinaus, auf den BMW hinab. Zumindest versuchten sie es. Schließlich war die Scheibe über und über mit Außenwerbung beklebt. Ich hörte wie der Mann sich auf seinem Sitz hin- und herbewegte, um optimale BMW-Sichtverhätnisse zu erwirken. Seine Frau dagegen betonte immer wieder: "Ich kann hier durchgucken!" und meinte die winzigen Löcher in der fensterbedeckenden Werbefolie.
Der Mann ignorierte sie, starrte wie besessen auf den blitzenden BMW: "Ist 'n 7er. Ich kanns nicht genau erkennen. 'N 7er."
Während er sich weiterhin bemühte, seine Sitzposition den mangelnhaften Sichtverhältnissen anzupassen und einen Blick auf das auskunftgebende Fließheck des teuren Wagens zu werfen, murmelte er beschwörend, sich ständig wiederholend: "'N 7er. 'N 7er.". Wie ein Mantra.
Die Ampel schaltete auf Grün; der BMW fuhr an. Es war ein 5er.
Ohne seinen BMW-Beschwörungsritus zu unterbrechen, als hätte er die ganze Zeit nichts anderes gesagt, murmelte der Mann weiter vor sich hin: "N '7er. N '7er. N '5er ..." und ergänzte schließlich, wie um mit beeindruckendem Fachwissen zu protzen: "'N 5er... Kombi."
Dann war er weg. Der 7er. Äh ... 5er. Kombi.
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morast - 17. Mär, 20:32 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
Und auf einmal überkam mich der drängende Wunsch, Blumen zu verschenken, mit leuchtenden Farben und lebenswarmen Blüten ein Lächeln zu wecken. In Gedanken sah ich mich loseilen, bunteste Blumen zu einem prächtigen Strauß zusammenzustellen, roch schon den frühlingssüßen Duft in der Nase, erfreute mich bereits an der Freude, die ich bereiten würde...
Doch verlor ich mich seufzend, als ich bemerkte, daß ich kein Augenpaar kannte, das beim berauschenden Anblick des Blütenzaubers glitzern, keine Lippen, die ein heimliches Danke lächeln würden...
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morast - 17. Mär, 17:44 - Rubrik:
Wortwelten
Ein ermüdender, aber ereignisreicher Abend liegt hinter mir. Noch immer zehre ich heimlich davon, lehne mich sanft in die Kissen zurück und freue mich über meine Gemütlichkeit.
Als ich heute erwachte, klingelte kein Wecker. Der Tag war längst angebrochen und schien vergnügt in mein Zimmer. Angenehme Worte begrüßten mich in virtuellen Welten. In der Wirklichkeit war es still, angenehm still. Vor er Haustür begrüßte mich der Frühling. Trotz verringerter Zahl meiner Kleidungsstücke war mir zu warm. Schön. Überall vernahm ich Vogelgezwitscher. Erste Joggerinnen rannten durch die Gegend und mieden die Beete mit den erblühenden Krokussen.
'Heute fühle ich mich schön!', dachte ich und ging vergnügt meiner Wege.
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morast - 16. Mär, 17:43 - Rubrik:
Wortwelten
Zum gestrigen Tag sollten eigentlich unzählige Worte verloren werden. Doch ziehe ich es vor, mir mühsam und schmerzintensiv die ver
filthten Haare zu bürsten und anschließend stundenlang unter der Dusche zu verschwinden.
Rückblickend sei aber zumindest erwähnt, daß das gestrige
Konzert eines der besten war, an denen ich je beiwohnen durfte...
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morast - 16. Mär, 17:43 - Rubrik:
Wortwelten
Ein molliges Mädel kommt mir entgegen, führt ihren Freund an der Hand. Auf ihrem dunkelblauen Kapuzenpullover lese ich in Brusthöhe die Worte "5UCK.MY.D1CK". Verwundert wende ich mich ab.
An der Kasse steht vor mir ein Türke. Auf den ersten Blick wirkt er dümmlich, doch sein Lächeln ist echt. Er kauft Papers und Lamm. Mehr als 5 kg Lamm. Beinstücken und Hackfleisch. Gefroren. Was macht er wohl damit?
Zwei ältere Frauen stehen hinter mir. Sie schimpfen über Dinge, die meiner Aufmerksamkeit entgingen. Parallel unterhalten sie sich über die Zeitschriftenstapel in ihren Einkaufstaschen. Rätselzeitschriften. (Haus)Frauenzeitschriften. Die beiden wirken wie fleischgewordenen Klischees ihrer selbst.
In der Straßenbahn sitzt ein Angetrunkener, die offene Bierflasche in der Jackeninnentasche verstaut. Er schaut aus dem Fenster, brummelt irgendetwas und schüttelt traurig-lächelnd den Kopf. Ich würde ihn gerne verstehen, höre hin, schaue hin, folge seinem Blick. Doch ich vernehme nichts, erkenne nichts. Erneutes Kopfschütteln und weitere Monologe. Ich bin voll von Neugier und Mitleid. Eine eigenartige Mischung.
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morast - 16. Mär, 15:34 - Rubrik:
Menschen
Mit gezücktem Portemonaie stand ich im Saturn an der Kasse: "Hallo. Ich hätte gerne eine E-Plus Prepaid-Karte für 15 Euro." Die Kassiererin suchte, fand, hielt inne, stutzte, überlegte, blickte auf: "Macht dann ... 15 Euro." Eine beeindruckende Rechenleistung.
Kurz darauf sah ich P von weitem. Ich rannte ihr hinterher, bremste ab, stupste sie leicht an. Ihre erste Reaktion bestand aus Verärgerung. Keinerlei Freude, mich zu sehen. Ihre zweite Reaktion bestand aus kontinuierlichem Weitergehen. Ich wollte in die andere Richtung, blieb stehen. Eine Handvoll leerer Worte flog durch die Luft.
"Tschüß."
"Bis dann".
Manche Begegnungen sollten besser nie geschehen sein.
Draußen schien die Sonne. Etwas rief leise in mein Ohr: Es ist Frühling. Ich glaubte es nicht, versank tiefer in meinem dicken Wintermantel.
Noch immer betrübte mich die Begegnung mit P. Ich lief an einer spiegelnden Glasscheibe vorbei und stellte fest, daß nicht alles schlecht war: Mein Aussehen zum Beispiel. Lächelnd ging ich weiter.
Im Spielzeugladen beschäftigte ich mich einem Lernspiel: "Opas ABC-Park"
Opa: "Ich habe die falsche Taste auf der Energiemaschine gedrückt. Alle Energiepunkte sind verloren. Ohne die Energie kann der ABC-Park schließen."
Enkelkinder: "Du kannst dich auf uns verlassen, Opa."
Hastig beendete ich das Spiel.
Ein weiterer Knopfdruck, und ich fand mich wieder, bemüht, Winnie Puuh durch honigtopfgefülltes Geäst zu lotsen. Jedesmal, wenn Winnie einen Honigtopf fand, kicherte er lieb: "Hihihi". Ich kicherte auch - aber nur leise.
Als Winnie versehentlich mit der bösen Spinne in Berührung kam, seufzte er: "Ach herrje".
Es tat mir leid; ich versuchte es nochmal und wich der bösen Spinne aus.
"Hihihi."
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morast - 14. Mär, 17:41 - Rubrik:
Wortwelten
Menschen mit leeren Gesichter wirbeln in meinem Kopf herum.
"Komm doch mit.", eine Stimme, fordernd, doch freundlich, zerrt mich aus meinem Schneckenhaus. Wie einfach wäre es, ja zu sagen, andere Menschen kennezulernen, einfach mitzugehen und zu versuchen, mich zu amüsieren. Wie einfach wäre es, alle Gedanken für einen Augenblick schweigen zu lassen, zu vergessen und mich einfach anzuschließen.
"Komm doch mit."
Ich schüttle mit dem Kopf, weigere mich. Warum, vermag ich nicht zu sagen. Ich greife nach fadenscheinigen Ausreden, die mich selbst nicht überzeugen: "Muß noch was machen ... Ich seh heute scheiße aus ... Kenne ja keinen ... Gehöre nicht dazu ..." Wahre Worte - und doch falsch.
Ich versuche zu erklären. Jedes Wort birgt einen Vorwurf, wird abgeschmettert. Ich weiß nicht, was ich sagen kann. Und will mich doch begreiflich machen. Keine Zeit für Verständnis; die Stimme muß los, muß zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmtem Ort mit bestimmten Menschen zusammentreffen.
Eine letzte Frage. Ich zögere. Würde gerne. Doch bräuchte noch Zeit, ein paar Minuten, wenige überzeugende Worte, vielleicht ein bißchen Mut. Ich schüttle wieder mit dem Kopf, langsam nur, nicht wissend, was ich will, lenke ab, werde wieder mißverstanden.
Empört zieht die Stimme davon. Ohne mich. Ich möchte hinterhereilen, mich erklären, verstanden werden, überzeugt werden. Meine Gedanken finden nicht den Weg zum Mund.
Die Stimme ist längst verschwunden. Ich bleibe allein, allein mit ungesprochenen Worten, mit dem Wissen, allein zu sein. Die Angst hat gesiegt. Eine weitere Gelegenheit ward vertan.
Traurig lächle ich dem Spiegelbild zu. Enttäuscht wendet es sich ab.
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morast - 13. Mär, 17:41 - Rubrik:
Wortwelten
Gruselgesichter. Spannungsgeladene Klänge. Erschreckendes Kreischen. Düstere Bilder dunkler Gestalten.
Ich kralle mich fest. Deutlich spüre ich das Blut durch meine Venen rasen, mein Herz pulsieren. Wieder zucke ich zusammen. Doch ich lächle.
Als der letzte Ton des Abspanns verklingt, lächle ich noch immer. Der Saal ist leer. Latinopopmusik rauscht plötzlich durch die Lautsprecher, irritiert mich, weckt mich auf aus einer anderen Welt. Ich werfe meinen Mantel über und schreite gemächlich aus dem Kino.
Es regnet. Es schneit. Kalte Winde stechen in mein Antlitz. Das Lächeln bleibt.
Der Film war gut, schockierend. Warum empfinde ich Begeisterung für meine Angst?, frage ich mich.
Die Straßenbahn wird erst in einer Viertelstunde eintrudeln. Ich will nicht warten, gehe weiter.
Die Straßen sind leer. Meine Schritte klingen hohl auf dem Asphalt. Zu laut. Die Nachfilm-Paranoia verfolgt mich.
Ich sehe mich um. Niemand da. Mir wird bewußt, daß ich in der Wirklichkeit verweile. Trotzdem meide ich die dunklen Ecken.
Als ich in spiegelnde Glasscheiben blicke, erwarte ich, ein Gesicht zu sehen. Mein eigenes blickt mir verstört entgegen. Ich sehe weg, amüsiere mich über meine keimende Furcht.
Ich bin in der Wirklichkeit. Hier passiert so etwas nicht.
Diese Sätze liegen auf meiner Zunge. Ich denke sie immer wieder. Doch das Begreifen fällt schwer.
Nur noch wenige hundert Meter. Ich ignoriere verdächtige Silhouetten, weiche Schatten aus. Wer weiß, was sich in ihnen verbirgt.
Als ich die Haustür erreiche, habe ich den Schlüssel längst in der Hand. Ich schließe auf, mache kein Licht. Das mache ich nie.
103 Stufen ohne Licht. Das perfekte Szenario für einen Horrorfilm. Ich bin in der Wirklichkeit. Ich bin in der Wirklichkeit.
In einem Film würde ich mich für meine Dummheit verlachen. Kein Licht. Ich lächle, steige die Stufen hinauf.
Aus der Dunkelheit löst sich eine Figur. Ich spüre den Schrei in meiner Kehle. Ein Müllsack.
Ich stelle fest, im Film Schreie vermißt zu haben. Ich hätte geschrien. Laut und gellend. Meine Angst in die Welt geschmettert.
Ich schließe die Haustür auf. Die Wohnung ist viel zu ruhig. Meine Hand greift nach dem Lichtschalter. Zwei 60 Watt-Birnen vertreiben die Schatten. Lautlos atme ich auf.
Ohne Umwege begebe ich mich in mein Zimmer. Licht. Ein letzter Blick auf den leeren Flur. Keine Gruselgesichter zu sehen. Gut. Ich schließe die Tür, sperre die Dunkelheit aus, will nur schlafen.
Vielleicht sollte ich die Lampe brennen lassen.
Vorsichtshalber...
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morast - 13. Mär, 17:40 - Rubrik:
Wortwelten
auf der ferne dringen worte
warm und weich
an taubes ohr
laß mich hören
laß mich fühlen
halt mich fest
wenn ich gefrier
wellen tosen in gedanken
stürme brausen traurigkeit
peitschen eisigkaltes elend
tränen in mein angesicht
brennen salz in alte wunden
reißen träume aus dem herz
fluten lähmend alle sinne
löschen leben
löschen mich
aus der ferne dringen worte
wogenglättend
an mein ohr
fischen treibgut aus den fluten
küssen zitterherz
mit licht.
www.bluthand.de
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morast - 13. Mär, 10:01 - Rubrik:
Seelensplitter
Mit bedenklichem Fahrradreifenluftdefizit und nur wenigen bis zum Treffzeitpunkt verbleibenden Minuten raste ich durch die Straßen, hinein in den eisigen Gegenwind. Wie ein Pfeil schoß ich voran, mein Gesicht als Wettersensor mißbrauchend. Kalter Regen peitschte mir entgegen, ließ mich zittern, doch nicht zögern. Hagelkörner prasselten mir lieblos entgegen. Ich verbarg die Hände in den weiten Ärmeln der wollenen Jacke, trat in die Pedalen, als könnte mich nichts und niemand aufhalten. Das schien selbst die Polizei zu spüren und ließ davon ab, mein lichtloses Vorbeisausen zu ahnden. Geschickt schlängelte schlängelte ich mich durch Menschenmassen hindurch, kurvte halsbrecherisch unbelebte Schleichwege entlang. Wieder und wieder riß mir der beißende Winterwind die Kapuze vom Schädel, beraubte mich der Möglichkeit, mich lächerlich zu machen. Die letzten Meter raste ich durch den Matsch, wirbelte dreckig-braune Schlammmassen in die Höhe. Es war mir egal; ich war pünktlich.
Mit stolzer Miene schwang ich mich vom Rad, schloß es an, rannte die Treppen hinauf bis in die vierte Etage. Atemlos keuchend klopte ich an die Tür, öffnete sie. "Ich habe gerade zu tun.", entschuldigte sich meine Verabredung.
"Kommen Sie bitte in ner Stunde wieder."
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morast - 11. Mär, 17:39 - Rubrik:
Wortwelten
als wäre ich
hier falsch
nicht ich
nicht
was ich war.
'entschuldigung'
ein murmeln nur -
als wären die worte
nicht meine gewesen.
als wäre ich
ein zweites ich
zu tief
ins nichts
gesunken.
da du weißt
schweige ich
lächle
deinetwegen
meinetwegen.
als wäre ich
nur ich.
www.bluthand.de
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morast - 11. Mär, 10:00 - Rubrik:
Seelensplitter
Die Schreie in meinem Kopf schmerzen. Könnte ich nur einen Gedanken fassen, würde ich ihn gegen die Wände werfen und zerschmettern. Das Lächeln liegt längst in Scherben. Ich sehe weg, erblinde mich. Als ich versank, verlor ich meinen Namen. Des Suchens überdrüssig, des Suchens nach Halt, nach dir. Laß mich fallen, hauche ich in den zerplitterten Spiegel.
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morast - 10. Mär, 22:48 - Rubrik:
Geistgedanken
Ich lächelte der Morgensonne entgegen. Freundliche Worte harrten meiner. Der Tag versprach ein guter zu werden. Ich fühlte es.
Als die Zeilen mich erreichten, begann ich zu schreien. Ein kurzer Schrei, doch gellend laut, entsprungen tiefster Verzweflung. Niemals würde ich begreifen. Niemals.
Menschen fragten nach mir, hörten das stumme Tosen. Ich schwieg, sperrte die Geräusche aus.
Zitternd lag ich am Boden, trieb in eisigen Wellen.
Ich wollte nicht länger Austauschspieler sein, kein mangelhafter Ersatz, kein Ersatz für irgendwen, für irgendwas, keine Notlösung, kein letzter Weg.
Es ist leicht, die Einsamkeit zu vergessen, wenn man vergißt, daß andere sie nicht kennen.
Wie es mir geht?
Was für eine Frage!
Mit unzählbaren Wörtern bepflanzte ich die beißende Stille, hauchte sie dir sanft entgegen, nicht fordernd, nicht sehnen wollend.
Ich sehnte, sehne, verzehre mich.
Aus fremden Mündern ertönte Geplänkel. Es zerriß mich.
"...naduwiegehtsdireigentlichwolltnurmalhörenwasdusomachst
habesiegetroffendiedirallesistsiedieduniewiedersehenwirsthaha
lebstenochschweigstjawieeintoterhahahaha..."
Ich schweige nicht. Schwieg nie.
Mich zu finden, ist nicht schwer.
Meine Worte rinnen durch die Welten.
Wie Tränen.
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morast - 10. Mär, 17:38 - Rubrik:
Wortwelten
Kurz, nachdem er feststellte, daß alles gut sei, brach seine Welt zusammen.
If you ever saw me smile
You should know i felt sick inside
[aus:
Draconian - "Daylight Misery"]
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morast - 10. Mär, 17:37 - Rubrik:
Wortwelten
Bezugnehmend auf
diesen Text von
nachtbegegnung strömten selbstbetrachtende Gedanken durch meinen Schädel, die alte Fragen erneut aufwarfen.
Einst hielt mir meine damalige Freundin vor, ich wäre nicht nur für zu wenig Dinge zu begeistern, sondern sei auch wenig spontan. Ersteres, das weiß ich heute, verkannte mich. Letzteres mag in gewisser Hinsicht stimmen, stellte jedoch eine gegenüber männlichen Wesen durchaus häufiger angewendete und mich tatsächlich schmerzlich berührende Behauptung dar.
Ich glaube heute nicht mehr, daß sie recht hatte, zumindest nicht so,
wie sie es ausdrückte. Daß sie nicht ganz falsch in dem lag,
was sie darzustellen versuchte, mag sein. Tatsächlich würde ich mich für einen verhältnismäßig spontanen Menschen halten, neige ich doch dazu, Entscheidungen bis zum letzten Augenblick herauszuzögern und dann, kurz vor Ablauf des Auswahlmöglichkeitenultimatums [oder kurz danach], mehr oder minder nach Gefühl für oder gegen eine Richtung/Meinung/Planung/... zu stimmen. Das bewirkt zuweilen mittelgroße Überraschungseffekte, wenn ich während eines Aufenthalts in meiner Heimatstadt nach monatelanger Funktstille mal eben vor der Haustür eines guten Freundes stehe und darauf hoffe, daß er - meiner eigenen Spontaneität in nichts nachstehend - mich in seine abendliche Erlebnisplanung einzubeziehen imstande ist. Ich gebe zu, das geht meistens schief, wünschen doch unglaublich viele Menschen, daß das Erscheinen anderer in ihrere Existenz mit Ankündgung passiert. Vermutlich wurden dafür Handys erfunden.
Auch sonst neige ich zuweilen eher dazu, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, mich zu einer Sache bewegen zu lassen, als sie abzuwägen und einer langen Entscheidungsfindung zu unterziehen. Gut ist, wenn mir möglichst wenig Zeit zum Nachdenken bleibt. Dann kann ich nicht sämtliche Vor- und Nachteile im Geiste illustrieren, mir irgendwelche anregenden oder abstoßenden Szenen erfinden, die sowieso nicht passieren werden und dadurch womöglich in Enttäuschungen münden oder die mich von vornheherein abschrecken und mich in mein Schneckenhaus zurückziehen lassen.
Dabei mag ich es, überzeugt zu werden. Wenn jemand mit leuchtenden Augen von einer Möglichkeit spricht, unterhalten oder mit Erlebnissen bestückt zu werden, dann ist mein Zögern schwächer, kraftloser. Es bedarf zuweilen nur weniger wegweisender Worte - und ich bin bereit, jegliche Bedenken zugunsten des Neugierde Weckenden beiseite zu schieben. Jedoch begreifen erstaunlich wenige Menschen, daß es oft nur ein richtungsweisender Hauch ist, dessen es bedarf...
Derartiges birgt allerdings auch Nachteile. Zum einen neigen selten alle Bekannten und Freunde dazu, sich überraschenderweise mit mir auseinandersetzen zu wollen, sondern sind in anderweitige Planungen verstrickt, bei denen es meiner Anwesenheit keienswegs bedarf. Auch besteht dadurch stets die Gefahr, vor einem zu befüllenden Abend ratlos dazustehen, weil keinerlei Vorgedanken durch mein Hirn geströmt waren und sich mit der Thematik auseinandergesetzt hatten. In diesem Fall zeigt sich eine Tendenz zu Standardalternativen, zu verzweifelten aber nutzlosen Spontananrufen und zu einem allgemeinen "Na dann bleibe ich eben zu Hause.".
Letzteres geschieht meines Erachtens nach zu häufig, was besonders fatal ist, da ich mich in Ermangelung eines solchen Gerätes noch nicht einmal mit TV-Stumpfsinn zuzufüllen imstande bin. Das fördert die schlechte Laune, die wiederum selten kreativitätsunterstützend wirkt, dementsprechend auch die Kreativ-Alternativen negativ beeinflußt.
Und an dieser Stelle muß ich also oben erwähnter Freundin recht geben: Ich verweile zu oft in meinem gemütlichen Zimmer, gebe mich Dingen hin, die keiner Gesellschaft bedürfen. Ich brauchte niemanden, der mir beim Zeichnen über die Schulter schaut, niemanden, der mich beobachtet, während ich grübelnd und ausprobierend an irgendeiner Heimseite bastle, keinen, der mich während des Gitarrespiels darauf aufmerksam macht, daß die Zahl meiner Akkorde begrenzt und mein Gesang wenig ausgereift sei, niemanden, der sich ständig mein Geschriebsel druchliest und nach inhaltlichen oder orthographischen Fehlern fahndet, keinen, der mir beim Lesen die Seiten umblättert oder mich nur betrachtet, niemanden, der mit mir irgendwelchen fesselnden Musiken lauscht und versucht mein Empfinden nachzuvollziehen.
Tatsächlich sind viele der von mir ausgeführten Tätigkeiten so geartet, daß sie am besten in Abgeschiedenheit vollzogen werden. Sicherlich gibt es auch die Möglichkeit, in einer Gruppe die Klamphe zu zücken, gemeinsam zu texten oder zu singen, zu zweit interessanten Klängen lauschen und angeregte Diskussionen darüber zu führen. Doch das funktioniert nicht immer und bedarf auch häufig einer Vorbereitungszeit im Egoexil und einer tieferen gegenseitigen Kenntnis, die in den seltensten Fällen vorhanden ist.
Nicht selten empfand ich die mir anvertrauten Fähigkeiten als Belastung, wurde doch damit vorprogrammiert, daß ich mich ausschließe, abschließe, daß ich die Stille suche, um dort einigermaßen freier Entfaltung zu frönen. Derartiges Verhalten kann doch nur zu einem Verlust oder einer unzureichenden Anzahl an dauerhaften Bekanntschaften führen, kann nur dafür sorgen, daß es sich als schwierig erweist, neue Menschen kennenzulernen, die begreifen, daß das Stubenhocken im Grunde kein solches ist und nicht immer für Einsamkeit und Tristesse steht.
Ich bin nicht blind gegenüber dem Leben, liebe es hinauszugehen und Kleinigkeiten meines Dasein zu entdecken, die ein Lächeln oder eine Sehnsucht wecken, freue mich nur zu gern darüber, Menschen zu kennen, zu reden und zu lachen. Zu oft jedoch bleibe ich zurück, allein mit mir selbst und meinen Gedanken und Hoffnungen, die nie schweigen, niemals verstummen. Worte suchen meine Sinne, Bilder malen sich in meinen Schädel, und ich stürze zurück in mein kleines Loch, um alles andere auszuschließen, was mich von mir selbst ablenken könnte. Wenn die fremden Worte verstummen, verbleibt nur meine eigene Stimme. Nicht immer will ich sie hören, nicht immer kann ich sie ertragen...
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morast - 10. Mär, 17:35 - Rubrik:
Wortwelten