Dienstag, 26. April 2005

Umzug der Vergangenheiten

Der Umzug von myblog.de/morast zu morast.twoday.net gestaltet sich aufgrund des mir eigenen Perfektionismus als einigermaßen aufwändig, bin ich doch willens, mein altes Weblog [Noch immer bin ich mir über das Geschlecht des Wortes "Weblog" im Unklaren...] nahezu komplett zu übernehmen, was im ersten Moment wenig sinnvoll klingt, weil niemand sich für dreihundert veraltete Einträge interessieren wird, doch für mich insofern Bedeutung hat, als daß unter diesen dreihundert Einträgen viele sind, die mir zusagen, mich bewegen oder mich bewegten. Sie einfach zurückzulassen [Na gut; sie sind auch irgendwo auf meiner Festplatte gespeichert...] gliche einem Verrat am eigenen Schaffen.

Nicht alles, was ich schreibe, denke, kreiere ist wunderschön, lesenswert, perfekt; doch das soll es auch nicht, bin ich doch nur Mensch, nur ich. Doch fand ich beim Importieren einiger "älterer" [die ältesten sind vom Januar 2005] Texte, die mich dazu einluden zu verweilen, noch einmal zu lesen und in Eigengedanken zu schwelgen.

Schließlich wirken diese eigenen Gedanken, aus dem Blickwinkel der Gegenwart betrachtet anders, fremdartig, als wären sie von anderem verfaßt worden - aber doch noch immer bekannt und nahegehend genug, um zu ergreifen, um Gedanken und Gefühle zu erwecken, um zu berühren, zu erinnern, um zu weiterem Denken zu bewegen.

Ich verliebe mich kurz in meine Zeilentrauer, in mein Wörterlachen, in ein früheres Abbild meiner Selbst, das Ich genug ist, um in meinem heutigen Dasein wiedererkannt zu werden, das mir gleicht bis aufs Detail - und doch abseits steht, ein wenig fremd wirkt.

War ich das, der so dachte? Denke ich noch immer so? Fühle ich noch immer so? Wäre ich imstande, heute, jetzt, ähnlich Bewegendes zu verfassen, ähnlich Schönes/Schlechtes/tragisches/Mitleiderregendes/Langweiliges/...?

Ich glaube nicht; ich glaube nicht, daß ich imstande bin, mich selbst zu kopieren. Doch das ist weniger Ausdruck einer persönlichen Weiterentwicklung [die aber auch stattgefunden haben kann] als vielmehr der Beweis, daß das Schreiben dem Moment entspringt, dem eigenen Inneren, dem Seelenleben, der augenblicklichen Gefühlsslage. In anderen Augenblicken denke ich anders, forme ich andere Worte zu anderen Sätzen, lächle anders, weine anders, bin anders.

Meine Vergangenheit sonnt sich in der Wärme meiner Rückblicke; und mich überkommt das Wissen, daß ich nichts zurücklassen darf, was nicht des Zurücklassens würdig ist.

Viel zu tun; doch ich freue mich darüber, lauert doch hinter allem ein fremdbekanntes Ich, Wortwelten des Gewesenen und trotzdem noch immer Gültigen...

Mailkontakt

Heute verfaßte ich folgende Mail und verschickte sie an drei Emailadressen.

Sei gegrüßt, ehrenwerte A.

Ich könnte sagen (oder besser: schreiben), es nervt, doch das trifft es
nicht. Schließlich nervt es keineswegs, sondern amüsiert mich eher; einzig
die bisherige Ergebnislosigkeit stört mich ein wenig.

Ich fange am besten von vorne an.
Ich heiße Morast und kenne M, der dir hoffentlich ein Begriff
ist [wenn nicht, bin ich vermutlich an der falschen Adresse gelandet - mal
wieder].
Jener M berichtete mir von dir, gab zwar überaus positive, allerdings
auch relativ wenige Worte von sich.
Jener M fragte mich, ob ich daran interessiert sei, dich
kennenzulernen.
Jener M behauptete, einst mit dir sogar auf meiner Heimseite
herumgestöbert, ja sogar ein paar Worte über meine Wenigkeit verloren zu
haben.

Leider war jener M am Tage dieses Dialoges ... äh ... nicht mehr ganz
bei der Sache, weswegen er, als er mir deine Mailadresse gab, einen
klitzekleinen Fehler hineinbastelte, meiner Ansicht nach ein E vergaß.
Zu Hause angekommen überlegte ich nicht lange und schrieb einfach an beide
- "falsche" und "richtige" - Adressen ein paar freundliche Zeilen.
Sofort erhielt ich Antwort - eine Fehlermeldung; die von M
aufgeschriebene Adresse war inexistent.
Die korrigierte Variante mit dem zusätzlichen E allerdings produzierte
niemals eine Antwort.

Ich gab mich damit zufrieden; schließlich konnte dein Interesse aus
verschiedensten Gründen ja durchaus gleich Null sein. Eines Tages jedoch
wurde mir durch eine dritte Person zugetragen, daß M sich bei der
Angabe deiner Mailadresse vertan habe. Nicht gmx sei der Provider, sondern
aol.

'Nun gut.', dachte ich, und schrieb eine weitere Mail an die nun aber
richtige Adresse. Eine Fehlermeldung folgte sofort. Ich gab auf, fragte
M per mail um Rat.
Allerdings wußte ich nicht, daß M mittlerweile keinen Internetzugang
mehr hatte, demnach meine fragenden Sätze nicht lesen konnte.

Letzten Samstag traf ich ihn durch Zufall wieder. Und prompt fragte ich
ihn nach der Mailadresse.
Er konnte sich wieder nicht so recht an die wirklich zutreffende
Mailadresse entsinnen, korrigierte seine bisher gemachten Angaben minimal
und überließ es mehr oder weniger mir, die richtige herauszufinden.
Er scwürde mir eine SMS schreiben, meinte er. Doch bis heute erhielt ich
nichts und glaube auch, daß nichts mehr kommen wird.

Leider besitze ich keine seiner Telefonnummern, um nachzufragen; werde
aber, sollte dieser Versuch wieder fehlschlagen, mir die Mühe machen, die
Nummer über Dritte in Erfahrung zu bringen, um dann zu ihm Kontakt
aufzunehmen und zu hoffen, daß er dann die richtige Mailadresse zu
diktieren vermag.

Ich glaube, daß all das sicherlich einfacher zu lösen gewesen wäre und
weiß noch nicht, inwieweit diese Geschichte, die - wenn ich mir den obigen
Text betrachte - doch schon recht umfangreich geworden ist, positiv
verlaufen wird, doch bin neugierig und amüsiert genug, um das Beste zu
hoffen.

Ein Teil dieser Hoffnung beinhaltet, daß du, so du dich mit diesen Worten
irgendwie angesprochen fühlen solltest, mir eine kleine Antwort zukommen
läßt.

Ich bin gespannt...

Morast


Sofort nach dem Abschicken der Zeilen erhielt ich drei Fehlermeldungen...

Nutzlosigkeiten

Meine Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit des Wissens von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.
...

Montag, 25. April 2005

Eigentlich...

Eigentlich ist alles prima - außer der Wirklichkeit.

Sonntag, 24. April 2005

Vakuum

der Stille deinen Namen schenkend
der Leere
die im Arm mir schwelt
ein Wattehauch aus Möglichkeiten
vorbei
vergebens
unbeseelt

dein Wortflüster heimlich suchend
trinkend
was im Geiste quellt
im Tanze deinem Fehlen folgend
dem Augenblick
der dich enthält

der Stille deinen Namen schenkend
'Verbleib!'
sehnt blasses Ich-Gesicht
ein Zitterfinger sucht Berührung
die leere Form
erkennt mich nicht.

www.bluthand.de

Unter Federn

Tageslicht entweicht in Schatten
Formen geben sich in Grau
ein Gedicht liegt auf den Lippen
lächelnd schweigt das wahre Wort.

Blindheit tobt auf Tränenaugen
Silhouettentanz im Kopf:
ferne Nähe spürt mein Lächeln
lockt ein Flüsterlicht hervor.

Tief geschlossen alle Blicke
Innenpforte öffnet sich
'Halt mich fest'
dein zartes Wispern
als das Träumen mich verschlingt.

www.bluthand.de

The Return of the Yellow Zettel

'Ich werde den gelben Zettel wieder an den Monitor kleben.', denke ich mir.

'"NO!" soll er schreien, wenn ich mich mit den Weiten des Internets abzulenken versuche.'
Ein guter Gedanke. Ich krame den Zettel unter einem Berg unbdeutenden Krimskrams hervor, befühle die Klebefläche.
Sinnlos. Sie klebt nicht mehr.

Haftnotizzettel verfügen prinzipiell nur über eine geringe Klebkraft, dessen bin ich mir bewußt. Doch meine scheinen mit einem Minumum an Haftbarkeit auskommen zu wollen. Benachrichtige ich meine Mitbewohnerin mittels derartiger Klebenotizen über einen ihr entgangenen Anruf, kann ich damit rechnen, daß der Zettel wenige Minuten nach dem Befestigen an der Tür auf dem Boden zu finden ist - mit der Schrift nach unten natürlich, damit man nicht auf den Gedanken kommt nachzulesen, was denn darauf geschrieben steht.

Doch geschenkten Haftnotizzetteln schaut man nicht auf die Klebefläche, weswegen ich mich erbarme, ihm, dem erwähnten "NO!"-Zettel, ein zweites Leben zu gewähren, ihn noch einmal an den Monitor zu kleben - und sei es mittels haftunterstützendem Klebestreifen.

Mein Klebestreifen scheint übrigens mit meinen Haftnotizzetteln verwandt zu sein, ist doch die Bezeichnung "Klebe"streifen ein wenig zu euphemistisch. Ich würde behaupten, der Klebestreifen [Mir ist zu Ohren gekommen, daß nur wir ehemalige DDR-Bürger das Wort "Klebestreifen" benutzen, während es woanders "Tesa-Film" oder sonstwie heißt - selbst wenn es sich nicht um ein Produkt der Firma Tesa handelt...] haftet etwa so gut wie ein normaler Haftnotizzettel. Wenn überhaupt.

'Das sollte ausreichen.', denke ich und freue mich darüber, mir das Lernen mit eiserner Gewalt aufzwingen zu wollen - schließlich ist es mittlweile nötig, derart zu agieren.

Ich beginne zu wühlen. Das Kuddelmuddel auf meinem Schreibtisch verweigert sich jeder ordnenden Struktur; doch das soll mich nicht von meinem Klebestreifenspenderauffindvorhaben abhalten, soll mich nicht davon zurückhalten, endlich einigermaßen diszipliniert zu lernen. Ich wühle, schiebe Hefter beiseite, den Koran, Federtaschen, Gläser, eine halbvolle [wie optimistisch...] Cola-Flasche, das Telefon, eine Fernbedienung, Lineale, Zeichnungen, Briefumschläge, Kalender, Aufkleber, Telefonrechnungen, Folien, Disketten, Lesezeichen, ...

Kein Klebestreifen. Mist.

Ich suche an anderer Stelle in meinem Zimmer. Finde nichts. Nirgendwo. Setze mich verzweifelt wieer vor den Rechner.

'Was ist das nur für eine Welt,', frage ich mich, 'in der fehlender Klebestreifen Entscheidungsgewalt über das Bestehen bedeutsamer Prüfungen und somit über mein Studium und mein weiteres Leben besitzt...?'

Von brennenden Giraffen, schlechter Musik und rosafarbenen Deppen

Nachdem man um Mitternacht am Magdeburger Bahnhof anläßlich einer Dalí-Ausstellung acht Giraffen zu Klängen von Pink Floyd ["Shine On You Crazy Diamond" (Live-Version)]" in Brand gesetzt worden waren und ich mich an den Reflexionen der Flammen in sämtlichen Scheiben und dem dadurch entstehenden Eindruck einer zu angenehmen Klängen brennenden Welt erfreut hatte, fuhren wir kurz zu C, um seiner Verzweiflung über den zu vermutenden Verlust seiner EC-Karte zusätzlich Nahrung zu geben. Ohne seine Karte gefunden zu haben, begaben wir uns in die lokale Schwarzmusikdiskothek, die Factory, die Cs Motivationslosigkeit mittels "Synthetic Pleasures" verschwindne lassen sollte.

Doch die Musik war schlecht, so schlecht, daß ich binnen weniger Lieder [welch euphemistische Bezeichnung für diese monoton basslastige Krachklangstücke!] am Tiefpunkt meiner Laune angelangt war und infolge dessen sontan beschloß, mich zu mir völlig unbekannten Stücken zu bewegen, unabhängig von Gefallen oder Nichtgefallen. Doch die Monotonie ließ noch nicht einmal ein bewegungsintensives Ausleben lernstreß- und lärmbedingter Unlaunen zu, vermochte nicht wirklich aufheiternd zu wirken, sondern zog mich tiefer in einen Strudel aus Stirnfurchen und innerem Unmut.

Ich floh, floh in den "Club", wie die zweite Tanzfläche genannt wurde, wo "Goth'n'Hard" oder ähnliches angesagt war und vorerst nur alberner Batcave gespielt wurde, zu dem niemand seine Füße schwang und nur die Plattenauflegerin vergnügt ihren teilrasierten Schädel bewegte. In späteren Momenten wechselten die Klänge zu hartmetallischer Bösmusik, und ich war einigermaßen froh, nicht nur mit irgendeinem, flüchtig beannten Metaller zu kommunizieren

"Was warn das?"
"Hypocrisy."
"Ach so."
"Das dritte Lied von der neuen Scheibe."
"Und was ist das? Kommt mir bekannt vor."
"Keine Ahnung. Haggard vielleicht."
"Nee, Dimmu Borgir."
"Von der neuen Scheibe, oder?"


, sondern auch mehrere [zwei] mir bekannte Song vernehmen zu können, die ich zwar nicht unbedingt mochte, aber immerhin dazu einluden, mein Haupthaar ausreichend zu schütteln.

Und so wechselte ich den gesamten Abend zwischen mir unbekannter und oft mißfallender Gitarrenmusik und monoton stampfender Rumsbumsklänge, floh von einem Raum in den anderen, stetig hoffend, "auf der anderen Seite" mit Angenehmerem erfreut zu werden, floh von einer Schlechtmusik zur nächsten, hüpfte zuweilen über irgendeine Tanzfläche und bemühte mich, meine beiden Begleiter nicht völlig zu vernachlässigen.

Die Zeit verging; Lied für Lied prasselte auf meinen Schädel nieder. Auf einer Leinwand bewegte sich eine Ansammlung inhaltsloser und widerlich unästhetischer 3D-Animations-Filme und vor uns ein in erstaunlich enge, weiße Klamotten gespreßtes, übergewichtiges Hiphoptussiimitiat, das sich alle Mühe gab, ihren aus den Kleidern quellenden Leib möglichst sexy in Bewegung zu setzen.

Ich wollte nicht gehen. Eigenillusionen und unzerstörbare Hoffnungen waren schon immer dbeutsamer Teil von mir und überzeugten mich auch heute wieder, daß das nächste Lied mein favoristiertes sein würde.
Meine Begleiter jedoch sahen auf ihre Handy-Uhren, mindestens ebenso mißmutig wie ich, hatten sich bereits zu einigermaßen interessanten Rumbsbumsklängen bewegt, doch auch noch keine "Erfüllung" finden können. Es wurde Zeit zu gehen.
"Noch zwei Lieder.", meinte A.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hoffte zwar, doch wußte andererseits auch, daß mein Hoffen auf Gutmusik vergeblich sein würde. Einen letzten versuch wagend floh ich in den "Club", verweilte wenige Augenblicke, wartete das neue Lied ab und wich erneut enttäuscht. Nun war auch ich bereit zu gehen.
Es war halb vier, als wir heimkehrten, wenig begeistert vom erlebten Schwarzdiskoabend.
Um zehn sollte der Wecker klingeln. Ich hatte zu lernen.

Kurz nach neun rief meine Mami an, hatte Probleme mit ihrem von der Telekom eingerichteten Telefonanschluß, mit der Eumex. Ich konnte nicht weiterhelfen, war noch zu verpeilt, zu gedankenlos, kroch aus dem Bett und begab mich unter die belebende Dusche.
Ein problemlösender Gedanke kroch durch meinen Kopf. Langsam wurde ich wach.
'Es ist noch viel zu früh.', dachte ich und freute mich - blieb doch so mehr effektive Lernzeit für mich.

Weitere Telefonate ereigneten sich, führten zu einer Klärung. Meine Mami hatte in dem Kabelgewirr zwei Enden zueinander geordnet, die nicht zusammengehörten und daraus ein Problem konstruiert, das keines war.

Minuten später. Das Telefon klingelt erneut.
Mein Bruder war bei meiner Mami eingetroffen, kümmerte sich sorgend um die Eumex. Sie funktioniert noch immer nicht, schien defekt, denn trotz scheinbar korrekter Anschlüsse an NTBA und Stromnetz weigerte sich die grüne Diode "T-ISDN" aufzuleuchten. Ich war ratlos, vermochte am Telefon keine Ferndiagnosen zu erstellen, legte auf.

Eneutes Telefonklingeln.
"Alles in Ordnung.", sagte mein Bruder, " Die Telekom ist ein räudiger Drecksverein!"
Das war maßlos untertrieben, hatte doch der Telekom-Installateur den Stromnetzanschluß der Eumex einfach in einen Modem-Anschluß gesteckt. Depp!
Nun schien aber alles zu funkionieren.
"Na hoffentlich.", meinte ich.

Die Hefter und Bücher lugten zu mir herüber, als wollten sie mir ihre Dringlichkeit verkünden. Ich wandte mich ab und stopfte genüßlich das restliche Frühstück in mich hinein.

Samstag, 23. April 2005

Stoppeln und ein gelber Zettel

Der gelbe Zettel hatte seine Bedeutung verloren. Ich sollte mich schämen.

Die Zeit verflog; irgendwann im Laufe des heutigen Abends würde Besuch hier eintrudeln und ein einigermaßen aufgeräumtes Zimmer erwraten. Na gut, sowohl "erwarten", als auch "einigermaßen aufgeräumt" ist übertrieben. Schließlich erwartet der Besuch, längst mit meinen Daseinsgewohnheiten vertraut, nicht wirklich, ein tadellos aufgeräumtes Zimmer vorzufinden. Allerdings würde ich, selbst wenn ich mir alle Mühe gäbe, so etwas wie Ordnung zu produzieren, an der Unmöglichkeit dessen verzweifeln. Zwar häuften sich weder Müllberge oder Geschirrstabel noch Dreckwäscheklumpen oder vielbeinigig krabbelnde Mitbewohner in meinen vier Wanden, doch herrschte in diesen auch nicht viel mehr als das, was ich als eine Art "kreativer Basisreinheit" bezeichnete. Alles war auffindbar - irgendwann.
Trotzdem plante ich, eine gewisse Grundordnung herzustellen und sogar den Staubsauger in Benutzung zu ziehen, nicht, um mich in ein bessere Licht zu rücken, sondern um meinem Gast den Aufenthalt hier halbwegs erträglich zu machen.
Nachdem ich also auf der Gitarre herumgeklimpert hatte, viel zu lange einkaufte und meine Wäsche wusch, hätte ich mich wohl dem wenig Angenehmen widmen sollen, um anschließend noch die lästigen Stoppeln aus meinem Anlitz zu entfernen, mir sättigende Abendspeise zuzubereiten und - zu lernen.

Lernen. Seit Tagen machte ich kaum etwas anderes, verbot mir, außer Haus zu gehen, verbot mir, den Sonnenschein zu genießen, Freunde zu treffen, verbot mir, spannende Bücher zu lesen, mit meiner Mitbewohnerin fernzusehen, verbot mir, mich allzu lange im weltweiten Netz zu tümmeln, verbot mir sogar, Musik zu hören. Ich mußte lernen, und mit jedem Tag, mit jeder Minute wurde das "Muß" drängender, größer, bedeutsamer, beängstigender.
Ich lenkte mich ab. Wieder und wieder.
Mittlerweile hatte ich nahezu alle Bücher gelesen, die mich brennend interessierten; sie stellten keine Gefahr mehr dar. Mittlerweile hatte ich die Gitarre und die Nerven meiner meiner Nachbarn so oft strapaziert, daß ich keien Lust mehr darauf hatte. Mittlerweile hatte ich freiwillig beschlossen, keine Musik mehr hören zu wollen, weil ich mich ohne besser konzentrieren konnte. Mittlerweile freute ich mich über jeden Anruf bei meiner Mitbewohnerin, der mich aus ihrem Zimmer scheuchte.

Heute morgen schuf ich den Zettel. "NO!" krakelte ich auf ihn. Groß. Schwarz auf Gelb. Unübersehbar. Ich heftete ihn an den Monitor.
"NO!", rief der Bildschirm, wenn ich überlegte, ob ich mal meine emails abrufen sollte. "NO!", wenn ich mich in Erwägung zog, bei wikipedia.org einen mir unverständlichen Begriff nachzusehen. "NO!", wenn ich meinte, an meinem Weblog basteln zu müssen.
Der Zettel hatte recht.
Udn doch verlor er. Als ich das dritte Mal ins Netz ging, riß ich ihn hab, schmiß ihn irgendwo in mein Schreibtischwirrwar und vergaß ihn. Die ersten beiden Male hatte er mich ungemein gestört, blockierte er doch einen großen Teil des Sichfeldes. Doch das sollte meine Strafe sein; meine Strafe für Ungehorsam mir selbst gegenüber.
Das dritte Mal wollte ich mich nicht mehr strafen. 'Nur kurz.', dachte ich und begann, mich in den unendlichen Gefilden des weltweiten Netzes zu verheddern, fand keinen Ausweg, vergaß den knurrenden Magen, das unaufgeräumte Zimmer, die häßlichen Stoppeln im Gesicht, vergaß das Drängen des noch Ungelernten.
'Ich bin frei.', dachte ich kurz, reihte Worte aneinander und erfreute mich ihrer Eleganz. 'Ich bin frei.', dachte ich, tauchte in meine eigene Welt, versank in mir selbst, wo kein "Muß" herrschte, wo ich lächeln konnte, ohne im Nacken den kalten Atem des Kommenden zu spüren.

Als ich erwachte, saß ich vor meinem Rechner. Der krumme Rücken schmerzte. Worte blinkten auf dem Bildschirm, ergaben keinen Sinn. Die Sonne war längst untergegangen; Dunkelheit verdeckte das Chaos meines Zimmers. Mein Magen meldete sich.
"Jaja.", murmelte ich, stand auf und stolperte zum Lichtschalter. Die Glühbrine flammte auf, grellweiß, blendete mich kurz, warf ihren hellen Schein auf das Sammelsurium am Boden, auf Hefter und Bücher, auf Blöcke und Notizzettel.
"Gleich.", sagte ich beschwichtigend zu den fordernd blickenden Lernmaterialien, zu mir selbst.
"Gleich. Erstmal muß ich was essen."
Selbst in meinen eigenen Ohren hörte sich das wie eine Ausrede an.
Ich schaltete das Licht wieder aus. Bücher und Hefter verwanden.
Erleichtert floh ich aus dem Zimmer.

Freitag, 22. April 2005

Arbeitsmoral

Mich zu Dingen zu bewegen, deren Wichtigkeit zwar erkenntlich, doch derart unangenehm ist, daß nur ein immer wiederkehrendes Verdrängung und Leugnen unabstreibar nahender Tatsachen den eigenen Tag mit einigermaßen beruhigten Zitterfingern und stillgelegtem Gewissen zu befüllen weiß, war noch nie eine meiner Stärken, eine meiner herausragenderen Eigenschaften, neige ich doch dazu, in allen Ecken und Winkeln meines Daseins Dinge zu finden, deren Inhalt und Oberfläche derart beschaffen ist, daß sie mich zu fesseln, ja zu begeistern vermögen, daß sie Zeiten zu schlucken und Bedeutsamkeiten zu vernachlässigen wissen, auf daß ich tiefer und tiefer in ihnen versinke, den Bezug zu den drängenden, möglicherweise rettenden Fäden der Wirklichkeit verliere, die mühsam erzeugte Motivation für spontane Kreativität und scheinbar nutzlosen Wissensdrang aufbrauche und nichts weiter von mir selbst übrig lasse als das nachträgliche Bedenken der Ineffikivität meines fruchtlos-unterhaltsamen Zeitvertreib und die an mich selbst gestellte, unerfüllbare Forderung, am nächsten Tag, beim nächsten Mal alles anders, ja besser zu machen, aus verschwenderischen Erfahrungen zu lernen und diese Kenntnisse effektiv zu nutzen, um die restliche, verfügbare Zeit noch konzentrierter, noch intensiver zu arbeiten, als es die ursprünglichen, mittlerweile enttäuschten Absichten vorgesehen hatten...

Haut

Wenn ich ihr begegne, ertappe ich mich zuweilen, wie ich heimlich ihren Bauch betrachte, den schmalen Streifen Haut zwischen Hosenbund und Oberteil, ein blasses Land, auf dem ich vergeblich ihren Bauchnabel zu finden glaube. Dieser jedoch weilt woanders, weiter oben, unter dünnem Stoff versteckt, meinen Blicken entzogen.

Nicht ihren Mund, nicht ihre Lippen, ihre Wangen, nicht ihr Gesicht möchte ich dann küssen, sondern nur ihren Bauch, das schmale Stück Haut, das sich mir zeigt, zwischen Stoffteilen hervorlugt und mich zu verspotten scheint. Ein Gedanke findet den nächsten, sucht eine Kette der Möglichkeiten. Wie wäre es, diese weichen Schenkel auf meinem Schoß zu spüren, wie wäre es, ihren Oberkörper an meinen zu pressen, wie wäre es, wenn sie sich bewegte, wenn die Worte aus ihrem Mund sich in leises Stöhnen wandelten, wenn meine Hände ihre Hüften umfaßten und sie zu mir zögen, näher, tiefer...

Leuchtend blitzt mir ihre Haut entgegen, verlacht mich. Ich lache auch, lache mich aus, in meiner Bewegungslosigkeit versunken, von unsichtbaren Barrieren gehalten, in Träumen gefangen, die ihren Reiz in ihrer Unerfüllbarkeit finden.

Ich wundere mich über die formlosen Mauern, halte inne, höre sie reden, starre auf ihren Bauch und frage mich, warum ich nicht aufstehe, mich einfach treiben lasse, mich führen lasse von meinem Verlangen, warum ich sie nicht mit mir bedecke, sie aus ihrer Wirklichkeit, aus ihrem falschen Bild reiße, warum ich nicht die Grenzen durchbreche, Gedanken zur Tat wandle und dem inneren Begehr folge, warum ich mich weigere, einem Trieb nachzugeben, der nur allzu verlockend scheint.

Denn das ist es, was mich heimsucht: nur ein Trieb, ein stilles, austauschbares Verlangen. Einer Puppe gleich steht sie vor mir, verliert jede eigene Form, mutiert zu einem schlichten, aber schönen Körper, meiner Lust dienend, sich selbst verlierend. Ich sehe mich, wie ich sie betrachte - abwesend, Eigengedanken folgend, höre, wie ihr flacher Bauch eine süße Geschichte erzählt, an deren Ende nur Leere winken kann, spüre, wie einzig ihre räumliche Nähe sie für einen Augenblick zu derjenigen verwandelt, die ich zu suchen glaube.

Ich lache mich aus, lache im Herzen, weil ich erneut begreife, was die Barrieren, mein Zögern, meine Reglosigkeit mir offenbaren: Sie, deren schmaler Hautstreifen mich lockend ruft, war nie und wird auch niemals sein, was ich mir in Tausenden Worten, in träumerischen Gedanken ersehnte, erschuf.

Ich bleibe sitzen, nicht länger ihren Bauch betrachtend, sehe ihr in die Augen und lächle ihr zu. Sie lächelt zurück, als wäre nichts geschehen.
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...

Liebe bedeutet, auf Stärke zu verzichten.

[aus: Milan Kundera - "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"]



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ins eigenherz

als könnte ich
dein lächeln sehen
mit händen
sanft berühren

entführen
spüren
schenken mir

ins eigenherz
kopieren.

www.bluthand.de
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Donnerstag, 21. April 2005

ins eigenherz

als könnte ich
dein lächeln sehen
mit händen
sanft berühren

entführen
spüren
schenken mir

ins eigenherz
kopieren.

www.bluthand.de
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Alles besser weil neu?

Eigentlich sollte ich wohl lernen. Zumindest aber schlafen. Statt dessen hoffe ich in den unendlichen Tiefen des weltweiten Netzes irgend etwas zu finden, zu entdecken, das mich erhellt, erfreut, zufriedenstellt, vielleicht sogar - mich selbst.

Dies ist nicht nicht mein erster Versuch. Ich gebe es zu, schamlos lächelnd.
Den wahrlich ersten brach ich ab, schon nach dem zweiten Eintrag, schnell, bevor ich mich anderes entscheiden konnte, schnell, bevor die aufdringliche Werbung mir den spontan gefaßten Ich-will-auch-einen-Weblog-haben-Entschluß vermiesen konnte.
Der zweite Versuch währte lange, währte vom Fast-Anfang bis jetzt, bis vorhin, vielleicht sogar bis nachher.
Aller guten Dinge sind drei? Wer weiß.

So viele Möglichkeiten. Ich bin überwältigt, überfordert.
Und trotzdem: Kommentare nur für twoday-Nutzer? Keine simplifizierten Minimal-Html-Hilfen für notorische Nichtwisser?
Das schreckt ab.

Doch vorerst bleibe ich, mich neugierig umsehen, einem Kind gleich, das neue bunte Spielzeuge entdeckte und auszuprobieren wünscht.
Vielleicht wird alles gut...

Erste Worte

Vielleicht bin ich nicht ausgelastet.
Vielleicht zu sehr ausgelastet.
Vielleicht gelangweilt, stetig nach Neuem strebend.
Vielleicht nach Optimierungen drängend.
Vielleicht...

Erste Worte sollten anders aussehen, sollten Großes ankündigen, sollten Wahrheiten verbreiten, die jeden interessieren, sollten ungläubiges Staunen oder erlösende Erleichterung hervorrufen:
"Endlich! Darauf habe ich schon ewig gewartet!"
Oder so.

Erste Worte sollten Ziele äußern, Ideale, Wünsche, Hoffnungen, Gedanken, die Zukunft betreffend.

Erste Worte sollte mehr sein.

Sind sie aber nicht. Nicht hier. Nicht jetzt.
Ich wage keinen Blick in die Zukunft, weil ich sie nicht kenne, vielleicht nie kennen wollte.
Ich habe kein Ziel, kein wirkliches, keine Richtung, die nicht schon eingeschlagen wäre.
Ich harre der Dinge, die da kommen mögen.

Vielleicht bin ich...
... nur ich.

...

Mir ist nach Weiß, nach Licht, nach einem in die Stille gehauchtem Lächeln. Mir ist nach einem Wind, der mich fortträgt ins Jetzt. Mir ist nach einem klitzekleinen Sprung. Vor Freude. Aus Liebe. Mir ist nach Erfüllung. Erfüllung von Träumen. Erfüllung von Wünschen. Mir ist nach einer Umarmung, die alles bedeutet, alles bedeckt. Mir ist nach zärtlichem Geflüster. Mir ist nach innerer Ruhe, nach einem Finden der Möglichkeiten, nach einem Gedanken, der belebt. Mir ist nach einem Moment, der innehält. Mir ist nach einem getauschten Wort, nach einer Zeile, in leuchtende Gegenwart ausgeschüttet...
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Kindertag

In der wahrlich kurzen Stunde, die ich heute damit verbrachte, aus Schuhkauf- bzw Schuhsuchgründen erfolglos durch die Innenstadt zu tigern, begegneten mir heute derart viele Kinder, daß ich für einen Moment überlegte, den 21.04. zum Kindertag zu erklären, bis mir einfiel, daß dieser schon in zweifacher Ausführung existierte, einmal in weltweiter Variante [dieses Jahr am 20. September] und einmal als Restprodukt sozialistischer Feiertagsgewohnheiten [jährlich am 01.Juni]. Ich ließ also von meinem äußerst subjektiven Vorhaben ab und sah mich um.

Auf einem riesigen Kinderspielplatz spielten viele Kinder. Das ist natürlich nichts Besonderes, nichts, was zum Staunen anregt. Doch während die Sonne schien und das Lachen ausgelassener Minderjähriger an mein Ohr drang, wurde mein Geruchsorgan belästigt, ja erniedrigt. Am Spielplatzrand entdeckte ich fünf oder sechs Gruppen junger Erwachsener, augenscheinlich die Eltern irgendwelcher spielender Sprösslinge, die sich wenig um die Tätigkeiten ihres Nachwuchses, sondern eher darum kümmerten, mit möglichst intensivem Zigarettenkonsum nicht nur ihre, sondern auch die Luft der Spaziergänger, geschäftig Vorbeieilenden und - natürlich - der Spielenden zu verseuchen. Ich zähle mich nicht zu den Aggressivnichtrauchern, doch war das Rauchgemeinschaftsverhalten der dort anwesenden Eltern derart ausgeprägt, daß ich mich um die Gesundheit der einatmenden Familienmitglieder zu sorgen begann.

Noch in Gedanken vertieft hört ich eien krächzende Frauenstimme schreien:
"Warte, hab ich gesagt!"
Und: "Du sollst warten!"
Ein vielleicht siebenjähriger Junge stand an einer beampelten Straße. Die Ampel zeigte Grün; weit und breit war kein Auto zu sehen, nur Fußgänger, die einer vielgesichtigen Masse gleich über die leere Straße marschierten. Der Junge hatte noch nicht einmal einen Fuß auf die Straße gesetzt, als die Rufe seiner Mutter ertönten. Verängstigt blieb er stehen und wartete, bis sie eintraf.
"So...", sagte sie, nahm ihren Sohn an die Hand und zog ihn hinter sich her, während sie über die Straße eilte.
Die Ampel zeigte mittlerweile Rot.

Im Saturn lauschte ich einem dreiliedrigen Album mit befremdlichem, unmerkbarem Namen, bei dem der Gesang zu fehlen schien, während neben mir ein Geschwisterpaar an das letzten freie CD-Abspielgerät drängte. Irgendein Metal-mögender Vorgänger hatte sich - wie viele andere auch - nicht die Mühe gemacht, die von ihm angehörten Werke an ihren ordnungsgemäßen Platz zurückzustellen, und die Saturn-Mitarbeiter schienen mit dieser Aufgabe überfordert zu sein. Das hatte den Effekt, daß ein im Regal Suchender nicht mit dem Finden belohnt werden würde und daß ein kleiner, vielleicht zehnjähriger Junge zielgerichtet die Metal-CDs durchstöberte, "Oarhh, geil!" ausrief, Metallica beiseiteschob und letztendlich bei Six Feed Under hängenblieb. Das Cover, unter anderem eine nicht geringe Anzahl an Totenköpfen darstellend, schien ihn zu beeindrucken. Und wer ein richtiger Mann ist werden will, der muß auch Metal gutfinden. Laut tönten aus den übergroßen Kopfhörern harte Riffs und unfreundliches Gegrunze, zu dem der Junge im Takt den Kopf bewegte - scheinbar begeistert, anscheinend aber eher, um seine größere, schätzungsweise dreizehnjährige Schwester mit der eigenen Härte zu beeindrucken. Ich tröstete mich damit, daß der Junge sowieso kein Wort verstand und amüsierte mich darüber, wie die Schwester, als die finstermusikalischen Kopfhörer gereicht bekam, die eigenen Ohren vorsichtig in die Nähe der Klänge schob und dann demonstrativ angewidert das Gesicht verzog - was natürlich den Jungen erst recht antrieb, noch ein paar Minuten mit dem Kopf zu wippen und den Metal durch seinen Schädel strömen zu lassen. Dann hatte er genug, seine Schwester hörte etwa 30 Sekunden in den Soundtrack von "König der Löwen" rein, bevor beide in Richtung des Ausgangs verwschwanden - ohne Metal-CDs natürlich.

Auf dem Rückweg saß ich in der Straßenbahn. Vor mir hatte sich eine Mutti platziert, die sich augenscheinlich nahe der Vierzig [Keine Ahnung, von welcher Seite] befand, aber einen erstaunlich liebenswürdigen Eindruck machte. Ihr Sohn, mit einem niedlichen Kleiner-Prinz-Rucksack versehen, schwieg nie, plapperte ständig vor sich hin - und fragte. Offensichtlich war er gerade in einem Alter, in dem ihn alles und jeder interessierte. Die Mutti antwortete stets freundlich, sanft, leise und ruhig, niemals genervt, niemals irgendwelchen Unsinn von sich gebend, um ihren Sohn zum Schweigen zu bringen.
"Wenn ich hinfalle, auf den Arm, was passiert dann?"
"Dann schabt deine Haut ab."
"Was passiert dann mit der Haut?"
"Die alte ist weg. Aber es wächst neue nach."
"Und wenn ich drei Mal auf dieselbe Stelle falle?"
"Dann wird die Wunde tiefer und größer. Aber de Haut wächst immer wieder nach."
"Und wenn ich Tausend Mal hinfalle?"
So ging das eine geraume Weile. Die Mutter erklärte, was passiert, wenn Knochen brechen, daß Arme nicht einfach so abfallen, wenn man sie vedreht, daß Straßenbahnunglücke schlimm sind usw.
"Was steht hier drauf?", wechselte der Junge das Thema und zeigte auf seien Caprisonne-Aluminiumpackung.
"Power-Team."
"Was heißt Power?"
"Power heißt Kraft. Wenn du also davon trinkst, bekommst du ganz viel Kraft."
Sie probierte selber einen Schluck.
"Mhhh... Lecker."
Der Junge trank.
"Und?", fragte die Mutti.
"Es wirkt!", sagte der Junge mit einem Leuchten im Gesicht und demonstrierte seine Stärke, indem er seine Armmuskeln anspannte. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen.
"Was ist hier alles drin?"
Die Mutti las vor: Orangen, Zitronen, Kirschen, Äpfel ... und Vitamine. Alles sehr gesund. Von Zucker sagte sie kein Wort. Auch nichts von Aromen oder Konservierungsstoffen.
"Was steht auf der Rückseite?", fragte der Junge neugierig.
"Das gleiche nochmal. Aber in anderen Sprachen. In Französisch, Italienisch, Englisch ..."
"Lies mal vor..."
"Neee...", lacht sie, "Ich kann doch kein Französisch. Aber ich les dir Italienisch vor."
Das konnte sie auch nicht, aber sie probierte es zumindest.
"Und jetzt französisch!", rief der Junge vergnügt.
Die Mutti weigerte sich nicht, bemühte sich wirklich, las ein wenig, der Junge grinste fröhlich, sie lachte - und ich heimlich auch.
Als meine Ausstiegshaltestelle sich näherte, stand ich auf, noch immer innerlich lächelnd, und bedauerte ein wenig, die nette Mutti und ihren aufgeweckten Jungen verlassen zu müssen.
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Dialog

"Bei dir habe ich immer das Gefühl, ich spreche gegen Wände."
"Wenn man sonst Selbstgespräche führt, sind doch Wände mal eine gelungene Abwechslung..."
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Wieder was gelernt

Das Auge ist eine optische Senke.
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umarmung

schließ mit wildem kuß
die augen
tilg mit leben
meinen blick

entgleite schwebend
meinen ängsten
träume fangen dich
ins licht
als die blicke dich ersuchten
als die sehnsucht
dich erfand

schließ mit süßem kuß
die augen
senk dein antlitz
in mein herz.

www.bluthand.de
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Mittwoch, 20. April 2005

Straßenbahnerlebnisse 5

Als ich heute zur Mensa fuhr, stiegen zwei Punks hinzu. Einer von ihnen blockierte die Tür, so daß noch drei weitere von ihnen und ebensoviele Riesenhunde die Möglichkeit bekamen, hinterhereilend einzusteigen. Sie trugen die üblichen zerrissenen, verwaschenen Klamotten, Handschellen und Nietengürtel, stanken nach Bier und Schweiß. Die einzige Frau unter ihnen war mit nicht viel mehr als einem Schlüpfer [Ich liebe dieses Wort - es klingt unglaublich eklig.], Strapsen und einem rissigen Top bekleidet, was in Anbetracht der erstaunlich niedrigen Temperaturen etwas unpassend zu sein schien.

Sie plazierten sich wenige Sitze entfernt von mir, fragten nur einmal nach einem Taschentuch, belästigten ansonsten niemanden. Zwei ältere Frauen stiegen in die Bahn, unterhielten sich:

"Hast du die Frau gesehen?" [flüsternd]
"Nee."
"Wie die gekleidet war..." [Kopfschütteln]
"Ich wäre ja allein hier nicht eingestiegen."
"Nicht?"
"Nee, da hätte ich Angst gehabt."
"Naja, ich hab die zu spät gesehen..."

Die Punks machten wirklich nicht den freundlichsten Eindruck, aber ich glaube auch nicht, daß sie den vermitteln wollten. Doch beängstigend waren sie keinesfalls. Sie stanken nur und lärmten ein wenig, unterhielten sich über abzuleistende Arbeitsstunden, die noch auf sie warteten, lachten grob und tranken Bier.

Einem von ihnen schien es nicht sonderlich gut zu gehen. Immer wieder hörte man unappetitliche Würgegeräusche, die mich dazu bewogen, nicht genauer hinsehen zu wollen.

Die Punkerin jedoch betrachtete ihn und meinte dann mit krächzender Stimme:

"Hey, du kotzt ja wie ein Anfänger!"

Für einen Moment überlegte ich, ob ich mich in einer freien Minute mal intensiver verschiedenen Kotzübungen widmen sollte...
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Straßenbahnerlebnisse 4

Mein Mitbewohner erzählt:
Eines Tages saß er in einer Straßenbahn. Diese hatte bereit ein paar Augenblicke an der Haltestelle gewartet, als drei Kinder angerannt kamen, jeweils mit einem Eis in der Hand. Als sie einsteigen wollten, deutete ihnen der Straßenbahnfahrer, daß sie mit dem Eis nicht in die Bahn hineingelassen werden würden. Verdutzt schauten sich die Kinder an, zögerten kurz, warfen dann ihr Eis vor sich auf den Gehweg und drückten hastig den Türöffnerknopf. Doch zu spät; die Bahn fuhr an und hinterließ drei verblüffte Kinder. Sprachlos standen sie inmitten ihrer zermatschten Eistüten und starrten der verpaßten Straßenbahn hinterher.
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Akustische Blicke

Was ist eigentlich das akustische Äquivalent eines Blicks?

Wenn ich irgendwohin schaue, sehe, etwas betrachte, dann richte ich meine Blicke dorthin, auf das Objekt. Doch Blicke existieren nicht wirklich, strahlt doch nichts aus den eigenen Augen heraus. [Oder doch?]

Ich glaube gelernt zu haben, daß das menschliche Auge einfallendes Licht auffängt und "verarbeitet". Werden also in Comics Blicke mit gestrichelten Linien angedeutet, müßten die Pfeile an den Strichlinienenden, so man geneigt ist, welche hinzuzeichnen, nicht - wie im ersten Augenblick logisch erscheint - auf das Objekt gerichtet sein, sondern von diesem wegzeigen, hin zu den Augen, dem wahrnehmenden Organ.

Worauf ich hinauswollte: Das Wort "Blick" impliziert, daß von den Augen ausgehend auf ein Objekt irgend etwas "gestrahlt" wird.

Beim Hören, wissen wir, trifft das nicht zu. Denn die Schallwellen erreichen die Ohrmuschel, dringen ein, produzieren Bewegungen des Trommelfells usw. Wenn man also hört [oder riecht], "strahlt" nichts vom eigenen Körper weg auf das Objekt.

Trotzdem suche ich ein akustisches/olfaktorisches Äquivalent für "Blick". Denn schließlich gibt es den Blick im eigentlichen Sinne ja auch nicht. Er entsprang sicherlich irgendeiner menschlichen Vorstellung. Warum sollte es dann nicht auch etwas derartiges für Nase und Ohren geben?

Ich bin für Vorschläge offen.
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zwischen den zeiten

zwischen allen zeiten
wie ein schlüpfrig süßer wind
heimlich
flink
hindurchzugleiten

die eigene arme
wie flügel
wie schwingen
wie lächelnde grüße
auszubreiten

umrankend
was des lebens ist
umarmend
was im herze glimmt
das eigenwohlsein zu begleiten

als wäre dies der erste tag
die letzte aller einsamkeiten.

www.bluthand.de
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Dienstag, 19. April 2005

Hypothese

Ich nehme mir mal die Frechheit heraus, eine Hypothese zu fomulieren:
Weblogeinträge, die schon mit Kommentaren versehen sind, werden häufiger kommentiert.

Das scheint im ersten Moment wenig sinnvoll zu sein, insbesondere da ich es nicht unbedingt statistisch untermauern kann. Doch ich glaube recht zu haben, glaube, diesbezügliches Verhalten in meinem eigenen Weblog beobachten zu können.

Begründen ließe sich derlei Verhalten recht einfach:
Wo ein Text steht, der kommentiert wurde, stehen im Grunde mehrere Texte, auf die man Bezug nehmen kann, weswegen die Kommentargebwahrscheinlichkeit eindeutig erhöht wurde. Möglicherweise sorgen aber auch häufig kommentierte Einträge für Neugierde, lenken eher die Blicke der Lesenden auf sich. Immer nach dem Motto: "Was andere gutgefunden haben, kann doch eigentlich nicht schlecht sein."

Hinzu kommt, daß der Weblog-Autor ja die Möglichkeit hat, sowohl auf seinen eigenen Text als auch auf die Kommentare Bezug zu nehmen, weswegen so etwas wie ein Dialog entsehen kann, der die Kommentarzahlen deutlich erhöht.

Trotzdem würde ich gerne wissen, ob obige Hypothese sich nur in meiner Phantasie bewahrheitet, oder ob ich gar ein allgemein gültiges Gesetz erfand bzw. wiedererfand.

Wenn die Gültigkeit der Hypothese unumstritten wäre, könnte man als publikums- und vor allem kommentarheischender Schreiber sich dazu herablassen, unter falschen Pseudonymen [gibt es eigentlich "richtige" Pseudonyme] den Text mit lobenden oder kritischen Worten zu bestücken. Das ergäbe sicherlich nicht mehr Sinn als ein Selbstgespräch, doch würde womöglich diejenigen anlocken, die nur das kommentieren, was schon mehrfach kommentiert wurde...
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Das Wort des Tages 13

Das Wort des heutigen Tages sei
sinnlos.
Innerhalb der vier Stunden, die ich heute sinnloserweise in der Bibliothek rumsaß, um mich mit meiner Mitbewohnerin zu unterhalten, fiel das Wort dermaßen oft, daß es einfach zum "Wort des Tages" gekürt werden muß.
Es ist erstaunlich, wieviele Dinge in unserem Dasein das Attribut "sinnlos" verdienen..
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Das Wort des Tages 12

Das Wort des gestrigen bzw. eigentlich des vorgestrigen Tages dürfte
Nachgeburtstag
gewesen sein.
Eigentlich sollte es den Tag benennen, an dem ein Geburtstag nachträglich zelebriert wird.
Doch wenn der "Geburtstag" der Tag der eigenen Geburt ist, stellt der "Nachgeburtstag" logischerweise den Tag der Nachgeburt dar.
Ob man diesen jedoch feiern sollte, wage ich zu bezweifeln.

P.S.: Es ist üblich zu sagen: "Zieh dich warm an.", wenn draußen eisige Temperaturen herrschen und Winterwinde durch die schneebedeckten Gassen pfeifen. Doch erstaunlicherweise gibt es kein frühlingshaftes oder sommerliches Äquivalent.
Man sagt nicht: "Zieh dich kalt an."
bzw, in abgeschwächter Variante: "Zieh dich kühl an.", "Zieh dich frisch an."
Warum nicht?
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zwischen den gesichtern

schlachtet grob ein kaltes lachen
laut und eckig
gellt es grell
kantenlaute
schmetterworte
brecht gewaltvoll stillsten klang

unter schreien
schweigt ein flüstern
lachen löscht ein lächeln aus
unter hartem haha-hammer
klirrt der glasgedanken klang

werft die phrasen gegen wände
speit die klingen durch die luft
brüllt das leeres flatterrauschen
in mein wundgelachtes ohr.

www.bluthand.de
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Sonntag, 17. April 2005

Plattensammlung

Mein Vater hatte stets einen Musikgeschmack, für den ich ihn bewunderte. Während ich bis heute Schwierigkeiten habe, die musikalischen Vorlieben meiner Mutter einzordnen, hatte doch Vatis umfangreiche Plattensammlung einen beeindruckenden Aussagewert, den ich heute, da ich meine Teenie- und Hitparadenmusikzeiten hinter mir gelassen habe, umso höher einzuschätzen weiß.

Ich denke an Alben von Creedence Clearwater Revival, an T.Rex, an Pink Floyd, an The Electric Light Orchestra, an Jethro Tull, an Van Halen und viele weitere, die vermutlich nicht zuletzt auch meinen Musikgeschmack prägten und von Anfang an in rockigere Richtungen lenkten. [Meine ersten eigenen Original-Kassetten: Bryan Adams und Roxette - noch stark beeinflußt durch ein ständig dudelndes Radio.]

Nach dem Tod meine Vaters flehten mein Bruder und ich unisono meine Mutter an, sie möge die Platten unter keinen Umständen ihrem Umzug zum Opfer fallen lassen, erboten uns freiwillig, die sperrigen Datenträger in unseren Eigenbesitz überzuführen. Diese jedoch blieb stur, wußte unter den Platten auch solche, die ihr gefielen, hätte sich auch niemals von den anderen trennen wollen. Wir waren besänftigt und erfreuten uns der Existenz einer solchen, unschätzbar wertvollen Sammlung, einer unerschöpflichen Goldgrube genialer Musik.

Nun gut, nicht alles war ideal. Manfred Krug zum Beispiel, oder Neil Diamond - damit konnten wir nicht allzu viel anfangen. Doch die vielen, selbst in unseren jugendlichen, unwissenden Augen wahrlich guten Werke [zu nicht geringen Teilen aus der Sowjetunion importiert - ich amüsiere mich noch heute über die russische Schreibweise von "Jethro Tull"] bildeten eindeutig ein positives Übergewicht, glorifizierten den Musikgeschmack unseres Vaters.

Ich hatte immer geglaubt, die Alben, die mein Vater so sehr gemocht hatte, wären "Underground" gewesen, alternative, chartunabhängige Musik. Als ich eines Tages jedoch das Hallenser Beatles-Museum aufsuchte und eine an der Wand hängende Hitparadentabelle studierte, stellte ich fest, daß sich zwar irgendein Album von den Beatles auf Platz 1 befand [was wohl der Grund war, warum diese Tabelle im Museum überhaupt gezeigt wurde], doch danach gleich "Green River", ein wahrlich hörenswertes Album von CCR folgte. Auf Platz 2. Ich war schockiert, suchte nach Erklärungen.

Wie sollte ein DDR-Staatsbürger auch von der Underground-Musik des kapitalisitischen Auslands erfahren haben?, fragte ich mich. Gab es damals eigentlich schon eine Independent-Szene, gab es den heute so mystifizierten "Underground" überhaupt? War derartiges überhaupt nötig, wo doch die Musik der Hitparaden mit den Beatles und CCR eindeutig als gut zu bezeichnen war?

Ich weiß es nicht, und mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Vorstellung, daß mein Vater kein überinformierter Szene-Junkie gewesen war, sondern schlichtweg jemand, der gute Musik mochte - und sei sie auch von der breiten Masse in Chartpositionen erhoben worden.

Heute ist das anders: Nach guter Musik suchend wird man in den Hitparaden kaum fündig werden - eigentlich eine absurde, fast Situation, die zu akzeptieren ich wohl niemals bereit sein werde. Und so schließe ich die Augen, lausche einer Platte meines Vaters und sehne mich für ein paar Minuten nach einer Vergangenheit, die ich nie erlebte.
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Samstag, 16. April 2005

Zwei Nachträge

Nachtrag 1:
Soeben beendete ich die Lektüre des Werkes "Der Boden unter ihren Füßen" von Salman Rushdie. Ich will mich nicht mit Buchkritik aufhalten, sondern nur anmerken, daß mich das Jahr 1989 noch immer nicht loszulassen scheint. Das Buch beginnt im Jahre 1989, schweift dann in die Vergangenheit ab und arbeitet dann wieder auf das Jahr 1989 hin, in der die "Heldin" auf tragische Weise ums Leben kommt. 1989 als Höhepunkt eines 800-Seiten-Romans.
Langsam fühle ich mich verfolgt...

Nachtrag 2:
Nach Ablenkung suchend, betrat ich das Zimmer meiner Mitbewohnerin. Diese saß gerade, eine Tomaten-Chili-Fertigsuppe verspeisend vor ihrem Fernseher, irgendeine alberne deutsche Pro7-Eigenproduktionsweltpremiere betrachtend. Ich halte dem deutschen Film im Allgemeinen nicht viel Negatives vor [wenn man davon absieht, daß ich mich zuweilen mißfallend über schlechte Hollywoodkopien äußere], weiß um sehenswertes deutsches Filmgut. Mein Verhalten nachträglich betrachtend komme ich jedoch zu dem Schluß, wie gut es ist, nicht fernzusehen.
Ich betrat das Zimmer, erkundigte mich nach der Mahlzeit, erkundigte mich nach dem Film, sah hin, zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, eine Minute. Dann schüttelte ich mich, stand auf und verließ das Zimmer. Vor der Tür blieb ich stehen, stellte verwundert fest, wo ich war, daß ich soeben ohne bewußte Selbstkontrolle das Zimmer verlassen hatte und fragte mich nach der Ursache. Ekel, war die Antwort, die in meinem Kopf erklang, tiefgreifender Ekel, der sich auf meinen gesamten Körper auszubreiten schien, der mich befiel, mich zusammenzucken, mich fliehen ließ.
Noch einmal schüttelte ich mich angewidert und floh in mein Zimmer.
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Schuldig

Gestern telefonierte ich mit C. Sie wollte mich zu einer Party einladen, zu der sie selbst nicht zu gehen wünschte - aber mußte. Ihr Bruder sei dort, und ihr Freund. Und natürlich eine Ansammlung mir nicht sympathischer Menschen.
Müde, träge und wenig homophil lehnte ich dankend ab, wollte schon auflegen, als ich bemerkte, daß das Gespräch noch nicht zu Ende war, daß C noch etwas auf dem Herzen hatte.

Ihr Freund schenkte ihr nicht genügend Beachtung, rannte ohne Perspektiven durch die Welt, antriebslos, lebte nur für Partys, auf denen er aufblühte und sein Trübsals-Ich in ein verrückt-sympathisches Scheinbild verwandelte. Auf Partys lästerte er mit Freunden, mit Kumpels, über Frauen, auch über seine eigene Freundin, machte anderen weiblichen Wesen Komplimente. C fühlte sich vernachlässigt, brachte das zuweilen zur Sprache und erntete nur ein standardisiertes "Ich werde mich ändern."

Ich lachte traurig, als C mir das erzählte, glaubte ihn nicht zu derartigen Veränderungen bereit. Können sich Menschen ändern? Vermutlich. Aber nicht so, nicht, wenn sie die Notwendigkeit nicht erfassen. Und das tat er nicht, traf Verabredungen, organsisierte Feierlichkeiten, ohne daran zu denken, daß seine Freundin C inmitten ihres Studiums steckte, nicht immer Zeit für derlei hatte, möglicherweise auch mal mit ihm allein zu sein wünschte. Sein Mittelpunkt war er, waren seine Freunde, seine gute Laune, die er nur auf Partys fand. Vor C zeigte er nur seine Schwächen, seine Unsicherheit.
C wollte nicht zu der Party, aber mußte, war verpflichtet, hatte mich eingeladen, um sich nicht zurückgelassen zu fühlen.

Wir redeten lange. Weswegen sie mit ihm zusammen sei, fragte ich. Wegen seiner Verrücktheit, antwortete sie zögernd. Mehr fiel ihr nicht ein.
Heute morgen klingelte das Telefon, riß mich aus dem Schlaf. Es sei aus, teilte mir C mit. Ich schüttelte die Müdigkeit von mir ab. Was?, fragte ich, noch immer benommen.

Sie war gestern Abend zu der Party gefahren, wollte kurz mit ihrem Freund reden, der schon den ganzen Nachmittag fort verbracht, den sie den gesamten Tag nicht gesehen hatte. Du fühlst dich vernachlässigt?, fragte er, lauernd. C nickte nur. Ihr Freund sprang auf, rannte aus dem Zimmer, schmiß die Tür hinter sich zu.

Das wars, meinte C zu mir am Telefon. Er selbst habe es beendet, habe einen Schlußstrich die bröckelnde Beziehung gezogen. Sie fühle sich besser jetzt, behauptete sie und legte auf.

Noch immer im Bett liegend dachte ich nach, fühlte mich schuldig. Hatte ich nicht wegweisende Worte gegeben, die ein Ende erwirken mußten? Hatte ich ihr nicht sogar einzureden versucht, daß sie sich so nicht behandeln zu lassen brauchte?

Aber er hatte ja Schluß gemacht, versuchte ich mich zu besänftigen. Die Beziehung war sowieso kaputt. Vielleicht war es ganz gut so. Vielleicht war es wirklich das Beste, redete ich mir zu.

Doch innerlich zweifelte ich.
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Schmarotzer

Ich besitze keinen Fernseher.

Das ist weder sonderlich lobenswert noch übermäßig ungewöhnlich. Sicherlich, in Deutschland stößt man zuweilen auf ungläubige Blicke, berichtet man stolz von seinem Nicht-Besitz. Relativiert man jedoch seine Ansicht auf die Weltbevölkerung, wird schnell klar, daß das Kein-Fernseher-Außenseiter-Image, das man womöglich für "alternativ" oder gar kreativ hält, verblaßt, sobald man zur großen Masse gehört.

Erstaunlich an meinem Nichtbesitz ist jedoch die - für meine Verhältnisse - beachtliche DVD-Sammlung, die ich - zugegebenermaßen mit Ausnahmen - gern zu zeigen oder auszuleihen bereit bin. Leider fällt es mir ohne TV-Gerät unglaublich schwer, die von mir erworbenen Filme anzusehen, verfügt doch mein Rechner über keinerlei DVD-kompatibles Abspielgerät.

Dabei besitze ich einen DVD-Player, ein einstmals preiswertes Stand-Alone-Gerät, das sein degradiertes Dasein als CD-Player fristen muß. Ich glaube, ihm mißfällt diese abwertende Behandlung, neigt es doch zuweilen dazu, meine geliebten CDs nur widerwillig abzuspielen, böswillig zu knurren oder gar noch gefährlichere Geräusche von sich zu geben. Dann schalte ich ihn schnell aus und entschuldige mich.

Möchte ich eine meiner neun DVDs ansehen, habe ich mich bettelnd durch meine WG zu kämpfen, an jede Tür zu klopfen, ob einer meiner vier Mitbewohnerinnen bzw Mitbewohner so freundlich wäre, ihren bzw seinen teuren Fernseher an mich zu verleihen. Mit unwilligen Blicken bestück schleppe ich dann dankbar das schwere Gerät in mein Zimmer, positioniere es auf einem Stuhl neben dem sicherlich freudig erregten DVD-Player und fletze mich in meinen Sessel.

Ich will nicht fernsehen. Könnte gar nicht, wenn ich wollte. In mein Zimmer führt kein Fernsehkabel, muß es auch nicht. Fernsehen lenkt viel zu sehr ab, raubt mir Antrieb und Willen.

So lümmle ich mich zufrieden in meinen Sessel und schaue mir eine meiner DVDs an, vielleicht die neue, "Herr Lehmann", vielleicht eine der alten, die ich schon unzählige Male sah. Später muß ich den Fernseher wieder zurückbringen, wieder mühsam mit allen nötigen Kabeln und Steckern verbinden, den Ausgangszustand wieder herstellen, um jeglichen Ärger zu vermeiden.
Kommentare bleiben jedoch nicht aus:

"Willste dir nicht endlich mal nen eigenen Fernseher kaufen?"
"Aber ich will ja gar nicht fernsehen.", meine ich.
"Jaja, ich weiß."
"Ein Fernseher lohnt sich für mich nicht."
Mein Mitbewohner versucht zu erklären:
"Aber dann brauchst du nicht jedesmal zu uns rennen, alles abmontieren, das Gerät rüberschleppen, dranbasteln und so."
"Es lohnt sich nicht.", wiederhole ich.
"Natürlich lohnt es sich. Für deine DVDs."
"Das sind doch nur neun. Außerdem kenn ich die ja schon alle."

Besänftigt schweigt mein Mitbewohner, sieht mir zu, wie ich versuche, das Scart-Kabel falsch zu montieren.
'Ich sollte mir "Herr Lehmann" nochmal ansehen.', denke ich unterdessen.
'Morgen Abend vielleicht.'
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