schau - nur kurz - zu boden, sieh das tänzeln meiner zehen, die sanfte unruhe, die sich um meinen ballen kräuselt, als ich meinen fuß erhebe, millimeter nur, bruchteile nur, nur für sekunden, und ihn dem pfad entgegenstrecke, als lenkte ihn ein fremder, ein lächelnder gedanke, eine gewissheit, die mir selbst noch unbekannt, unerkannt, zu sein scheint und sich erst den weiten weg durch bein und leib zu hirn und herzen hinaufschlängeln wird. doch dann wird es vielleicht schon geschehen, zu spät sein, wird ein erster zeh, einem waghalsigen eroberer gleich, mit nackter haut den pfad berührt, einen ersten kontakt erwirkt haben, als träfen bewohner fremder welten aufeinander, vorsichtig, doch angefüllt mit neugierde und einem willen, der sich einst aus hoffnungswarmen wünschen gebar. schau meine glieder, wie sie zittern, sich des schrittes, des allerersten schrittes, des wählens, nicht erwehren können, wie sie lechzen, das jetzt, das stehen in stille, das harren und wägen, in verblassende vergangenheit abschieben, sich einer bewegung entgegenwerfen zu können, die sich nicht mit einem vorsichtigen auskundschaften, nicht mit einem fast grüßenden tangieren, sättigen lassen wird, deren vibrato einer schwingung gleich sich hinaufarbeiten, den gesamten körper erfassen und drängen, von altbekanntem verdrängen wird, einen ganzen schritt, gar zwei, herausfordernd, verlangend fast, als gäbe es nun, nachdem das zittern meine externsten auswüchse erfasste, kein zurück mehr, kein innehalten, kein sein. das werden sucht mich, umschlingt mich mit möglichem, mit fernstem, labt sich an meinem zögerlichen pulsieren, nährt sich, wächst und lenkt. schau nur, denke ich, schau, wie mein fuß den boden findet, um ihn alsbald wieder zu verlassen, wie ein schritt den nächsten umarmt, wie meine augen, obgleich geschlossen, richtungen finden, erahnen, zu einem zucken fähig, zu einem wuchernden gleißen, in ein lächeln mündend, in meine brust, wo es zu donnern und wuchten beginnt, wie es sich dem knospen entreißt, dem erwachenden wollen, und mich plötzlich jedes grundes beraubt, jedes grundes, noch länger verweilen zu wollen, jedes grundes unter meinen füßen, mich bar jedes bleibens dem schweben darbieten, schritte verschlingend und doch nach vorne treibend, dem pfad folgend, der irgendwo unter allen wolken meiner harrt und einen namen trägt, der stets dem deinen glich.
morast - 23. Jan, 00:48 - Rubrik:
Geistgedanken
"Ich bin müde.", sagte ich.
"Ich bin müde.", krächzte der Papagei.
"Ich bin tatsächlich ziemlich müde.", sagte ich und gähnte ausgiebig.
"Ich bin tatsächlich ziemlich müde.", krächzte der Papagei und gähnte ausgiebig.
"Papageien können überhaupt nicht gähnen!", beschwerte ich mich.
"Ich weiß.", krächzte der Papagei grinsend.
"Ich weiß.", sagte ich grinsend.
"Arschloch.", krächzte der Papagei.
morast - 22. Jan, 16:01 - Rubrik:
Wortwelten
kacke, dass ich das vergaß:
mein apfel liegt doch noch im gras!
am morgen, als ich das begreif
sind gras und apfel schon voll reif.
morast - 21. Jan, 08:36 - Rubrik:
Seelensplitter
'Alles wird gut.', dachte ich gerade, als der Terrier mich anfiel. 'Anfiel' in wahrsten Wortsinn, denn er stürzte vom einem Baum hinab, direkt auf meinen Schädel. "Ich bin eine Zecke!", bellte er vergnügt, doch weil Hundegebelltranslation nun einmal nicht zu meinen Fachgebieten gehört, verstand ich ihn nicht. Da die Temperaturen aber schon vor Tagen die große runde Schmelznull zurückgelassen hatten und sich nun mit einem dicken Minuszeichen vergnügten, fühlte sich der mich anfallende Terrier auf meinem Kopf sofort richtig an, fast, als hätte er dort seit jeher hingepasst: Mein schütter werdendes Haupthaar wurde nicht nur schützend verdeckt, sondern durch krauses, aber gut gepflegtes und vor allem dichtes Terrierhaar ersetzt; die Wärme des Hundeleibes bewahrte, falls er seine Beine im richtigen Winkel ausstreckte, meine lauschende Extremitäten vor potentiellem Frösteln; und die gute Laune, die das bis eben noch fallende Tier schwanzwedelnd mitbrachte, war nahezu ansteckend.
Ich bin ein Regenfreund, und so störte ich mich nicht am gelegentlichen Träufeln aus dem vorderen oder hinteren Ende der neugewonnenen Mütze, und wenn seine Beine im richtigen Winkel verblieben und mir flauschige Ruhe schenkten, war auch das hin und wieder auftretende Gekläff keine allzu immense Unfreude. Schließlich verhielt sich der Terrier meistens ruhig, verweilte stoisch auf meinem Kopf, als gelte es, der Welt mit besonnener Gelassenheit entgegenzublicken. "Ich bin eine Zecke!", bellte er hin und wieder erfreut zu mir herab, und ich wünschte mir stets erneut, ihn endlich verstehen zu können.
Als der Winter von dannen floh und wir vergnügt dem blauen Band des Frühling nachjagten, fragte ich ihn, wie es mit uns weitergehen sollte. "Wie soll es denn mit uns weitergehen?", fragte ich ihn, doch er bellte nur. Ich nahm es ihm nicht übel, denn Bellen war etwas, das Hunde gut können, und besäße ich eine Fähigkeit, die ich zu derartiger Perfektion vorangetrieben hätte, setzte ich sie sicherlich auch bei jeder Gelegenheit ein. "Wie soll es denn mit uns weitergehen?", fragte ich ihn, und er bellte erneut. Lächelnd streichelte ich sein mittelgescheiteltes Fell, das ich seit ein paar Tagen als moderne Neufrisur trug.
Der Sommer kam und brachte Hitze mit, anderthalb Eimer für jeden von uns. "So geht das nicht weiter.", sagte ich zu meiner Kopfbedeckung, während sich Schweißperlen auf meiner Stirn sammelten und allmählich mit dem Toten Meer konkurrierten. "Mir ist warm!" Der Terrier schwieg, doch das Schweigen klang, als dächte er nach. Dann bellte er kurz "Ich bin eine Zecke!" und schwieg erneut.
"Du hast recht!", rief ich, obwohl ich kein einziges Wort begriffen hatte. "Du hast ja so recht!" Ich rannte los, denn meine Genialität lechzte nach sofortiger Umsetzung. "Mir ist warm, im Schatten jedoch ist es kühl.", erklärte ich schnaufend dem interessiert zuhörenden Hund. "Also brauche ich Schatten!"
Der Terrier stimmte mir zu: "Ich bin eine Zecke!", und ich fuhr fort: "Was liegt also näher, als der Gedanke, dass ich mir eine Mütze besorge, eine Kopfbedeckung für meine Kopfbedeckung sozusagen?!" Ich war begeistert von meiner Idee, rannte weiter und freute mich vor.
'Alles wird gut.', dachte ich noch, als mich plötzlich das Zebra anfiel. 'Anfiel' in wahrsten Wortsinn, denn es stürzte vom einem Baum hinab, direkt auf meinen Schädel. Beziehungsweise direkt auf den Terrier, der sich kurz wunderte, dann euphorisch kläffte und den neuen Gefährten freundlich willkommen hieß. "Eine lebendige Mütze!", jubelte ich und ergänzte die beiden schon vorhandenen Grinsen um mein eigenes.
"Ich bin eine Zecke!", wieherte das Zebra, doch niemand verstand es.
morast - 20. Jan, 16:46 - Rubrik:
Wortwelten
Und dann die Erinnerung. Daran, dass wir dir alles durchgehen ließen, damals, als du endlich genesen warst, als du dich befreit hattest. Wir trauten uns selber nicht, trauten nicht deiner Stärke und hofften doch. Verzweifelt und erleichtert flüchteten wir in den einzig verbliebenen Weg: Die Hoffnung, dass es gelungen war, ein kleines Allesistgut heraufzubeschwören, darauf, dass Angst und Heimlichkeiten, dass Lügen und Sorgen weniger werden, dass wir nicht länger an dir vorbeisehen, darauf, dass nicht länger Trauer und Mitleid unsere Blicke füllen würden.
Ich erinnere mich. Wie wir Schach spielten. Wie ich dich mehrfach besiegte, aber im Augenblick des Verlierens deine überwältigende Begeisterung zu tragen bereit war. Wie ich plötzlich, mittendrin, begriff, erkannte, wie wach dein Geist stets gewesen war, welche Intelligenz in dir schlummerte, wieviel Witz und Wissen all die Jahre unter tumbem Nebel begraben gewesen war. Ich hatte mich an dich gewöhnt, an dein Siechen, den physischen Abstieg, der den psychischen mit sich zog, an den Teufelskreis, den zu brechen wir niemals ernsthaft versucht hatten. Ich hatte dich eines Tages in dein Bett getragen, ich, schmächtig, muskelarm, dich, ein Vorbild, Hort meines Respekts, und etwas war in mir zerbrochen. Etwas, vielleicht alles.
Doch ich erinnere mich an den Funken. Daran, dass ich ihn bemerkte, dass er mich jäh überraschte und mich fassungslosem Staunen aussetzte. Daran, dass ich einen Augenblick lang begriff, wer du gewesen warst, wer du hättest sein können, was du im Nebel verlorst. Und wie gerne ich es dir gesagt hätte, wie gerne ich meine Freude, meine Begeisterung über deine Rückkehr, über dein Auftauchen, in Worte gepresst und sie dir überreicht hätte. Doch ich konnte nicht, wagte es nicht, zu groß war mein Respekt vor dir, deinem Handeln, zu riesig die Furcht vor deiner Zerbrechlichkeit, vor einer Änderung des plötzlich Bestehenden.
Wir ließen dich gewähren. Warum sollten wir nicht? Was schadete schon Schokolade in Anbetracht der bereits erfahrenen Schäden, in Anbetracht der Spuren, die Vergangenheit und Nebel auf dir hinterlassen hatten? Froh waren wir, entdeckten wir Begeisterung in deinen Augen, und nur zu gerne folgten wir ihr, war sie auch noch so unnütz und unsinnig. Begeisterung hieß Leben. Leben hieß Rückkehr. Zu uns. In die Wirklichkeit. Kauf doch Musik, die du nie zuvor hörtest, kauf doch eine Wohnzimmeruhr, die niemanden außer dich wirklich interessierte, kauf doch. Denn jeder Erwerb war ein Stück Echtheit, das du dir suchtest, ein Stück Dasein, das dir gehörte, das du umklammern konntest, falls irgendwann nichts mehr verblieb, das dir noch Halt gab.
Wir versuchten es, versuchten Halt zu sein, Antrieb und Begegnung, doch wir versagten, scheiterten an dir, der du dich noch immer verschlossen zeigtest, noch immer nicht imstande schien, sein Befinden zu offenbaren. Hin und wieder entsprang dir jener begeisterte Funke, der von uns gierig aufgesogen, gewürdigt, wurde, doch war er nur winziger Teil deiner Selbst, das uns wohl ewig ein Rätsel bleiben wird. Ich versuchte, zaghaft nur, dich zur Öffnung zu bewegen, dich mit Interessen zu benetzen, dir das Gefühl zu schenken, in dieser Welt noch immer, nach all den Jahren, willkommen zu sein, versuchte, dich inmitten des weichenden Nebels zu finden, wiederzuentdecken, doch versagte.
Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, wo all deine Freunde waren, wie du mit all der Monotonie umgehen würdest, erinnere mich an meine Angst, an meine nie endende Angst davor, dich in alten Formen wiederzufinden, wieder derjenige sein zu müssen, der dich ins Bett trägt. Als es so weit war, als der Nebel dich erneut gefunden hatte, war niemand überrascht. Wir sahen wieder weg, und irgendwie war ich noch immer imstande zu glauben, dass du den Weg zurück finden würdest, war imstande zu hoffen, zu hoffen, mich in Blindheit zu hüllen und zu hoffen.
Es gab keinen Weg zurück. Keinen Weg nach vorne. Du verließest alle Wege, ließest uns zurück, uns und eine Uhr, die im Wohnzimmer steht und Zeit vergehen lässt. Und die Erinnerung an Schokolade, an Herrenschokolade, die du mochtest, an Salmiakpastillen, die du mochtest, aber das war vorher, an dich auf dem Balkon rauchend, an dich vor den Kinderzimmern stehend, es mit Zigarette nicht betreten wollend, an dich, dessen Krankheit so viele Bilder in meinem Kopf bedecken, an ein Schachspiel, das ich verlor und einen Funken, den ich fand.
Ich erinnere mich.
morast - 19. Jan, 09:25 - Rubrik:
Geistgedanken
Ich hätte dem Elefanten "Guten Tag!" gesagt, doch er beachtete mich nich.
Na gut, ich hätte vermutlich abgewartet, ob er zuerst grüßt, denn üblicherweise sollte es doch so sein, dass jüngere Personen das Grüßritual einleiten, sozusagen ihren Respekt vor dem Alter bekunden, bevor der gnädige Ältere sich dazu herablässt, den Jungspund eines Grußes zu würdigen. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht sagen können, ob der Elefant nun jünger war als ich oder nicht. Sicherlich hatte seine Haut bereits viele Falten, doch die haben frisch geschlüpfte Origamifrösche auch, ohne dass damit das Alter preisgegeben würde.
Ich hätte also den Elefanten gegrüßt, wenn offensichtlich gewesen wäre, dass er der Ältere von uns beiden war. Doch das war es nicht. Außerdem beachtete er mich noch nicht einmal. Er ging an mir vorbei, als wäre ich nur ein in Tarnfarben gestrichender Müllcontainer, als schwebte er in irgendeiner höhere Sphäre und hätte es nicht nötig, mich zu beachten oder gar zu grüßen. Aus sicheren Quellen weiß ich, dass Elefanten im Allgemeinen Probleme mit dem Schweben haben. Dass ich tatsächlich ein in Tarnfarben gestrichener Müllcontainer bin, tut nichts zur Sache. Er hätte mich ja trotzdem grüßen können, der Herr Elefant.
Aber nein, stattdessen ging er an mir vorbei, natürlich mit erhobenem haupt, natürlich seinen Rüssel schwenkend, als wäre er sein Szepter, ignorierte mich, grüßte mich nicht, sah mich nicht einmal an. Nur kurz hielt er inne, sah sich um, sagte "Hallo, lieber in Tarnfarben gestrichener Müllcontainer!" und ging dann weiter.
Unhöfliches Pack, diese Elefanten heutzutage.
morast - 18. Jan, 13:45 - Rubrik:
Wortwelten
morast - 3. Jan, 01:22 - Rubrik:
Farbenfroh
"Endlich!" rief der alte Mann
Nach beinah zweiundsechzig Jahren!"
trat aus tiefstem Wald heraus
an das Ziel all seiner Reisen.
"Der Quell der Jugend!", rief er dann
und sprang hinein, mit Haut und Haaren
ward wieder jung, sah prächtig aus.
Ein Schild mit Warnhinweisen
sagt: "Hallo mein Freund! Man kann
hier einmal nur ins Jungsein fahren.
Komm endlich aus dem Wasser raus!"
Der junge Alte seufzte. Leisen
Grußes ging er fort, begann
ein neues Leben, jung, erfahren
und doch hielt er es nicht aus
wollt nicht länger ruhig vergreisen
sodass die Suche neu begann.
Und nach zweiundsechzig Jahren
trat er aus dem Wald heraus
an das Ziel all seiner Reisen.
morast - 8. Sep, 09:07 - Rubrik:
Seelensplitter
Wenn Weiden
- statt das feuchte Nass zu meiden -
sich mehr und mehr zum Wasser neigen
dann wollen sie uns schweigend zeigen:
"Ich kann mich sehr gut leiden."
morast - 2. Sep, 13:16 - Rubrik:
Seelensplitter
"Dich in meinem Arm zu halten -
davon wär' ich angetan."
seufzte liebevoll am alten
Kriegsdenkmal der Veteran
der zwar eine Dame küsste
doch nur seinen Arm vermisste.
morast - 28. Aug, 07:00 - Rubrik:
Seelensplitter