Dienstag, 15. Februar 2005

Valentinstagsreflexion

Aufgrund weitestgehender Isolation von medienartigen Informationsquellen, aufgrund einer Art einsiedlerischer Zurückgezogenheit in lernorientierte Eigengefilde unzureichend funktionierender Weltenignoranz, aufgrund einer mir selbst auferlegten, stetigen Blindheit allgemeinen Geschehnissen gegenüber, ... gelang es mir, den gestrigen Tag vorüberstreichen zu lassen, ohne mich der schmerzhaften Illusion hingeben zu wollen, valentinische Nachrichten, Daseinsbekundungen und Liebesbeweise erhalten zu wollen, ohne in trübselige, selbstbemitleidende Daseinstrübnis zu verfallen und mich selbst als ausgeschlossen, inakzeptiert, verworfen und mit den bitteren Dornen der Einsamkeit bestückt zu betrachten. Auch mißlang es der mich umgebenden, konsumorientierten Profitgesellschaft, hinreichend genug Einfluß auf mich auszuüben, um mir mit aller Deutlichkeit in den Schädel zu meißeln, daß der gestrige Tag mit dem Erwerb holländischer Gewächshausrosen, überteuerter Qualitätsschokoladenartikel oder anderer marktwirtschaftlich auferlegter Liebesbeweise zu befüllen sei; ja selbst die üblichen unzählbaren Grüße und Gedanken, dem angeblich geliebten Partner oder der ersehnten potentiellen Zukunftshoffnung über die öffentlich zugänglichen Medien in erstaunlich umfangreichen Massen versendet, gingen an mir vorüber, ohne von meinem Bewußtsein wahrgenommen zu werden. Ich betrauerte mich nicht, bedauerte noch nicht einmal, keine Gelegenheit erhalten zu haben, selbst ein herzergreifendes Präsent verschenken zu zu können, geschweige denn, eines vermacht zu bekommen. Ein befremdliches Verhalten für jemanden, der doch der Liebe eine Bedeutung beimißt, deren Tragweite mit menschlichem Geiste nicht faßbar ist. Ein verständliches Verhalten für jemanden, der von kalenderorientierten Geschenkzwängen noch nie sonderlich viel hielt und in den Augenblicken valentinischer Sehnsüchtelei noch nicht einmal imstande war, in seinem Kopf das lohnende Objekt angestrengter Begierden ausfindig zu machen.

Tatsächlich bemerkte ich mit einigem Erstaunen, daß die wenigen Informationen, die mich am gestrigen Tage bezüglich des pseudowichtigen Datums heimsuchten, vorwiegend negativer Natur waren, geflüsterte Schreie einsamer Herzen, den anderen, scheinbar liebevoller Lebenden, ihre Liebe und die entsprechenden Zelebrationen mißgönnend, fadenscheinige Gründe suchend, diesen Tag und alle händchenhaltenden Traumwandler zu verachten und mit schmachvollen Worten zu belegen, nicht zuletzt ob ihrer konsumzwangkonformen Geschenkekaufsucht. Derlei Verhalten jedoch empfinde ich fast noch unerträglicher als die von Medien und Wirtschaft proklamierte "Liebe", ist doch Liebe nicht Produkt dieser Negativitäten, sondern sind doch diese Kaufzwänge und Geschenkewünsche schlichtweg eine Folge von Liebe, Sehnsucht und anderen, durchaus ehrbaren Gefühlen.

Sicherlich sei es geraten, sich von äußeren Einflüssen zwanghafter Art abzuschotten und zu versuchen, sein eigenes liebevoll-kreatives Denken wirksam werden zu lassen. Doch sehe ich bei Nichterfüllung der von mir bevorzugten Eigenkreativität noch immer keinen Grund zu Pärchenverachtung und Valentinshaß. Viel bedeutsamer erachte ich die Notwendigkeit, mehr als einen Tag zum Valentinstag auszurufen, womöglich gar jeden Tag des Jahres, so daß sich einerseits die rauschartigen Konsumwahnzustände minimieren würden, zum anderen der Geschenkzwang sich reduzierte, zu guter Letzt jedoch das Bewußtsein für Liebe im allgemeinen und für die eigene Liebe im speziellen anwachsen und sich verstärken möge. So reichen zuweilen wenige Worte oder mit Herz hingekrakelte Striche aus, um nicht nur ein Lächeln auf den Lippen des/der anderen zu erwecken, sondern auch um das Bewußtsein zu schaffen, daß zwischen zwei Personen mehr besteht als nur das tägliche Nebeneinander, als die üblichen, im Fernsehen nur allzu häufig erniedrigten, Werte und Gedanken; das Bewußtsein für ein Gefühl, das fähig ist, Leben zu befüllen und Welten zu bewegen, Seelen zu erschöpfen und Wege zu weisen.

Ich glaube nicht, daß man imstande sein sollte, Liebe und alles, was zu ihr gehört, mit ihr verwandt ist, in einen einzigen Tag zu pressen, mit nichtigen Supermarktpralinen und kitschigen Herzchengeschenken auszudrücken. Doch noch weniger sollte man versuchen, aufgrund der scheinbaren Uneinigkeit zwischen Weltlichem und Seelischem, aufgrund des angeblichen Zwists zwischen Konsum und Liebe, das Schenken als solches, den Valentinstag als solchen, zu verachten und mit Mißgunst zu belegen. Denn das Schenken gehört zur Liebe, ebenso wie ein jeder gemeinsam verlebte Tag dazu gehört. Nur sollte man sich dessen bewußt bleiben, was bedeutend ist und was nur werbewirksam als bedeutend angepriesen wurde.

Und so blicke ich zurück auf einen Tag, der mich nicht wirklich zu berühren vermochte, der in der gewöhnlichen Stille, in der gewöhnlichen Abgeschiedenheit verlief, die vermutlich weniger ertragbar wäre, wüßte ich nicht um die Existenz von Lebens Schönheit und Liebe. Ich blicke zurück auf einen Tag, der verging, ohne mich zu erreichen, der nur wenige Gedanken hinterließ und doch ausreichte, um netten Menschen ein Lächeln zu schenken.
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abstraktes denken

an irgendeiner stelle in der zivisation war man bemüht, dingen namen zu geben. und so geschah es, daß beispielsweise auch das wort "liebe" entstand: ein gefühl, das man nicht mit unendlichen zeichenketten beschreiben könnte, wird in ein einziges wort gestopft.

befremdlich jedoch wird es, blickt man auf die versuche denkender wesen zu erklären, was "liebe" eigentlich sei, was dazugehöre und was nicht. versucht wird herauszufinden, was hinter dem wort steht, welche tiefen bei genauerem blick es offenbart.

ein name wurde vergeben und nun soll versucht werden, dem namen eine definition verpassen, neue worte zu finden, die das alte aufzufüllen imstande sind.

vielleicht gelingt dieses vorhaben, vielleicht ist mensch tatsächlich dazu befähigt zu erklären, was dieses eine wort für eine aussage in sich birgt. doch öffnet man die augen, erkennt man, daß man einzig und allein versuchte, das wort, den gegebenen namen, zu erklären und mit erläuterungen zu versehen. jedoch das wahre, das eigentliche, das gefühl, bleibt unangetastet, unbeschrieben; der blick auf die quelle wird vernachlässigt.

ein gefühl, unzureichend erfaßt durch ein winziges wort, erläutert durch ungezählte weitere worte - und keines wird jemals genug sein, begreift man jenes gefühl in seinem herzen.
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das wort des tages 2

ohne große überlegungen erwähle ich
ramschladen
zum heutigen wort des tages. ich entdeckte dieses nette stück deutscher sprache soeben durch - wenn man geneigt ist, an einen solchen zu glauben - zufall und verlas mich auch prompt.

sich zu verlesen geht einfach: ein wort taucht vor den eigenen augen auf, der blick streift es kurz, formt im geiste laute, die jedoch keinen sinn ergeben. der blick streift erneut, und das begreifen setzt ein: einzig eine falsche im-kopf-betonung oder unpassenderweise im denken zusammengefügte zeichen wurden zum grund für das unverständnis. denn bei einer zweiten lektüre, angereichert um entsprechend hohes aufmerksamkeitspotential, wird der zusammenhang und somit das wort verständlich und zum teil des bekannten eigensprachguts.

so geschah mir soeben, als ich ramschladen las. es stellte sich mir sofort die frage, was eigentlich ein "schladen" sei. ein zweiter blick erweckte jedoch die erkenntnis - und das bewußtsein, daß "ramsch" auch recht hüsch anzumuten ist und von nun an häufiger meine kommunkation bereichern sollte.

Sonntag, 13. Februar 2005

der morgendliche wurm im ohr 11

der wind heult traurige lieder. irgendwo draußen scheint eine sonne, doch regen tröpfelt lustlos an die fensterscheibe. der regenbogen versteckt sich vor meinen blicken. und in meinem kopf schwirrt ein trübes lied in wirren bahnen:
johnny cash - "hung my head"
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Samstag, 12. Februar 2005

berühre mich...

berühre mich, laß mich endlich fliehen, schenk mir den augenblick des absoluten stillstands, führe deine hand auf meine zitternde haut und fühle, was zum fühlen nicht mehr fähig, was mich fortreißt, mich erfrieren läßt.

berühre mich, halte meine bleichen hände und beende, was nicht zu beenden ist, bewahre meinen atemzug in deinen lungen, vererbe mir die ruhe, die ich längst verlor, als die welt in meine augen zerbrach.

berühre mich, entführe mich zu dir, zu mir, zurück, entreiße mich dem begreifen, dem denken, halt den kreisel an, der mich in die tiefe zerrt, reich mir deinen silberkuß und flüstre deine warme stille in meine bebenden sinne.

berühre mich, erkenne dich in meinen augen, verstumme mit lächelndem seufzen, erhöre dich in meinem wort, klaube mir das herz aus der brust, entreiße es, um dich darin zu finden.

berühre mich...
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kein tag

das war vielleicht schon alles. ein tag, der zu keinem wurde.

alles begann, doch nichts fand ein ende, schwebt ziellos im irgendwo und wartet - vermutlich auf nichts. die erfüllung erreicht mich ebensowenig wie der totale verlust. der nach vorne gewagte schritt wird heimlich zurückgenommen, als ich mir der unsinnigkeit meines handelns bewußt werde. gern verschenkte ich gefallen, doch scheine ich nicht dazu erwählt.

und so verbleiben profanitäten, standardisierte lebensmuster, die erquickung im gewöhnlichen suchend. vielleicht. denn selbst das befremdlich andere, die winzige herausragende zacken der normalität, scheint im munde des betrachtenden keiner erwähnung wert zu sein. geringschätzende fragen durchbohren das sein auf der suche nach weiterer nichtigkeit.

die flucht reißt mein lächeln hinfort, treibt mich zurück zu altem entsetzen, das mich wieder fand. ich handle, doch beginne nur. wer weiß, ob ich weiteres wagen kann. sei es nicht vonnöten, hoffe ich. doch zweifle. die lüge sucht sich selbst, vergiftet jedes denken. ich schwebe im haltlosen nichts, verzerrt in keine richtung.

zu zart meine weigerung, zu zaghaft mein kampf, zu winzig die berührung, zu schüchtern das wort, zu flüsternd das nein, zu lächelnd das ja. jeder ansatz tilgt den versuch. jeder absprung löscht den sturz.

mit wachem, wehem auge blute ich meine gedanken aus dem herz, doch finde kein ende, keine antwort.
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der morgendliche wurm im ohr 10

nur kurz:
zeromancer - "need you like a drug"
interessanterweise trifft dieses lied in verschiedenster art die letzten lyrischen werke meiner wenigkeit. dies zu erläutern bin ich jedoch nicht willig. immerhin sei mir gestattet zu erwähnen, daß das lied kein schlechtes ist.
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gift

verrat der warmen zitterfinger
dein trüber blick gilt gläsern mir
der schwall von schwerer knotenzunge
berührt
betrübt
den letzten weg.

das gift ins leere ausgeschüttet
kein tod erschreckt, was dürstend lebt
doch geb ich halt, den du nicht findest
als keine hand die träne fängt.

nicht aufzugeben heißt zu leben
wohin der kreiselpfad dich führt
ich weise dich mit weisen worten:
berühre mich
behalte dich.

www.bluthand.de
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erkenntnis?

in deinen augen
erkenne ich mich
gesuchtes gefunden
gefunden: verlust.

dein schatten weckt formen
ein licht kennt dein haar
die sonne umspielt mit kuß
dein gesicht
ich fange die träne
die gläsernen träume
ersuche mich selbst
doch finde nur dich.

in deinem herzen
entdecke ich mich
ersehntes erfunden
erfunden: mein licht.

www.bluthand.de
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was wäre wenn

'was wäre wenn...?' regt sich in mir
legt fragenlächeln aufs gesicht
der geisthauch kraucht durch unsre schluchten
du siehst, bemerkst, mein leuchten nicht

verlangen sieht dein zögernd wort
das bittersüß die stille bricht
ein traum, der deinesgleichen sucht
du fliegst hinfort, entfliehst dem licht.

www.bluthand.de
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Donnerstag, 10. Februar 2005

begegnung

ich begegnete dem leben.

von den wirren launen des schicksals durch die zeiten getrieben, entdeckte ich mich plötzlich vor dem leben. du blicktest munter in mein gesicht, freude glänzte in deinen augen. mit meinen armen umschlang ich das leben, drückte dich an meine brust, nährte mich für einen kurzen augenblick erneut von deinem licht. du lächeltest, doch sah ich eine träne blitzen.

worte flogen durch den raum, betrafen die gegenwart, die mich nicht zu berühren wußte. dein lächeln schwand nicht, nein, es wuchs, riß mich mit sich in die lüfte. ach, hättest du verweilen können!

noch einmal barg ich dich in meinen armen, ließ die augenblicke heimkehren, in mich gleiten. deine unsichtbaren tränen fanden mich und flüsterten leise: "lebewohl." abschied rief dich hinfort, entriß dich mir.

traurig blickte ich dem leben hinterher, das ich längst verloren hatte.
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aus deinen augen

und plötzlich begann es zu regnen.
aus deinen augen flossen kristallbare bäche, unaufhaltsam in ihrem lauf.
ich versteckte dein gesicht an meiner schulter, bedeckte deine trauer mit meiner wärme.
doch ich erreichte dich nicht. die wolken in deinem kopf wollten nicht weichen.
irgendwer hatte die sonne gestohlen.
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straßenbahnerlebnisse

und in der straßenbahn entdeckte ich eine junge dame, deren blasses antlitz meine richtung mied. ich lächelte bei dem traurigen gedanken, daß ich sie wohl nie ansprechen würde, daß ich ausstiege und sie niemals wiedersähe.

auf anderem platz beobachtete sich ein junge in der glasscheibe, sang seinem spiegelbild lautlos, doch ergreifend, ein lied. ich lächelte, weil ich der einzige war, der dieses kleine schauspiel bemerkte und sah weg, als die blicke des jungen zu mir herüber wanderten. ich wollte ihn nicht stören.

die nächste haltestelle war noch weit, da drängelten sich schon die menschenscharen in die straßenbahntürbereiche, stopften sich zu einer formlosen, hektischen masse zusammen. ich saß, wartete geduldig, bis auch der letzte aussteigwillige der bahn entkommen war und huschte dann geschwind zwischen den sich schon schließenden türen hindurch, hinein in die kühle abendluft.

ich lächelte, als ich den regen bemerkte.
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Mittwoch, 9. Februar 2005

"und sonst...?"

heute habe ich wieder menschen gesehen. das mag wenig sonderlich sein, doch waren die personen, die ich heimlich mit blicken bedeckte, grund für diese nun folgenden worte, dementsprechend also wesen, die in meinem schädel befremdliche fragen und gedanken entstehen ließen.

ein dicker, wahrlich dicker, junge stöberte eine weile in seinen mit unterschiedlichsten taschen übersäten hosenbeinen und zog schließlich triumphierend eine compact disc hervor, die ich ohne größere mühe als "gebrannt" identifizierte, was mich zu hämischen gedanken bezüglich der legalität des inhalts bewegte. ich freute mich schon, auf eine entsprechende frage die worte zu vernehmen "da sind nur fotos drauf." oder "da habe ich meinen aufsatz für die schule draufgebrannt.", um diese mit einem ungläubigen kopfschütteln abzuwehren und zu beobachten, wie das schlechte gewissen über die illegale untat schames- oder trotzröte in den kugelrunden schädel schießen ließe. doch ich schwieg und beobachtete verwundert, wie der dicke junge die cd ihrer hülle entnahm, umdrehte, die unterseite ausgiebig musterte und anschließend den anscheinend kostbaren datenträger wieder sorgsam im taschenwirrwarr verstaute. was genau hat diese aktion bewirken sollen? welche geheime informationen entlockte der dicke junge der cd-unterseite? glaubte er, durch seinen blick eine kostprobe der eingebrannten daten erhaschen oder die winzigen rillen, in denen sich die bits und bytes versteckten, mit seinen verquollenen augen ausmachen zu können? glaubte er gar, ein paar leise musikbruchstücke auf der spiegelnden fläche erahnen und vernehmen zu können? war er tatsächlich imstande, den kaum merklichen unterschied zwischen bebranntem und brachliegendem teil des rohlings wahrzunehmen und daraus informationen zu beziehen, die seinen wissendurst erlöschen ließen? oder war dies einfach nur eine geste, deren sinnlosigkeit ihm erst in ihrer ergebnislosigkeit bewußt wurde - wenn überhaupt?

ich wußte es nicht und wendete mich ab, dorthin, wo sich soeben eine erstaunlich gut gebaute junge dame niederließ und grazil ihre beine übereinanderschlug. für sekunden wurde ich von diesem beschaulichen bild gefesselt, solange, bis dieses wahrhaft hübsche wesen begann, kommunikation mit ihrer begleitenden freundin zu betreiben. der überaus stark ausgeprägte lokale dialekt in kombination mit dem hochdeutschfremden jugendsprachstil ergab eine mischung, die nicht nur die illusion erweckte, daß der ansehliche schädel vor wenigen wochen restlos leergepumpt und von allem sinn und inhalt restlos befreit worden war, sondern widerte mich nahezu an, schreckte mich so sehr ab, daß ich beschloß, eine haltestelle früher auszusteigen, um nicht länger über diese befremdliche verteilung von schönheit an einem einzigen menschen nachdenken zu müssen.

jenseits der haltestelle versuchte ich, die aufmerksamkeit eines geduldig wartenden hundes auf mich zu lenken, indem ich eine paar kurze pfeiflaute zwischen meinen zähnen hervorpreßte. der hund reagierte nicht, starrte stur nach vorn. ich lachte innerlich laut auf. so sympathisch war mir der fellige vierbeiner, der es nicht nötig hatte, jedem dahergelaufenen herumalberer falsche zutraulichkeiten vorzuspielen, um anderthalb streicheinheiten zu ernten.

meinen inneren notizzettel abarbeitend kehrte ich für einen weißbrotkauf in die am platze vorhandene netto-filiale ein. diese vermochte mich weder durch ein gut aufgeräumtes sortiment, durch unvergleichliche produktvielfalt noch durch finanziell besonders privilegierte kundschaft zu beeindrucken. doch das kümmerte mich wenig, neigte ich doch nicht dazu, meine stimmung von solchen oberflächlichkeiten beeinflussen zu lassen. ich schnappte mir das geschnittene und zugleich preiswerte weißbrot und stiefelte [das wort war aufgrund meines schuhwerks tatsächlich berechtigt] zur kasse, an der sich die schlangen der ungeduldig wartenden tümmelten. hinter mir befand sich eine ältere dame, die sich höflich bedankte, als ich das warentrennhölzchen [also den "kundenseparator" oder wie er auch heißen mag] hinter meiner weißbrotpackung auf dem fließband plazierte. nahezu im selben atemzug begrüßte sie freudig die hinter ihr anstehende bekannte, eine mollige, wenig gesund wirkende frau mitleren alters mit einer abscheulichen mütze auf dem ungepflegten haar. diese reagierte mit verlegenheit auf so viel aufmerksamkeit, sprudelte ein paar leere worte in den raum und schaffte es, nach jedem satzteil ein verlegenes kichern einzubauen. ihr gesicht war puterrot, in ihrem einkaufswagen türmten sich die bierflaschen und sowohl ihr gehabe als auch ihre redeweise wies sie als "geistige sozialhilfeempfängerin" [ich danke heimatroman für diesen wunderschönen ausdruck] aus. ich ahnte, was jetzt kommen würde, hielt in schrecklicher erwartung die luft an - und behielt recht: die ältere dame, welche bereits ihre waren neben meinem weißbrot auf dem fließband positionierte, formulierte, ohne daß bisher inhaltsgefüllte worte gefallen wären, die schreckliche frage: "und sonst...?"

hätte sie mit mir geredet, wäre sie von einem redefluß überwältigt worden, der sich vermutlich umgehauen hätte. obgleich ich verstehe, daß zu kennenlernzwecken smalltalk zuweilen ganz nützlich sein kann, verachte ich ansonsten derartige redeweise. ich mag es nicht, sinnentleert über das gestrige, heutige und morgige wetter zu reden, mag es nicht, ohne wirkliches interesse nach meinem befinden gefragt zu werden. und das letzte, was ich in die ohren gepreßt bekommen möchte, ist: "und sonst...?". diese verkrüppelte frage stellt für mich die abscheuliche inkarnation des verweifelten versuches dar, krampfhaft ein gespräch betreiben zu wollen, nein, zu müssen, bei gleichzeitigem maximalwert an desinteresse und unkenntnis der lebensumstände des gegenübers. jede konkretere antwort auf diese "frage" ist vollkommen falsch und überflüssig, weil nichts anderes erwartet wird als "naja...", "es muß ja." oder "ganz gut.". wehe dem, der von seinen sorgen - oder noch schlimmer: von seinen freuden - berichtet.

beiden gesprächsteilnehmerinnen war die situation sichtlich unangenehm. wieso hatten sie sich ausgerechnet hier treffen müssen? wieso hatten sie sich überhaupt begegnen müssen? sie maskierten sich mit einem weiteren schwall leerer worte und verlegenen lächelns, während ich mich eilig bezahlend dem geschehen entzog und in die nächstbeste straßenbahn stieg, wo ich lächelnd ein kind beobachtete, das sich während der ganzen fahrt selig mit einer handbürste beschäftigte und zusammen mit seiner großmutter prächtig über diesen nützlichen und zugleich ungemein vielfältig anwendbaren und lustigen gegenstand amüsierte. es gibt noch hoffnung, dachte ich, stieg alsbald wieder aus und grinste in mich hinein, als ich bemerkte, wie albern ich aussehen mußte mit der packung weißbrot unter meinem arm.
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das wort des tages

... wird wohl "Vorrat" werden.

in meinen augen sieht dieses alberne substantiv irgendwie absolut falsch aus, wie ein teil aus einer verdrehten welt. ich neige dazu, bei der lektüre dieser buchstabenanhäufung das O im geiste dermaßen kurz auszusprechen, daß der restliche teil des wortes nur noch verkrüppelt und verhunzt hinterherhinken kann. doch selbst jetzt, nachdem ich rechtschreibinformationsquellen gewälzt und mich von der richtigkeit des scheinbar falschen überzeugt habe, bin ich nicht imstande, das wort zu lesen, ohne daß es mir befremdlich vorkommt. ich würde es wohl um ein R reduzieren, wenn ich dürfte. doch erstens werde ich dann auf dem scheiterhaufen zu mißachtender deutschsprachverstümmler gehängt und gevierteilt; und zweitens sieht "Vorat" mindestens anderthalb kilo alberner aus als "Vorrat".

was nun? keine ahnung. vielleicht sollte ich das substantiv aus meinem aktiven schreibwortschatz eliminieren und einen alternativen ersatz suchen. vielleicht sollte ich aber auch mein fahrrad mit schwarzer kreide bemalen und einen russischen regenbogen verspeisen. vielleicht aber auch nicht...
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Dienstag, 8. Februar 2005

stillstand

Wer sich nicht bewegt, erreicht keine Ziele.

dieser satz war in ähnlicher form auf einem flyer von ver.di zu lesen, der mir neulich vor die augen kam. in mir gaben sich der alles-hinterfrager und der aphorismen-ablehner grinsend die hände und freuten sich darauf, diese wenigen worte in der luft zu zerreißen. nur wenig mühe ist dazu vonnöten, nur ein einziges gegenbeispiel, das verdeutlichen soll, daß es in den wenigsten fällen sinnvoll ist, allgemein übliche sprüche zu verfremden, zu erneuern oder in anderes wortgewand zu kleiden, wenn schon das original wenig einfallsreich, womöglich unzutreffend ist und tausendfach kopiert wurde.
ich erschaffe im geiste also die situation, daß mein ziel darin bestünde, mich nicht zu bewegen. von mir aus auch im symbolischen sinne. sofort wird klar, daß der obige spruch somit seine bedeutung und seine allgemeingültige wahrheit verliert und zu sinnlosem dummgeschwafel, zu nichtiger pseudoschläue, mutiert. traurig, aber wahr.
[gäbe es ein fazit, würde ich es an dieser stelle schreiben.]
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arztbesuch

ich hätte mir ein buch mitnehmen sollen, eines mit vielen komplizierten zeilen, eines, das meinen geist gefangennehmen würde und von der umgebung ablenkte, eines, das meine eigenen gedanken mit farbenprächtigen buntwelten übermalte. ich hatte keines. ich hatte auch keinen stift, kein leeres blatt papier, das mir die worte aus dem schädel saugte, lustige stichmännchen und kulleraugenwesen entstehen ließt, das geistreiche bemerkungen forderte und danach lechzte, mit meinem kopfkino befüllt zu werden, das mich mit aufreizendem weiß begrüßte und sich mit vollend unterwarf.

ich hatte nur mich, meine augen, meinen kopf. zusammengesackt in meinem mantel, den auszuziehen ich verweigerte, saß ich auf dem stuhl im wartezimmer. würde ich den mantel ablegen, gäbe ich mir selbst wohl zu, daß es noch dauern konnte. das wollte ich nicht. selbstbetrug war schon immer eine meiner herausragenderen fähigkeiten.

ich entdeckte keine zeitschriften, nur unzählige broschüren, die allesamt für rentner oder herzleidende gedruckt zu sein schienen. überall jedoch prangerten mir möglichkeiten zur suchtthearpie, suchtprävention und angehörigenhilfe entgegen, als wollten sie mich verhöhnen. zu spät, dachte ich traurig, viel zu spät.

die plätze neben mir waren frei, blieben frei. es gab nicht viele unbelegte sitzplätze, doch die zu meiner linken und rechten blieben unbenutzt. lag es an mir? sollte mir das zu denken geben? sah ich gar krank aus?

ich wollte nicht krank aussehen, war es nicht. ich war hergekommen, um eine lüge vorzuspielen, die vorzuspielen ich nicht willig war. ich war nie ein guter schauspieler gewesen. und erst recht kein lügner.

in wartezimmern erfreute ich mich gerne der tatsache, ein geduldiger mensch sein zu können. ich konnte warten, konnte mich mit meinen gedanken beschäftigen, mich unterhalten, ohne nur mit einer wimper zu zucken, ohne sinnlos mit den beinen zu wackeln oder mit den händen ständig im gesicht oder den haaren herumzufriemeln. ich beobachtete, was um mich herum passierte, mit wachen augen, mit regen gedanken, mit dem leisen lächeln, das allem galt, was ich für besonderns interessant oder amüsant hielt.

irgendwo in der ferne des hintergrunds dudelte eine entspannungsmelodie, eintönig, ermüdend. immer die gleiche sequenz mit geringfügigen änderungen, unterlegt durch alberne geräscuhe unzähliger wald-, wiesen- und teichtiere. ich lächelte, wenn einer der tierlaute besonders blechern klang oder kurz nacheinander ein specht und ein frosch zu hören waren, deren begegnung ich mit als komisch vorstellte. nach einer weile pausierte die musik, um später wieder einzusetzen - das gleiche lied. pause. lied. pause. lied. immerzu.

neben mich setzten sich zwei vertreter. ein mann, geschniegelt, doch auf ersten blick unsympathisch, und eine frau, die nett aussah und ein paar jahre jünger als ihre begleitung war. die beiden hatten einen termin. der mann versuchte, leise zu reden, doch saß direkt neben mir. sein füstern war eher ein zu worten geformtes dröhnen seiner stimme. fremdwörter flossen aus seinem mund, doch klangen sie eher aufgesetzt als intelligent. die frau hätte lieber ihren mund halten sollen. ihre stimme degradierte sie.

das gespräch drehte sich um dinge, die ich nicht verstand. doch ich verstand, daß der mann meckerte, über andere herzog, altkluge, sinnbefreite bemerkungen machte, sich zuweilen wiederholte und dazu neigte, so zu tun, als gebe er geheimes wissen weiter und wäre allem überlegen. die junge frau dagegen redete weniger, doch wenn sie etwas sagte, gab sie dem mann recht, wiederholte seine worte und schmückte sie ein wenig aus. ständig schaute sie auf die uhr oder zückte ihren terminkalender. immer wieder. das machte mich nervös, ich sah weg.

in wartezimmern ist es grundsätzlich falsch, eine uhr mit sich zu führen. was nützt es mir, wenn ich weiß, daß ich bereits eine stunde wartete? nichts. es führt nur zu unmut. ich dagegen wollte mutig sein. im kopf sprach ich noch einmal die sätze durch, die ich vor der ärztin aufführen wollte. die geflüsterte stimme meines nachbarn störte mich immer wieder, unterbrach mich. ich seufzte, wuselte kurz in meinem haaren herum, um mein ungesundes aussehen zu verstärken, überprüfte geistesabwesend die schnallen an meinen stiefeln.

ungeduldig warteten die beiden unsympathischen vertreter, flüsterten einander unfreundliche bemerkungen über die arztpraxis zu, sobald die schwester den raum verließ. ungeduldig war auch ein mit gehilfen bestückter mann, entschied sich plötzlich dazu, das warten satt zu haben und gehen zu wollen. seine frau widersprach ihm kraftlos "das kannst du doch nicht machen...", wandt sich hilfesuchend an die beschäftigte schwester. "natürlich kann ich das.", motzte der genervte aufbruchswillige, zog seine jacke an und ein mißmutiges gesicht. diesen satz wiederholte er, immer wieder ein paar flüche einfügend, mehrmals. die schwester eilte hinzu, verteilte besänftigende worte und vertröstete den warteunwilligen: er sei der nächste. grummelnd nahm dieser wieder platz.

neben mir schaute der vertreter auf seine uhr. eine dreiviertelstunde sei er schon hier. 11 uhr sei der termin gewesen. wozu überhaupt termine vergeben würden, fragte er seine begleiterin, könnte man doch darauf verzichten, wenn man nicht imstande sei, sie einzuhalten. solle doch jeder kommen, wann er lust habe. die junge frau pflichtete ihm bei: das sei tatsächlich effizienter. beide lachten kurz und tonlos. ein blick in den terminkalender: der nächste termin sei bei herrn sommer. der sei wichtiger als die ärztin hier.

die beiden redeten weiter, redeten von ihren geschäften, von tagungen und vorträgen. lauter worte, die eine aufgesetzte wichtigkeit beinhalteten, doch sie nicht glaubhaft vermittelten. firmennamen fielen, abkürzungen wurden benutzt, praxen erwähnt, gemeinsame vergangenheiten herausgekramt, versammlungen, tagungen, blablabla. bestärkt durch den unut des mannes, beschloß die frau, noch zehn minuten warten zu wollen. mehr nicht.

ich hielt meinen mund, sagte nicht, daß ich bereits mindestens eine halbe stunde länger warten würde, sagte nicht, daß menschen, die ärzte besuchten, in den meisten fällen auch gründe dafür hatten, sagte nicht, daß der vorhin eingelieferte notfall vermutlich größere dringlichkeit hatte als irgendein vertretergespräch, sagte nicht, daß mir die permanente ungeduld mißfiel.

nach zwei minuten stand die vertreterin auf und suchte die schwester, berichtete von ihrem vorhaben, wurde vertröstet: sie sei die nächste. verwundert setzte sie sich wieder, wiederholte die worte der schwester. der mann war sprachlos. ich auch, hieß das doch, daß ich nicht nur die patienten, die bereits vor mir eingetrudelt waren, abzuwarten hatte, sondern auch das beratergespräch.

ich seufzte leise, versuchte vergeblich in meinem kopf die zurechtgelegten worte zu finden. ich wollte nicht lügen, beschloß, die wahrheit zu sagen, genau das, was mir in jenen augenblicken auf die zunge springen würde.
das vertretergespräch war kurz. danach folgten noch ein paar patienten. die anderen wartenden im raum verharrten schweigend. nur einer von ihnen hielt eine zeitschrift in der hand, blätterte sie oihne interesse durch. eine ältere dame wischte sich immer wieder mit einem papiertaschentuch im gesicht herum, nase, augen, lippen, pause, wieder von vorn. das telefon klingelte immer wieder. im hintergrund erklang die eintönige meldoie. beschäftigt wirbelten die schwestern umher, doch sie wirkten ruhig. das gefiel mir.
während eines telefonates gab mir eine schwester mit einem kopfnicken zu verstehen, daß ich nun an der reihe sei.

ich hatte die ärztin anders in erinnerung. unsympathischer. ich faßte mir ein herz und schilderte meine sorgen. das schauspiel ließ ich weg. die lügen auch. die ärztin zögerte, unterhielt sich mit mir. freundschaftlich. interessiert. ich gab zu verstehen, daß mir diese situation auch nicht gefiele, doch bemerkte, daß sie sich schon durchgerungen hatte, das rettende attest auszufüllen. ich redete weiter, tat so, als hätte ich nichts bemerkt. doch sie schrieb schon, lächelte nett, wünschte mir alles gute, gab mir die hand.

ich hatte es überstanden. ohne lüge.

kaum hatte ich die praxistür hinter mir geschlossen, drängte es mich hinfort. ich konnte gar nicht schnell genug rennen, wollte weg. noch einmal hatte ich einen ausweg gefunden.

doch konnte ich nicht ewig fliehen.
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der morgendliche wurm im ohr 9

nachdem mein rechner sich entschieden hatte, während des letzten geschriebenen textes jegliche anwendung als inexistent zu verleugnen und einen neustart herauszufordern, der meine zeilen dem unwiderbringlichen nichts übergeben und für alle zeit verschwinden lassen würde, verzichte ich nun auf eine wiederholung meiner selbst, sondern erwähne nur schnell die beiden heutigen morgenohrwürmer.

ersterer war mir schon während des aufwachens im kopf, zweiterer gesellte sich erst später dazu. beiden ist gemeinsam, daß schon mehrere tage vergangenen sind, seitdem ich die lieder letztmals vernahm.
mir fällt jedoch gerade auf, daß ich mich nicht mehr des ersten ohrwürmchens entsinnen kann, nur noch weiß, daß es ein metallischer war, womöglich von danzig . beim zweiten handelt sich aber gewißt um

annett louisan - "daddy".

Doch ich mach all diese Fehler, Daddy
Und finde überhaupt keinen, den es stört.

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Montag, 7. Februar 2005

wiedersehen

das wiedersehen war kurz und doch zu lang.
wie schwer doch stille wiegen kann.
ich erinnere mich daran, noch gestern dein foto geküßt zu haben.
jenes bild, auf dem du lachend aus meinen armen auftauchst.
doch die, die ich küßte, war eine andere.
warst nicht du.
irgendwie.

wir versuchen, die last des schweigens mit einem lächeln zu vertreiben.
wir versuchen, themen zu finden, die wir kennen.
wie versuchen, einander zu finden.
doch die vergangenheit trennte uns.
in der gegenwart bleiben narben und klüfte zurück.
ich lächle dir zu, doch du weißt, daß ich lüge.

dein mund äußert bedauern.
"wir sollten mal wieder etwas zusammen machen."
ich stimme dir zu, doch sehe mich schon in mein schneckenhaus zurückkriechen.
die wirklichkeit soll mich nicht finden.

das war alles.
wenige worte, die so unendlich schwer waren, daß sie noch immer am boden herumkriechen, ohne gefunden zu werden.
bilder, auf denen wir aus irgendeinem unverständlichen grund lachen.
eine leere, die nicht befüllt werden kann.
vage gesten, die wohl nichts bedeuten.

die vertrautheit zerbrach längst.
irgendwann hatten wir uns verloren.
der schein der freundschaft schmerzt.

waren wir einander immer schon so fremd gewesen?

betrübt blicke ich dir nach.
irgendetwas in mir vermißt das mädchen auf dem foto.
das mädchen, das du längst nicht mehr bist.
vielleicht nie warst.
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zäsur

zum zweiten mal an diesem tag überkommt mich der wunsch nach einer zäsur.

ich möchte die augen schließen und für einen augenblick lang mir selbst entfliehen, irgendwohin, wo ich nicht ich bin, wo ich nicht denke, wo ich nicht weiß, wo ich keinen grund zur furcht mit mir herumschleppen muß. ich möchte die augen schließen, um irgendwann wieder zu erwachen, das trübe vergessen, mit frischem elan den neuen momenten begegnend.

vermutlich sind diese gedanken nur eine illusion, der ich mich hingebe, ohne daß sie in der wirklichkeit bedeutung besitzt. vermutlich werde ich in altem trübsal erwachen, neuerlich müde, neuerlich erschöpft und mit meiner existenz belastet. vermutlich.

doch meine anwesenheit im jetzt gleicht einem ziellosen herumdümpeln, auf ein niemals eintreffendes unding wartend, das zu benennen ich noch nicht einmal imstande bin. mit jeder sekunde, die vergeht, steigt mein unmut, meine traurigkeit, zerrt mich mein dasein tiefer in die düsteren gefilde des eigenbedauerns. ich will das nicht, beobachte mich in meinem fall und störe mich daran. doch die weigerung, die ablehnung all dessen, was geschieht, verstärkt es nur. jeder sich in mir regende unmut gesellt sich zu dem bisherigen und mehrt diesen. ein kreis, aus dem es kein entkommen geben kann. kein entkommen, aber vielleicht eine pause, ein neuanfang, eine zäsur.

die erste stille war kurz, zu kurz, um meine erschöpfung zu beseitigen. geschlossener sinne weilte ich unter weichem tuch und ließ die wärme mich davontragen. ein klopfen entzog mich meiner dämmerung, zog mir sanft die augen auf. ich ließ herein, was mich erfreute: eine begegnung mit dem lächeln. wenige worte flossen durch den abgedunkelten raum, zwei hauchzarte berührungen wurden verschenkt. dann war es vorbei, ich blickte dem leuchten hinterher und erhob mich lächelnd.

doch mein weg im jetzt war kurz. bald schon fand mich mein inneres, vertrieb meine leuchtende krone, verscheuchte das unwirkliche. in meinem schädel wächst das trübsal. ich spüre die wolke, die meine sinne vernebelt, die mich verdunkelt, mich von innen mit tränen begießt. was verbleibt, ist der wunsch nach ruhe, vielleicht auch der wunsch nach menschen, nach worten. vielleicht sollte ich meine augen erneut schließen, mein haupt in weiche träume betten und darauf hoffen, daß später alles besser sein wird...
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der morgendliche wurm im ohr 8

rotkäppchen: "warum schaust du denn so betrübt?"
ich: "weil ich mal wieder gegen einen baum lief und das erst bemerkte, als ich blutend am boden lag..."


vielleicht bemerkt man zuweilen schon von vorneherein, daß ein tag nur schlecht werden kann, vielleicht versprüht der tag sein gift schon in die morgenstunden und läßt einen erahnen, welches übel noch bevorsteht. vielleicht jedoch legt man bei einem unangenehmen morgen im geiste selber fest, wie dieser tag zu verlaufen habe, definiert ihn als "schlecht", weswegen er gar nicht anders kann als so zu werden.
ich versuche ja aufzusehen und darauf zu warten, daß die sonne, die durch mein fenster lugt, auch mein gemüt zu erhellen weiß, doch der zweifel in mir ist stark.

in den letzten beiden tagen kroch morgens stets ein kleines würmchen durch meinen gehörgang. doch seine erwähnung ist wenig spektakulär, waren es doch lieder, die ich am vortag bewußt und teilweise mehrmals vernommen hatte.
heute jedoch spukte mir ein song von empyrium im schädel herum. allerdings stellte ich dies erst fest, nachdem ich schon mehrere minuten unter den aufrecht gehenden wandelte. das wiederum führte mich zur wiederholung einer beobachtung, die mich schon einige male aufblicken und nachdenken ließ: nicht selten huscht das morgendliche lied erst im letzten moment in mein ohr. werde ich also geweckt und döse anschließend noch ein paar augenblicke, kann ich darauf wetten, daß zum zeitpunkt des weckerklingelns mein schädel liedfrei ist, daß ich aber nach dem dösen ein paar klänge in mir finde. das wiederum läßt den logischen schluß zu, daß irgendwelche gedanken, die mich in morgendlicher trägheit heimsuchen und vom kommenden künden oder über das gewesene berichten, in meinem geiste mit liedern assoziiert und zu morgendlichen würmern gewandelt werden. wer weiß.
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Sonntag, 6. Februar 2005

Zugfahrt

Der Zug ist leer. Um diese Uhrzeit fährt wohl niemand mehr. Nur eine Handvoll Leute leistet mir Gesellschaft, doch flüchtet sich in verschiedene Abteile, sucht die Isolation von den Anderen, den Fremden. Es ist der letzte Zug. Ich bin froh, ihn erreicht zu haben, lasse mich nieder und freue mich darauf, bald endgültig zu Hause sein zu könen. Ein Türke fragt mich nach einem Wochenendticket. Ich habe keines. Merkwürdigerweise schäme ich mich dafür.
Das Abteil gehört mir alleine. Als der Zug anfährt, wechsele ich den Sitzplatz.

Draußen hinter der Scheibe entdecke ich nur Dunkelheit. Das Rattern des Zuges beruhigt mich. Meine eigenen Worte beruhigen mich. Ein Schaffner kontrolliert meinen Fahrschein. Seine Höflichkeit erstaunt mich und wird von mir erwidert. Ich verkrieche mich wieder in meine Gedanken. Der Türke kehrt zurück, berichtet mir von seiner erfolgreichen Flucht vor dem Schaffner. Ich lächle, gebe ihm recht, weiß nicht, ob er immer so offen ist oder getrunken hat. In seinem Stoffbeutel klirrt es verdächtig gläsern. Es ist mir egal. Wieder allein beiße ich in einen Apfel, lese ein paar Zeilen in einem Buch, das ich längst kenne, doch von dem zu fesseln ich immer wieder bereit bin.

An der Scheibe klebt der Handabdruck eines Kindes. Fasziniert setzte ich meinen eigenen daneben und betrachte die beiden eigenartigen Kunstwerke. In einem anderen Abteil beginnt der Türke zu singen. Laut und nicht wirklich begabt. Ich verstehe kein Wort, doch grinse vergnügt. Als abzusehen ist, daß der fremdartige Gesang nichtaufhören wird, vertiefe ich mich erneut in meine Lektüre.

Vielleicht war heute ein guter Tag.
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Nächtliche Reflexion

Der Tag war angefüllt mit wundersamen Ereignissen. Zu spätester Stunde in einem leeren Zugabteil sitzend, in die Unsichtbarkeit der Außenwelt hinausstarrend, doch trotzdem nur nach innen hineinsehend, versuche ich, meinen Geist zu beruhigen und die widersinnigen Stimmen in meinem Schädel zum Schweigen zu bringen. Ich bin mir der Ignoranz bewußt, die ich mir selber aufzuerlegen gedenke, bemerke den Widerstand in mir gegen die äußere Ruhe und das einlullende, regelmäßige Rattern des Zuges. Doch mehr noch als alles andere wünsche ich mir in diesen Augenblicken, vor mir selbst zu fliehen und der Andeutung eines Lächelns, das sich in meinem Mundwinkel versteckt, nachzujagen.

Mich bedrängt das schlechte Gewissen des unausweichlich Kommenden, der erneut gewagte Versuch, einen richtigen Pfad vorerst nicht begehen zu wollen, das Morgige in die unbestimmte Ferne der Zukunft zu verschieben. Ich weiß, daß falsch ist, wie ich handeln werde - und doch scheint es mit der beste, ja vernünftigste, Weg zu sein, davon ausgehend, daß auch dieser zu einem Ziel, zu meinem Ziel führt (obgleich ich mir im Unklaren darüber bin, ob das Ziel wahrlich meines ist). Das schlechte Gewissen und die damit einhergehende Ungemütlichkeit, das unmerkbare Zittern meiner Hände, die vielen Gedanken voller Furcht, vermag selbst die Gewißheit, nicht zu vertreiben, den heutigen Tag mit einer guten Tat gefüllt zu haben.

Das Wissen dämpft das Gewissen, doch nicht genug. Trotzdem bin ich geneigt, mir - ohne selbstpreisend agieren zu wollen - ein lobendes Wort zu schenken, weil ich mir heute selbst bewußt machen konnte, woraus in meinen Augen wahre Freundschaft besteht: Im richtigen Moment alles Eigene stehen- und liegenlassen zu können und sich vollends dem anderen zu widmen. Ich bin gewiß ein wenig stolz, dergleichen getan zu haben und jederzeit wiederholen zu würden, doch mischt sich die Scham über den Stolz und darüber, womöglich eine Art Überposition gegenüber dem Hilfe-Ersuchenden einzunehmen, in meine Gedanken und trübt sie ein wenig.

Eine ältere Photographie brachte zudem Wirbel in mein Denken. Denn mit ihr verspürte ich die immense Wucht der völligen Rückkehr der Sehnsucht, die stets in mir gewohnt hatte, doch verdeckt war durch das Ersehnen des Vergangenen. Nun jedoch, da das Vergangene langsam aus meiner Seele herausgeblutet ist, nun jedoch, da nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz die Unmöglichkeit des Unerreichbaren erfaßte, öffnen sich meine Augene wieder, und ich beginne zu sehen. zu suchen und zu träumen. Nie verlor ich den Traum, doch verlor ich ein Gefühl der Leichtigkeit, ein gefühl, das meine tiefsten Regungen von Trauer und Schmerz loszulösen wußte. Ich verlor die Fähigkeit zu fliegen, blickte nur stets vom Grunde hinauf zu den gegflügelten Wesen über mir, beweinte ihre Ferne und leckte meinen gebrochenen Schwingen. Doch nun vermag ich zu lächeln, ohne die Träne der Vergangenehit zu spüren. Was war, ist nicht vergssen, wird nie vergessen werden, war viel zu schön, erfriff mich zu sehr, um es noch loslassen zu wollen, zu können, doch die Möglichkeiten des Gegenwärtigen ergreifen von mir Besitz und öffnen mein Herz für eine traumhafte Leichtigkeit.

Vielleicht ist es einfach nur der nahende Frühling, der mich lockt. Wer weiß. Doch in mir wogt ein Lächeln, eine Liebe, die ich lang vermißte, eine Liebe, die den Dingen gilt, die allem gilt, die sich nicht in einem Punkte konzentriert, nicht in einem Wesen manifestiert, sondenr überall winzige Spuren zu bestaunender Existenz hinerläßt. Ich vermag aufzusehen und der grauen Zukunft ins Anlitz zu schauen, wissend, daß irgendwo mein Leuchten wartet.
Draußen zieht unbemerkt die Nacht an der Scheibe vorbei. Im Geiste küsse ich die Gesichter der Vergangenheit. Ich spüre, daß ich sie liebe, spüre, daß ich das Leben liebe, heiße mich willkommen in einer unwirklichen Zauberwelt, die nur einen Atemzug lang Bedeutung haben wird, solange, bis die Schatten der Realität sie vertreibt, zersplittert.

Ich fürchte mich vor dem Dunkel, das dort draußen lauert, fürchte die Möglichkeiten, fürchte die Zukunft. Doch halte ich fest an der Gewißheit, daß alles gut zu werden vermag, daß meine Pfade die richtigen sein, daß mir stets leuchtende Wesen beiseite stehen werden, daß ich in keinem Augenblick allein und trostlos bin.

Ich blicke hinaus. In der Ferne funkeln müde Lichter. Der Zug rattert träge vor sich hin, betäubt mich mit Stille. In der spiegelnden Scheibe entdecke ich ein Lächeln auf meinem Gesicht.

Ich heiße es willkommen.
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Samstag, 5. Februar 2005

Kleinigkeiten

Vielleicht sind es nur Kleinigkeiten, winzige Splitter einer gläsernen Sonne, die ich ersehne; vielleicht aber ist es ein Leben.

Ich wünsche mir, mit geschlossenen Augen geküßt zu werden - aus dem Nichts heraus, wünsche mir, eines deiner langen Haare auf meinem Bettlaken zu finden. Ich möchte deinen Duft in meiner Kleidung finden, möchte bei jeder Gelegenheit, bei jedem Musikstück, an jeder Straßenecke, an dich erinnert werden. Ich möchte einschlafen mit den Gedanken bei dir. Ich sehne mich danach, mit meinen Fingern den Linien deines Körpers zu folgen, mit geflüstertem Wort dein Lächeln zu wecken. Ich möchte im Nirgendwo plöztzlich aus dem Auto aussteigen, dich in den Arm nehmen und wissen, daß ich genau hier richtig bin. Ich möchte, daß du dich beschwerst, wenn meine Stoppeln beim Küssen stören, möchte ein lautloses 'Bis bald.' von deinen Lippen klauben, wenn du gehst. Ich möchte für einen Moment meine Gedanken in deine Hände legen, die Welt vergessen und nur dich behalten. Ich möchte mich der heimlichen Tränen erfreuen, die sich bei schmalzigen Filmen in mein Gesicht stehlen, möchte, daß du an mich rückst, Bestätigung suchst, daß mit uns alles gut sei. Ich sehne mich danach, dir deinen Mantel abzunehmen und deine Schönheit still zu bewundern. Ich möchte vo dem Spiegel deinen Nacken küssen, dich umschlingen und halten. Ich wünsche mir, du stündest hier, meiner Begegnung harrend, wünschte, den Klang deiner Schritte vor der Haustür erkennen zu können. Ich möchte Briefe an dich schreiben und mich unzählige Male am Telefon verabschieden, möchte das Kind in dir finden und die Frau in die begehren. Ich möchte dich betrachten, wenn du schläfst oder dich anziehst, möchte deine Hand nicht loslassen müssen. Ich wünsche mir das Feuer in deinen Augen blitzen zu sehen, wenn du für etwas Begeisterung empfindest, wünsche mir, mit dir fühlen zu können. Ich möchte dich durch das Herbstlaub jagen, auf saftigen Wiesen fangen, dich unter Wasser küssen. Ich möchte dich schüchtern fragen, ob du mich schön findest, möchte mir Mühe geben müssen, pünktlich zu sein. Ich möchte dein Lachen vernehmen, wenn dir der Wind das Haar ins Gesicht weht, möchte ohne Worte ahnen, was du denkst. Ich sehne mich danach, im Winter deine Hand in meine Tasche zu stecken und zu wärmen, sehne mich danach, die Namen deiner Plüschtiere zu kennen. Ich sehne mich danach, sprachlos vor Freude zu sein und für dich jede Spinne des Zimmers zu verweisen. Ich möchte mit dir einkaufen gehen, mit den Fingern über deinen Lieblingspullover streichen, dir ein T-Shirt leihen. Ich möchte zu viele unscharfe Fotos von dir besitzen und deinen Namen im Meeressand schreiben. Ich möchte...

Vielleicht möchte ich einfach nur lieben.
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Freitag, 4. Februar 2005

der morgendliche wurm im ohr 7

"du sau."

meine ersten worte am heutigen tage galten der weckapparatur. das eigentliche läuten hatte ich zwar als störend, jedoch nicht als unangnehm empfunden. in einer spontanen anwandlung von großzügigkeit mir selbst gegenüber hatte ich mittels der omniösen "snooze"-funktion [ich mußte soeben endlich mal nachschauen, wie man dieses alberne wort am besten übersetzt] meine schlafenszeit um fünf winzige minuten verlängert. ich ließ die gedanken treiben und bereitete mich innerlich auf das aufstehen vor. ich denke, der tag wäre nicht so schlimm, wenn das elende aufstehen wäre, das in jenen augenblicken immer so wirkt, als würde man die schöne gegen die schlechte alternative eintauschen. kurz bevor ich in den zustand gelangte, in dem ich mich selbst davon überzeugt hatte, daß es an der zeit wäre, mich zu erheben, gab der wecker erneut unangenehme geräusche von sich. diesmal nervte es mich und entlockte mir oben erwähnte beleidigung - und zwar einzig und allein, weil das klingelding unter garantie mit bösartiger häme auf den ungünstigsten augenblick zum klingeln gewartet hatte, um mich meiner selbstüberredung zu entreißen und mich mit einem läutenden tritt in den arsch aus den federn zu scheuchen.

wenige augenblicke später stellte ich fest, daß ich schon mehrere momente lang das duschwasser auf meinen leib rieseln ließ, ohne mir dessen bewußt zu sein. ich dachte kurz nach und begriff, daß als nächstes das haarwaschmittel an die reihe käme. ohne zögern griff ich danach und kleckste mir ein paar tropfen davon auf die hand. allerdings ließ mich irgendetwas stutzen. unsicher fuhr ich mit der unbeklecksten hand ins haar - und stellte fest, daß dieses längst shampooniert war, daß ich also mein haupt längst mit dem haarwaschmittel beschmiert hatte, ohne mir dessen bewußt gewesen zu sein, ohne mich daran erinnern zu können. fatal.

immerhin verlief der restliche reinigungsvorgang ohne weitere zwischenfälle. außerdem war es mir vergönnt, dem morgendlichen wurm in meinem gesäuberten gehörgang beachtung zu schenken:

chamber - "in your eyes"

In your eyes I see
beautifully and cruelly
truth within eternal love


[...]

But I wouldn't want to be
a heartbeat away.
You gave me everything you had
and all I see is you.
I want to thank you,
for everything you are and do

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