Sonntag, 7. August 2005

Wortspielvorahnung

Mit nicht geringer und keineswegs unbegründeter Furcht blicke ich dem Tag entgegen, an dem überkreative Marketingmenschen den mittlerweile durchaus bekannten Bierbrauerei-Slogan
The Beck's Experience
renovieren, aufpeppen und zu dem Ergebnis kommen, daß
The Beck's-Perience.
wesentlich fetziger klingt...

Uptown-Girl oder was?

Da das Gefrierfach des WG-Kühlschranks allmählich zueist, hat meine Mitbewohnerin soeben beschlossen, sich in nächster Zeit als Abtau'n-Girl zu betätigen.

[Im Hintergrund: ASP - "Aus der Tiefe"]

Honigweinkühe und Tiere aus Hackfleisch

Das französisch angehauchte Wort Metier falsch zu lesen, fällt mir nicht schwer. Selbiges passierte soeben und hatte abenteuerliche Folgen.

Die erste Frage, die mich befiel, war die, was ein Metier, also ein Me-Tier denn eigentlich sein soll. Ich glaubte nur ein Met-Tier zu kennen, also jenes Wesen, aus dem der handelsübliche Honigwein [auch "Met" genannt] gemolken wird.

Schreibt man aber Met-Tier ohne Bindestrich, erhält man das Mettier, was in meinen Augen allerdings wie ein Mett-Tier aussieht, also wie eine aus Hackfleisch geformte Tierfigur.

Um den Gedanken abzuschließen, lasse ich erneut den Bindestrich weg und stelle fest, daß Metttier nicht nur doof aussieht, sondern mit Metier überhaupt nichts mehr zu tun hat...

Der morgendliche Wurm im Ohr 31: Gehirnwäsche

Ich erwachte exakt 8 Uhr. Irgendein Idiot hatte vergessen, den Wecker meines Handys auszustellen, so daß es vibrierend und klingelnd mein Zimmer akustisch verseuchte und mich aus den Träumen riß. Doch der Schreibtisch, auf dem es lag und von dem es - aufgrund der durch Vibration hervorgerufenen Eigenbewegung - dann auch noch lärmend hinunterfiel, war weit genug vom meinem Bett entfernt, um die Entfernungsüberbrückung als übertriebenen Aufwand zu erachten.

Irgendwann schwieg es endlich, und ich überlegte, ob ich aufstehen sollte. Schließlich war ich mittlerweile nahezu wach. Allerdings nicht wach genug, fielen mir doch nach wenigen Augenblicken die Äuglein wieder zu.
'Nur noch ein paar Minuten.' dachte ich selig.

Viertel vor Zehn klingelte es erneut, diesmal lauter, intensiver: Kirchenglocken.
'Das geht vorbei.', dachte ich, die Alternative "Aufstehen" vollkommen vergessend.
Doch es ging nicht vorbei. Minutenlang klingelte, klongte, bingte und bongte es von draußen herein. Vielleicht hätte ich das Fenster schließen sollen, doch auch daran dachte ich nicht.

'Was soll das?', fragte ich mich, 'Das ist Lärmbelästigung!' Bohren darf man sonntags schließlich auch nicht.
War vielleicht jemand gestorben? Ich dachte an die Besatzung der Raumfähre Discovery, die womögliche gerade inder Atmosphäre verglüht war. Und an die sieben Leute in dem russischen U-Boot, die vielleicht nicht geborgen werden konnten. Ich dachte an Hiroshima und überlegte, ob das andauernde Glockenläuten den Opfern Tribut zollte. Doch das kam einen Tag zu spät [oder zwei Tage zu früh, galt das Geläut den Opfern der Atombombenabwürfe auf Nagasaki].
Wer sonst? Buena-Vista-Social-Club-Sänger Ibrahim Ferrer ist tot, las ich vorhin. Doch dem galt das Glockengeräusch bestimmt nicht.

Vermutlich stellte der Lärm einen äußerst dringlichen Aufruf zum sonntäglichen Gottesdienst dar.
'Ziemlich penentrant.', stellte ich fest.

Und trotzdem erfolgreich. Nachdem der Lärm verklungen war und ich - nun endglütig wach - in Gedanken vertieft an die Decke starrte, dachte ich erstmalig darüber nach, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas jemals mitgemacht zu haben - außer vielleicht irgendwann mal zu Weihnachten.

'Gehirnwäsche mittels Glockengeläut.', wunderte ich mich und lauschte dem morgendlichen Ohrwurm in meinem Schädel - Die Sterne mit "Was Hat Dich Bloß So Ruiniert?":

Wo Fing Das An Und Wann
Was Hat Dich Irritiert
Was Hat Dich Bloß So Ruiniert?


[Daß "ruiniert" sinnloserweise zu "uriniert" verdreht werden kann, fiel mir allerdings erst unter der Dusche auf.]

Festplattenzerstörungsalghorithmen

Vermutlich seitdem ich irgendwann in letzter Zeit den Computer nicht ordnungsgemäß herunterfahren konnte, sondern wegen eines "seltenen Ausnahmefehlers" während der Abschaltprozedur manuell von der Stromzufuhr löste, meldet sich bei jedem Neustart des Rechners das Windows-Universalsuperheilmittel Scandisk, um meine nun sicherlich vollkommen zerstörten Festplatten einer genaueren Untersuchung zu unterziehen und wie mit Magie alles wieder zu reparieren, was Windows einst selbst zerstörte.

Das stellt soweit nichts Ungewöhnliches dar, doch ging die automatische Scandisk-Inbetriebnahme in den letzten drei Tagen dazu über, mich mit einer Abfrage zu konfrontieren, die ausdrücklich darauf hinwies, daß ein oder mehrere Laufwerke meines Rechners vermutlich defekt seien und daß nur das Wi-Wa-Wundermittel Scandisk dagegen helfen könne. Mir wurde eine beeindruckende Auswahlmöglichkeit geliefert:
"Drücken Sie ein beliebige Taste, um Scandisk zu starten."

Vermutlich gibt es nur ein oder zwei Tasten an meinem Rechner, die das verhindern könnten - dann wäre er aber aus und nutzlos. Also drücke ich jedesmal eine beliebige Taste und erfreue mich des blauen Scandisk-Bildschirms.

'Jetzt wird alles gut.', weiß ich und versuche automatisch, Scandisk zu beenden. Das funktioniert problemlos - allerdings nicht ohne eine weitere, noch drastischere Warnung:
"Weil sie so unerhört frech waren, Scandisk abzubrechen, ist es nahezu unwahrscheinlich geworden, daß auf ihrem Rechner überhaupt noch etwas funktioniert."

Na klar. Weil ich Scandisk - ein Programm, dessen Nützlichkeit sich mir gegenüber noch nie bewiesen hat - abbrach, ist mit einem Mal alles noch schlimmer als zuvor - wenn das überhaupt noch geht.

Allerdings würde ich es Windows und seinen Machern durchaus zutrauen, daß sie dafür sorgen, daß jeder mutwillige, gemeine Scandisk-Abbrecher für sein ungebührliches Verhalten bestraft wird:
Durch Freisetzen diverser Festplattenzerstörungsalghorithmen, die - wenn überhaupt - nur von Scandisk aufgehalten werden können.

P.S: Mein Rechner läuft, nachdem er komplett hochfuhr, übrigens tadellos. Ohne Scandisk-Intervention.

Früher war sowieso alles besser

Langsam fällt es auf, so sehr, daß ich mich nicht unweigerlich frage, ob ich alt werde. Im übrigen führt selbige Frage zu einer weiteren: Glauben alle älteren Menschen, daß früher alles besser war, beziehungsweise - um es ein wenig zu konkretisieren - daß die Musik früher besser war, beziehungsweise - um es auf den Punkt zu bringen - daß die früheren Alben einzelner Bands besser waren als die aktuellen? Glauben das alle?

Ich glaube es, zumindest derzeit. Jeden Monat gab ich viel zu viel Geld für Original-Alben verschiedener in meinen Augen [oder Ohren] erwähnenswerter Musikgruppen aus [Was für ein bescheuerter Satz. Es ist spät....] und bereute es nicht. Meistens jedenfalls.

Ich gebe zu, in dieser Beziehung etwas eigen, nahezu konservativ, zu sein, es zu mögen, ein Album in den Handen halten, das Booklet und dessen Artwork betrachten, bewundern oder zumindest bewerten zu können, es gar zu lieben, mich spontan anhand des Covers für oder gegen ein Musikwerk zu entscheiden.

Doch die letzten Werke, die mich mittels ihres Covers oder auch nur ihres mir bekannten Interpreten lockten, vermochten allesamt nicht, mich wirklich zu überzeugen. Das hielt mich oft nicht von einem Kauf ab, doch läßt mich nachträglich die Frage formulieren, ob ich denn tatsächlich alt werde.

Erst vor wenigen Monaten fand ich zu den Musikern mit dem amüsanten Namen Grabnelfürsten, kaufte deren damals aktuelles Klangkunstwerk. Und als ich erfuhr, daß ein neueres auf dem Markt zu finden sei, stürmte ich in die Läden, um vorfreudig hineinzuhören - und enttäuscht mir selbst vom Erwerb abzuraten.

Das neue Album von Vanitas kaufte ich - weil ich die anderen beiden - ungekauft - wirklich gut fand. Doch beeindruckt es mich wenig, außer mit der Feststellung, wie sehr es mir leid täte, mir den Aufwand machen zu müssen, es zurückzusenden.

Das aktuelle Album von A Perfect Circle hielt auch nicht, was es versprach, konnte an die Vorgänger nicht anknüfen. Oder My Dying Bride, die nur ein BestOf herausbrachten, auf dem zwar nichts Schlechtes, aber wahrlich auch nichts Neues zu finden ist. Demons & Wizards veröffentlichten eine neue CD, doch vermag ich mich nur den ersten Lieder darauf hinzugeben. Auch das aktuelle Werk von Asp erachte ich nicht für sonderlich wertvoll.

Bei amazon erfahre ich, daß ich auch "Zinoba" von Zinoba, der Selig-Nachfolgeband zu den unlängst erworbenen Werken zählen kann - übrigens ohne vorher ein Stück gehört zu haben, nur auf den Ruf der Bandmitglieder vertrauend - , und muß beichten, daß Selig für Zinoba unerfüllbar hohe Maßstäbe gesetzt hatte.
Selbst wenn ich ein Stückchen weiter zurückblicke und die letzten beiden Alben von Samsas Traum erwähne [u.a. ein BestOf], fällt mir auf, daß die früheren Werke mich mehr, länger, intensiver, berührten.

Früher.
Aus meinem Mund, in meinem Schädel, klingt dieses Wort albern, lächerlich, falsch. Ich bin, fühle mich, zu jung, um dieses Wort gebrauchen zu dürfen, um zu der Ansicht zu gelangen, daß früher nicht alles, aber so manches besser war.

Und so verteibe ich mir die Zeit mit Rückblicken, höre das 1998er Album von Creed, das mich einst monatelang fesselte, lausche den Alben "Time To Move" [1994] und "Discover My Soul" [1996] der H-Blockx, die vielleicht Mitschuld trugen, daß ich in von Elektrogitarren dominierte Musikrichtungen meine Vorlieben zu finden begann.

Ja, ich kehre gar noch weiter zurück, zu "Forever Young" von Alphaville, zu den früheren Depeche Mode, zu Pink Floyd, den Doors und Creedence Clearwater Revival. Sicherlich lag das zumeist vor meiner Zeit, doch beschert mir dieser Rückblick mehr Freude als ein Blick auf die musikalische Gegenwart.

Lausche ich einfach nur die falschen Klängen? Entging mir, daß die zahlreichen, nicht erwähnten Morast-Gutfindbands nicht minder zahlreiche Alben herausbrachten, deren Qualität die ihrer früheren Werke nicht nur übersteigt, sondern mich in euphorisches Entzücken versetzen werden, sobald ich ihrer einmal [an]hörig geworden sein werde? Oder werde ich tatsächlich alt, so alt, daß ich mich nach Zeiten zurücksehen, in denen die Musik noch gut war?

Doch ich sehne mich nicht nur zurück, freue mich auch auf Neues, wünsche mir, daß das Neues das Alte um Längen schlägt oder zumindest ihm ebenbürtig ist, wünsche mir, daß ich freudig erregt durch die Musikdatenträgerverkaufsläden spaziere und mich nach stundenlangem Reinhören gar nicht entscheiden kann, welches der vielen wahrlich genialen Werke ich denn zuerst erwerben sollte.

Und tatsächlich erlaube ich mir nicht, mir meine Zuversicht rauben zu lassen, harre geduldig des 17. Oktobers, an dem wohl das neue Werk von A Perfect Circle erscheinen soll. Und auch dem 14. November darf ich hoffend entgegenfiebern, weil dann voraussichtlich ein neues Dornenreich-Album veröffentlicht sein wird.

Ich hoffe also noch immer, obgleich die Zweifel bezüglich der Gegenwart und die Tatsache meiner derzeitigen Nahezu-Rückwärtsorientierung nicht vollends beseitigt werden können.
Ich gebe mir alle Mühe, doch vielleicht, möglicherweise, werde ich tatsächlich alt.

[Falls ich irgendwann nur noch von früheren Zeiten schreibe, nur noch darüber, was heute schlecht ist und damals - natürlich - besser war, möge jemand die Gnade haben, mich unmißverständlich - also auch unter Einsatz körperlicher und seelischer Gewaltanwendungen - darauf hinzuweisen.]

Freitag, 5. August 2005

Klingeltonkonzert

In die Regionalbahn von Halle nach Magdeburg steigen zwei junge Männer, vielleicht 20 Jahre alt, zu. Sie tragen verschmutzte Blaumänner und schieben prollige Mountainbikes. Kaum haben sie ihr Räder vertäut und Platz genommen, zücken sie ihre Handys, klobige, grellbunte Geräte, die anscheinend dem neuesten Stand der Technik entsprechen.

'Poser.', denke ich, doch betrachte neugierig ihre Aktivitäten. Diese beschränken sich allerdings auf nur eines: Auf den Austausch von Handy-Klingeltönen. Axel F, Tweety, Tweety Remix und der ganze andere Schwachsinn, den Musiksenderwerbepausen den Fernsehenden penetrant aufzuschwatzen versuchen.

Immer wieder vernehme ich qualitativ minderwertige, von Rauschen überzogene Geräusche, bekannte Melodien oder niveaulose Texte anspielend, offensichtlich auf lustig getrimmt, aber eigentlich nur anstrengend und spätestens nach dem zweiten Hören zu angewiderter Ignoranz führend.

"Schade, daß man das nicht auch als Weckton verwenden kann.", meint der eine Blaumannproll.
"Stimmt."

Soviel zu der Frage, wer den ganzen nervigen Dreckmist überhaupt haben will.

Unerkannt

Ich bin mir unsicher darüber, ob ich mir tatsächlich Gesichter besonders gut merken kann, ob ich innerhalb einer Gruppe meine Umgebung besonders intensiv betrachte, Einzelheiten bemerke, die niemandem sonst auffallen.

Doch oft geschieht es, daß mir auf der Straße, auf dem Campus, irgendwo, Personen begegnen, die ich zuvor nur ein- oder zweimal sah, zumeist zusammen mit andern. Schnell fallen mir dann die Umstände und Zusammenhänge ein, und in den meisten Fällen blicke ich der Beinahe-Bekanntschaft erwartend in die Augen, eine freundliche Begrüßung auf den Lippen bereithaltend.

Doch immer wieder geschieht es, daß die Personen mich an sehen und nicht wiedererkennen oder mich ignorieren, daß also ihre Haltung mir gegenüber nicht die gleiche offene, erfreute ["Schön, dich wiederzusehen."] ist wie meine Haltung ihnen gegenüber. Das erstaunt, ja bestürzt, mich.

Bin ich eventuell zu unauffällig, so daß ein Wiedererkennen nicht möglich ist?
Oder hinterlasse ich prinzipiell einen so negativen [oder eifnach nur unbedeutenden] Eindruck, daß ich gemieden werden kann/sollte?

Ich weiß es nicht.

Eine weltbewegende Erkenntnis

Ich glaube nicht, der erste zu sein, den diese wenig bahnbrechende Erkenntnis überfällt und schmunzeln läßt, doch sei sie erwähnt, um sie überhaupt irgendwo erwähnt zu wissen. Schließlich ist sie mir bisher nirgendwo begenet, obgleich sie offensichtlicher denn offensichtlich ist:

Bateman ist Batman.

Ausführlich:
Patrick Bateman heißt die Figur, die der Schauspieler Christian Bale in dem Psychothriller "American Psycho" aus dem Jahr 2000 spielt.
Fünf Jahre später mimt Christian Bale den superreichen Bruce Wayne in "Batman Begins", schlüpft somit also auch in das Fledermauskostüm des Batman.

Demnach wurde Bateman zu Bateman.
Eine weltbewegende Erkenntnis

Not at all

There's no way to the future.
No way out at all.

Donnerstag, 4. August 2005

Weise Worte 8

In sein ist out.

Menschen 17: Begegnung mit einem Jungen

Es sind Sommerferien.

Das begreife ich spätestens, als ich bemerke, daß sich in der gesamten McDonalds-Filiale nur noch ein einziger, freier Tisch befindet, an dem ich mich platzieren kann - inmitten des Raumes. Normalerweise bevorzuge ich, irgendwo am Rand zu sitzen, den Rest der Welt in Augenschein nehmen zu können, unbeobachteter Beobachter zu sein.

Doch mir bleibt keine Alternative; ich lasse mich nieder, krame mein Buch aus dem Rucksack und verstecke mich dahinter, lese, während ich die geschmacklich wenig beeindruckenden, aber immerhin vorübergehend sättigenden Komponenten meiner Mahlzeit in mich hineinschaufle.

Als sich die Nahrungsaufnahmeprozedur einem Ende nähert, stehen plötzlich vom Nebentisch zwei Personen auf, die mein Interesse auf sich ziehen: Eine ältere, relativ unscheinbare Frau, die ich auf Ende Dreißig schätze und ein vielleicht dreizehnjärhiger Junge, dem seine Krankheit, besser: sein Defekt, sofort anzusehen ist. Er hat Trisomie 21, auch als Mongoloismus oder Down-Syndrom bekannt.

Neugierig betrachte ich ihn. Er schaut zurück. Ich bemühe mich, nicht mitleidig, nicht abwertend zu blicken - nur offen, interessiert.

Seine Mutter geht an mir vorbei, bringt ihr Tablett weg. Der Junge folgt, geht ohne Zögern auf mich zu und streckt mir seine Hand entgegen:
"Hi!"

Für einen Augenblick bin ich verdutzt, dann freue ich mich, daß es die linke Hand ist, die er mir reicht, da meine rechte mit Nahrungsmittelimitaten vollgestopft ist. Lächelnd schlage ich ein:
"Hallo."

Seine Hand ist warm und weich, fühlt sich durchaus angenehm, normal, an.
"Hi.", sagt er nochmal, grinst, zieht seine Hand zurück und schaut mich an.
"Hat's geschmeckt?" frage ich ihn. Er nickt, grinst wieder vergnügt und reibt sich woglig den Bauch. Die Mutter sieht ihn an, offensichtlich wenig begeistert.

"Tschüß.", verabschiedet sich der Junge.
"Tschüß.", antworte ich herzlich.

Und während ich den beiden nachsehe, entdecke ich an einem anderen Tisch eine Frau, die ihren normalgeratenen Sohn geistesabwesend streichelt, als wolle sie sich vergewissern, ja bedanken, daß er nicht behindert sei.

Mittwoch, 3. August 2005

Assoziationswirrwarr

Beim Betrachten von unerlaubt an graffitiübersäte Leerstandshäuserwände geklebte Plakaten mit Linksradikalparolen assoziierte ich neulich das Wort Naziscum nicht mit dem Versuch, Beleidigungen gegen politisch entgegengesetzte Meinungsvertreter in prägnanter, demnach englischsprachiger Form auszudrücken, sondern mit einer auf dem I zu betonenden Variante eines mir unbekannten, leicht abgefälschten, aber trotzdem ursprünglich lateinischen Wortes:
nazíscum, nazisci n.
Oder so.

Erschreckend

Es ist erschreckend festzustellen, wie fest ich mich einst an sie klammerte, wie sehr ich sie mit mir, mit meiner Anwesenheit, bedrängte - in dem festen Glauben, das einzig Richtige zu tun, sie somit dazu bewegen zu können, mir die Sicherheit zu geben, die ich ersehnte.

Es ist erschreckend festzustellen, daß ich jahrelang stillstand, einfach nur wartete, darauf wartete, daß sie sich entscheidet zurückzukommen, zu mir zurückzukehren, daß sie einsah, was - in meinen Augen - das Beste für sie war, daß sie begriff, daß ich es war, den sie suchte.

Es ist erschreckend festzustellen, daß ich - irgendwo in mir - noch immer warte.

Sinnsuche

Und würd ich mir - in trübstem Sinn
die Knitterstirne raufen
zu ahnen, was ich werde, bin
mein letztes Wort verkaufen
der Haare stolze Sturmespracht
in tiefe Falten schlagen
und mich - als hätt ich tief gedacht
in fremdes Andersleben wagen

Und würde ich der Lippen Strich
nach unten redlich biegen
ein Lächeln finden - nur für mich
und meiner Furcht obsiegen
den Schlechtelauneschalter tief im Kopf
zum Gutsinn hin bewegen
des Schicksal schlüpfrig-süßen Schopf
auf meine Tränen legen

Und würde ich nicht was ich bin
nur was ich will erfragen
die Antwort sehnend - ein Wohin
nicht mit dem Jetzt mich plagen
noch mit der Einsamkeit des Seins
die dem Alleinsein gleicht
zuweilen schmerzt, als wär es eins
doch nimmermehr vom Herz entweicht

Und würd ich im Alleinsein still
mich selbst, den Weg, erschließen
es wieder als ein Ichgefühl
nicht als Verbannung wissen
und flink, mit stolzem Stolperschritt
dem faden Gestriggrau entweichen
vom Tränentrunk längst matt und sitt
die helfend Hand mir reichen

Dann riefe ich mit Stimmenglanz:
"Noch heut' wird alles besser!"
und spräng dem Tod im Freudentanz
vom blutigscharfen Messer.
Ich flüsterte mir selbst ins Ohr:
'Glaub nicht, das nichts verbliebe
Denn irgendwo im Sein liegt Sinn
und sei es nur die Liebe.'

www.bluthand.de

Freitag, 29. Juli 2005

Der geplatzte Termin

Ich neige zu Unpünktlichkeit. Zumeist ist dieses Verhalten nicht beabsichtigt. Oft fahre oder gehe ich einfach nur erst auf den letzten Drücker los, so daß ich trotz aller Eile es nicht nicht schaffe, zum verabredeten oder gewünschten Zeitpunkt einzutreffen.

Gestern blickte ich auf die Uhr und stellte fest, daß ich in diesem Augenblick längst mein Fahrrad aus dem Keller holen sollte. Hasig packte ich meine Sachen zusammen und begab mich zur Tür.

Es klingelte. Der Paketdienst. Verdammt.

Ich rannte nach unten, nahm das Päckchen für meinen Mitbewohner in Empfang, rannte wieder hoch, entledigte mich des Päckchens, suchte meinen restlichn Kram, zog die Schuhe an und stürmte erneut die Treppen hinab, holte das Fahrrad aus dem Keller.

Ich war bereits zu spät.

Wie ein Besengter trat ich in die Pedale, nahm alle erdenlichen Schleichwege, Abkürzungen, fuhr risikoreich und schnell. 13 Uhr. Mensa. Das war nicht zu schaffen. Aber vielleicht konnte ich die Verzögerung minimieren, vielleicht hatte ich nur wenige Minuten Verspätung. Wenn ich nur noch schneller fahren könnte.

Rote Ampeln gab es nicht. Nicht für meine Augen. Ich wich Autos, Fußgängern aus, raste Straßen, Wege entlang. Schneller, schneller.

Von irgendeinem Fußweg fuhr vorsichtig ein Smart hinunter auf die Straße. An derselben Stelle wollte ich von der Straße auf den Fußweg hinauf. Wir waren einander im Weg, das sah ich sofort, lenkte, radelte ein paar Meter weiter, fuhr in Höchstgeschwindigkeit die Bordsteinkante hoch.

Und dann wurde ich langsamer. Irgend etwas stimmte nicht. Am Hinterrad schleifte etwas...
Der Schlauch war geplatzt. Mist!

Ohne Zögern schloß ich das Rad an den nächsten Fahrradständer, hastete zur Straßenbahnhaltestelle. Wenn gleich die Bahn käme, wäre das alles nicht so schlimm....
Die Bahn kam nicht. Ich wartete minutenlang.

Dann endlich sah ich sie, fuhr drei Haltestellen, stieg aus, hastete zur Mensa. Niemand wartete. Ich war zu spät.
Ich rannte die Stufen hinauf, in die Mensa hinein, sah niemanden.
Ich war zu früh.
Mist.

Nach einigermaßen sättigender Speise nahm ich erneut die Bahn und begab mich zu meinem Rad. Es stand noch immer da. Wie traurig, trostlos, ein platter Reifen wirken kann.

Ich hatte keine Lust, das Fahrrad bis nach Hause zu schieben oder mich von den Straßenbahnkontrolleuren wegen des fehlenden Fahrrad-Tickets für das Gefährt ausmeckern zu lassen. Kurzentschlossen begab ich mich zu Karstadt, kaufte einen neuen Schlauch, kaufte eine Luftpumpe und geeignetes Werkzeug.

Ich befreite mein Rad, drehte es um und wechselte den Schlauch.
Die argwöhnische Blicke der Passanten musterten mich. Doch niemand sprach mich an. Vermutlich hätte ich einem fremden Rad das Vorderrad ausbauen und selbiges stehlen können, ohne daß irgendwer angemerkt hätte, daß das nicht in Ordnung sei. Mir war es recht.

Direkt vor Karstadt, inmitten des Magdeburger Zentrums, umgeben von unzähligen Vorbeigehenden wechselte ich den Schlauch, ruhig, ohne Hast, im Schatten verweilend, innerhalb weniger Minuten, ohne irgendwelche Komplikationen, fast schon professionell.

Mit der neuerworbenen Pumpe befüllte ich den Reifen noch mit Luft, bevor ich mir in dem Brunnen, der sich direkt neben mir befand, ausgiebig meine Hände wusch. Ein perfekter Platz zum Reifenwechsel.

Ich lächelte. Nun konnte es weitergehen.

Donnerstag, 28. Juli 2005

Vista ganz kompliziert

Während Spreeblick und andere längst orakelten, daß die offensichtlich wenig durchdachte Namenswahl für das nächste Microsoft-Betriebssystem allerhand Rechtsstreitigkeiten mit sich ziehen wird, berichtet SpOn erst heute darüber, daß "Vista" als Firmen- oder Produktname längst unzählige Male vergeben ist.

In einer hübschen Bildergalerie führt SpOn neun Beispiele an, die belegen sollen, wie verbreitet der Name "Vista" weltweit bereits ist, jedoch auch zeigen, daß zuweilen komplizierte Dinge wie The Visual Statistics System zu kompliziert sind:

Nachtwandel

Es ist kurz nach vier, als ich erwache. Ich weiß davon nichts, vernehme nur das laute Klopfen der Regentropfen an meine Fensterscheibe, direkt neben mir. Plötzlich wird das Zimmer hell erleuchtet, verdunkelt sich wieder. Ein Grummeln folgt nur Sekunden später.
'Gewitter.', denke ich und freue mich.

Vergnügt lausche ich dem Klang des Regens, der immer intensiver zu werden scheint. Ich fühle mich geborgen, gemütlich, liege lächelnd in meinem Bett und starre an die Dekce
Die Blitze kommen näher, doch das kümmert mich nicht.

Durch das angekippte Fenster dringen ein paar kalte Tropfen in mein Zimmer, benetzen mein Gesicht. 'Regen ist schön.', stelle ich vergnügt fest und überlege, ob ich mich anziehen, rausgehen sollte, im Regen spazieren.
Ich entscheide mich dagegen, gebe mich meiner Müdigkeit hin, schließe die Augen und will wieder schlafen.

Mein Fahrrad fällt mir ein, das ungeschützt im Hof herumsteht und dem Regen ausgeliefert ist. Der Lenker ist leicht angerostet und auch einzelne Schrauben korrodieren bereits. Auch mein Schloß weigert sich in letzter Zeit zuweilen, ordnungesnäß zu funktionieren.
'Noch mehr Regen tut ihm bestimmt nicht gut.', stelle ich fest und überlege, ob ich das Rad in den Keller bringen sollte.

Ich bleibe liegen, doch finde keinen Schlaf. Das Bild des rostenden Fahrrads läßt mich nicht los, sitzt in meinem Schädel und bedrängt mich. Ich gebe mich nicht geschlagen, schließe die Augen noch fester, versuche, an anderes zu denken. Vergeblich.
'Ich werde keine Ruhe finden, bis ich das Fahrrad in den Keller gebracht habe.', mutmaße ich. Doch ich will nicht.

Nach einer geraumen Weile gebe ich auf, erhebe mich, werfe mir einige Klamotten über, suche meinen Schlüssel, schleiche durch die Wohnung, ohne das Licht anzuschalten.
Das Treppenhaus ist ruhig und dunkel. Meine Schritte schallen überlaut durch den Gang. Ich brauche kein Licht, nehme langsam Stufe für Stufe.

'Wie irreal.', stelle ich fest. Nachts um vier durch das Treppenhaus zu schleichen, erscheint mir unwirklich. Die ganze Situation wirkt auf mich, als wäre sie einer fremden Welt entsprungen. Fast kann ich mich selbst beobachten, wie ich die Treppen hinuntergehe, als sähe ich nur einen Film, läse nur ein Buch, dessen Protagonist zufälligerweise Ähnlichkeiten zu mir aufweist.

Ich betrete den Hof. Das stille Treppenhaus hat mich den Regen fast vergessen lassen. Doch hier höre ich ihn, rieche ihn, er ist allgegenwärtig. Das Donnergrummeln dröhnt aus weiter Ferne, die Tropfen klatschen wild auf meinen Körper.

Ich gehe langsam, träge, genieße die Nacht, das Naß. An die Mauer gelehmnt erwartet mich mein Farrad, mit Tropfen übersät, fast ungeduldig.
"Ich bin ja da.", murmle ich - wie zu einem traurigen Kind und trage es vorsichtig in den Keller.

Die Stufen nach oben nehme ich gar nicht mehr wahr. Ich schließe auf, ziehe die Schuhe aus, gehe ins Bad. 4.22 Uhr. 'Zeit zu schlafen', denke ich müde und lege mich wieder hin, mit gutem Gewissen.
Sofort schlafe ich ein.

Mittwoch, 27. Juli 2005

Popcornporn

Eben stutzte ich kurz, als ich feststellte, daß in POPCORN das Wort PORN enthalten ist.
'Das kann doch kein Zufall sein!', dachte ich mir und forschte nach:

POPCORN
P-OPC-ORN bzw.
PO-PCO-RN
Blieb nur noch herauszufinden, was "OPC" bzw "PCO" bedeutete...

Allerdings mußte ich feststellen, daß die vielen Antworten mal wieder wesentlich unspekulärer waren als die Frage.

Obwohl: Daß die Orthodox Presbyterian Church da ihre Finger mit im Spiel haben könnte, empfinde ich durchaus als amüsant.

Eigenarten

Heute hatte ich Grund, mich über mehrere meiner Eigenarten zu wundern und sie mitleidig-geringschätzend-erstaunt zu belächeln. Und obwohl ich eigentlich lernaktiv in der Universitätsbibliothek saß, schweiften meine Gedanken immer wieder hinüber zu den Dingen, die ich für befremdlich und gleichzeitig normal halte, die deswegen einer Niederschrift durchaus würdig sind, aber vermutlich nur einen Auszug aus der Gesamtheit ihrer selbst darstellen:

- Wenn ich schlechte Laune habe - und das geschah beispielsweise am heutigen Vormittag -, ärgere ich mich darüber. Soweit nichts Ungewöhnliches.
Doch wird mir mein Ärger bewußt, steigert sich meine ohnehin schlechte Laune noch. Ein Teufelskreis.

- Ich kann mich selbst verarschen. Das klappt sogar, wenn ich es bewußt darauf anlege: Bei schlechter Laune hilft Essen. Danach geht es mir besser. Immer. Egal, ob ich beabsichtige, meine Laune zu verbessern oder nicht.

- An verschiedenen öffentlichen Orten besuche ich immer dieselbe Toilettenkabine [Pissoirs meide ich stets]. Es fällt mir leicht, aus dem Gedächnis aufzuzählen, wo ich mich wohin wenden werde, sobald ich das dringende Bedürfnis habe, Stoffwechselendprodukte abzugeben:
» "100Wasser" in Halle: die linke Kabine
» Cinemaxx Halle: die erste Kabine auf der rechten Seite
» Universitätsbiblitothek Magdeburg: die dritte Kabine
» ehemalige Unibibo Magdeburg: die erste von rechts
» Gebäude 16, Campus, MD: ganz links
» Allee-Center MD: erste von links
» ...

- In der Universitätsbibliothek Magdeburg stellte ich heute mal wieder fest, daß ich auf Zahlen versteift bin. Ich belege, obwohl es sich um einen vergleichsweise kleinen Spind handelt, immer den mit der Nummer 23.
Ist er besetzt, kehre ich zuweilen durchaus unverrichteter Dinge wieder heim. Oder ich suche - wie heute - verzweifelt einen Ersatz, irre durch die Gänge, bis mir eine freie Spindnummer behagt.
Heute erwählte ich die 55. Eine schöne Zahl.
[Erstaunlicherweise ist das die Nummer des Spinds, den ich in der Magdeburger Stadtbibliothek bevorzuge.]

- Sehe ich einer schönen Frau in die Augen und schaut sie zurück, versuche ich natürlich, den Blick nicht zu senken oder abzuwenden. Statt dessen verkrampfe ich meine Zehen, rolle sie im Schuh zusammen.
Das befriedigt meine Zurückhaltung/Schüchternheit, doch bleibt glücklicherweise unbemerkt.

- Wenn ich ein gutes Lied [über Kopfhörer, aber auch auf "normalem" Wege] vernehme, kann ich mich oft nicht beherrschen und muß mitsingen, mich mitbewegen, egal wie lächerlich das klingt oder aussieht.

- Ich hasse Tabletten. Wenn ich Kopfschmerzen bekomme, zwänge ich mir lieber literweise Wasser rein [Trinken hilft tatsächlich.] und gehe zeitiger zu Bett oder ertrage das nervige pochen im Schädel, als mir eine Kopfschmerztablette zu erlauben.

[... wird evtl fortgesetzt ...]

Daseinsberechtigungsnachweis

"Ich habe mir schon so manches mal überlegt, wie böse es für sie wäre, wenn sie plötzlich ihre Daseinsberechtigung nachweisen und begründen müßten, warum sie weiterleben sollten."

[aus: Lewis Carroll "Sylvie & Bruno"]

Gedanken über Drängendes

Ich würde gerne schreiben. Oder zeichnen.

Ich fühle es, fühle es in mir. Ich muß schreiben. Mir fällt nichts ein. Ich muß zeichnnen. Alles, was das Papier hergibt, ist Altbekanntes, seelenloses Hingekritzel.

Gut, dann doch Wörter. Ich könnte die eine Kurzgeschichte zu Ende schreiben. "Donnerstag" heißt sie. Ihr fehlen nur noch zwei Kaptitel. Oder die vom Herrn Konjunktiv. Sie besteht bisher nur aus einem einzigen Kapitel. Dieses ist aber ziemlich gelungen. Oder jene Sci-Fi-Fantasy-Geschichte, für die ich bisher nur drei Vorworte und eine riesige, überdimensionale, in Stichpunkten zusammengetragene Vor-Handlung verfaßte. Oder die von dem Jungen, der mit seinem dreizehnten Geburtstag eine besondere Gabe geschenkt bekommt, die sowohl Fluch als auch Segen darstellt. Oder ich beende eine der anderen, unzähligen Geschichtchen, die ich begann und dann liegenließ.

Doch ich kann nicht. Will nicht.

Schleßlich muß ich studieren. Ich müßte lernen, an meiner Studienarbeit schreiben, müßte mich kümmern, bemühen, nicht sinnlos Wörter aneinanderreihen, sondern mich auseinandersetzen, mich befassen, das Leben wichtig nehmen.

Vielleicht ist es das: Mein Dasein ist mir nicht wichtig genug. Ich lasse mich in ihm treiben und weiß, daß ich irgendwo ankommen werde. Es ist nicht schwer, zufrieden zu sein mit dem, was man hat. Das stellte ich längst fest.

Vermutlich köntne ich sogar meine Studienarbeit weiterschreiben. Ich fühle es. Doch mir fehlt der Stoff, die Information, der Input. Und wenn ich mich an meine unzähligen, ergebnislosen Versuche in der Vergangenheit erinnere, das Benötigte zu beschaffen, verzweifle ich, halte inne, verharre im Moment - und lasse mich treiben.

Einen Tritt in den Hintern, das ist es, was ich brauche. Irgendwer, vermutlich ich selbst, muß mir ins Ohr schreien:
"Los, du Kasper! Willst du ewig auf derselben Stelle stehenbleiben, während um dich herum alles fließt, alles weitergeht? Willst du ewig der Nichtigkeit frönen, wo doch die Zukunft so nahe liegt? Willst du wirklich dir selbst zusehen, wie du Tag für Tag lebst, als wäre es unbedeutend, ob "heute" heute, morgen oder gestern darstellt? Willst du wirklich nichts sein?"

Ich möchte schreiben, möchte zeichnen, möchte kreativ sein. Doch das Wissen, der Durck, etwas anderes machen zu müssen, etwas vermeintlich Sinnvolles, Nützliches, etwas, das mich weiterbringen, vorantreiben soll, lähmt mich, mein Denken.

"Du kannst auch danach noch kreativ sein." Haha. Es gibt kein "danach". Gab es nie. Zum einen, weil immer neue dringende Dinge darauf warten, endlich erledigt zu werden. Zum anderen, weil die wirren Gedanken, das kribbelnde Gefühl des Könnens, der Möglichkeiten, nicht planbar, nicht in eienn Terminkalender einsortierbar ist, weil es mich überfällt, mich unterbricht, sich an mich schmiegen und im nächsten Moment für endlose Tage verlassen kann.

Ich besitze keinen Terminkalender.

Das ist falsch. Ich besitze mehrere Terminkalender. Doch ich nutze keinen. Früher dachte ich, daß jeder Termin, den ich mir nicht merken kann, nicht wichtig genug wäre. Das ist natürlich albern. Stumpfsinn, sozusagen. Nun schreibe ich mir Zettel, verteile sie möglichst sichtbar in meinem unaufgeräumten Zimmer, oder kreiere kleine Textdateien auf dem Desktop, die mich erinnern, falls etwas wirklich wichtig ist.

Doch erstaunlich wenige Dinge sind tatsächlich wirklich wichtig, Das meiste läßt sich verschieben, ignorieren, zumindest vorübergehend. Abwarten und Tee trinken. Oder ein Brötchen essen. Mit Nuß-Nougat-Creme. Das werde ich jetzt tun.

Vielleicht bin ich ja dann bereit, mich dem eigentlich Bedeutsamen, dem ewig Drängenden, Unerreichbaren zu widmen.
Ich bin guter Dinge.

Öffentliche Geheimniskrämerei

"The things that make us feel so abnormal, are actually the things that make us all the same."

Auf PostSecret befindet sich eine umfangreiche Sammlung kleiner und großer Geheimnisse, auf Postkarten geschrieben, gezeichnet, gedruckt - und schließlich der Öffentlichkeit preisgegeben.
Bilder, die in ihrer Menschlichkeit zu beeindrucken wissen.



[via brittbee]

Samstag, 23. Juli 2005

Meta-Fragen

Heißen eigentlich Diskussionen über Meta-Diskussionen "Meta-Meta-Diskussionen" oder immernoch "Meta-Diskussionen"?

Außergewöhnliche Brotsorten

Im Kaufland kann man die verschiedensten Brotsorten erwerben.
Die Firma PEMA allein bietet ein umfangreiches Sortiment an, das in einem entsprechenden Regal ordentlich nebeneinander angeordnet wird:
Reis-Brot, Dinkel-Brot, Roggen-Brot, Barbara-Rütting-Brot, ...

Bitte was? Ja, richtig gelesen: Barbara-Rütting-Brot.

Wenn also in Reis-Brot Reis, in Dinkel-Brot Dinkel und in Roggen-Brot Roggen enthalten ist, will ich nicht wissen, welche Zutat Barbara-Rütting-Brot so außergewöhnlich macht.

Von Fahrradrockern und Trendcruisern

O ja, liebes Fernsehen, genau das brauche ich!

Ich besitze keinen Fernseher, schlauche mich diesbezüglich immer wieder gerne bei meinen Mitbewohnerinnen durch, für die ich im Gegenzug Hausarbeiten ausdrucke und technische Probleme behebe. Doch darum geht es nicht.

Warum dann? Ganz klar: Es geht um "Pimp My Ride", um "West Coast Customs", um "Pimp My Fahrrad", "ElbCoastPsycles", um Fahrradrocker und Sommertrends.
Ich fang am besten von vorne an.

Mittlerweile dürfte MTV Deutschland die aus den Vereinigten Staaten importierte, notdürftig mit deutschen Untertexten versehene Sendung so oft wiederholt haben, daß ich mit keinem Wort mehr erwähnen muß, was "Pimp My Ride" ist und was die eloquente, überbelichtete Raplegende Xzibit in dieser Sendung treibt:
Vermeintliche Schrottkisten US-amerikanischer Jugendlicher, die wegen ihrer qualitativ minderwertigen Autos von Freunden und Fremden geächtet werden und in ihrem jämmerlichen Dasein keinen Sinn mehr sehen, werden durch die WestCoastCustoms-Beautycar-Therapie mittels Pappmaché, Lackfarbe und überdimensionalen Flachbildschirmen in glitzernde Pornoprollmobile verwandelt - selbstverständlich, ohne die schwächliche Motorleistung des batteriefressenden Zuhältervehikels auch nur ansatzweise zu verbessern - und führen die vorher Automobilwrackgeplagten dadurch in ein besseres Leben voller Freunde, Liebe und Sonnenschein.

Die Idee schien den deutschen MTV-Machern so genial, daß es nichts Wichtigeres gab, als einen billig-schlechten deutschen Abklatsch zu erschaffen, der zugleich eine innovatives Trendimage verkörpert, mit dem wiederum irgendeine überdimensionale Geldmaschinerie in Gang gesetzt werden konnte:
"Pimp My Fahrrad" - ein selbstironischer Pseudotitel, der dem letzten Dummbatzen den Spagat zwischen den unübersehbaren Parallelen zum amerikanischen Vorbild und der Illusion, etwas völlig Eigenes, Neues, Deutsches geschaffen zu haben, in den fernsehtumben Hohlschädel stopft.

Anstelle von Xzibit gibt es nun Oliver Korittke, einen jugendlich-hippen Schauspieler, dessen "roots" ihn natürlich zu den achsotollen Zweiradcruisern führen, bei denen es sich allerdings nicht - wie zu erwarten war - um abgehalfterte Baumarktfahrräder aus dritter oder vierter Hand dreht, die schon originalverpackt wegwerftauglich gewesen waren, sondern um übergeile, antik-moderne Markenraritäten aus den siebziger Jahren, mit denen sich die heutige Jugend allerdings kaum oder gar nicht mehr identifizieren kann, liegen doch die Ursprünge dieser Trendfahrräder nicht nur in ferner Vergangenheit, sondern beschränken sich auch nur auf jahrzehntelang marktwirtschaftlich geprägte Teile Deutschlands.

Doch dagegen kann man etwas tun. Irgendwie müssen die Kinder ja vor den Fernseher [und in die Geschäfte] gelockt werden. Das gelingt nicht mit einer - sicherlich durchaus nützlichen, aber reichlich unspannenden - "Wir-Reparieren-Dir-Dein-Klappriges-Standard-Billigrad"-Sendung, sondern natürlich nur mit Dingen, die in den Augen kaufbereiter Zuschauer als "in" angesehen werden.
Also kreiert man einen Trend.

Plötzlich mutieren Cruiser, Stretchcruiser und Chopper vom lächerlichen Mackerfahrrad verwöhnter Diplomatenkinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten zum ultimativen, angesehenen Optimaltrend. Die Superfahrräder geistern durch die Medien, sammeln sich in Jugendzeitschriften, in niveaufernen Fernsehmagazinen, avancieren zu Testobjekten für die abgefahrenste [You get it?] Fortbewegungsart des Jahres, gelten als innovativ und begehrenswert.

Mit diesem Cruiser oder Chopper unter dem eigenen sofaverwöhnten Schwabbelhintern verwandelt man sich vom kartoffelchipabsorbierenden TV-Belagerer zum umweltbewußen Straßenrocker, zum beneideteten Blickfang, zum Zielobjekt für alle willigen Girlies und paarungsbereiten Boys, zum besten Freund für jedes Erdenwesen.
Denn jeder einzelne von uns kann anders, eigen, individuell, sein, kann seiner Kreativität, seiner Besonderheit, Ausdruck verleihen. Mit diesen Fahrradimitaten kann wirklich jeder langweilige Normalospießer, jeder modeblinde Nichtsblicker, als kraß-genialer Trendsurfer, als heißer Oberchecker, durchgehen.

Fahrradfahren ist nicht länger von Skatern und Inlinern müde belächelter Omasport, sondern ein Trend, auch abseits von Armstrong & Co. Farradfahren heißt auch nicht länger so, sondern "cruisen".
Das klingt smooth und amerikanisch, lässig, aber auch noch immer nach Aufmerksamkeitsmittelpunkt, nach Trend.

Grund genug also, jede zweite Fernsehsendung mit diesen Rädern vollzustopfen, sie zu bewerben, gutzuheißen, zu empfehlen.
Grund genug also, das Vorjahresfahrrad dem Schrotthändler zu vermachen und in den nächsten Zweiradladen zu rennen.
Grund genug also, sich gleichzeitig alternativ-independend-trashy und ultimativ-maintream-trendy fühlen zu wollen.
Grund genug also, um Mami und Papi um ein zusätzliches Taschengeld anzubetteln.
Es dient schließlich einem guten Zweck: No more sinnlose TV-Glotzerei. Es lebe das City-Cruisen.

Mami und Papi werden allerdings staunen ob der wenig einladenden Kosten, die ein solcher Cruiser, ein solcher Chopper, verursacht - vergessen jedoch, daß der zusätzliche Bullshit-Schnickschnack, mit dem man sein Bike noch indiviueller, noch einmaliger, noch genialer, aussehen lassen kann, in der preisintensiven Investition noch nicht inbegriffen ist:

500 Euro für ein Fahrrad, dem maximal Dreigangschaltung innewohnt, für ein Fahrrad, bei dem Farbe und überflüssige, mit Minimalmalaufwand entwendbare Würfelventilkappen höhere Priorität als für den normalen Straßenverkehr vorteilhafte Technik besitzen, für ein Fahrrad, das alt, "used", abgewrackt und billig aussieht, aber doch neu und überteuert in den Spezialläden herumsteht, für ein Fahrrad, mit dem man gerade mal nur so durch die Gegend "cruisen", lässig den Sommerwind genießen, keineswegs aber Spitzengeschwindigkeiten oder optimalen Dauerfahrkomfort erwarten kann, für ein Fahrrad, das einfach nur "aussieht", aber trotz allem nichts "ist"...

Ich besitze keinen Fernseher, doch werde trotzdem belästigt: Mit hochgepuschten "Trends", mit einer zunehmenden Anzahl an Oberflächlichkeiten, deren hintergründige Bedeutung inexistent ist, aber durch werbestrategisches optimiertes Buntweltgeseirte verschleiert wird, mit der Darbietung preisintensiver Nonsens-Selbstfindungsmöglichkeiten, mit dem kommerzialisierten Ausverkauf der eigenen Individualität - beschränkt auf mit Markennamen beklebte, leicht durchschaubare Trugbilder.

Laßt euch durch Medienpropaganda in Trendrichtungen zwängen!
Begeistert euch nur für Dinge, die offiziell als begeisternswert deklariert wurden!
Frönt dem marktwirtschaftlich-korrektem Konsum!
Kauft euch euer Leben!

frag

frag mit leisem zungenzittern
frag, bevor die nacht erlischt
frag mit schüchtern-keckem lächeln
frag mich flüsternd
frag mich nicht.

aus der stille der gedanken
heimlich hinter klang versteckt
seh ich dich in tausend träumen
beobachte, was nichts entdeckt.

frag mich ohne jedes morgen
frag, was warm im herze lacht
frag und setze mich in flammen
frag, was du noch nie gedacht.

fang den glanz in meinen augen
frag, was nur im geist mir scheint
spring aus meinem traum ins leben
frag, was wirklichkeit verneint.

www.bluthand.de

Überrascht vom eignen Leben

Wäre es die schönste jeder Möglichkeit
Sich hinzugeben ohne Halt
Als gäbe es keinen Morgen danach

Wenn Liebe käme
Und sie käme heut Nacht
Würdest du bleiben bis in den
Morgen danach

In der Schönheit dieser Stunden
In der Stille vor dem Augenblick
Überrascht vom eignen Leben
Wenn das Herz auf rot erschrickt


[aus: Zinoba - "Wenn Liebe Käme"]

Freitag, 22. Juli 2005

Das Wort des Tages 23

Das Wort des heutigen Tages sei
lauffaul.

Dieses zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus, die wahrlich zu beeindrucken wissen.

Die zweite Silbe des Wortes bildet eine Art Spiegelung der ersten. Ich weiß, das funktioniert nicht ganz, nur fast.
Aber dieses "fast" ist beabsichtigt, entsteht doch dadurch ein verdoppeltes "au", das einerseits irgendwie kurios wirkt [Welches deutsche Wort, außer "maulfaul", enthält innerhalb von zwei Silben schon zwei "au"s?] und andererseits einen wortinternen Reim verursacht.
Durch diese Wiederholung der gleichen Buchstaben wird zudem der äußere Sinn nach innen getragen, was natürlich auch irgendwie fetzt.

Genug Gründe also, um lauffaul zum Wort des Tages zu deklarieren.

Donnerstag, 21. Juli 2005

Antiquiert und ausgestorben

Ich hatte Glück. Die nahezu magische Aura meiner Mitbewohnerin sorgte mal wieder dafür, daß die richtige Straßenbahn zum richtigen Zeitpunkt eintraf. Wir setzten uns einander gegenüber, und ich bekam die Möglichkeit, die beiden Personen zu betrachten, die sich gerade hinter meiner Mitbewohnerin plaziert hatten.

"So.", sagte die Oma, eine Standardfloskel benutzend, "Das hätten wir auch noch geschafft."
Ihr Enkel, ein vielleicht Acht- oder Neunjähriger mit leicht hervorstehendem Oberkiefer und dunkelblauem Basecap nickte unbeteiligt. Doch während er Fahrt taute er auf, begann zu erzählen.

Er hatte einen Sprachfehler. Sein "Sch"-Laut klang stets wie ein stimmloses "S", ebenso sein "Z".
"Neulich waren wir bei der Polisei.", wußte er zu berichten.

Ich verstand nicht jedes Wort; das Rumpeln der Straßenbahn übertönte das meiste. Doch dann vernahm ich einen vollständigen Satz aus seinem Mund:
"Jetst gebe ich keinen einsigen Grossen mehr aus."

Mich verwunderte nicht länger seine Aussprache, die "einzigen" zu "einsigen" und "Groschen" zu "Grossen" formte, sondern einzig und allein die Verwendung des Wortes "Groschen".

Warum sagte er nicht "Pfennig" oder "Cent"? Warum "Groschen", jenes antiquierte Wort, das sich schon vor der Einführung des Euro bereits aus dem allgemeinen Sprachgebrauch zurückgezogen hatte, aber spätestens danach nur äußerst selten anzutreffen war, nur noch dort, wo man zuweilen noch immer Euro mit D-Mark oder gar Mark verwechselte.

Das veraltete Wort "Groschen" in dem Mund des Jungen wirkte befremdlich und brachte mich zum Staunen.

Nicht minder jedoch staunte ich über das, was er aus einer Müller-Plastiktüte hervorkramte.
"Jetst habe ich mein eigenes Tamagotsi!", freute er sich mit einem Glitzern in den Augen.
Und tatsächlich: Es war noch orginalverpackt, aber eindeutig ein Tamagotchi!

"Ich wußte gar nicht, daß es die wieder gibt.", murmelte ich vor mich hin.
"Ich dachte, die wären längst ausgestorben."

Tagesanbruchsunfröhlichkeit

Als ich erwache, regnet es.
Mich stört der Regen nicht.
Mich stört das Erwachen.

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