Freitag, 8. Juli 2005

Erkenntnis

Als ich zuletzt Frisbees warf, hießen sie noch Wurfscheiben.

Gute Nacht?

Eine der Eigenschaften, derer ich mich stets ein wenig rühmte [obgleich ich sonst nicht zu Selbstbeweihräucherung zu neigen glaube] ist, daß es mir gelingt, jederzeit, bei jeder Beleuchtung, einzuschlafen - vorausgesetzt, die Umgebung unterbietet eine bestimmte Maximallautstärke [oder überbeitet einen Mindestlärmlevel].

Nacht um vier aufzuwachen und mit Entsetzen zu begreifen, daß es ein Einschlafen vorerst nicht möglich zu sein scheint, verwirrt, erschreckt, mich. Mit krampfhaft geschlossenen Augen werfe ich mich auf meinem Laken umher, vergeblich versuchend, eine geeignete Schlafposition zu finden. Doch das Bett, so man gewillt ist, dieses als eines zu bezeichnen, strotzt vor Unbequemlichkeit. Jedes meiner Kissen stellt einen unangenehmen Überfluß dar, die Bettdecke ein schlafzermürbendes Hindernis. Ich entledige mich der Störenfriede, doch vermag auch so - fröstelnd, ohne weiche Kopfunterlage - nicht in das Reich der Träume zurückzukehren.

Unmutig erhebe ich mich. Lesen? Jetzt nicht. Vielleicht sollte ich aufstehen, sollte ich mich mit Fleiß und Willen ans längst überfällige Werk begeben, vorantreiben, was längst zurückliegt. Träge schüttle ich mit dem Kopf. Kaum bin ich fähig, die Augen offenzuhalten. Meine Konzentrationsfähigkeit liegt unter Null, und der Gedanke, im Laufe des eigentlichen Tages vor Müdigkeit zu keinerlei Tätigkeit fähig zu sein, mißfällt mir.

Ich schalte den Rechner an. Bin ich süchtig?, frage ich mich, durchstöbere da Netz nach neueren Informationen. Wenig befriedigt ziehe ich mich wieder zurück. Was mache ich hier?

Ich bin müde, will eigentlich nur schlafen. Nicht mehr. Nicht weniger. Will nachher erwachen und das Gefühl haben, erholt, entspannt, zu sein, den Tag mit ausreichendem Elan beginnen zu können. Vielleicht lese ich noch ein paar Zeilen.

Doch meine Augen sprechen eine andere Sprache, wollen sich nur schließen, nichts sehen, erkennen. Ich gebe nach, schalte den Rechner aus und schleppe mich ins Bett.

Ein weiterer Versuch kann nicht schaden, denke ich und hoffe verzweifelt, daß der Schlaf mich nun in seine Arme schließen wird.

Gute Nacht.

Donnerstag, 7. Juli 2005

Kopfurlaub

Ich bin im Urlaub. Zumindest ein Teil von mir, jener, der wahrlich eines Urlaubes bedarf, jener, für den ein urlaub die größte Bedeutung hat: mein Geist.

Wenn ich die Augen schließe, bin ich dort, spüre die Gelassenheit in mir, die Zeitlosigkeit, spüre, wie die Sonne mich auf meinem Leib ausstreckt, wie ich mich in ihre Wärme kuschle. Ich spüre den seichten Wind über salzigen Wellen, den Sand zwischen meinen Zehen. Und ich spüre Ruhe, spüre, daß dies alles ist, was ich benötige: Ruhe, innere Ruhe.

Und ich erinnere mich, entsinne mich jedes Details, nahezu jeden Augenblicks.

Es ist leicht, sich zu erinnern, vollendete ich doch soeben die Abschrift des Urlaubsberichtes: 26.000 Wörter verzaubernder, Vergangenheit, eine detailgetreue Schilderung des Gewesenen.

Der Urlaub war nichts Besonderes, nichts Welbewegendes, gewesen, nichts, was nicht überboten werden könnte. Und doch ist er in diesen Minuten das einzige, was zählt, allgegenwärtig in mir, schillernd und greifbar nah.

Draußen regnet es. Doch ich lächle, erinnere mich vergessener Kleinigkeiten, labe mich an den Bildern in meinem Kopf.

Ich bin im Urlaub. Denn tatsächlich fühlt es sich so an, fühlen sich die vielen Worte, die erquickenden Bilder an, als hätte ich mich entspannt, als hätte ich Zeit gehabt, mich gehen zu lassen, für ein paar Tage alles scheinbar Bedeutsame zu vergessen, zurückzulassen.

Als ich die Augen öffne, scheint noch immer die Sonne. In mir.

Peinlich ist...

... "uniformiert" mit "uninformiert zu verwechseln...

Weise Worte 7

Liebe gleicht klassischen Theaterstücken:
Die Dramen, Komödien und Tragödien sind stets die gleichen.
Nur das Ensemble wechselt immerfort.

Mittwoch, 6. Juli 2005

Der morgendliche Wurm im Ohr 30

Keine Träume von merkwürdigen Fischwurmwesen, morastgrün schimmernd, unterarmlang, mit Piranha-Dinosaurierschädel und unpassend abgerundetem Fischschwanz, unter meiner Haut kriechend, meinen Arm mit unansehnlich-beweglicher Wölbung versehend, aus einem Loch im Handgelenk lugend, wieder verwindend, sich stetig regend unter meiner Haut, abstoßend und faszinierend zugleich, von Fachärzten nicht entfernbar, kilometerweit mit mir herumgetragen, sein Kriechen gespürt, gehaßt, seinen Leib durch das Handgelenkloch bemerkend, schimmernd grün, schließlich von Krankenschwestern nebenbei, stehend, mit einer Pinzette entfernt und voll Stolz und Ekel in die Luft gehalten.

Keine Träume, an die ich mich nach dem Aufwachen erinnern konnte.
Nur das übliche Kreissägen-Bohrmaschinen-Geräusch, das längst zum penetranten Wecker mutierte.

Und ein Gedanke:

Die Wörter "hin" und "her" sind an und für sich wenig unterschiedlich, bezeichnen sich doch dasselbe, nur eben in verschiedenen Richtungen.
Wie kommt es dann, daß zwischen "hinrichten" und "herrichten" Bedeutungswelten liegen...?

Und ein Ohrwurm:
Die Apokalyptischen Reiter mit "Komm":

"Komm mit mir zum Sinnenbade in eine andere Welt
Du brauchst nicht viel, nur das Leben selbst."

Dienstag, 5. Juli 2005

Ich kann es.

Nach anfänglicher Begeisterung spüre ich das Weichen der Euphorie. Die ersten Grenzen nehmen feste Formen an und äußern sich mit alten, stets unbeantworten Fragen, mit Hindernissen, die zu überwinden ich trotz zurückgelassener Vergangenheit nicht fähig scheine.

'Versuch es!', sporne ich mich an, während ich ausweiche, Neues suche, den Geist beschäftige, um das Denken, das Wissen zu verhindern. Das eigene Dasein platzt vor Möglichkeiten, vor Richtungen, überschwemmt die Gegenwart zugunsten eines besseren Irgendwanns verdrängt, was ist zugunsten dessen, was heute angenehm zu klingen vermag.

Nachsehen hat die Pflicht, das Altbekannte. Nachsehen hat, was nicht weichen will und schon unzählige Male verdreht, verschoben, umgeplant wurde. Nachsehen hat die Barriere, die nur wächst und gedeiht, mir weiterhin die Sicht vergällt, anstatt zu schwinden.

Ein halbleerer Nachmittag massiert meinen Nacken: Beethoven, Joscha Sauer, John Irving, Gitarrenspiel und Kuchen. Ein halbleerer Nacken sticht unangenehm ins Gewissen, macht sich bemerkbar als die Enttäuschung über einen verblassenden Wunsch, über ein schwindenes Ichprojekt.

'Nein, so einfach werde ich es mir nicht machen!', denke ich, weiß ich, gebe nicht auf, werde noch heute, jetzt gleich, auf der Stelle weitermachen, wo ich aufhörte, wo ich verzweifelte, werde mich versuchen, werde mir selbst, meiner Trägheit, meiner Lähmun,g ein Schnippchen schlagen.

"Ich kann es.", motiviere ich mich - und ignoriere die Gefahr, mich vor mir selbst lächerlich zu machen.

Ich kann es - wasauchimmer es ist.

Zeit für Taten

Es ist nicht leicht.

Einmal den Beschluß gefaßt, mich nicht länger treiben zu lassen, stelle ich fest, daß Barrieren und Hindernisse die Normalität darstellen, daß ich Gründe hatte, meinen bisherigen Weg zu gehen, der stets eine andere Richtung suchte, wenn sich Unebenheiten ankündigten. Jedoch lauert in meinem Geist die Gewißheit, daß die ewige Suche nur zu einem ziellosen Dümpeln in der Gegenwart führte, daß die ewige Unsicherheit mich nicht meines inneren Morasts berauben konnte.

Ich sollte Schritte wagen, fühle, daß ich sollte, fühle, daß es richtig ist. Doch wieder sehe ich mich winden, in Tausend Richtungen gleichzeitig blicken, den Pfad ersuchend, der keine Hindernisse, keine Tücken birgt, jeden, den auch ich zu begehen wagen kann.

Was ich vergesse, ist, daß jede Richtung von mir begangen werden muß, daß ich mich zu spalten habe, daß es nicht ausreicht, mein Gewissen, mein Wissen, mein Streben mit einer Tätigkeit, einem Gedanken, einer Aktion zu füllen. Was ich vergesse, ist, daß die Komplexität meines eigenen Daseins eine Geradlinigkeit der Existenz unmöglich macht - und daß ich mich darüber freuen sollte.

Betrachte ich mein Handeln, so könnte ich lachen, hämisch oder mitleidsvoll, wäre es nicht ich selbst, der agiert, als wäre er zur Starre verdammt, als schnitte einst ein unwilliger Gott ihm beide Hände ab und erfreute sich seines lächerlichen Versuchs, mit zwei nutzlosen Stummeln nach den Sternen zu greifen.

Was will ich? Das ist die Frage, die zu beantworten ich versuchen sollte. Doch ich traue, wage mich nicht, fürchte ich mich doch davor, Details in die Antwort einfließen zu lassen, konkrete Pläne, Ziele und Gedanken, die mir aufzeigen, daß nicht alles plätschernd durch das Jetzt fließt, sondern daß feste, starre, vielleicht unästhetische Dinge darauf warten, von mir angegangen zu werden.

Ich fürchte mich vor dem Kommenden. Doch diese Angst ist nicht neu; länsgt habe ich sie begriffen, ausgemacht, ja eingefangen und umrahmt. Warum bekämpfe ich sie nicht? Warum meide ich noch immer ihr Antlitz, das mich zittern läßt? Warum stelle ich mich nicht mir selbst und gehe, denke, handle?

Eine Antwort ist das Schreiben.

Wenn ich über mich nachdenke, über mich schreibe, erscheint alles klar und einfach. Ich sehe mich aufstehen und dem längst Überfälligen stellen, sehe mich schaffen, finden, als hätte ich das Ziel längst bestimmt. Die Wörter fließen mir aus den Fingern, schenken Mut und ein wenig Vertrauen in mein eigenes Sein.

Doch der Schein trügt, vermag schon der Anblick der Wirklichkeit mich in eine Lähmung, in die altbekannte Stagnation stürzen. Gedankenenden hängen lose in der Luft, und ich wage nicht, sie zu ergreifen. Zwischen Wort und Tat liegen Welten, Abgründe, die mich verharren lassen.

'So geht das nicht weiter!', stelle ich fest, als heute morgen das heiße Wasser auf meinen Körper plätschert.
'Zeit für Taten!', grinse ich in den beschlagenen Spiegel, einen abgedroschenen Wahlkampfslogan imitierend. Tapfer schreite ich in mein Zimmer, dem Kommenden entgegen.

"Dort draußen wartet die Welt.", flüstere ich mir zu. Die Worte klingen gut in meinen Ohren.

Der morgendliche Wurm im Ohr 29

Jeden Morgen erwache ich mit dem Gefühl absoluter Dringlichkeit, mit einem leichten Erschauern ob der Aufgaben, die vor mir liegen, der Dinge, die ich zu verdrängen, zu vernachlässigen pflege - und mich dadurch zusätzlich belasten.

Das Aufstehen fällt schwer, die Last der Augenlider scheint unerträglich. Nur noch ein paar Minuten Flucht vor dem Künftigen, Flucht vor mir selbst. Nur ein paar Minuten...

Der nervige Wecker verstummte vor wenigen Augenblicken. Erleichtert atme ich auf, starre geistesabwesend an die Decke, genieße die weiche Decke um meinen Leib, die Stille in meinem Zimmer.

Und wieder klingelt es. Leise. Eine Kurznachricht. Neugierig richte ich mich auf, suche nach dem Mobiltelefon, lese und lächle, nähere mich dem Wachsein um ein bedeutendes Stück.

Noch bevor ich meine Augen wieder schließen kann, summt eine Fliege fröhlich durchs Zimmer, setzt sich auf das Regal, pausiert, fliegt weiter. Ich beobachte sie, erfreue mich an ihrem Klang, der mich wachhält.

"Danke."', murmle ich und stehe auf.

P.S.: Der heutige Wurm im Ohr war übrigens Die Ärzte mit "Teenagerliebe"...

Montag, 4. Juli 2005

Weise Worte 6

Ein Hongsdibongs ist ein retrooptimaler Knuselwupp.

Wortspielerei

Noch eine Wortspielerei:

Einer Freundin auf ihre Beliebtheit hinzuweisen, mag akzeptabel sein. Unschön jedoch wird es, wenn man sich vertippt und sich auf ihre Bleibtheit bezieht...

Das Wort des Tages 22

Meine Mitbewohnerin kürte vorhin
Quirl
zum heutigen Wort des Tages, "weil es gut klingt".

Ich gebe ihr recht.

besser

"Der Weg zum Mond zertreten
Und keiner der mehr weiß, was er will
Mir gehts besser, als ich ausseh
Ich nehm mir das, was bleibt


[aus: Selig - "Die Besten"]

Weise Worte 6

Unter der Kleidung sind wir alle nackt.

Und nun ... das Wetter.

Meine Mitbewohnerin teilte mir innerhalb der letzten Stunde bestimmt vier Mal mit, daß es warm sei.

"Es ist warm!", stöhnt sie und wirft sich träge in den Sessel. Dieser Information bedarf es nicht. Die Sonne scheint durch mein Fenster; sehnsüchtig blicke ich nach draußen und wünsche mir, daß meine Arbeit nicht raumgebunden wäre.

Auch mir ist warm, doch ich bin geneigt, diesem Umstand mit gebührender Ignoranz gegenüberzutreten.

'Die Leute reden, schimpfen, zuviel über das Wetter, egal, wie es ist.', denke ich und überlege, ob ich recht habe.

Wenn es regnet, wenn der Himmel von Wolken bedeckt ist und niemand sich traut, auf die Straße zu gehen, wenn Autos durch Schlammpfützen rasen und feuchten, dreckigen auf die Bürgersteige und die wenigen Mutigen verspritzen, wenn das eigene Haar, die eigenne Klamotten naß und kalt am Körper kleben, wenn der schützende Schirm in jedem Geschäft, in jedem Gebäude zuviel, zu sperrig ist - dann meckern die Menschen.

"Wann wird's mal wieder richtig Sommer?", fragt Rudi Carrell aus den Radiolautsprechern und ich verdrehe genervt die Augen.

Doch dann scheint die Sonne. Plötzlich verschwinden überflüssige Stoffetzen im Kleiderschrank, modische Sonnenbrillen und brandneue Tätowierungen gesellen sich zu Eistüten und Strohhüten. Es ist Sommer - und die Menschen meckern wieder.

"Es ist warm!", stöhnt meine Mitbewohnerin und erkennt schon an meinem Blick, daß ich das längst begriffen habe.

Gestern war es zu schwül, heute ist es zu heiß, morgen wird es zu regnerisch sein. Immer dieses kleine "zu", immer diese Übertreibungen in der Natur. Dabei verfügen wir in Mitteleuropa angeblich ein gemäßigtes Klima. Doch die Meckerer bemerken es nicht, schmieren sich lustlos Sonnencreme auf die vorgebräunte Haut, werfen einen besorgten Blick dorthin, wo sie das Ozonloch und damit den vermeintlichen Verursacher der ständig katastrophalen Klimabedingen vermuten und warten im Schatten darauf, daß die Sonnenintensität für ein paar Minuten nachläßt.

Als einige Wölkchen aufziehen, ein frischerer Wind zu wehen beginnt, frösteln die verwöhnten Optimalwettersuchenden, schimpfen leise über die aufziehende Kälte, hüllen sich in zusätzliche Kleidungsstücke oder gehen nach Hause, um vor dem heimsichen Fernseher mit gut gekühltem Bier, Großraumventilator, Heizung und Dach über dem Kopf gegen alle Unwetter gefeit zu sein.

Das Wort "Unwetter" scheint allmählich jedweden Klimazustand zu bezeichen - das Wetter ist längst nicht mehr imstande, es den anspruchsvollen Kritikern recht zu machen, die bei jeder Verbesserung neue Gründe finden, es mit unangenehmen Wörtern und gequengelten Beschwerden zu versehen.

Mir ist das Wetter egal. Sicherlich bin ich versucht, mich den Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit entsprechend zu kleiden, doch überrasche ich mich ständig wieder erneut mit der Feststellung, daß die derzeitige Jahreszeit von mir besonders gemocht wird. Als im Winter Schneeflocken auf meiner Nase landeten, lächelte ich darüber ebenso beglückt wie über die ersten Knospen an den Bäumen, über die Frühblüher und den Badetag am See.
'Das Wetter ist schön.', denke ich, ohne nach draußen geblickt zu haben.

Meine Mitbewohnerin schweigt. Sie meckert nicht, sie schwitzt.
"Ich finde es gar nicht so warm.", teile ich ihr mit.
Entsetzt von meiner Verständnislosigkeit flieht sie aus meinem Zimmer und sucht im Kühlschrank anch den letzten Resten Eiscreme.

Sonntag, 3. Juli 2005

Deutsche Klatschmentalität

Wenn Herr Fischer - und ich meine weder unseren joggenden Allzeit-Sympath und Noch-Außenminister, noch den bayrischen Ulkklops, dem es weder als überragend schlechter Schauspieler noch als Plattwitzkabarettist gelingt, auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen - in seiner Eigenschaft als publikumsgeschätzer Dirigent die nach ihm benannten Chöre zum Erklingenlassen mehr oder minder bekanntem Volksgesangsgutes bewegt, dann toben die Zuhörer, äußern euphorisch ihre nicht enden wollende Begeisterung, jubeln sich hinauf in musikalische Maximalextase, versinken schwärmend in den an das Ohr dringenden Klängen und fiebern mit, nehmen Teil, verschmelzen mit den Tönen: Sie klatschen.

Auf Plätzen, die einem Kompromiß aus Bequemlichkeit und minimalem Reinigungsaufwand genügen mußten, sitzen unzählige, meist ergraute Damen und Herren in erd- oder beigefarbenen Gewändern, zu monumentaler Bewegungslosigkeit erstarrt - wären da nicht die Handflächen, die - scheinbar unabhängig vom versteinberten Körperrest - immer wieder zueinander finden und das typische Haut-auf-Haut-Geräusch, das zuweilen des Künstlers Brot darstellen soll, produzieren.

Ich bin mir nicht schlüssig darüber, ob diese Musik keine extatischere Begeisterung als die des roboterhaften Auf-Eins-Und-Drei-Klatschens zuläßt oder ob das erwähnte Publikum einfach nicht imstande ist, Freude und Gefallen auf andere, offensichtlichere Art und Weise auszudrücken, doch stellte ich längst fest, daß das deutsche Klatsch-Phänomen ein eigenartiges, überall auftretendes ist.

Deutsche klatschen gerne. Volksmusikalische Veranstaltungen sind für die Ausübung dieser Bewegungspräferenzen durchaus geeignet, weil dort das Klatschen im allgemeinen nicht nur gern gesehen, sondern nahezu gefordert ist - und bei Bedarf auch über entsprechende Quellen gesondert eingespielt wird. Puppenartige Wesen sitzen unbeweglich im Publikum und lauschen scheinbar - und für mich unbegreiflich - dem Vollplayback eines mehr oder minder namhaften Klangkünstlers.

Doch der Beat der Musikstücke treibt, bewegt, geht ins Blut. Kaum erklingen die ersten Takte, sieht man die ersten Hände die rhythmisch aufeinanderprallen, immer wieder. Das Vorbild prägt, die übrigen Zuhörer folgen ihm - oder versuchen es zumindest, denn trotz elektronischer Baßverstärkung fällt es einigen immer wieder schwer, den Takt zu treffen. Bald klatscht das gesamte Publikum - und äußert somit seine mögliche Maximalbegeisterung.

Ignoriere ich das Gedüdel des seiernden Schlagerbarden und lausche nur dem monoton-öden Klatschgeräusch, so fühle ich mich an Schwarzweißfilmaufnahmen erinnert, in denen die Tonspur das rhytmische Marschieren unzähliger Soldatenreihen wiedergibt. Klatschen als bequemes Sitz-Äquivalent für im Gleichschritt marschierende Soldatenstiefel. Liegt uns das Marschieren im Blut?

Die Parallelen sind kaum zu übersehen, besser: zu überhören, doch die offensichtliche Bereitschaft, sofort und ohne Zögern in Klatschorgien auszuarten, erschreckt mich. Klatschkonformität? Akustische Einheit der Massen? Ergreifende Euphorie eingesperrt in militaristische Standardgeräuschproduktion?

Eines der offensichtlichsten und auch erschreckensten Beispiele deutscher Klatschmentalität erlebte ich unlängst beim Betrachten der RTL-Quizsendung "Wer wird Millionär?", in der der moderierende Herr Jauch plötzlich begann, den Versuch zu wagen, ein allseits bekanntes Lied zu intonieren. Es blieb beim Versuch, erachtete ich doch seinen Gesang keineswegs als erwähnenswert gut. Trotzdem sprang der Funke über, entzündete das Publikum, das schon nach den ersten Silben im Gleichschritt zu klatschen begann. Eins-Und-Drei-Und-Eins-Und-Drei-Und-Links-Zwo-Drei-Vier.

Ich war entsetzt, nicht nur von Jauchschen Gesang, sondern auch vom sittlich auf den Sitzplätzen verharrenden, dennoch taktsüchtigen Publikum, das sich in Sekundenbruchteilen zu einem einheitlichen Klatschgeräusch formiert hatte, das schon nach wenigen Augenblicken wahrlich unvollkommender Melodie die individuelle Begeisterung in konforme Klatschfreude umgewandelt und selbst den letzten Unwilligen mit dem gleichgeschalteten Massenrausch angesteckt hatte.

Applaus als Brot des Künstlers - meinetwegen. Doch die Spontanmutationen von lauschenden Menschenmassen zu geistlosen, ferngesteuerten Klatschrobotern halte ich weder als Publikumsteil noch als Darbietender für erstrebens- oder vernehmenswert, bietet doch die Komplexität der Funktionsweisen des menschlichen Körpers unzählige andere Wege, um seiner Eigenfreude Ausdruck zu verleihen - und sei es nur ein Klatschen auf Zwei-und-Vier.

Samstag, 2. Juli 2005

Der morgendliche Wurm im Ohr 28

In der letzten Zeit suchen mich wirre Träume heim. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich kaum an Einzelheiten erinnern, nur eben daran, daß sie wirr waren. Mich verwunderte es allerdings nicht, heute aufzuwachen und Nine Inch Nails "Head Like A Hole" im Inneren meines Kopfes zu vernehmen...

Head like a hole.
Black as your soul.
I'd rather die than give you control.


[Im Hintergrund: Danzig - "Danzig"]

Freitag, 1. Juli 2005

Das Wort des Tages 21

Die beiden Wörter des heutigen [eigentlich des gestrigen] Tages sind einigermaßen skurril und existieren vermutlich noch nicht einmal - zumindest nicht im Deutschen Duden.

Das erste Wort sei retrooptmial.
Ich liebe es, Fremdwörter zu erfinden, die zwar zuweilen einen Sinn ergeben, zumeist aber absolut sinnbefreit in der Luft herumschwirren.
"retrooptimal" ist eines aus der zweiten Kategorie und kam mir gestern mal wieder in den Sinn, nachdem ich es früher schon mehrmals benutzt hatte.
"retrooptimal" erweckt im ersten Moment den Anschein, als würde es etwas bedeuten, doch wenn man versucht, die Bedeutung zu erfassen, stellt man zwangsläufig fest, daß diese mehr oder minder inexistent ist.
Auch schön: Die beiden aneinandergereihten Os.

Das zweite Wort des Tages sei wordjuggler,
eindeutig nicht der deutschen Sprache entnommen und nur mühsam und verlustreich in diese übertragbar ["Wortjonglierer" klingt dohv.], aber trotzdem fetzig. Mit diesem Wort bezeichnete mich meine Mitbewohnerin, um mich dazu zu animieren, ihr bei der Ausarbeitung eines Konzepts zu helfen, und mir gefiel das Bild, das es in mir erweckte.

[Im Hintergrund: Opeth - "Blackwater Park"]

Donnerstag, 30. Juni 2005

"Wie gesagt..."

Eine zumeist überflüssige und in meinen Ohren durchaus unschön anmutende Floskel, ist
"Wie gesagt..."

Zu oft höre ich diese beiden Worte vor Sätzen, deren Inhalt zuvor nicht einmal ansatzsweise erwähnt wurde. Es fällt nicht auf, nicht beim ersten Mal. Doch wenn sich das "Wie gesagt" wiederholt, beginne ich, am Erinnerungsvermögen des Sprechenden zu zweifeln.

Oder an meinem eigenen Verstand, der scheinbar eine Menge verpaßte...

Jakob Maria und Karl

Auf SpOn entdeckte ich einen Artikel, der mich grübeln ließ:

Das Bild, das den SPD-Politiker Jakob Maria Mierscheid darstellen soll, kenne ich doch irgendwoher. Und tatsächlich: Die Ähnlichkeit zu Karl Ranseier ist verblüffend, insbesondere, wenn man die untalentiert aufgemalte Brille wegläßt.

Mierscheid stellte die Theorie auf, daß man die SPD-Wahlergebnisse anhand des Indexes der deutschen Rohstahlproduktion - gemessen in Mio. Tonnen - im jeweiligen Jahr der Bundestagswahl vorhersagen könnte, und ist - natürlich - eine von SPD-Mitgliedern erfunde Person.

Daß aber selbst wikipedia zu berichten weiß, daß Mierscheid dem in der Comedy-Sendung "RTL Samstag Nacht" erdachten Karl Ranseier gleicht, zeugt eindeutig von wahrlich beeindruckender, kreativer Schaffenskraft seitens der "fröhlichen SPD-Parlamentarier"...

Ein schöner Tagesausklangsgedanke

John Irvings Romanheld Garp gelangt in "Garp und wie er die Welt sah" ziemlich zeitig zu der Erkenntnis, daß er Schriftsteller werden möchte, werden wird, ist bereit, alle anderen Wege abzubrechen für dieses feste Ziel.

Ich bin nicht bereit, möchte nicht nur einen Pfad beschreiten, möchte in alle Richtungen, die mir gefallen, die mich interessieren, die mich antreiben, wachsen, mich ausbreiten, mich entwickeln.

Und soeben überkam mich die Erkenntnis, daß ich kein Schriftsteller sein, werden, möchte, sondern, daß ich bereits einer bin.

Ein schöner Tagesausklangsgedanke.

Mittwoch, 29. Juni 2005

"When skies are gray"

Does he kiss your eyelids in the morning when you start to raise your head?
And does he sing to you incessantly from the place between your bed and wall?
Does he walk around all day at school with his feet inside your shoes?
Looking down every few steps to pretend he walks with you.
Does he know that place below your neck that is your favorite to be touched
and does he cry through broken sentences like 'I love you far too much'?


[aus: Bright Eyes - "The Calendar Hung Itself"]

Früher und so

Ein Gedanke bei gefuehlskonserve erweckte in mir folgende Überlegung:

Wenn früher alles besser war und auch in Zukunft früher alles besser gewesen sein wird, sollten wir uns über das Heute freuen. Denn es wird mit jedem Tag schlimmer.

[Nebenbei: Ich mag dieses unbestimmt "es" im vorangegangenen Satz, da somit alles und nicht zugleich ausgesagt werden kann...]

[Im Hintergrund: H-Blockx - "Time To Move"]

Diebstahlpotential

Ich weiß nicht, ob ich sie auslachen oder bedauern würde, würde jemand das Fahrrad meiner Mitbewohnerin klauen, während sie gerade dabei ist, sich ein neues Schloß zu kaufen...

Straßenbahnerlebnisse 10

In der Straßenbahn begegnete ich Adolf Hitler.

Nachdem ich ohne zu Zögern über die befahrene Straße zur wartenden Straßenbahn geeilt und außer Atem in diese eingstiegen war, entdeckte ich einen freien Sitzplatz. Eine Frau um die 50 bot diesen einer Rentnerin an, die kurz vor mir zugestiegen war. Sie lehnte ab, doch die Anbietende wollte sich selbst nicht setzen.

Das Risiko eingehend, für "keck" oder "frech" gehalten zu werden, plazierte ich mich kurzerhand auf dem Sitz. Neben mir saß Adolf Hitler.

Er war klein und alt, von gedrungener Gestalt, ein wenig übergewichtig. 'Das Alter hat ihn zusammenschrumpeln lassen.', dachte ich. Sein Haar war längst weiß, doch Bart und Frisur waren noch dieselbe wie vor über 60 Jahren.

'Selbst wenn er noch lebt, müßte er eigentlich längst tot sein.', überlegte ich. Doch Adolf sah weder tot aus noch wie ein 116Jähriger. Allerdings roch er ein bißchen unangenehm. Ich wunderte mich und bewunderte zugleich seine lila Hosenträger.

Als die ihm gegenüber Sitzende sich erhob, um auszusteigen, stand auch er auf. Er gab ihr die Hand, zackig, kräftig, doch überraschend herzlich, fast liebevoll.

'Das ist niemals Adolf Hitler!', stellte ich fest und stieg aus.

Sauerkraut und Einsiedler

Es gab eine Zeit in meiner Kindheit, in der ich nicht weiter als bis dreißig zählen konnte. Mich erschreckte meine Unwissenheit, ich haßte sie.
Nicht minder haßte ich Sauerkraut.
Und in meinem Kopf fügte sich dies zu einem einzigen Bild zusammen: Alle Zahlen über Dreißig hießen fortan nur noch "Sauerkraut".
Achtunzwanzig, Neunundzwanzig, Dreißig, Sauerkraut, Sauerkraut, Sauerkraut.

Mittlerweile wurde ich einigermaßen erwachsen und glaubte, mich an Sauerkraut gewöhnt zu haben, glaubte, es würde mir zuweilen sogar schmecken. Heute wurde ich eines Besseren belehrt, gab es doch in der Mensa Sauerkraut als Beilage.
Mit der Wahl zwischen grünen Bohnen, Sauerkraut und "gar nichts" maßlos überfordert [Ich fand keine der drei Alternativen reizvoll.], überraschte ich mich selbst, indem ich mich für Sauerkraut entschied.
Das war ein Fehler, spürte ich doch schon beim ersten, zögerlichen Versuch, daß mir das Sauerkraut nicht schmeckte, daß der alte Kindheitshaß in mir wieder emporschoß. Sauerkraut, Sauerkraut, Sauerkraut.
Das Lammfleisch paßte sehr gut zum Sauerkraut: Es schmeckte mir auch nicht.

Lustlos stocherte ich in meinem Essen herum, las nebenbei in John Irvings "Garp und wie er die Welt sah", blickte kurz auf und wurde eines Pärchens gewahr, das flüsternd auf mich deutete.
'Vielleicht wundern sie sich, warum ich ganz allein der Mensa sitze, mich in ein Buch vertiefe, ohne Gesellschaft, Freunde, Bekannte um mich herum.', mutmaßte ich.
Und tatsächlich: Wie um mich zu verhöhnen, schaute das Mädchen noch einmal kurz zu mir herüber, dann zu ihrem Freund, um ihn gleich darauf stürmisch zu umarmen und zu küssen, als würde sie sich erst durch meine einsiedlerische Anwesenheit bewußt, wie schön es war, ihn neben sich zu wissen.
Ich versank erneut irgendwo inmitten der vielen bedruckten Seiten.

Spiegel, Gorillaz und Seufzer

Während ich lese, höre ich Musik.

Während ich also in den neuesten Artikeln von SpOn blättere, ertönt Musik aus meinen Boxen. Die Quelle der wahrlich guten Klänge ist der Rechner, die Dateien sind legal erworben. Ich habe ein Recht darauf, ihnen zu lauschen.

Die Werbung auf SpOn hat mich schon immer etwas gestört, ogleich ich durchaus gewisse Bereitschaft zeigte, die Anzeigen zugunsten eines kostenlosen Angebots zu akzeptieren.

Wenn jedoch die Werbeanimation fröhlich vor sich hin flackerte, meine Blicke vom statischen Text ablenke und jegliche Konzentration raubte, war ich geneigt, mich aufzuregen.

Wenn dann noch durch Werbung Teile des Seitenlayouts verdeckt, überlagert, wurden, so daß die Funktionseinschränkung das Lesen erschwerte, zweifelte ich allmählich an SpOn und seinen Werbeträgern.

Der neueste Clou ist die iPod-Werbung. Sie mag durchaus einigermaßen ästhetische sein, doch stört gewaltig. Vor zahllosen Artikeln befindet sich nämlich die iPod-Flash-Animation, der eine eigentlich raffinierte Eigenschaft innewohnt:
Bewegte man die Maus über die Werbefläche, ertönt ein Song-Sample des neuesten iPod-Werbehits. Nimmt man den Mauszeiger wieder von Fläche herunter, schweigt die Musik. Ein simples Konzept, das funktionieren könnte, ohne zu stören.

Doch es stört. Während ich nämlich mp3-Dateien von meiner Festplatte abspielen lasse, wird im Hintergrund die Werbung gestartet. Vielleicht fahre ich versehentlich mit der Maus über die Anzeigenfläche, starte die Hintergrundmusik.
Doch diese erschallt nicht, wartet heimtückisch, bis das aktuelle Lied meines mp3-Players sein Ende findet und beginnt dann mit seiner Endlosschleife.

Denn leider ist nun die MouseOver-Funktion invertiert. Bewege ich den Mauszeiger auf die Fläche, stoppt die Musik, bewege ich sie wieder herunter, geht sie weiter.

Jedoch kann ich nicht die ganze Zeit den Mauszeiger auf einer Stelle verharren lassen, wenn ich doch den gesamten Artikel lesen möchte. Auch bin ich nicht bereit, die Gorillaz über mich ergehen zu lassen, wenn ich gute Musik hören könnte.

Ich rege mich auf, leise nur. Doch allmählich komme ich zu dem Entschluß, daß ich mich an anderer Stelle über die weltweiten Neuigkeiten informieren sollte.

Mit einem Seufzer schalte ich die Boxen stumm, lese ich den Artikel zu Ende, schließe die SpOn-Seite und drehe meine Musik wieder auf.

Dagegen - Dafür

Wenn man etwas "dagegen haben" kann, kann man auch etwas "dafür haben"?

Ich habe etwas dagegen, daß Elefanten Peter heißen.
Ich habe etwas dafür, daß Elefanten Peter beißen.

Klingt dohv.

Motten

Auf einer wahren Begebenheit beruhend.

Es war im Frühling letzten Jahres, als es begann, als ich die erste entdeckte: eine Motte. Keine Motte, wie man sie kennt: der typischen Dreiecksform folgend, ein kleinerer, ergrauter Schmetterling. Nein, es war eine besondere Motte, eine, wie sie mir vorher nur selten begegnet war: graubraun, kaum einen Zentimeter lang, die Flügel dicht an den Leib gepreßt.

Sie mißfiel mir. Auf der weißen Rauhfasertapete wirkte sie deplaziert, überflüssig, falsch. Ein leichtes wäre es gewesen, die nächstbeste Zeitung zu packen, zusammenzurollen und in einem kraftigen Schlag auf das winzige Insekt niedersausen zu lassen. Doch ich zögerte. Nicht, weil ich unansehnliche Flecken auf der weißen Wand befürchtete, sondern weil ich für gewöhnlich darauf verzichtete, Tiere, selbst widerliche, zu töten, bloß weil ich dazu in der Lage war.
Die Motte saß an der Wand und rührte sich nicht. Ich ließ sie sitzen, versuchte, mich nicht um sie zu kümmern. Doch jedesmal, wenn ich durch den Flur in die Küche lief, bemerkte ich den dunklen Schatten, bemerkte ich, daß sich dort etwas befand, dessen Anwesenheit mich störte.
Ich fühlte mich nicht beobachtet, nicht bedroht, dachte nicht an mögliche Löcher in Kleidungsstücken oder an meine möglicherweise vor Ekel kreischenden Mitbewohnerinnen. Nein, einzig und allein das Wissen, das sich dort ein Tier befand, das eigentlich woanders leben sollte, mißfiel mir.

Ich ekelte mich nicht vor Insekten. Aus Prinzip nicht. Nur einmal, als kleines Kind, schrie ich auf, weil irgendein Käfer es sich in meinem Bettlaken gemütlich gemacht hatte und mich mit seiner Anwesenheit nicht nur überraschte, sondern nahezu bedrohte. Das Bett ist ein Heiligtum, darf nicht von Fremdwesen geschändet werden. Ich schrie, schrie nach meinem Bruder, der mich umgehend von dem frevelhaften Käfer befreite.
Die Motte verursachte in mir keinen Ekel. Warum auch? Sie war nicht das schönste Wesen, das ich kannte. Aber das war ich auch nicht.

Nachdem ich jedoch die Motte zwei Stunden lang an ihrer Stelle sitzen gelassen hatte, vermochte ich meinen Unwillen nicht mehr zurückzuhalten und beschloß, ihr höflich aber bestimmt den Ausgang zu zeigen. Ein leeres Glas und ein Fetzen Papier - mehr brauchte ich nicht.
Vorsichtig näherte ich mich dem Insekt, stülpte das Glas über das reglose Tier. Es rührte sich nicht, war nicht interessiert an seiner Umgebung. Vermutlich zählte es, ebenso wie seine typischeren Artgenossen, zu den nachtaktiven Lebewesen und beschäftigte sich tagsüber mit nichts Bedeutsamerem als dem Motten-Äquivalent für Schlaf.
Unter das Glas schob ich den Papierfetzen - eine alte Postkarte - und stupste die Motte damit an. Sie rührte sich, träge, bewegte ihre Flügel und flatterte dann langsam im Inneren des Glases umher, einen Ausweg suchend. Kaum hatte ich die Postkarte richtig positioniert, nahm ich Glas und Papier zusammen von der Wand. Die Motte, ihr Schicksal, befand sich nun in meinen Händen.
Ich betrachtete sie noch einmal. Sie hatte sich bereits wieder beruhigt, saß auf dem Glasrand, krabbelte ein wenig umher, doch schien sich nicht bedroht zu fühlen - soweit ich es beurteilen konnte.
Am Fenster angekommen riß ich die Karte von der Glasöffnung und schüttelte das Gefäß in Richtung Außenwelt. Binnen weniger Augenblicke war die Motte verschwunden. Ich sah sie nicht fortfliegen, doch das Glas war leer. Mit dem ruhigen Gewissen eines tierschützenden Lebensretters begab ich mich wieder in mein Zimmer.

Nach diesem Ereignis begegnete ich immer wieder einer oder gar mehreren Motten im Flur oder in der Küche. Mit eiserner Geduld entsorgte ich Motte für Motte ebenso wie ihren Stammesgenossen. Doch allmählich wurde es mir unheimlich, insbesondere, da nun auch meine Mitbewohner sich darüber beschwerten, zuweilen eines dieser Tiere gesichtet zu haben.
Anja und Patricia regierten wie erwartet: "Iiieeh!!!", tönte es jedesmal, wenn sie ein Insekt sichteten. "Iiieeh!!!", tönte es jedesmal, wenn ich mir die Mühe machte, die Motte der Außenwelt zu übergeben.
Martin und Tobias dagegen reagierten vernünftig: Worum handelte es sich bei den Motten? Woher kamen sie? Wie wurde man sie wieder los? Das waren die Fragen, die wir zu beantworten versuchten.
Durch umfangreiche Recherche stellten wir fest, daß es schwierig werden könnte, sich von den wenig possierlichen Tierchen zu befreien. Mit Vorliebe in Mehltüten und Müslipackungen, in Nudelvorräten und anderen, Getreide beinhaltenden Nahrungsmitteln beheimatet legten sie dort ihre Eier und vermehrten sich mit enormer Geschwindigkeit. Das galt es zu verhindern und rief die erste große WG-Mottensäuberungsaktion hervor.

Sämtliche unserer Nahrungsvorräte wurden auf Mottenspuren untersucht, mehrfach, von verschiedenen Personen. Jede Tüte, jede Packung, jedes Glas, wurde genauestens betrachtet, gewendet, gedreht, von allen Seiten beschaut. Verdächtige Lebensmittel wurden sofort weggeworfen, der Müll gleich darauf aus unserer Wohnung entsorgt.
Und überall fanden sie, eingesponnen in winzige, graue Netze: Eier, Motteneier, unscheinbar und doch abstoßend, ekelerregend, widerlich. Sie aufzuspüren war nicht schwer, begann man einmal zu suchen. Doch keineswegs waren wir uns sicher, auch wirklich alle potentiellen Störenfriede beseitigt zu haben.
Anschließend, nachdem unsere Nahrungsmittelbestände drastisch reduziert worden waren, nachdem wir mit verzerrten Mienen jeder einzelnen Motte den Krieg erklärt, jedes zukünftige Flatterwesen mit Flüchen bedacht hatten, nachdem wir uns mit dem angenehmen Gefühl schmückten, etwas Sinnvolles vollbracht zu haben, fühlten wir uns - trotz allem - erleichtert.

Der Rückschlag, die Gegenoffensive, blieb aus. Die Motten waren beseitigt, vertrieben. Wir wußten es zu schätzen.
Jedoch am Ende des Sommers sah ich sie: Eine Motte. Schon wieder! Die Biester gaben einfach keine Ruhe.
Diesmal zögerte ich nicht, dachte nicht länger an schonende Befreiungsaktionen, an eine liebevolle Behandlung. Ich nahm die nächstbeste Zeitschrift zur Hand und schlug zu. Das Klatschen erfreute mich, der graue Fleck an der Wand ebenso. Ich hatte getötet!

Die Zahl der Motten innerhalb der folgenden Wochen hielt sich in Grenzen. Immer mal wieder tauchte eines von diesen Untieren auf, klebte höhnisch an einer weißen Wand, verspottete mich, verspottete uns und unseren Versuch, der Plage habhaft zu werden. Ich tötete sie, tötete sie alle.
Wenn ich eine meiner Mitbewohnerinnen kreischen hörte, wußte ich schon Bescheid, kam herbeigeeilt, um zu töten, zu vernichten, nichts als einen ekligen grauen Fleck übrig zu lassen. Ich erntete keinen Dank; nur ein angewidertes "Iiieeh!!!" folgte meiner Untat. Derselbe Laut, der die Abscheu über die Existenz der Motte bekundet hatte, verkündete auch die Abscheu über deren Ableben.
Längst war es mir egal, ob ich nun mit einer Zeitung oder der flachen, bloßen Hand zuschlug, ob ich einfach nur einen schnellen Hieb tätigte oder das widerliche Getier unter meinen Fingern langsam zerquetschte.
Es bereite mir kein Vergnügen, doch es mußte sein, war ich doch in unserer Wohngemeinschaft nicht nur der größte, derjenige, der am besten an alle Stellen herankam, sondern auch derjenige, den es am wenigsten störte, die Viecher zu beseitigen, die unsere Wohnung verseuchten. Ich wurde zum Beschützer, zum offiziellen Mottenjäger, Mottenvernichter ernannt, eine Aufgabe, der ich ohne Scheu, ohne Bedenken nachging.

Es wurde Herbst, Winter. Das zunehmend kühlere Wetter ließ nicht nur die kurzen Kleidungsstücke, sondern auch die Motten verschwinden. Wir atmeten auf. Vielleicht hatten wir es überstanden.
Im Frühling dieses Jahres waren sie zurück: Motten. Nicht übermäßig viele. Nur hin und wieder eine einzelne. Und noch eine. Es war entmutigend.
Die zweite große WG-Mottensäuberungsaktion wurde initiiert. Wir waren der Motten allmählich überdrüssig, konnten, wollten, sie nicht mehr sehen. Lustlos, ohne den gleichen akribischen Enthusiasmus, der uns im Vorjahr befähigt hatte, die mühevolle und langwierige Prozedur durchzuführen, ohne den Glauben an den Erfolg unseres Tuns, begannen wir, unsere Nahrungsmittel zu beschauen, auszusortieren. Wir fanden nahezu nichts, doch waren wenig erleichtert, wußten wir doch, daß sie wiederkehren würden, daß wir keine Chance hätten.

Als hätten sie gespürt, daß wir aufgaben, als hätten sie unsere Niederlage erahnt, sah ich sie nun häufiger. Manchmal erwischte ich zwei, drei, von ihnen an einem Tag. Sie versteckten sich auf dem dunklen Braun der Holzbalken, auf Kabeln und in Zimmerecken. Ich tötete Motten in meinem Zimmer, war entsetzt, sie auch dort zu finden.
Ich übersäte die Wände mit Flecken. Kaum ein Quadratmeter verblieb ohne unschöne Erinnerung an einen Tod, an eine dieser häßlichen Kreaturen. Wegwischen half nicht. Der graue Mottenstaub hinterließ Spuren, die nicht beseitigt werden konnten.
Ich verzweifelte, dachte mir neue Methoden aus, sie zu erledigen, sie loswerden zu können.
Wieder begann ich damit, ein Glas über meine Opfer zu stülpen, sie langsam von den Wänden zu lösen, sie einzusperren und schließlich zu entlassen. Doch nicht in die Freiheit, nicht in die Außenwelt. Nein, ich entließ die Motten in ihren Tod, in ihr Verderben, spülte sie gnadenlos den Abfluß hinunter. Wasser erledigte die Drecksarbeit für mich.
Ich war des Tötens längst überdrüssig. War es mir anfangs noch egal gewesen, ekelten mich nun nicht nur die Motten, sondern auch ihr Ableben an. Ich wollte sie nicht länger zerdrücken, nicht länger zerquetschen, nicht länger auslöschen. SIe sollten nur fortbleiben, für immer fort. Ich hoffte, daß das Wasser, der Abfluß, ihnen die Gelegenheit gäbe, zu entfliehen, weiterzuleben, hoffte, daß ich nicht alle von ihnen getötet hatte. Ich fühlte mich schlecht, minderwertig.

Die Wände bezeugten es: Ich war ein Mörder, ein Massenmörder. Unzählige Leichen, Leichenteile, Leichenspuren klebten überall, wohin ich mich in dieser Wohung auch bewegte. Sie verfolgten mich, jagten mich so, wie ich sie jagte.
Ich führte Statistik, doch hielt nicht lange durch. Zu groß war ihre Zahl, zu groß die Zahl derer, die ich tötete, die durch meine Hand starben - oder vom Wasser gerettet wurden. Ich konnte nicht mehr.
Egal, wohin ich mich bewegte, konnte ich sie sehen. Wenn ich durch die Wohnung eilte, schaute ich nicht zu Boden. Nein, ich blickte auf die Wände, auf die Balken, auf die Kabel, ich sah in die Ecken, in die Ritzen, überall dorthin, wo ich schon welche von ihnen gefunden, aufgespürt, hatte. Ich sah sie. Überall.
Ich entwickelte einen Blick dafür. Niemand anderes bekam sie noch zu Gesicht. Ich war immer schneller. Ich kannte bald jeden Fleck an den Wänden, wußte, welches Bohrloch mich stets von Neuem narrte, wußte, wo ich zu suchen hatte. Meine Blicke wanderten automatisch in alle Richtungen. Zielsicher streiften sie über die Zimmerdecke, über die Tapete, über die Möbel. Ich würde sie finden, egal, wo sie sich versteckten. Ich brachte ihnen den Tod, ihr Ende. Sie hatten es nicht verdient zu leben, wenn sie es nicht geschafft hatten, sich vor mir zu verbergen.
"Ich finde euch.", murmelte ich, während ich des Nachts heimlich durch die stille WG schlich, "Ich finde euch alle!"
In meinen Träumen fand ich sie. Sie fanden mich. Wir jagten uns. Sie waren übergroß, überall, häßlich und grau. Ich konnte ihnen nicht entkommen.

Als ich begann, in fremden Wohnungen die Decken, die Wände abzusuchen, nach Motten zu forschen, mich nahezu nach ihnen zu sehen, verspürte ich zum ersten Mal Angst. Angst vor ihnen. Angst vor den winzigen Tierchen, die mich nicht losließen, die immer wiederkehrten.
Ich hatte Angst vor meinen Träumen, Angst davor, überall nach ihnen Ausschau zu halten. Ich ertappte mich dabei. Immer wieder. In meiner Wohnung. In anderen. Sogar auf der Straße, in Cafés, in Kaufhäusern.
Und ich sah sie. Ich glaubte, sie zu sehen. Blickte ich ein zweites Mal, waren sie verschwunden, hatten mich meine Sinne nur genarrt. Ein Schatten. Ein Loch. Ein Nagel. Keine Motte.

Vielleicht gab es gar keine Motten, begann ich zu überlegen. Vielleicht bildete ich mir das alles nur ein. Vielleicht verlor ich allmählich meinen Verstand.
Wann hatten meine Mitbewohner zum letzten Mal eine Motte entdeckt, mich auf eines dieser abscheulichen Insekten aufmerksam gemacht? Wann? Ich konnte mich entsinnen.
Gab es die Motten überhaupt? Gab es sie - wirklich?
Ich hatte unzählige von ihenn zerdrückt, heruntergespült, hatte sie getötet, ausgelöscht, vernichtet. Doch gab es sie?
Waren die Flecke an den Wänden echt? Waren diese kleinen, zentimetergroßen, graubrauen, flugelbewehrten, staubigen Wesen Wirklichkeit, ihr Tod, ihre abscheuliche Existenz?
Ich wußte es nicht, nicht mehr.

Ich tötete weiter, täglich, wieder und wieder. Sie gaben nicht auf, ließen mir keine Ruhe. Ich zerschmetterte, ertränkte sie, begann sogar, sie wieder freizulassen. Doch ich schwieg, verlor gegenüber meinen Mitbewohnern kein Wort mehr. Kein einziges. Vielleicht war ich verrückt. Doch ich wollte es nicht wissen. Niemals.
Ich tötete, schreckte längst nicht mehr vor Fliegen, vor Spinnen zurück. Irgendwie waren es alles Motten. Ungeziefer. Parasiten. Eklige, abstoßende, widerwertige Viecher.

Als ich gestern erwachte, waren meine Hände ergraut. Staub bedeckte alle Finger, bedeckte meine Handflächen, bedeckte die Knöchel und Nägel, bedeckte die gesamte Haut. Bis zum Handgelenk.
Ich kannte diesen Staub. Graubraun. Fein. Ein wenig schmierig. Ich hatte ihn hundertfach gespürt, gesehen, weggewischt, abgewaschen. Mottenstaub.
Er klebte an meinen Händen, grau und häßlich, häßlich und grau, entstellte sie, entstellte mich.

Ich sprang aus dem Bett, rannte ins Badezimmer, zum Wasserhahn. Wasser. Seife. Mehr. Mehr!
Ich wusch, seifte mich ein, wusch weiter, intensiver, fand eine Bürste, schrubbte und schrubbte.
Meine Haut schmerzte, brannte. Ich spürte es. Doch der Staub klebte an mir, klebte am Waschbecken, an Wasserhahn und Bürste, überall, wich nicht.
"O nein. Bitte nicht.", stammelte ich, immer wieder, und schrubbte, bis ich mein eigenes Blut sah. Rot sickerte es durch graubraunen Mottenstaub, tropfte zäh und träge in das schmierige Keramikbecken, rann meine Arme hinab, klebrig, warm.
Ich hielt inne, vernahm meinen keuchenden Atem, spürte das Herz in meiner Brust rasen. Ich träumte nicht. Der Schmerz in meinen Händen, das Blut, der Staub - alles war real. Was konnte ich tun? Wie konnte ich meinen Händen, dem Staub, den Motten entrinnen? Würde ich ihnen jemals entkommen? Nach allem, was ich tat?

Ich rannte zurück in mein Zimmer, vorbei an fleckigen Wänden, deren Weiß längst verging, vorbei an Ritzen und Ecken, an Kabeln und Balken, vorbei an all den Orten, wo sie lauerten, auf ihren Tod warteten. Ich schmetterte die Zimemrtür hinter mir zu, verschloß sie, warf mich zurück ins Bett, weinte, schrie, weinte, schlief ein.

Es ist spät. Meine Mitbewohner sorgen sich, drohten bereits, die Tür aufzubrechen, wenn ich nicht freiwilig öffnen würde, wenn ich nicht hinauskäme. Seit zwei Tagen sitze ich hier und verstecke mich.
Ich werde dieses Zimmer nicht verlassen, die Tür nicht öffnen, kein Fenster. Sie warten. Ich weiß es. Sie warten auf mich. Überall. Ich lasse sie nicht herein. Niemals.
Niemals...

Gesprächsfetzen 7

"Was klackt denn da in der Küche? Sind das vielleicht die Platten vom Herd?"
"Ja, das ist wegen der Plattentektonik."
"Da gibt es bestimmt bald ein Herdbeben."

Flatterfred...

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Altslawische fantastische...
Ich möchte dir mein fantasy Welt vorstellen. Vielleicht...
Cerny Vlk - 6. Jan, 21:45
Radtour Salbker See II
Danke für die tollen Tipps, wir waren im August auch...
Physiotherapie Leipzig (Gast) - 21. Nov, 17:06
Higtech
Naja, man glaubt es kaum, aber was der Angler an Energie...
Martin Angel (Gast) - 12. Sep, 11:27
gar nisch süß
dat is gar nisch süß soll isch de ma was rischtisch...
free erdem (Gast) - 6. Jun, 16:40
Hier wird es fortan weitergehen: http://morast .eu Und...
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morast - 1. Feb, 21:10

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