Montag, 19. September 2005

Ihr hundsgemeinen Belästiger!

Ja, natürlich, tut mir leid, ich erwähnte es bereits, doch eigentlich kann und will ich nicht davon ablassen, mich zu wiederholen. Nicht weil ich - wie andernorts heute schon einmal erwähnt - ein großer Lieberhaber von Redundanz bin oder es gar mag, mich unsäglich über nichtige Kleinigkeiten aufzuregen, sondern eher weil es mir wieder und wieder auffällt und die - nicht unerlaubte, aber bisher unbeantwortete - Frage in den Kopf hämmert, ob irgendwer außer mir sich dadurch auch nur ansatzweise gestört fühlt.

Worüber ich schier endlos schwafle?
Na, über die Bibliothek, ist doch klar. Über die Universitätsbibliothek, um genau zu sein, genau jene Bibliothek, in der ich derzeit sitze und - wenn ich mich nicht mal wieder anderweitig ablenke oder mit unsinnigen Nichtigkeiten beschäftige [Das koinsidiert zumeist.] - zu lernen versuche, oder zumindest versuche, mir einzureden, daß es besser wäre, hier, jetzt und auf der Stelle zu lernen.

Ich sitze hier und könnte stundenlang nichts anderes machen, als die nervigen Geräusche aufzählen, die mich umgeben, zuweilen amüsieren, zuweilen ignoriert werden können, zumeist aber meine Geduld und Konzentrationsfähigkeit [Beide sind aufrund eines mir nicht unbedingt zusagenden Lern-Themengebiets nur geringfügig ausgeprägt.] grenzwertig belasten.

Leider hat der Konstrukteur dieser, eigentlich durchaus anmutigen Bibliothek vergessen, daß schlauere Menschen als er in der Vergangenheit einen Grund gehabt haben könnten, Lesesäle zu installieren, die getrennt vom Bibliotheks-Buchausleihbereich ihr geräuschreduziertes Dasein fristen.
Und so kam es, daß nach Bibliotheksbau und -öffnung alle wundersam vom architektonischen Design beeindruckten Bibliotheksnutzer den allgegenwärtigen und leider kaum vermeidbaren Lärmpegel zu beanstanden wußten - doch leider letztendlich nichts geschah, um geräuschreduzierende Maßnahmen in die Wege zu leiten.

Wie auch, sind doch alle vier Etagen der Bibliothek auf kurios-attraktive Weise ineinander übergehend, so daß das laute Klotürklappen im Kellergeschoß noch unter dem Dach vernehmbar wäre, wären die Klotüren klappbar konstruiert worden.
Doch wo sich der Schall ungehindert ausbreiten kann, reibt er sich beide inexistenten Händchen und breitet sich fröhlich aus.

Wenn ich also einen Platz gefunden habe, an dem ich mich niederzulassen und meine Bücher und Hefter über- und nebeneinanderzustapeln gedenke, darf ich mich einer Geräuschkulisse erfreuen, die in ihrer Vielfalt vielleicht beeindruckend, in ihrer Wirkung allerdings wenig angenehm ist. Schließlich werde ich abgelenkt, abgelenkt vom Lernen, abgelenkt vom Lesen - und das, obwohl ich selbst schon für genügend Ablenkmöglichkeiten sorge.

Doch wenn die Laptoptastatur am Tisch hinter mir lustig vor sich hin klappert und das transportable Rechengerät mit lustigen ICQ-Geräuschen zu beeindrucken weiß, wenn das eingängliche Metalldrehkreuz jeden Besucher mit einem typischen, überall vernembaren Rattern begrüßt, wenn die Bücherrücksortierwägelchen der Bibliotheksmitarbeiterinnen gequälte Quietschgeräusche von sich geben und die Zeitungsleser sich nebenan orgiastisch durch die raschelnden Seiten wühlen, wenn Handyklingeltöne und im typischen Schreiflüsterton abgehaltene Gespräche die akustischen Sphären verunreinigen, dann erlaube ich mir, leise zu seufzen und mir das Konzentrationsmaximum abzufordern.

Und tatsächlich, es scheint zu funktionieren: Ich lerne, ich lese, ich widme mich meinem Studium ungeachtet der bedrohlichen Geräusche um mich herum, ungeachtet der Bauarbeiter direkt neben der Bibliothek, deren Kreissägengekreisch das "Komma rüber"-Gebrüll zuweilen zu übertönen vermag, ungeachtet der ständig zu verrückenden Stühle auf allen Etagen, die schleifend den Untergrund malträtieren.
Ich lerne - und freue mich darüber.

Zumindest, bis die erste Frau an mir vorbeiläuft, oder besser: den Gang benutzt, der sich direkt über meinem, in ein Buch vertieftes Haupt befindet. Frauen neigen schließlich zuweilen dazu, Schuhe mit höheren Absätzen zu tragen, deren Geräuschproduktion immens und kaum vermeidbar ist. Ich, dessen Springerstiefel ein typisches, leises Schnallenklimpern von sich geben, fordere keineswegs ein Bibliotheks-Barfußgebot oder die Herausgabe von Geräuschmampfpantoffeln. Ich fodere auch nicht, Frauen aus den Bibliotheken fernzuhalten, um die schuhgeräuschinitiierte Lärmbelästigung zu reduzieren. Das wäre dreist, diskriminierend und lächerlich.

Ich wünsche mir allerdings, und das von ganzem Herzen und schon seit einer graumen Weile, daß der Gang über meinem Haupt endlich und endgültig mit dicker, fetter Auslegware bestückt wird, so daß die albernen Klackgeräusche in weichem Filz-oder-was-auch-immer versinken und sich dort und nicht in meinen neugierig gespitzten Ohren austoben mögen.
Das Problem an klackernden Frauenschuhen besteht schließlich auch darin, daß ich als männliches Wesen immer wieder geneigt bin, diesen Klang mit einer vorbeilaufenden, anmutigen Dame zu assoziieren, die zu betrachten sich lohnen und mich vom Lernen abhalten würde.

Das Problem ist auch, daß nicht nur die BWL-Tussis, die standardmäßig mit hohem Schuhwerk versehen sind und ohne selbiges wohl existenzunfähig wären [Tatsächlich las ich neulich in einem Zitat von Mariah Carey, daß ihre Füße flache Schuhe nicht annehmen würden.], sondern vorwiegend und vor allem die sich stets im Gebäude befindlichen Bibliotheksmitarbeiterinnen ihre Füße mit dem lautesten, für meine Ohren unerträglichsten Material zu bedecken, um stolz und holprig durch die Gegend zu staken und zusammen mit ihren gleichfalls lautstark klackenden Kolleginnen die Etagen zu wechseln und sich - mal wieder - einen Kaffee oder eine Zigarette zu genehmigen und dann lachend, schwatzend und mit den Füßen lärmend an ihre Plätze zurückzukehren und mich zu stören, ja eigentlich sogar zu nerven.

Sicherlich, es wäre ein leichtes, meine Ohren zu verhüllen, mir Musik in die Gehörgänge zu stopfen und alle Außengeräusche in die totale Ignoranz zu verbannen. Doch zum einen könnte ich mich dann nicht mehr echauffieren und kilometerlange Texte verfassen und zum anderen kann ich mich schwer auf hochfrequenztechnische Aspekte des Lebens konzentrieren, wenn die besten Songs aller Zeiten durch meinen Kopf und somit auch durch meine Gedanken rinnen und alle paar Sekunden von ablenkenden Assoziationen begleitet werden.

Tatsächlich verweile ich in der Bibliothek, um zu lernen, um nicht Musik zu hören, um nicht am Rechner zu verweilen, um nicht in bellestristischen oder comichaften Genialitäten zu schmökern, um mich nicht wie zu Hause zu fühlen, um mich nicht abzulenken, nicht ablenken zu lassen. Doch leider sorgt der Biblitoheksklangteppich für ausreichend Ablenkung, sodaß ich alle zwei Minuten damit beginnen könnte, mir Gedanken über die diversen Geräusche und ihre Ursachen, über ihre Vermeidbarkeit und Sinnlosigkeit und über die mit ihnen verbundenen Bilder und Erinnerungen zu machen.

Und auch der Bibliothekseingangswächter, der mit streng musterndem Blick und penetranten Kontrollgängen für Recht und Ordnung sorgt und verhindert, daß auch nur ein einziger Bibliotheksbenutzer irgendwelche Speisen oder Getränke zu sich nimmt, vermag mich nicht zu trösten, sondern stachelt nur meinen Unmut an, weiß er doch nichts zur Verbesserung der bibliotheksunwürdigen Geräuschsituation beizuträgen, sondern nur spitzelnd durch die Gänge zu schleichen, als wären wir allesamt Verbrecher, Monster oder Schlimmeres.

"Warum hat die Bibliothek Geld für einen solchen Kontrolleur, aber nicht für ausreichend Teppichboden? Und warum kontrolliert der neugierige, sicherlich gewissenhafte, aber höchst unsympathische Kerl nicht mal die Bibliotheksmitarbeiterinnen, mißt nach, ob deren Absätze auch den Normbedingungen für Beschäftigtenschuhwerk Deutscher Universtätsitätsbibliotheken [NBfBSDUB] genügt oder diese an Länge und Geräuschinitiiation bei weitem überschreitet?", frage ich mich, ein Stück verbotener, zartschmelzender Schokolade auf meiner Zungenspitze ersehnend - und lerne weiter, krampfhaft bemüht, mich auf nichts anderes als meine Studien zu konzentrieren und jedes störende Geräusch mit hartnäckiger Ignoranz zu bekleben.

Doch ich horche auf, unterbreche mich. Über mir stolziert schon wieder ein Paar Steptanz-Hackenschuhe den ungedämpften Gang entlang. Empört sehe ich nach oben, will die gemeine Übeltäterin samt ihrer störenden Schuhe mit einem vernichtenden, hundsgemeinen Blick strafen - und wundere mich.
Denn die bösartige Gangläuferin, die gemeine Lärmbelästigerin, ist ein Mann, ein maskuliner Störenfried, ausgestattet mit modischem, schwarzglänzendem Schuhwerk.

Unfähig zu entscheiden, ob ich lachen oder verbissen vor mich hin grummeln sollte, stehe ich auf, gehe mit leise klimpernden Schnallenschuhen nach unten und entlocke dem Cafeteria-Automaten eine Tafel köstlicher, zartschmelzender, besänftigender Schokolade.

[Im Kopf: Depeche Mode - "Enjoy The Silence"]

Zu Besuch

Noch vor wenigen Monaten betrachtete ich dieses winziges Stückchen Erde, diesen grauen, kalten Stein, als etwas Fremdes, als einen unbedeutenden Ort, ohne wirklichen Bezug zu mir - oder zu meinem Vater. Bei der Beerdigung lachte ich traurig in mich hinein: 'Was soll ich hier? Das ist nicht mein Vati.'
Wie sollte ich, wie sollte irgendwer, begreifen, daß derjenige, den ich liebte, der mich zeugte, zu staubiger Asche verbrannt, in einem Metallgefäß verwahrt in dunkler Erde verschachert wurde? Wie sollte ich begreifen, daß fortan unter dem gravierten Mamorstein eine Flut aus Vergangenheiten, Erinnerungen, Gedanken und Bildern begraben liegt? Ich konnte es nicht, kann es noch immer nicht.

Bin ich nur Begeleiter, nur Fahrer, der meine Großmutter, meine Mutter, zum Friedhof bringt, mit ihr zusammen das Grab von Stöckchen und verwehten Blättern bereinigt, mit klarem, kalten Wasser begießt und den sorglos rankenden Blütenschmuck sorgsam pflegt, dann wünsche ich mir, alleine zu sein, wünsche ich mir, in Stille gekehrt verweilen zu können, um am Grab zu stehen, zu denken, zu reden. Ich wünsche mir, für einen Moment innezuhalten, mich zu erinnern, Tränen auf meiner Wange zu spüren.
Wir jedoch eilen weiter, erledigen, was als notwendig erwachtet wird, kehren zum Auto, nach Hause, zurück.
'Ich vermisse dich.', denke ich dann lautlos in Richtung des Grabes.

Heute bin ich allein. Umrankt von Sonnenschein und herbstlich von den Bäumen blätterndem Laub wirkt der Friedhof angenehm, fast schön. Einen Augenblick lang spiele ich mit dem Wunsch nach einer abgelegenen Bank, auf der ich sitzen und im Augenblick verharren könnte, in mich gekehrt, in Gedanken bei meinem Vater verweilend.

Noch vor wenigen Monaten hätte ich mich gewundert ob dieses Wunsches, hätte mir zu verstehen gegeben, daß mein Vater nicht dort ruht, nicht unter den lächerlichen 80x80 Zentimetern Erde, sondern allein in meinem Herzen, in meinem Geist, weilt.

Ich stimme mir zu. Meinen Vater an seinem Grabe zu suchen, ist falsch, unsinnig.
Und doch ist der Friedhof der Platz, an dem ich die Ruhe, die Besinnung finde, um mich ihm in meinem Herzen, in meinem Geiste, zu nähern. Als ich zum Grabplatz laufe, ertappe ich mich dabei, wie ich bereits Worte suche, die ich an meinen Vater wenden möchte. Ich lächle und spüre zugleich die Tränen in den Augen.

Der Anblick des Grabsteins betrübt mich. Liebevoll entferne ich jedes herabgewehte Blatt, gieße die gedeihenden Pflanzen, hinterlasse ein sauberes, gepflegtes Grab.

Doch das ist es nicht, weswegen ich hierherkam. Nicht ausschließlich.

Mir fällt schwer, den Mund zu öffnen, die vorbereiten Worte in die warme Herbstluft gleiten zu lassen. Die Wege sind zu eng, die Nähe zu anderen, frmeden Gräbern zu groß. Irgendwo schmimpft eine alte Frau mit ihrem Mann, entfacht eine kleine Diskussion, lenkt mich ab von mir, von meinen Gedanken.

Ich rede trotzdem, leise nur, als könnte ich für verrückt gehalten werden, erzähle von meiner Mutti, erzähle von mir, verspreche durchzuhalten, nicht aufzugeben, verspreche es mir selbst.

Die Tränen sind nah, doch fließen nicht. Ich bin nicht bei mir. Zuviel Äußeres, zuviel Fremdes, Anderes.
Für einen Moment wünschte ich mir, an einen Himmel glaube zu können, um meine Worte, meine Gedanken, dorthin zu richten. Doch ich kann nicht, stehe auf, verabschiede mich leise und gehe.

'Noch immer fehlt mir die Beziehung zu diesem Ort.', stelle ich fest - und weiß nicht, ob ich darüber glücklich oder traurig sein soll.

Alpha & Omega

Ich bin beeindruckt, fand ich doch soeben Anfang und Ende des Internets.

Das Rüsseltier mit dem "G"

Daß "Elefant" und "elegant" nur wenige Tastaturmillimeter voneinander entfernt sind und somit tippfehlerbedingte Verwechslungen provozieren, ist bestimmt ein Zufall...

[Im Hintergrund: Nine Inch Nails - "Something I Can Never Have"]

Flatterfred...

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Altslawische fantastische...
Ich möchte dir mein fantasy Welt vorstellen. Vielleicht...
Cerny Vlk - 6. Jan, 21:45
Radtour Salbker See II
Danke für die tollen Tipps, wir waren im August...
Physiotherapie Leipzig (Gast) - 21. Nov, 17:06
Higtech
Naja, man glaubt es kaum, aber was der Angler an Energie...
Martin Angel (Gast) - 12. Sep, 11:27
gar nisch süß
dat is gar nisch süß soll isch de ma was...
free erdem (Gast) - 6. Jun, 16:40
Hier wird es fortan weitergehen: http://morast .eu Und...
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morast - 1. Feb, 21:10

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