Einst nannte ich mich eifrig trainierendes Mitglied eines Leichathletikvereins. Ich, schon immer von schlanker, vielleicht sogar dürrer Statur, brachte keine Höchstleistungen hervor, doch begriff ich mich als guten Langstrecken- und Ausdauerläufer.
Ein- bis zweimal jährlich bot unser Verein ein Trainingslager an, das selbstverständlich einem intensivierten Leistungsaufbau, aber auch einem angenehmen Zusammenfindungseffekt dienen und vor allem Freude bringen sollte. Und das tat es durchaus, wurden doch neben der täglichen Traininsgeinheiten Wanderungen unternommen, Städte besucht und anderen amüsanten Tätigkeiten gehuldigt.
Etwas, das wohl als Bindeglied zwischen "Spaß" und "Training" dienen sollte, war die Sauna. Ich war noch nie ein eifriger Repräsentant meines eigenen Leibes gewesen und vor allem mit beginnender Pubertät wenig begeistert von dergleichen Aktivitäten. Doch mir blieb keine Wahl - mein Selbstbewußtsein und mein Verweigerungssinn waren noch nicht sonderlich ausgeprägt -, mich in die Massen einzureihen, die scheinbar tatsächlich Freude zu emfpinden vermochten, anstatt ihrer - meiner Ansicht nach natürlichen - Scham irgendwie Ausdruck zu verleihen.
Das Schönste an der Sauna war für mich das anschließende Abduschen inklusive des dazugehörigen Pulszählens in der Ruhephase. Ich mochte es, meinen Puls zu spüren, mochte es, meinem Herzschlag zu lauschen, zu fühlen, wie lebendig ich war. Ich liebte es zu zählen, wie sehr die Hitze mir zugesetzt hatte, wie eifrig mein Körper bemüht war, Sauerstoff durch meine Adern zu pumpen. Ich genoß es, wenn die erstaunlich hohen Pulszahlen rasch geringer wurden, wenn ich in wenigen Minuten wieder meinem Ruhepuls näherte, wenn ich mir gewiß wurde, daß es mit meiner Kondition doch gar nicht so weit her war.
Der Rest der Sauna mißfiel mir. Dabei war die Hitze noch das geringste Problem. Kinder auf dem Weg in ihr Dasein als Jugendliche, neigen zu Übertreibungen, zu sinnlosen Kraftakten, vor allem, wenn feminine Altersgenossen den eigenen Posen beiwohnen. Also war es nicht nur Pflicht, sich in der Sauna möglichst weit oben zu positionieren, sondern auch noch so lange wie möglich - also, bis der Trainer die Selbstkasteiung abbrach - an dem feuchtheißen Ort auszuharren.
Unsere beiden Trainer - männlich und weiblich - gesellten sich übrigens nie zu uns, was ich nur gutheißen konnte. Das einzige, was sie neben dem Abbruch übertriebener Ausharrungsmutproben und saunaabschließender Zöglingsfürsorge taten, war, in regelmäßigen Abständen die Sauna zu betreten, in der wir alle tapfer schwitzten, sich zu dem Blecheimer neben dem Saunaofen zu begeben, ein wenig in den glühenden Kohlen herumzustochern und dann den Aufguß zu initiieren.
Denn ein Ritual war es durchaus. Schon wenn die Trainerin [in den meisten Fällen war es tatsächlich sie] die Sauna betrat, stöhnten wie alle auf. "O nein!" Ich glaube, das war es, was den Trainern an der Sauna am besten gefallen hatte: diese kollektive Verzweiflung aus unseren, sonst so großspurig tönenden Mündern.
Über der linken Schulter hing - einer namenlosen Bedrohung, einer unbesiegbaren Waffe, gleich - das Handtuch, das böse, unheilbringende. Nach dem Glutstochern bückte sich unsere Foltermagd stets, entnahm dem Metalleimer eine Kelle aus gleichem Material, tauchte sie in das lauwarme Wasser, zog sie heraus - und verteilte deren Inhalt langsam auf den glühenden Kohlen. Es zischte. Es dampfte. Die Atemluft war übersättigt von Hitze und Feuchtigkeit.
Weitere Kellen folgten. Dann war es vorbei. Nun ja, nicht ganz; schließlich mußte die ofenheiße Luft, der glühende Dampf, noch gleichmäßig um unsere nahezu nackte Leiber verteilt werden. Wir sollten schwitzen, schwitzen, schwitzen.
Und wir schwitzten. Die Trainerin nahm das Handtuch von der Schulter, breitete es aus und begann damit, uns die hitzige Luft zuzuwedeln. Wieder und wieder und wieder. Wir vermochten kaum zu atmen. Es roch, es schmeckte, nach Rauch, nach Kräutern, nach heißem Wasser, nach heißer Luft. Unsere Haut sehnte sich, verlangte nach einer Pause, nach Kühle, nach Wasser, nach Wind, kaltem Wind. Doch wir kannten keine Gnade uns selbst gegenüber.
Zumindest nicht, solange die Mädchen noch bei uns verweilten. Sobald diese allerdings gegangen waren, ihr Recht, das "schwächere Geschlecht" zu sein, einfordernd, nachdem sie uns verlassen, allein gelassen hatten, atmeten wir auf - und rückten nach unten. Eine Stufe, manchmal auch zwei.
Während des Trainingslagers, während der häufigen Saunabsuche, hatte ich die meiste Zeit in der Mitte gesessen und blieb dort. Ich war kein Held, wollte keiner, konnte keiner sein sein. Schließlich war ich nackt.
Eigentlich war niemand nackt. Nicht wirklich jedenfalls. Ich glaube, ich habe während des Trainingslagers niemals eine Mädchenbrust zu Gesicht bekommen. Die Scham war - unter uns allen - groß genug, um unsere primären [und sekundären] Geschlechtsmerkmale - obgleich noch längst nicht ausgebildet - verhüllt zu wissen. Handtücher leisteten dazu gute, ja hervorragende Dienste.
Ein Handtuch in der Sauna war Pflicht; schließlich durften die Holzbänke nicht mit unserem Schweiß getränkt und somit für andere Nutzer unerträglich gemacht werden. Die Handtücher bildeten das Alibi, das uns half, unserer Furcht vor dem eigenen, vor dem fremden Körper begegnen zu können - zumindest, wenn das eigene Handtuch groß genug war. Meines war nicht sonderlich groß. Mit Mühe bedeckte ich meine privatesten Körperteile und beneidete die anderen, deren Badetücher ausreichend Schutz vor argwöhnischen Blicken boten.
Doch nicht nur mit Handtuch war ich unzureichend ausgestattet. Auch ein Waschlappen fehlte mir. Bei den ersten Saunabesuchen war ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, einen Waschlappen mitzunehmen. Warum auch? Ich war ein Badewannenkind, badete täglich, hatte niemals einen Waschlappen benötigt und wendete einen solchen selbst in Ferien- und Trainingslagern nur sehr ungern an. Der Waschlappen war mir kein vertrauter Freund.
Den anderen aber schon. Und nicht nur Freund, sondern auch hilfreicher Lebensretter sollte er sein. Schließlich warfen für gewöhnlich, nachdem wir geraume Zeit inmitten der Feuchthitze vor uns hingeschwitzt, nachdem sämtliche weibliche Wesen [inklusive aufgießender Erwachsener] den kleinen Saunaraum verlassen hatten und keine Gefahr bestand, in der eigenen Waschlappenaktivität ertappt zu werden, alle noch Sitzenden ihre, von Eigenschweiß getränkten Waschlappen in Richtung des metallenen Aufgußeimers, wohl wissend, daß die kostbare, lauwarme Flüssigkeit eine kurze, aber lebensrettende Abkühlung versprach.
Vielleicht stammt als solcherlei Aktivitäten die Bezeichnung "Wachlappen" für Weicheier, für jene schlappen Nudeln, die großartig zu sein glauben, aber hinter den Rücken anderer ihrer Schwäche nachgeben. Ich trug niemals einen Waschlappen in einer Sauna bei mir - hatte allerdings auch niemals das Bedürfnis, besonderen Eindruck zu schinden, war doch meine Rolle in den Augen der interessanten Objekte anderen Geschlechts längst vergeben - und vermutlich äußerst unbedeutend.
Ich saß auf der mittleren Bank, als das tragische Ereignis seinen Lauf nehmen sollte. Soeben hatte, zusammen mit dem Folterhandtuch der Trainerin [inklusive seiner Besitzerin, natürlich], das letzte Mädchen die Sauna verlassen. Die oberste Reihe war voll belegt, hatte keinen Platz mehr für mich, der die Sauna als letzten betreten hatte, geboten. Mir war das egal, zumindest bis zu diesem Augenblick.
Doch dann flogen die Lappen. Einer nach dem anderen. Nicht alle trafen in den Eimer. Doch das spielte keine Rolle. Wichtiger war, daß die Waschlappen nicht von alleine zu ihren Besitzern zurückkehren würden, daß es eines Freiwilligen bedurfte, um den sehnsüchtig Wartenden ein paar Augenblicke wohltuender Kühle zu vermitteln.
Ich hatte keine Wahl, saß dem Eimer am nächsten. Obgleich ich keinen eigenen Waschlappen hatte, ergab ich mich seufzend meinem Schicksal. Die anderen würden es mir danken, dachte ich und sah nach oben, wo die Jungs träge ihren Schweiß fließen ließen.
Ich stand auf, kletterte die beiden Stufen hinab, bis ich auf dem gekacheltem Boden stand. Die Kacheln waren kühl unter meinen nackten Füßen, und ich verharrte einen Augenblick, um mich darauf zu konzentrieren.
Gegen Ende einer Saunasitzung, saßen normalerweise ein paar von uns gern dort unten, dort, wo die heiße Luft nicht hinkam, dort, wo sie sich ausruhen, erholen konnten, dort, wo ihnen die letzte Möglichkeit verblieb, in der Sauna zu verweilen, ohne sich die Blöße zu geben, schwächer als die anderen zu sein. Es waren die zwei, drei Jungs, die in unseren [und hier konnte ich mich zu den "Besseren" rechnen] Augen sowieso längst als nicht sonderlich konditioniert, als nicht sonderlich leistungsfähig abgestempelt worden waren. Interessanterweise machte sie das nicht schlechter. Sie hatten das Recht, dort unten zu verweilen, ihre "Ehre" zu bewahren und trotzdem nicht schwitzend zu kollabieren.
Ich war mir meiner entblößten Scham bewußt, als ich auf den Kacheln stand. Mein Handtuch war nicht ausreichend groß gewesen, um es mir um die Hüften zu binden, hatte auf der mittleren Stufe verweilen müssen, damit ich beide Hände frei hatte, um alle Lappen auflesen zu können. Ein paar von ihnen schwammen im Eimer. Einer hing über dessen Rand. Der Rest lag daneben.
Ich sammelte alle fehlgeworfenen Waschlappen auf und ließ sie sich zu denen im Eimer gesellen.
Dann bückte ich mich, mein Genital mit meinem rechten Arm unauffällig verdeckend, den Blick starr in den Eimer gerichtet. Ich war unvorsichtig, unbedacht, stand ungünstig.
Heiß! Unglaublich heiß brannte es mit einem Mal an meinem Hintern, an meiner linken Pobacke!
Was war geschehen?
Ich hatte mich gebückt und meinen Hintern immer näher an den glühenden Ofen gerückt - bis schließlich der Kontakt zustande kam. Ich schrie auf, ließ alle Lappen fallen, eilte aus der Sauna, ohne an mein Handtuch, an mein entblößtes Genital, an meine "Ehre" zu denken.
An das nun Folgende kann ich mich kaum noch entsinnen. Eine Untersuchung der Trainer. Erniedrigend. Die neugierigen Blicke, die schockierten Gesichter der frischgeduschten, pulszählenden Mädchen. Erniedrigend. Ich stand im Mittelpunkt, doch wollte es nicht. Der Schmerz war immens, doch schlimmer war es, daß es mein Hintern war, der schmerzte, brannte.
Ein Arzt. Ich entblößte mein Hinterteil, bekam Salbe, Puder und Pflaster verschrieben. Riesige Pflaster. Wenn ich mich setzte, mußte ich aufpassen.
Das restliche Trainingslager lief weitestgehend ohne mich ab. Das war schade, betrübte mich. Ich mochte es nicht herumzusitzen, den anderen zuzusehen, mochte es nicht, im Ruheraum zu warten, bis die ersten aus der Sauna flohen, die gefährliche Hitze mit kaltem Wasser abspülend, mochte es nicht, mit mitleidsvollen Blicken bedacht zu werden.
Nur eines erwies sich als wirklich praktisch, als gut, als erlösend, schenkte mir Trost, ja, zuweilen sogar ein Lächeln:
Für den Rest des Trainingslagers war ich von jeglichen Saunabesuchen befreit!
morast - 29. Mai, 22:29 - Rubrik:
Wortwelten
Apfellebkuchen mit Zwiebeln schmecken nur mit Steaksoße.
morast - 29. Mai, 12:21 - Rubrik:
Weise Worte
Mein Fahrrad hat nen Platten.
Ich benötige also einen neuen Schlauch.
Oder Flickzeug.
Habe beides nicht da.
Müßte zum nächsten Laden.
Der ist weit weg.
Zumindest zu Fuß.
Mit dem Fahrrad ginge es recht schnell.
Aber das hat ja einen Platten.
...
morast - 26. Mai, 21:35 - Rubrik:
Wortwelten
"Alles ist relativ."
"Also ist auch die Relativität relativ?"
"Ja, klar."
morast - 26. Mai, 01:02 - Rubrik:
Fetzen
Heute war ich mit C shoppen.
"Shoppen" ist ein eindeutig feminin geprägter Begriff, befürchte ich. Wenn ich das Wort benutzte, veralbere ich mich gern selber damit und beziehe mich meistens auf den Einkauf von Lebensmitteln. Shoppen im Sinne eines ausschweifenden Besuchs sämtlicher zur Verfügung stehender Läden mit dem Ziel, gefallende Dinge nach Belieben anzuprobieren oder zu kaufen [oder beides], gehört normalerweise nicht zu meinem ritualisierten Gehabe.
Eigentlich waren wir auch Eis essen. Im "Palazzo", einer durchaus erwähnenswert guten Lokalität Magdeburgs, die ich für Eisverzehrzwecke immer wieder gern in Betracht ziehe. Ich gönnte mir ein wahrlich deliziöses Joghurt-Bananen-Eis; C erwählte einen Cherry[/Sherry?]-Eisbecher.
"Bin ich komisch?", fragte sie mich.
"Ja.", antwortete ich, denn jeder Mensch, den ich besser kenne, hat seine Eigenarten. Es ist normal, komisch zu sein.
Sie jedoch ließ nicht locker, glaubte in den Augen anderer abschreckend-befremdlich zu wirken.
Ich redete dagegen an.
Irgendwann waren die Eisbecher geleert.
"Ich brauche noch ein helles Shirt.", meinte C.
"Ich brauche noch Brötchen.", meinte ich.
Wir begaben uns in ein Hier-Finden-Sie-Alles-Einkaufscenter, von denen es hier nur so wimmelte. City Carré. Ulrichshaus. Allee-Center.
Wir begaben uns in ein Kleidungsfachgeschäft für junge Frauen, von denen es hier nur so wimmelte. H&M. New Yorker. Pimkie.
Ich erwog, den allgemeinen Antrag zu stellen, daß in Läden wie diesen "Männerecken" eingerichtet werden sollten.
H&M Magdeburg beispielsweise umfaßt zwei Etagen. In einem Drittel der oberen Etage findet man Herrenbekleidung. Der Rest ist für die Frau gedacht. Ebenso wie Läden, die sich Pimkie oder Orsay nennen.
Wie schön wäre es doch, wenn frau [Ja, ich verwende das Wort "frau" absichtlich, um meine Abscheu ihm gegenüber zu verdeutlichen.] ihre männliche Begleitung einfach abgeben könnte. Mit Kindern geht das doch auch. Diese werden in eine Spielecke verfrachtet und vergnügen sich dann solange, bis Mami vom Einkauf zurückkehrt.
"Achtung! Achtung! Ein Durchsage. Der attraktive Peter möchte von seiner Freundin aus der Männerecke abgeholt werden."
Ich weiß nicht genau, was ich mir unter einer Männerecke vorstelle. Wichtig ist, daß die männlichen Wesen dadurch davon abgehalten werden, im Gang des Frauenbekleidungsfachgeschäfts herumzustehen und eingeschüchtert zwischen Push-Up-BHs und geblümten Sommerkleidchen darauf zu warten, daß die Freundin/Frau fragt:
"Und? Meinst du, mir steht das? Soll ich das mal anprobieren?"
Einem typischen Klischee folgend gäbe es in der Mänerecke einen Getränkeautomaten mit genügend großem Bierangbeot und einen Fernseher mit entsprechendem Sportprogramm.
Das kann ich natürlich nicht gutheißen.
Schließlich müßten die Frauen dann mittels Kleingeldzuteilung den Bierkonsum in der Männerecke beschränken. Auch wäre es dann nötig, eine Aufsicht einzustellen, die darüber wacht, daß die sich Herren unter ihresgleichen nicht rüpelhaft oder gar primatenartig aufführen.
Für mich darf die Männerecke auch neutral gehalten werden. Sowohl, was die Farbe als auch was das Interieur anbelangt. Von mir aus soll es Sport- und Autozeitschriften geben, vielleicht auch irgendwelche reich bebilderten Nacktfrauenheftchen. Das sei mir egal. Das Wichtigste ist, daß ich nicht mit albernen Fragen überhäuft werde, nicht inmitten überbunter, erstaunlich stoffarmer, dafür jedoch wenig preiswerter Frauenklamotten herumstehe und mich überflüssig fühle.
Mir reicht ein Sitzplatz und ein gutes Buch. Oder ein Micky-Maus-Heft. Ich bin da nicht sehr anspruchsvoll.
Zu teuer. Schlechter Stoff. Häßlich.
C klapperte alle verfügbaren Läden ab, wurde aber nicht fündig. Enttäuscht und wenig motiviert wendete sie sich bereits dem Einkaufcenterausgang zu.
"Und was ist mit Orsay?", fragte ich fachkundig.
"Ach ja.", antwortete sie und stürmte schon in Richtung des Ladens.
'Und wieder fehlt die Männerecke.', stellte ich fest und setzte mich auf einen rosafarbenen Stuhl, der der Form des menschlichen Hinterns angepaßt war. C durchstreifte suchend den gesamten Laden. Irgendwo mußte es doch etwas Weißes, Schlichte, Preiswertes geben.
Letztendlich wurde sie fündig, verschwand in der Umkleidekabine.
Ich atmete auf. Vielleicht trennte mich nur noch eine Frage vom rettenden Ausgang.
"Und? Wie findest du's?"
C stand vor der Umkleidekabine und präsentierte das erwählte Oberteil.
"Schlicht, aber schick.", meinte ich.
Sie beschaute sich noch einmal im Spiegel, gab mir dann recht, zog sich wieder um und reihte sich in die Kassenschlange ein.
"Erstaunlich.", stellte ich fest. "Das Shirt kostet genausoviel wie dein Eisbecher."
C lachte.
"Die haben die Preise bestimmt aufeinander abgestimmt.", mutmaßte ich verwegen auf dem Weg zum Ladenausgang.
Eine geistig abwesende Bäckersfrau verkaufte mir noch ein paar Brötchen, und wir verließen das Einkaufscenter.
'Geschafft!', dachte ich glücklich.
Die Sonne schien, das Eis war lecker gewesen, das Shirt entsprach Cs Ansprüchen und sämtliche Läden lagen hinter mir. Erleichtert atmete ich auf.
Plötzlich blieb C stehen und schaute mich an.
"Bin ich eigentlich zu dick?"
morast - 25. Mai, 22:46 - Rubrik:
Wortwelten
Als ich heute über den Campus lief, wurde ich angesprochen.
Im Nachhinein verwunderte mich das; schließlich hatte ich mir die Ohren mit Krach verstöpselt, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Mir hingen Haare wild ins Gesicht, und mein Äußeres war nicht darauf ausgelegt, freundlich und zuvorkommend zu wirken. Auf meiner Stirn prangte eine tiefe Runzelfalte, die meiner derzeitigen, unfröhlichen Stimmungslage Audruck verlieh.
Das Mädchen, die junge Frau, rannte mir in den Weg, sprach mich an, obgleich ich sie noch gar nicht vernehmen konnte, stellte sich vor mich und redete. Ich zog die Kopfhörer aus dem Ohr, schaute sie fragend an.
Sie stammte aus der Türkei, vielleicht auch aus dem Iran. Genau vermochte ich das nicht zu sagen.
"Entschuldigung.", wiederholte sie sich, "Wo ist denn hier eine Fachhochschule?"
Ich überlegte kurz und begann dann zu erklären. Ich teilte ihr mit, daß sie hier falsch sei, wo sie hinmüßte, welche Straßenbahn zu nehmen sei, versuchte auch, die Entfernung abzuschätzen, die ungefähre Fahrtzeit.
Doch sie hörte mir nicht zu, schaute desinteressiert in der Gegend rum.
Ohne auf meine Antwort einzugehen, stellte sie eine weitere Frage.
"Hast du vielleicht zwei Minuten Zeit?"
Wieder schaute ich sie fragend an.
"Dann könnten wir uns irgendwohin setzen und reden. Über meine zwei Kinder."
Über ihre Kinder? Bitte was?
Sollte ich auf sie aufpassen? Sollte ich sie kaufen? Sollte ich sie überhaupt erst zeugen?
"Nein.", antwortete ich mit Bestimmtheit.
Meine Mutter unterstellte mir einst eine Sprachkrankheit: Ich könne nicht 'Nein' sagen, wenn jemand etwas von mir wünschte. Doch diesmal konnte icn, denn das Ganze schien auf irgendeine Art von Bettelei hinauszulaufen. Und mit der Fachhochschule hatte es bestimmt nichts zu tun.
"Warum nicht?", fragte sie fordernd, unwillig, mein 'Nein' zu akzeptieren.
"Weil du mich hier anbettelst. Und das mag ich nicht."
Sie war empört, entrüstet.
"Wie kommst du jetzt auf anbetteln?!"
Ich wollte etwas erwidern, doch sie war schneller, musterte mich abschätzend von oben nach unten und meinte:
"Du bist nicht normal."
Dann eilte sie von mir fort.
morast - 25. Mai, 21:46 - Rubrik:
Wortwelten
"Das ist ein positiver Teufelskreis, quasi ein Engelskreis."
morast - 25. Mai, 21:20 - Rubrik:
Fetzen
Der Krach in meinen Ohren degradiert die Welt zum Stummfilm. Menschenlippen formen Laute, die mich nicht erreichen. Ich sehe das falsche Lächeln einer Großmutter als Antwort auf das Gestammel ihres Enkelkindes. Es taucht auf, huscht über ihr Antlitz und verschwindet wieder hinter einer faltigen Steinmiene.
Mir gegenüber sitzen zwei ältere Frauen. Ein Fahrkartenkontrolleur kommt vorbei, besieht sich die Tickets, zieht seines Weges. Die linke der beiden schmunzelt verschmitzt. Allein ihr Mund sagt mir, daß ihr Ticket nicht gültig war, ja, daß sie stolz darauf ist, betrogen zu haben.
Die Blicke ihrer Freundin werden derweil von dem Mann neben mir, beziehungsweise von dessen Hund, angezogen. Es ist ein riesiges, dickes, aber schönes Tier, das zum Streicheln einzuladen scheint. Die ältere Dame ist verzückt. Ihre Mundwinkel gleiten nach oben, und ihre Augen leuchten. Würde sie reden, wären ihre Worte niemals so intensiv, so hingerissen wie der Ausdruck auf ihrem Gesicht.
Schräg gegenüber sitzt eine junge Frau, Anfang zwanzig vielleicht. Sie redet mit ihrem Begleiter. Sie hat geweint oder setzt gerade an, Tränen zu vergießen. Ich starre sie an, empfinde Mitleid, würde gern erfahren, was der Grund für ihre Trauer ist. Sie wird sich meines Blickes bewußt und schaut zurück. Ihre Gesichtszüge glätten sich.
Sie hat nicht geweint, wollte vermutlich noch nicht einmal weinen, hat nur so ausgesehen, als wäre sie den Tränen nah, war schlichtweg in ihre Rede vertieft.
'Erstaunlich, daß ich mich so sehr täuschte.", wundere ich mich und beobachte erfreut, wie sie zu lächeln beginnt.
morast - 25. Mai, 16:32 - Rubrik:
Menschen
'Guten Morgen!', denke ich mir ironisch, als ich mich die dröhnende Bohrmaschine der Bauarbeiter aus dem Schlaf reißt. In kurzen Intervallen, vielleicht jeweils fünf Sekunden lang, von einer etwa ebenso langen Pause unterbrochen, frißt sich der rotierende Stahl in die Wand, läßt das ganze Haus zittern, wirft den Motorenlärm auf den Innenhof, wo er unzählige Male reflektiert und verstärkt wird.
Ich quäle mich aus dem Bett. Der Wecker schläft noch. Er hat noch eine halbe Stunde Zeit, bevor er seinen Dienst verrichten muß. Unter der Dusche entdecke ich meinen heutigen Ohrwurm:
Howard Carpendale mit "Hello Again".
Na klasse. Der Tag zeigt sich bereits in seinem schönstem Kleid.
In der Küche finde ich den selbstgebackenen Kuchen vom gestrigen Tage. 'Lecker', freue ich mich und sehe einen Lichtstreif am Horizont.
Doch ich habe noch nicht einmal die Küche verlassen, als der Teller in meiner Hand an einer Stuhllehne hängenbleibt und seinen Inhalt auf dem nicht unbedingt reinlichen Küchenboden verteilt.
'Och nö.'
Ich bereinige den Boden vom Kuchenmatsch, nehme mir ein neues Stück und begebe mich - vorsichtig - in mein Zimmer, wo versuche, die bessere Aufenthaltsort-Alternative herauszufinden:
Die Universitätsbibliothek, in deren unmittelbarer Umgebung derzeit gebaut und gebohrt wird, - oder die heimischen Räumlichkeiten, die ebenso mit unerträglichem Baulärm überschattet werden.
'Mist.', denke ich und versuche, mit lautem Metal zumindest den Ohrwurm aus meinem Schädel zu tilgen.
[Im Hintergrund: Ensiferum - "Iron"]
morast - 25. Mai, 10:17 - Rubrik:
Morgenwurm
An der Straßenbahnhaltestelle Alter Markt riecht es merkwürdig. Verbrannt irgendwie.
"Sag mal, riechst du das auch?", fragt mich A.
"Riecht nach ..."
"Papier.", unterbricht mich A.
"Papierkorb.", verbessere ich und deute auf den qualmenden Papierkorb hinter uns.
"Was nun? Sollen wir etwas unternehmen?", fragt A unschlüssig.
Scheinbar hat niemand außer uns den qualmenden Papierkorb bemerkt.
"Na klar.", meine ich und denke darüber nach, ob man die Feuerwehr rufen sollte. Doch A hat eine bessere Idee: der Obststand.
"Entschuldigung.", spricht sie die Verkäuferin an, "Haben Sie vielleicht Wasser? Der Papierkorb brennt."
A zeigt auf den qualmenden Metalleimer. Passanten gehen daran vorbei, schnuppern, schauen kurz, reagieren nicht. Vermutlich müssen erst meterhohe Flammen emporsteigen, ehe jemandem etwas auffällt.
Die Obsthändlerin verschwindet kurz, kommt zurück, reicht eine Glaskanne mit Wasser.
"Bringt ihr die Kanne dann bitte wieder?", fragt sie, ein wenig unsicher.
"Na klar."
"Freiwllige Feuerwehr.", scherzt sie noch, doch wir sind schon unterwegs, um den Brand zu bekämpfen.
A zielt und schüttet. Vorsichtig; schließlich sollte der gesamte Brand mit einer Kanne Wasser gelöscht werden.
Der Krug ist halbleer, als sie abläßt. Es schwelt noch immer ein wenig, doch keine Flammen sind mehr zu sehen. Ich erkenne einen Fahrplan oder ähnliches, der noch immer vor sich hin schmort, und ziehe ihn tapfer heraus. Hastig, potentielle Flammen fürchtend, werfe ich das Papier zu Boden und tilge auch die letzten Reste des Brandes.
Während A die Kanne zurückbringt, entsorge ich den angeschmorten Fahrplan erneut.
Anschließend sehen wir uns an und sind uns einig:
Helden wie wir sind rar inmitten der erblindeten Menschenmassen.
morast - 24. Mai, 23:16 - Rubrik:
Wortwelten
"Nicht immer nützt es, die Augen davor zu verschließen."
"Vor allem nicht vor Pupsen."
[Im Hintergrund: Clueso - "Die Lauten Stinken Nicht"]
morast - 24. Mai, 22:53 - Rubrik:
Fetzen
Fährt oder läuft man durch das nächtliche Magdeburg, stellt man, falls man am bahnhofsnahen Einkaufscenter vorbeikommt, fest, daß die verschiedenen Logos und Schriftzüge der einzelnen, im Inneren des Einkaufscenters angesiedelten Läden und Geschäfte in buntesten Farben von der Gebäudefassade herableuchten.
Eine der größten und auffälligsten Leuchtreklamen bildet der "
real,-"-Schriftzug, der jedesmal wieder meine fragenden Blicke auf sich zieht.
Der Grund dafür ist nicht in dessen Schönheit oder in meiner Liebe zu dieser Supermarktkette zu finden, sondern einzig und allein in der schlichten Tatsache, daß in der Dunkelheit dem "real,-" das R fehlt.
Die Neonleuchten innerhalb des ersten Buchstabens versagen ihre Dienste - seit Monaten schon. Niemand scheint es zu bemerken, niemaden scheint es zu stören.
Nur ich wundere mich jedesmal wieder:
Was ist ein "eal"?
Gibt es dieses Wort in der Sprache Shakespeares überhaupt?
Heute fiel es mir wieder ein, heute erinnerte ich mich meiner fragenschweren Gedanken.
Was ist ein "eal"?
LEO liefert diesbezüglich
keinerlei Ergebnisse, was mich doch ein wenig betrübte.
Daß man "eel" normalerweise mit "Aal" zu übersetzen pflegt, interessierte und tröstete mich dabei wenig.
Wer weiß alles?
wikipedia, natürlich.
Und tatsächlich wurde ich
fündig:
EAL als Abkürzung bedeutet
-
English as an
additional
language.
-
Eastern
Air
lines.
oder
-
Evaluation
Assurance
Level.
[Zu letzterem findet man auch eine
hübsche Erklärung bei der
deutschen wikipedia-Seite.]
Alles in allem kein sonderlich befriedigendes Ergebnis, wie leicht einzusehen ist. Enttäuscht überlegte ich, ob ich das Vorhaben, in die schlichte Tatsache eines
fehlenden unbeleuchteten Rs etwas Bedeutsames hineinzuinterpretieren, aufgeben sollte.
Einen Versuch wollte ich noch wagen.
Wer weiß noch alles?
Google, natürlich!
Und hier wurde ich schnell fündig.
Denn EAL ist, wenn man
dieser Seite Glauben schenken darf [und das will ich durchaus] eine Abkürzung für die
Europäische Antikapitalistische Linke.
Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluß verschiedener linker, europäischer Parteien [Vertreter Deutschlands: die
DKP], die "
in vollständiger Opposition" zur "
prokapitalistischen und proimperialistischen Orientierung" der zu einem "
supranationalen imperialistischen Staat" anwachsenden Europäischen Union [EU] stehen.
[
Quelle]
Na also!
Eine durchaus profitorientierte, deutschlandweit vernetzte Supermarktkette bewirbt nachts heimlich antikaptialitsische Bewegungen. Wenn das nichts ist.
In meinem Kopf beginne ich schon mögliche Verschwörungen aufzudecken, die nicht nur europaweit, sondern weltweit ihre Wurzeln haben.
Ich würde mich nicht wundern, wenn die Illuminaten dabei ihre Finger im Spiel haben, wenn ich eines Morgens erwache und feststelle, daß "eal" nichts anderes bedeutet als "23"...
Ich höre jetzt lieber auf zu schreiben, bevor
sie mir auf die Schliche kovdmslk,csedwe,,,,,,,,,,,,,,
morast - 24. Mai, 18:06 - Rubrik:
Wortwelten
Obgleich sicherlich zu vermuten ist, daß es zu nerven beginnt, möchte ich noch einmal flehentlich darum ersuchen, den lustigen Opera-Button

[auch unten rechts auf der Seite befindlich]
immer wieder mit fröhlichen Klicks zu versehen, um mir einen
klitzekleinen Gefallen zu tun.
Der aktuelle Status liegt übrigens bei exakt
204 Klicks,
was bedeutet, daß es nur noch 46 weiterer bedarf...
Nochmals Tausend Dank.
morast - 24. Mai, 17:18 - Rubrik:
Farbenfroh
In Anlehnung an einen Eintrag bei Nadine in Berlin verfaßte ich folgende Worte, die ursprünglich als Antwort auf ihre Frage nach meinem möglicherweise vorhandenen Poesiealbum-Trauma gedacht war.
Ich gebe zu, sowohl mein eigenes Poesiealbum, als auch die, in die ich einst schrieb [inklusive meiner eigenen Einträge], waren schrecklich. Doch das tut nichts zur Sache.
Sammelt man gute Aphorismen, stellt man fest, daß unglaublich viele von ihnen mit stets neuen, anderen schönen Worten das Alte, Gleiche umschreiben. Vielleicht vermögen sie etwas zu ändern. Bei dem/der Richtigen. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, daß ich immer wieder Definitionen sehe, was Freundschaft, Liebe, Hoffnung, Glück etc. in Wirklichkeit ist.
"
Hoffnung heißt, den Regenbogen in den eigenen Tränen zu sehen."
Habe ich mir gerade ausgedacht. Spontan. Das kann jeder.
Deswegen ist also ein Aphorismus, bloß weil ein berühmter Mensch ihn geschrieben hat [oft noch nicht einmal Autor oder ähnliches - in Zitatbüchlein entdeckte ich auch derartiges von ehemalgen Sportlern und Fernsehmoderatoren], nicht zwangsläufig gut. Und nützlich schon gar nicht. Wenn mich die Tausend anderen Sprüche nicht überzeugen konnten, kann es der eine, neue auch nicht.
Hinzu kommt, daß die "Weisheit" sehr oberflächlich ist. Vieles sieht so aus, als sollte es hinterfragt werden, doch stellt man genug Fragen, vermag auch die Wortaneinanderreihung nicht mehr Antwort zu geben. Sie idealisiert hoffnungslos, dramatisiert, übertreibt, malt mit einfachen Mitteln Normales, Offensichtliches in Bunt.
Wenn ich Menschen - wie meine Mitbewohnerin - kennenlerne, die auf derartiges viel geben, frage ich mich stets, warum. Schließlich ist das Wichtigste, den Inhalt dieser Sprüche selber zu erleben, zu begreifen, am eigenen Leib zu erfahren. Sie einfach zu lesen, reicht nicht. Sie in andere Worthüllen umzutopfen, erst recht nicht.
Fatal wird es, wenn Sprüche aus umfangreicheren Werken entrissen werden, wenn bestehende Zusammenhänge verdreht, verformt oder gar vergessen werden, wenn man einen Satz von Kant zitiert, weil er gut klingt und weil es noch besser klingt, wenn "Kant" drunter steht, ohne daß die Gesamtheit der Bedeutung wirklich erfaßt oder erwähnt wurde.
Jeder stellt sich beim Lesen von Worten etwas anderes vor; deswegen gibt es vielleicht auch in Büchern keine endgültige Wahrheit. Vielleicht kann man auch die wahre Intention des Autors niemals völlig erfassen. Das gibt aber niemandem das Recht, dessen Werke zu zerstückeln, um sie albernen Zitatebüchlein einzuverleiben.
Lese ich Aphorismen, so fällt es mir schwer, sie nicht sofort zu ignorieren. Mnachmal denke ich, daß der Autor schöne Worte gefunden habe. Manchmal erfreue ich mich des angenehmen Nachhalls in meinem Schädel.
Doch leider wohnt den Sprüchen der scheinbare Anspruch inne, tiefergehende Weisheiten zu bergen. Das ist aber in den wenigsten Fällen tatsächlich so. Oft werden nur simple Erkenntnisse schön verkleidet. Zuweilen sind auch die unterzeichenden Namen schöner als der Spruch selbst. Und das stört mich ein wenig.
Noch mehr stört mich allerdings, wenn jemand zu zitieren beginnt, wenn jemand einen Aphorismus von erwähntem Kant in die Runde wirft und mir noch nicht einmal zu sagen vermag, aus welchem seiner Werke die Zeile stammt; wenn er sich mit Dingen brüstet, die sich hinterfragend darstellen, aber, werden sie selbst hinterfragt, nur Leere hinter sich wissen.
Einst, um meiner Mitbewohnerin ein Geburtstagsgeschenk zu kreiieren, haben mein Mitbewohner und ich uns die Mühe gemacht, ein eigenes Zitatebüchlein zu basteln. Dazu sammelten wir allerhand Nonsens-Sprüche, dachten uns alberne Autorennamen aus und fügten alles zusammen. Das Ganze sollte ihre Zitatesammlung auf liebevolle Weise verhohnepiepeln [Dieses Wort ist toll.].
Um Inspiration zu erhalten, wälzten wir diverse Aphorismenbücher. Mehr als die Hälfte aller Sprüche hätte man ohne weiteres in unser lustiges Veralberungsbüchlein übernehmen können. Sie wirkten tatsächlich zumeist lächerlich oder langweilig.
Das heißt jedoch nicht, daß ich etwas daegegen habe, Sprüche und Aphorismen zu sammeln oder irgendwelche Werke zu zitieren. Derartig agiere ich ja zuweilen selbst ganz gerne. Doch suche ich nicht die tiefste aller Weisheiten und vermag auch noch immer den Zusammenhang zwischen der herausgerissenenen Zeile und ihrem Umfeld herzustellen, selbst wenn es niemanden interessiert.
Will sagen: Jeder handle, wie er/sie wünscht, doch sollte dabei im Hinterkopf behalten werden, daß eine simple Aneianderreihung von Worten - und sei sie noch so schön und bezaubernd - niemals genügt, um die Vielfalt des Lebens beschreiben zu können.
morast - 24. Mai, 00:27 - Rubrik:
Wortwelten
Ein typischer Satz älterer Leute, die nach ein paar schnellen Schritten außer Atem in der noch lange Zeit wartenden Bahn ankommen:
"Na also. Das hätten wir doch geschafft."
morast - 23. Mai, 23:52 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
"Was heißt eigentlich USB-Stick auf Gälisch?"
morast - 23. Mai, 23:50 - Rubrik:
Fetzen
Auf dem Zweierplatz für körperlich Benachteiligte sitzt eine ältere Frau mit blond gefärbtem Haar, wegen des Nieselregens mit einer Plastikhaube bedeckt, die aussieht wie ein Kopftuch.
"Ich denke gerade über die Diskussion in Bayern nach.", meint M zu mir. "Kopftuchverbot und so." Ich grinse.
Die Frau ist bemüht, den Sitzplatz zu wechseln, will vom Fensterplatz zum Gangplatz rücken. Das sind zwar nur wenige Zentimeter nach links, doch strengt sie sich dabei sichtlich an, stützt sich auf ihre Krücken und keucht. Ich überlege, ob ich aufspringen, ihr helfen sollte. Doch dann hat sie es geschafft, sitzt schwer atmend auf dem gewünschten Sitzplatz.
Die Bahn hält, Menschen steigen ein. Unter ihnen auch ein Rentnerehepar. Der Mann benutzt eine Gehilfe, visiert den freien Platz neben der Keuchenden an. Er geht wacklig, wird von seiner Frau dorthin geleitet, läßt sich in den Stuhl fallen.
"Die Frau ist zwar auch benachteiligt, hat aber noch beide Hände.", meint die Rentnerin zu ihrem Mann. Der sagt nichts, doch die Sitzende antwortet:
"Jaja. Aber richtig zufassen kann ich auch nicht."
"Aber mein Mann erst recht nicht. Er ist gelähmt." Sie lacht: "Hahaha.
Sie nickt zu dem Angesprochenen. "Nicht wahr? Hahaha. Nach einem Schlaganfall. Hahaha. Wir fahren jetzt gerade wieder zur Therapie. Hahaha."
Sie lacht immer wieder, kurz, stoßweise, als wäre das Erzählte irgendwie amüsant. Nicht nur, daß es so wirkt, als versuche sie, den "Wer hat die schlimmsten Gebrechen?"-Wettbewerb für sich bzw. ihren Mann zu entscheiden, auch, daß sie in das Larifari-Gespräch an reichlich unpassender Stelle ihr Gelächter einfügt, verwundert mich.
Ich steige aus und werde dabei beinahe von einem Auto überrollt.
Hahaha.
morast - 23. Mai, 15:18 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
In der Straßenbahn hängt eine Übersichtskarte sämtlicher Linien der Stadt. Leider ist diese etwas ungünstig plaziert, befindet sich nämlich an der Wand direkt hinter dem Fahrer, was bedeutet, daß nur diejenigen, welche die beiden dortigen Sitzplätze benutzen, wirklich genau schauen können, welches Fahrzeug des öffentlichen Personnenhahverkehrs wohin fährt.
Auf dem rechten der beiden Plätze sitzt eine Frau mit ergrautem Haar, scheint sich dort wohl zu fühlen. Denn der Platz links von ihr ist frei, aber durch sie selbst und ihren Körper versperrt. Nichts Ungewöhnliches, soweit.
Allerdings tritt nun eine weitere Dame hinzu, ebenfalls bereits ein wenig betagt. Sie sucht nach Informationen, hat extra vorher die Lesebrille aufgesetzt, um nun den Plan genauestens studieren zu können. Da jedoch der eine Sitzplatz von erwähnter Frau besetzt und der Zugang zum anderen von selbiger versperrt ist, muß sich die Informationssuchende über die Sitzende beugen, um den Plan überhaupt erkennen zu können.
Es sieht befremdlich aus, wie sie inmitten der unregelmäßig fahrenden Bahn in äußerst schrägem Winkel den Plan studiert, während der Bahnruckeleien stetig um festen Halt bemüht, mit dem Zeigefinger den Verlauf ihrer gewünschten Linie nachfahrend.
'Gleich kippt sie um.', denke ich, doch nichts passiert.
Tatsächlich passiert nicht; denn der Sitzenden scheint der Gedanke fremd zu sein, wenige Zentimeter nach links zu rücken, um nicht nur der Gefährlich-Schief-Stehenden die Informationssuche zu erleichtern, sondern auch, um den freien Platz freizugeben.
Nach einer Weile ist es vorbei, die absonderliche Haltung ausgestanden. Die Fahrplanstudierende richtet sich auf und nimmt an anderer Stelle Platz, packte die Lesebrille ein. Die bereits Sitzende dagegen verzieht keine Miene.
morast - 23. Mai, 15:04 - Rubrik:
Bahnbegegnungen
... Und ich war zuversichtlich, daß ich nahezu alles erreichen würde, was ich wollte.
Nur blieb die eine Frage: Was wollte ich eigentlich? ...
morast - 23. Mai, 12:33 - Rubrik:
Geistgedanken
Das Erwachen erfolgte nicht ganz freiwillig, wurde gefördert von den Geräuschen im Haus tätiger Bauarbeiter, die ihre gigantisch große Bohrmaschine in aller Ausführlichkeit am Mauerwerk austesteten. Nicht nur der Lärm setzte meinem Schlafbedürfnis zu, sondern auch die Frage, ob die Wände, in die gerade im Abstand von etwa 20 Zentimetern unzählige Lächer gebohrt wurden, in Wirklichkeit tragend waren und das Gebäude allmählich einstürzen würde, je länger die fleißigen Handwerker daran herumbastelten.
'Wie spät ist es eigentlich?', fragte ich mich und schloß das Fenster. Ein Blick auf mein Telefon bestätigte mir, daß ich noch exakt vierzehn Minuten Zeit hätte, um in Seelenruhe auszuschlafen. Mist. Daraus würde wohl nichts mehr werden. Trotzdem barg ich meinen Schädel noch einmal in den Kissen, entspannte noch ein paar Minuten, bevor ich endgültig aufstand.
Der Wecker, der sich in meinem Mobiltelefon befand, mußte jeden Augenblick klingeln. Wo war nur das Telefon? Ich suchte, fand aber nicht. An einem Tag wie diesen das Handy nicht zu finden, war irgendwie albern.
Ich war mir sicher, daß das Gerät irgendwo in der Nähe meines Schlafbereichs zu finden sein müßte, hatte ich es doch am gestrigen Abend dorthin geworfen. Doch erinnerte ich mich wirklich an diesen Wurf, oder war das Bild in meinem Kopf nur der Wunsch, gepaart mit der Erinnerung an die Tage davor? Ich wußte es nicht, suchte weiter.
Zweifach hatte ich nun bereits die gesamte Schlafumgebung durchwühlt und immer noch nichts gefunden. Der Wecker, der mich dezent auf den Fundort hinweisen hätte können, verweigerte sich mir wohl auch. Ungut.
Ich zog mich langsam an, ging im Geiste noch einmal alle Orte durch, an dem sich das Mobiltelefon aufhalten konnte, wühlte und kramte, doch fand nichts. Die Situation war so befremdlich, daß sie mich schon wieder amüsierte. Ich suchte inensiver, selbst an Stellen, die man so gut einsehen konnte, daß ein Blick genügte, um sie überschauen zu können.
Dann fiel es mir ein. Der Sessel! Ich hatte am Abend ein oder zwei Kleidungsstücke vom Bett entfernt und auf den Sessel gelegt. Vielleicht war ja das Handy versehentlich dabei gewesen. Ich sprang auf, eilte zum Sesel, durchstöberte kurz die wenigen, dort liegenden Kleidungsstücke, wurde nicht fündig. Mist.
Doch ein zweiter Gedanke schoß mir durch den Kopf. Der Kleiderschrank! Und tatsächlich: Kaum hatte ich angefangen, im Kleiderschrank zu kramen, rutschte das Handy mir aus einem Haufen Socken entgegen.
'Ich bin toll!', stellte ich fest.
Wie war das Telefon aber in den Kleiderschrank gekommen?
Welch aufregendes Mysterium!
Nebenbei begleitete mich die ganze Zeit der heutige Wurm im Ohr. Es handelte sich um Lacrimosa mit "Lichtgestalt".
Ich weiß nicht, wann ich das Lied zuletzt hörte - das dürfte einige Tage zurückliegen -, doch freute ich mich heute über dessen Klang in meinem Gehörgang.
"Lichtgestalt - in deren Schatten ich mich drehe..."
morast - 23. Mai, 09:50 - Rubrik:
Morgenwurm
Gestern Abend tauchte G auf, angemeldet natürlich, unwissend bezüglich der Planung des Kommenden. Die Alternativen waren zahlreich aber nicht großartig. Im Stadtpark gab es ein Lichterspektakel namens "LuminArte", das allerhand [vorwiegend ältere] Besucher anzog. Irgendwo in Buckau fand ein musikalisch sicherlich einigermaßen annehmbares Musikfestival aufstrebender und bereits einigermaßen etablierter Bands statt, das sich "Upgrade Festival" nannte und nur 5 Euro Eintritt kosten sollte.
Wir hatten außerdem die Möglichkeit, irgendwo den unspannenden Eurovision Song Contest [ehemals Grand Prix de la Dingsbums] mitzuverfolgen und uns somit mit reichlich unspektakulären Musikstücken auseinanderzusetzen oder eine interessante DVD zu entleihen. Auch die Alternative "Kino" war nicht die schlechteste, wenn man davon absah, daß wir uns entschieden hatten, den neuesten Teil der Star Wars Hexalogie [Heißt das Wort so?] erst anzuschauen, wenn das prollige Dummvolk und die vom Hype gedrängten Massen, sozusagen die erste Zuschauerschwemmen, vorüber waren. Das restliche Kinoprogramm aber ließ auch dieses Vorhaben sterben, weswegen wir uns nach ausreichend langer Diskussion auf den Spontanbeschluß "Factory" einigten, wo nach einem Konzert von nicht unbedingt erwähnenswerten Bands die "Dominion-Night-After-Show-Party" stattfinden würde. Das klang doch nicht allzu schlecht.
Jedoch stellt G fest, für diese Lokation nicht angemessen bekleidet zu sein und zumindest das Hemd wechseln zu müssen. Unsere Planschmiedekunst ergab, daß wir zunächst den nötigen Besuch bei meinem Geldinstitut vollziehen würden, um G dann in heimatlichen Zimmern Gelegenheit zur Umkleide zu geben. Gesagt, getan. Die Sparkasse überließ mir freizügig ein paar Geldscheine, und wir gingen zur nächstgelegenen Haltestelle. 22.21 Uhr. Ein Blick auf den Fahrplan überzeugte uns davon, daß in fünf Minuten die Bahn eintreffen müßte, die uns befördern könnte.
"Fünf Minuten?", fragte G, "Da können wir auch laufen."
Tatsächlich hatten wir nur die Distanz einer Haltestelle zu bewältigen, um zum großen "Hier-Treffen-Sich-Nachts-Alle-Öffentlichen-Nahverkehrsmittel-Damit-Man-Entsprechend-Einfach-In-Die-Gewünschte-Richtung-Umsteigen-Kann"-Bahnhof zu gelangen. Doch kaum waren wir ein paar Meter gelaufen, sprachen uns zwei Engländer an.
"Do you speak English?"
"A little bit.", antwortete G.
Sie fragten uns nach unseren abendlichen Vorhaben, die wir einigermaßen eloquent erläuterten. Der Grund für ihre Neugierde war, daß im "Mikrokosmos" eine Band namens "The Swans" auftreten würde, die wohl schon in den 80ern ein paar Erfolge gefeiert hatte. Jedoch war - wegen der zahlreichen Veranstaltungen innerhalb Magdeburgs - die Anzahl der Zuhörenden minimal, also fast Null, weswegen wir eingeladen waren, das Publikum zu spielen. Wir sahen uns an, zuckten mit den Schultern, und ich sagte zu.
Innen erwartetens uns zwei abweisende, demotivierte Kassierer und gähnende Leere. Die beiden bereichteten von zwei Bands, die auftreten würden. Erstaunlicherweise war keine Rede von "The Swans".
"Was soll das denn kosten?", fragte ich neugierig.
"Fünf Euro."
"Was? Fünf Euro?"
Ich blickte zu G, er schüttelte mit dem Kopf.
"Nee, das ist uns zu viel.", meinte ich, und wir verabschiedeten uns.
"Tschüß."
Wir gingen, erklärten den am Ausgang Stehenden, daß uns fünf Euro zu viel wären, was sie auch verständnisvoll hinnahmen. Auch erläuterten wir, wohin wir gehen würden, daß es dort ganz nett sei und wie sie dorthin kämen. Sie freuten sich und sagten fröhlich Lebewohl.
Wir jedoch sahen in diesem Moment unseren Bus vorbeifahren. G schaute auf die Uhr und stellte fest, daß nur noch wenige Augenblicke blieben, bis alle Busse und Bahnen am Umsteigeplatz losfuhren - und mit ihnen unser Bus. Oh nein!
Wir rannten los, überquerten anarchistisch Ampeln bei Rot, rannten dem Bus hinterher, rannten zum Umsteigeplatz. Außer Atem steigen wir in den Bus ein und lachten. Wir hatten es geschafft, obgleich die schwüle Luft in Kombination mit der Anstrenung uns ganz schön schwitzen ließ.
Gs Mutter schlief vor dem Fernseher, als wir die Wohnung betraten. Warum, war klar: Der Fernseher lief und zeigte den Auftritt der letzten Künstlerin des Eurovision Song Contests.
'Schlecht, wirklich schlecht.', dachte ich, während G sich abmühte, ein ihm gefallendes Hemd zu finden. Das einzige, was er hervorzauberte, war ein zerknittertes, dem noch eine Menge Nässe innewohnte. Trotzdem sollte es das sein.
"Das solltest du bügeln.", meinte ich.
"Genau das habe ich vor.". sagte G, meinen wahrlich weisen Ratschlag befolgend.
Und G bügelte. Tapfer. Seine Mutter wachte auf, sagte Hallo, schaute G zu, bezeichnete ihn zärtlich als "Kacker" und übernahm kurzerhand die Arbeit, weil sie nicht mit ansehen konnte, was G da fabrizierte. Das Bügelbrett stand falsch herum, und dem Bügeleisen fehlte Dampf.
"Aber das Hemd ist doch sowieso noch naß. Außerdem fabriziert der Dmapf immer Kurzschlüsse."
Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem ließ Gs Mutter mehrmals vernehmen, daß das Bügeln mit Dampf zehn Mal schneller gegangen wäre. Doch sie hatte gute Laune, und als G mit sauebrem, knitterfreiem und einigermaßen trockenem Hemd im Flur stand, waren alle Beteiligten glücklich.
Naja, nicht ganz, hatten wir doch in der Zusammenfassung ein Stück der wahrlich schlechten Darbietung der Deutschland vertretenden Gracia gesehen und waren demensprechend sicher und enttäuscht, daß Deutschland übermäßig mies abschneiden würde.
Wir verließen die Wohnung, und ich konnte nich umhin festzustellen, daß G und ich in Partnerlokk gekleidet waren: Schwarze Hose [Stoff bzw Cord], weißes Hemd [schlicht, aber elegant bzw im 70er-Stil] und darüber ein schwarzes Jacket [Stoff bzw Samt]. Einzig die Schuhe waren unähnlich, hatte er doch normale Halbschuhe angzogen, ich aber meine Schnallenspringer. Kaum hatte ich diesen Umstand erwähnt, spurtete G wieder nach oben und zog auch seine mit Schnallen versehenen Springerstiefel an. Perfekt.
Als wir aus dem Haus traten, sahen wir den Bus nahen.
"O nein!", riefen wir und rannten los. DIe Haltestelle war mehrere Hundert Meter entfernt, und wir beeilten und sehr. Der Bus überholte uns, doch wieder gelang es, noch rechtzeitig einzusteigen. Was für ein verrückter Abend!
Am Hasselbachplatz stiegen wir aus, spontan das "Dock 29" auserwählend, um noch eine Weile gemütlich rumzusitzen. Erstaunt stellten wir fest, daß diese Kneipe geschlossen hatte, vermutlich sogar für immer. Schade eigentlich, denn obgleich wir lange nicht mehr dort gewesen waren, handelte es sich dabei um eine von Gs Stammlokalitäten. Auch der Nachbarladen war durch eine Alternative ersetzt worden, die aber reichlich ausladend wirkte, weswegen wir beschlossen, zurückzugehen und es an anderer Stelle zu versuchen.
Wir entschieden uns für das "Espresso-Kartell", das sowohl durch Flair als auch durch Angebot zu locken vermochte, setzten uns nach außen, weil es warm genug war, um ein wenig Frischluft akzeptieren zu können und wir außerdem so unsere Bahn im Blickfeld behalten konnten. Das mögliche Verpassen unserer Bahn wurde auch zum Grund dafür, daß wir gleich nach Erhalt der Getränke diese bezahlten. Einem Blitzstart und einem weiteren abendlichen Sprint stand so nichts mehr im Wege.
Doch vorerst saßen wir ruhig und gemütlich, tranken Jever, Heiße Schokolade und Cola und unterhielten uns nett. Eine Frau inmitten einer durchweg weiblichen Meute kam vorbei, auf einem Bollerwagen ein riesiges, eierlegendes Plastikhuhn hinter sich herziehend. Es handelte sich um einen Junggesellenabschiedsabend, im Rahmen dessen sie wohl Wodka-Lemon-Eier zu verkaufen hatte. Ein Euro das Stück. Für fünfzig Cent bekam man allerdings einen Kuß.
"Das ist ja Prostitution.", grinste ich und beobachtete, wie die beiden Herren am Nachbartisch, die schon zuvor ein paar minderjährige Mädchen aufgefordert hatten, sich zu ihnen zu gesellen, das Angebot in Anspruch nahmen. Ein Ei, ein Kuß und eine Menge geseierten Smalltalks.
G schaute auf seien Armbanduhr und beschloß, daß es nun Zeit sei zu gehen. Wir tranken aus und begaben uns zur Haltestelle. Erstaunlicherweise fiel mir genau in diesem Augenblick ein, daß es sich nicht um die richtige Haltestelle handelte, weil diese sich ein paar Meter entfernt befand. Glück gehabt.
Nun an der richtiegn Straßenbahnhaltestelle wartend erfreuten wir uns des Eintrudelns der Linie 92, die uns zur Factory brachte. Vor der Factory begegneten wir einer Ansammlung von "666"-Kennzeichen. Wahnsinnig evil!
Das Konzert war gerade vorbei, und man war eifrig bemüht, die letzten Aufbauten zu beseitigen. Ein Beamer wurde angeschaltet, der dazu bestimmt war, die neue Project Pitchfork DVD abzuspielen - den ganzen Abend lang. Überhaupt schien die heutige Veranstaltung auf dem Mainfloor dem Release eines neuen Pitchfork-Albums zu gelten, wurden doch haufenweise Songs dieser von uns nicht sonderlich geschätzten Musikgruppe gespielt. Na klasse.
Die Musik war tanzbar, aber nicht bewegend - und vor allem unbekannt. Sie lud uns also nicht unbedingt dazu ein, uns auf der Tanzfläche zu vergnügen. Wir flohen zum Metal-Floor.
'Endlich Musik!', dachten wir und setzten uns. Der Metal DJ schien betrunken zu sein, spielte er doch neben ungewöhnlich guten Klängen auch irgendeinen 70er-Klassiker ["Free Me"] und "The Final Countdown" von Europe. Wir wechselten hin und her zwischen Main- und Metal-Floor, hielten und aber vorwiegend im metallischen Bereich auf.
Bekannte Klavierklänge klangen an meine Ohren: Die Apokalyptischen Reiter. Ich stürzte auf die Tanzfläche, nicht ohne mich vorher meines Jackets und meiner Brille zu entledigen, und begann, mein Haupthaar zu schütteln. Darauf folgte Eisregen mit "Wundwasser". Ich schüttelte weiter. Genial. Danach holte ich meine Brille und tanzte gemeinsam mit G zu "Gothic Girl" von The 69Eyes. Wir waren entzückt. Die "echten" Metaller wohl eher nicht; denen war das zu lasch. Der DJ entschuldigte sich mit einem Metalklassiker, bei dem alle Haupthaarschüttler auf die Tanzfläche stürmten und rhytmisch ihre Schädel bewegten.
Mir war warm geworden; ich brachte mein Jacket zur Garderobe und besorgte mir einen nicht unbedingt deliziösen Orangensaft. Dabei begegneten wir M, einem Kerl, den wir damals mit zum Cradle Of Filth Konzert mitgenommen hatten. Er war unverständlicherweise wegen der Project Pitchfork Sache hier anwesend und nahm auch an der für mich uninteressanten [Was soll ich denn mit kostenlosen PP-Cds?] Verlosung teil.
"Wie hieß der Sänger von Projekt Pitchfork nochmal?", fragte mich G.
"Keine Ahnung."
"Peter.", meinte G, "Peter irgendwas."
"Das hätte ich dir auch sagen können.", lachte ich.
Auf dem Mainfloor traf ich noch D. Besser: Sie traf mich. Sie war mir schon vorher aufgefallen, doch nun sprach sie mich an.
"Hey, hast du nicht irgendwann mal vorgelesen?", fragte sie mich, bezog ich sich wohl auf meine Lesung im letzten Jahr. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erinnerte ich mich.
"Und hattest du nicht ein 'Immortal'-Auto?", konterte ich.
Sie - mit mittlerweile etwas veränderter Frisur - trank Red Bull [Der widerliche Geruch störte mich ein wenig.] und wir quatschten ganz nett. Ich gab ihr die Adresse meiner Heimseite, die sie wohl vermißte, und wies sie auf mein Weblog hin. Dann beschlossen G und ich, nochmal den Metal-Floor aufzuchen. Gerade zur rechten Zeit, denn es lief Eisregen mit "Scharlachrotes Kleid". Schon wieder Eisregen. Wundervoll.
Irgendwann beschlossen wir zu gehen. Ich traf D erneut, und sie verabschiedete sich, wollte auch der Factory entweichen. Ich holte mein Jacket, und wir begaben uns zur Straßenbahnhaltestelle. Es hatte geregnet, nieselte noch immer. Die Luft war angenehm warm.
Die Bahn traf pünktlich ein, und wir setzten uns.
An der nächsten Haltestelle stiegen mehrere punkig anghauchte Typen an, kamen wohl gerade vom Upgrade-Festival, waren allesamt mit Bierflaschen bestückt, angetrunken und aggressiv gelaunt. Einer der Anwesenden hatte wohl eine ebenfalls anwesende Dame geschlagen, was dementsprechende Folgen hatte. Sie schubsten sich, warfen sich Beleidgungen an den Kopf, stürzten in die drei herumstehenden Fahrräder.
"Vielleicht hätten wir uns woanders hinsetzen sollen.", meinte G.
Die Meute schaffte es, sich auseinanderzuklamüsern. Der Älteste von ihnen, in einen hübschen Schottenrock gehüllt, ging dazwischen. Die beiden Hauptstreithähne nahmen Abstand voneinander, doch die Stimmung war weiterhin gereizt, vor allem, weil sich alternative Streiter gesucht und gefunden hatten und gegenseitig angifteten. Erneutes Schubsen hatte erneute Rangelei zur Folge.
Der rocktragende Friedesstifter vermochte diesmal nicht dazwischenzugehen, als die Streitenden sich gegenseitig aus der gerade haltenden Straßenbahn stießen und draußen halbherzig zu schlagen begannen. Viel mehr hatte er sich selbst mit einem der anderen in der Wolle, war aus mir unerklärlichen Gründen zum Aggressionsmittelpunkt geworden.
Der Rest der Meute leistete ihnen Gesellschaft, stand aber teilweise in der Straßenbahntür, so daß diese sich nicht schließen und die Bahn daher nicht weiterfahren konnte. Das war unschön, würden wir dadurch die Anschlußbahn am Umsteigeplatz verpassen.
Ich stand auf, bat die beiden Türsteher aus- oder einzusteigen. Freundlich teilten sie mir mit, daß sie doch - ebenso wie ihre Kumpels - mit dieser Bahn mitfahren wollten. Ein großer, beleibter Kerl mit Kopfhörern im Ohr und langen Haaren kam angestiefelt und schubste die beiden nach draußen, wütende Worte formulierend, die seinen Heimfahrtswunsch ausdrückten. Die beiden sammelten ihre Leute ein und steigen zu. Oder auch nicht. Ich verlor langsam die Übersicht. Auf jeden Fall stiegen welche ein. Einer von ihnen war der Kampfkumpane des Schottenrockmannes. Die andere Partei, also auch der Rockträger, blieb draußen, und die Bahn fuhr endlich weiter.
Alles gut? Von wegen. Irgendeiner der Assi-Punk-Deppen, genauer: der Rockträger, warf eine Bierflasche gegen die gerade geschlossene Tür. Das Glas splitterte. Der im Inneren der Bahn stehende Kampfgegner war empört, erbost, zog kurzerhand die Notbremse, drückte die zersplitterte Scheibe nach außen. Er wollte raus, weiterkämpfen oder wasauchimmer. Die Tür ging auf, er stürmte hinaus. Die Schlägerei ging weiter.
'O nein.', dachte ich, und wir beschlossen kurzerhand, auch auszusteigen. Die Fahrerin informierte schon die Polizei, die uns auch mit Blaulicht entgegenkam, als wir ein paar Meter gelaufen waren.
"Wie kann man so dumm sein?!", regte ich mich auf.
G äußerte Bedenken, weil er als gelernter Erst-Hilfe-Leister möglicherweise verletzte Personen, die Verlierer des Kampfes, vernachlässigt hatte.
"Willst du zurück?", fragte ich.
Er schüttelte mit dem Kopf.
An der nächsten Haltestelle stellten wir fest, daß wir noch immer eine Chance hatten, unsere Bahn zu erreichen. Schön. Die Assi-Punks gingen uns aber nicht aus dem Kopf.
Mein Telefon klingelte. A, meine Mitbewohnerin hatte mich soeben gesehen, ein Auto organisiert und offerierte nun die Möglichgkeit, heimgefahren zu werden. Klasse, dachte ich. Wir sollten uns allerdings beeilen.
Und wieder rannten wir. Zum dritten Mal an diesem Abend. A stand mit F dort, einem ihrer Freunde. Und plötzlich stellte sich heraus, daß F und G auch sehr gut bekannt waren. Verrückt [wie G sagen würde]!
Der Autofahrer kam und fuhr uns heim. F und G tauschten Telefonummern aus und verabschiedeten sich. Dann verabschiedeten sich auch G und ich. G lief durch das Dunkel nach Hause, während ich mit A die Treppenstufen hinaufstürmte.
Als ich, bereits im Bett liegend, vier Seiten mit Stichpüunkten über das Geschehene füllte, wurde es draußen langsam hell.
'Was für ein verrückter Abend!', dachte ich, legte den Stift weg und schlief ein.
morast - 22. Mai, 23:13 - Rubrik:
G
Die Tankstelle ist nur wenige Minuten entfernt. Ich reihe mich in die Schlange der Anstehenden, Wartenden ein; nur der Nachtschalter ist besetzt. Es ist Sonntag Abend - ich hatte nichts anderes erwartet.
"Pall Mall. Die Roten, bitte."
"Club Menthol, bitte."
"Marlboro Lights, bitte."
Zwischen den Rauchern komme ich mir etwas komisch vor. Bin ich süchtig, weil ich mich extra zur Tankstelle bewegte, weil ich mich aufs Fahrrad setzt und die wenigen Hundert Meter in Kauf nahm, weil ich bereit bin, überhöhte Tankstellenpreise zu bezahlen...?
Ich bin dran.
"Eine Tafel Milka Alpenmilchschokolade, bitte."
morast - 22. Mai, 21:58 - Rubrik:
Wortwelten
In den meisten Dingen, das alltägliche Dasein betreffend, halte ich mich für einen geduldigen Menschen.
Mir macht es nichts aus, Menschen Dinge erklären zu müssen, die sie nicht begreifen und selbst nach mühevoller detailliert ausgearbeiteter Erläuertung immer noch nicht erfassen. Gehen Gegenstände kaputt, bin ich vermutlich der letzte, der ausfallend reagiert, der erschrocken zusammenzuckt oder anfängt zu weinen ob des tragischen Ereignisses. Ich beteilige mich an der anschließenden Aufräumaktion, jedes Trara vermeidend und rede - falls nötig - dem Unfallverursachenden beruhigend zu.
Wird eine Ampel eine geraume Zeit nicht Grün, so bemerke ich es kaum, bin zuweilen zu sehr versunken in meine Träumereien, um überhaupt einen Farbwechsel wahrzunehmen, werde jedoch selbst bei wachem Bewußtsein nicht in Rage geraten und um Sekunden kämpfen, sondern - falls ich in Eile bin - Alternativen suchen oder geschehen lassen, was geschieht. Auch Straßenbahnfahrerei vermag mich nicht meiner Ruhe zu entreißen, obgleich mein Mitbewohner dazu neigt, jede verlorene Sekunde zu verteufeln und jede Umsteigevariante drei Haltestellen vorher zu planen und durchzudenken. Ich dagegen steige dort aus, wo ich es für sinnvoll erachte, und füge mich den eigentümlichen Fahrplänen des öffentlichen Personennahverkehrs.
Nein, ich halte mich nicht für schicksalsergeben, bin bereit zu kämpfen für die Dinge, die ich zu erreichen wünsche, zu fordern, was ich mir denke, bin imstande, über Umpäßlichkeiten zu fluchen und alles anders zu träumen. Doch genug Dinge geschehen, die unfreundlicher Gedanken nicht wert sind, die es nicht wert sind, die Geduld ihretwegen zu verlieren.
Ich neige dazu, zuweilen erst nach dem vereinbarten Zeitpunkt einzutreffen, eine Eigenschaft, die weltweit nicht wirklich geschätzt wird. Sicherlich liegt dieses Verhalten nicht zuletzt darin begründet, daß ich es nicht mag, zu früh anwesend zu sei und sinnlos einige Minuten töten zu müssen, und im Gegenzug fünf Minuten Verzug für unbedeutend erachte.
Wenn ich Menschen in Hast durch die Gegend hetzen sehe, denke ich gerne an die grauen Herren aus Michael Endes Kinderbuchklassiker "Momo" und frage mich, was die Eilenden mit der gesparten Zeit machen, ob sie - dem Beispiel der grauen Herren folgend - diese zu Zigarren formen und ununterbrochen verrauchen, ob sie sie der inhaltlosen Leere des heimischen Fernsehprogramms opfern - oder ob sie tatsächlich aus den gesparten Augenblicken Gewinn schöpfen können, der jede Hektik rechtfertigt.
Natürlich bin ich mir im Klaren, daß den wenigsten Menschen das Warten auf andere gefällt, und neige dazu, mir gegebenenfalls zeitliche Sicherheitspolster zu schaffen, um rechtzeitig einzutreffen und den Wartenden nicht zu einem solchen werden zu lassen. Im übrigen bin ich dann stets zu früh da, viel zu früh, so früh, daß ich mich frage, warum ich mir so viele Gedanken um mein punktgenaues Eintreffen gemacht hatte.
Doch glaube ich in mir die Fähigkeit zu wissen, einigermaßen geduldig warten zu können. Oft trage ich ein interessantes Buch bei mir, daß jeden zeitlichen Maßstab zu meinen Gunsten zu verbeigen weiß, oder einen Stift und einen leeren Zettel, die kreative Gedanken und Bilder aus meinem Geiste locken und während der Niederschrift jede Wartezeit zu überbrücken wissen, ohne daß diese beginnt, sich unangenehm anzufühlen.
Es gibt jedoch einen Zustand des Wartens, den ich verachte, der mir jeden Nerv raubt, der meine Geduld für nichtig erklärt und behauptet ich wäre das zappeligste Wesen auf Erden, der mich zittern, planlos umherirren läßt, der mich niederringt und jegliches Lächeln aus meinen Mundwinkeln saugt.
Es ist das Kurzdistanzwarten.
Früher, wenn ich mich mit M verabredete, einigten wir uns stets auf einen ungefähren Zeitraum.
"Wann kommst du?"
"Zwischen drei und vier."
"In Ordnung."
Jedoch mag ich es nicht, genau wissend, daß ich um eine bestimmte Uhrzeit an einem bestimmten Platz zu sein habe, wenn ich dort stehe und niemand außer mir eintrifft, minutenlang, wenn ich mich extra beeilte, vielleicht sogar Wichtiges vernachlässigte, um dem Termin gerecht zu werden - und nun vergebens anwesend zu sein scheine.
Ich mag es nicht, gesagt zu bekommen, es ginge in wenigen Augenblicken los, um dann festzustellen, daß die Augenblicke sich dehnen, hinziehen, zu Minuten, vielleicht sogar zu Stunden, mutieren, daß ich abreisebereit in den Startlöchern lauere und jenes Zeichen ersuche, daß den Start verkündet.
Ich mag es nicht, wenn ich genau weiß, daß es sich nicht mehr lohnt, sich mit diesem oder jenem zu beschäftigen, weil es sowieso gleich klingeln wird, weil sowieso gleich der Zeitpunkt gekommen ist, um von dannen zu fliehen - und dann nichts passiert.
Ich mag es nicht, wenn ich jedwede Beschäftigung für unnötig erachte und dann feststellen muß, daß nicht nur genug Zeit gewesen war, um sich dieses zeittotschlagenden Mittels in genügendem Maße zu bedienen, sondern auch um noch sinnvolle, nutzvolle Dinge ausführen zu können.
Ich mag es nicht, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet zu werden, der so nah in der Zukunft liegt, daß ich gar keine andere Wahl habe, als zu warten - und allmählich jede Geduld schwinden zu sehen.
Ich mag es nicht, ungeduldig zu sein, mag es nicht, mich zappeln, hin- und hertigern zu sehen, mag es nicht, einzelne Minutenanzeigen auf verschiedenen Uhren abzulesen und zu vergleichen.
Ich bin doch eigentlich ein geduldiger Mensch...
morast - 21. Mai, 20:46 - Rubrik:
Wortwelten
fang mich nicht
nicht meine seele
halte nicht, was dich begehrt
dornenhände
wundenküsse:
trost, der meine tränen birgt
fang mich nicht
nicht meine liebe
sehnsucht, die mein sein zerfrißt
bitterflammen
sonnenbilder:
erinnerung, die mich verbrennt
fang mich nicht
ein leises flüstern
das im traume dich erfleht
geistgedanken
triste führer:
splitterwege mir erwählt
fang mich nicht,
hört' ich mich rufen
einst, in der vergangenheit
fang mich nicht
mein schrei erstickte:
ich wollt' stets gefangen sein.
www.bluthand.de>
morast - 21. Mai, 18:21 - Rubrik:
Seelensplitter
zur faust geballte augenlider
den mund zur mauer festgestampft
ein toter ton raubt alle worte
die perle klebt im innennetz.
innenwelt fängt meine sinne
reißt mich nieder
baut mich auf
starr gewandet
tief in tränen
doch ich schweige
lebe nicht.
ignoranz teert alle wege
abgespaltet stirbt der mensch
blindes dasein füttert wunden
atemlos ins ich gehetzt
innenwelt fängt meine seele
lenkt die wege
abgrundtief
tilgt das außen
löscht ein leben
jagt die motten
aus dem licht.
reiß die schreie aus der kehle
zerr die tränen aus dem blick
spreng die immergrauen mauern
finde, was nicht länger sucht.
www.bluthand.de>
[Im Hintergrund:
Grabnebelfürsten - "Von Schemen und Trugbildern"]
morast - 21. Mai, 18:20 - Rubrik:
Seelensplitter
wenn du mich fragtest
würde ich lügen
lächeln
mich nicht kennen
wenn du mich fragtest
nennte ich einen namen
dessen sinn ich längst verlor
wenn du mich fragtest
finge ich mich
im netz der falschen wege
wenn du mich fragtest
bemalte ich mein herz
mit glitzerbuntem leben
doch du schweigst
fragst nicht
läßt mich an meiner wahrheit
zerschellen.
www.bluthand.de
morast - 21. Mai, 10:19 - Rubrik:
Seelensplitter
In der ortseigenen Saturn-Filiale boten sich mir zwei Angebote dar, die ein wenig befremdlich.
In der Abteilung "Totale Coole Zubehör-Teile Für Deinen Personal Computer" fand sich unter "Krass-Geniale-PC-Modding-Features" ein äußerst kreativ gestalteter CPU-
Kühler, dessen Oberfläche mit allerhand stilisierten
Flammen versehen worden war. Was ich davon halten sollte, war mir nicht klar.
Noch weniger verstand ich jedoch, was ich in der DVD-Abteilung in dem Ab18-Supersonderangebot-Bereich entdeckte. [Dieser Bereich wurde übrigens so angeordnet, daß nahezu jeder, der sich kaufbare CDs oder DVDs betrachten möchte, daran vorbeizugehen hat - dementsprechend bei entsprechend jugendlichen Bevölkerungsgruppen zuweilen für erhöhtes Interesse an den Saturn-Produkten sorgt.]
Denn für nur 9,99 Euro konnte man eine Schwarz-Weiß-Anti-Kriegs-Dokumentations-DVD mit dem Titel
"So war der deutsche Landser - Helden oder Schlachtopfer" erwerben, die merkwürdigerweise mit dem Aufkleber "
FUN PRICE" versehen wurde...
morast - 20. Mai, 16:18 - Rubrik:
Farbenfroh
Gefangen von meinen eigenen Worten, meinen Untaten, die im Schädel schlummernd mich verletzen, mich zurückhalten, aufhalten. Ich warte, doch weiß nicht, worauf. Der Blick nach außen sieht nicht, wird von Tränen reflektiert, fällt ins Innen und stürzt hinab. Wohin?, die alte Frage. Laß mich los, schrei ich mir zu, laß mich gehen, fliehen, finde mich, finde dich, halt nicht fest. Laß nicht los, hauche ich, flüstere, wispere ich in den müden Schädel, dessen Gedanken aufgebraucht und schwer zu Boden sinken, gleich ungelebten Träumen...
morast - 20. Mai, 10:54 - Rubrik:
Geistgedanken
SehnSUCHT...
bitte funktioniere.
Mechanisch, präzise, linientreu
SehnSUCHT...
nach Dir selbst,
wenn Du Dich mal aufgegeben
Irgendwann fällt der Schatten,
zu schade,
auf Dein Leben
SehnSUCHT.
[aus: Grabnebelfürsten - "SehnSUCHT"]
morast - 20. Mai, 00:18 - Rubrik:
Farbenfroh
Schon lange nicht mehr hatte ich an dieser Haltestelle gestanden und gewartet. Schon lange hatte ich nicht mehr die Geduld aufgebracht, hier zu verharren und darauf zu vertrauen, daß die Straßenbahn bald eintreffen würde.
Sonst war ich immer gelaufen, zweihundert, dreihundert Meter, dorthin, wo andere Bahnen fuhren, richtigere Bahnen, die mich auf direkteren Wegen zu meinem Ziel befördern konnten.
Heute nicht.
Ich wartete. Für einen Moment war ich versucht, mein Buch aus dem Rucksack zu angeln und zu lesen, die Zeit zu vertreiben mit dem Einsinken in tiefere Gedankengefilde, in eine fremde Welt außerhalb des Wartens. Ich beschaute die anderen, fand kein bekanntes Gesicht, kein unbekanntes Lächeln. Ich wartete.
Dann sah ich sie. Ich kannte sie, erkannte sie gleich. Sie war Ihre Freundin, vielleicht Ihre beste Freundin, hielt ein Telefon in der Hand und redete, redete mit irgendwem, war völlig vertieft in ihren Dialog, sah mich nicht. Ich schaute auf, sah sie an. Sie redete und redete, bewegte die freie Hand in kleinen Gesten, lief dabei in forschem Tempo an mir vorbei, ohne mich zu sehen, ohne mich zu bemerken.
Ich nahm es ihr nicht übel. Das Gespräch hatte sie gefesselt, alle Sinne an sie gebunden, hatte die Umgebung zur Randerscheinung deklariert. Das geschieht.
Ich gab mir keine Mühe, mich bemerkbar zu machen, mich in ihren Horizont, ihren Vordergrund zu drängen, wollte ihr Gespräch nicht stören, nicht unangenehm auffallen, kein falsches Lächeln ernten. Warum auch? Ich kannte sie nur flüchtig, von diversen Begegnungen, als Ihre Freundin. Immer war Sie dabei gewesen. Immer.
Doch nicht jetzt.
Nun war ich allein, war sie allein, redete weltvergessen mit der Stimme an ihrem Ohr. Und Sie, der Magnet meiner Gedanken, Sie, das Feuer in meinem Geist, wandelte in der Ferne, weitab der Reichweite meiner Flammen, meiner Worte, meiner Hände.
Sie lief vorbei, und Sätze entströmten ihren Lippen, galten dem unsichtbaren Gegenüber, wurden vernehmbar für mich, perlten für einen Augenblick in meine Sinne.
Da! Ihr Name fiel! Ich war mir sicher, völlig sicher, hatte richtig gehört, hatte Ihren Namen vernommen, just in dem Augenblick, da sie telefonierend an mir vorbeieilte, just in dem Augenblick, da ich das Gesagte verstehen, erfassen konnte. Der Name, Ihr Name. Nur Sie, wer sonst?, konnte gemeint sein!
Und dann erinnerte ich mich, erinnerte mich an Sie, erinnerte ich mich daran, schon früher hier gestanden, hier gewartet zu haben, in einem anderen Leben, irgendwann. Ich erinnerte mich an Ihre Ferne, an Distanzen, die den Schmerz nicht zu nehmen vermögen, an die Hoffnung, die Sehnsucht. Ich erinnerte mich an ein Lächeln, das mich in meinen Träumen begleitete, an ein Gefühl, als wäre das Leben ein Vertrauter, ein Freund, als könnte ich mich niederlegen auf den Schwingen des Daseins und für einen winzigen Moment innehalten, spüren, atmen, als könnte ich mich gehenlassen, fliegen, mit dem Wissen, dem Bewußtsein, Sie in meinem Armen, an meiner Brust, in meinem Herzen zu halten und zu fühlen. Ich erinnerte mich an Liebe, an Liebe, die begriff, erfaßte und sich nie verlor, mich niemals hergab, mich noch immer in ihren taubenetzten Fängen weiß, nicht hergibt, nie hergeben wird, da ich nicht zu fliehen, nicht zu entkommen versuche, da ich lächelnd in der Stille meiner Gedanken verweile und träume, immer wieder nur träume.
Ich erinnerte mich, meine Welt brach über mich herein, und Tränen fanden ihren Weg.
In der Ferne verhallten die Schritte der Redenden, der Telefonierenden; in meinem Ohr verhallte das Echo Ihres Namens.
Und während ich aus mir selbst, aus der Welle meiner Sehnsucht zu erwachen versuchte, trat ein Mann an mich heran, verkündend, daß die Straßenbahn ausfiele, daß jedes Warten vergebens sei, daß ich andere Wege zu gehen habe.
Doch ich blieb stehen, noch immer nicht in meinen Händen, hielt inne, lauschte meinem Atem und dem leisen Gedankenspiel meiner Träume...
morast - 20. Mai, 00:07 - Rubrik:
Wortwelten
30. April: 3
01. Mai: 2
02. Mai: 3
04. Mai: 2
08. Mai: 2
09. Mai: 3
10. Mai: 2
11. Mai: 4
12. Mai: 2
13. Mai: 1
14. Mai: 3
16. Mai: 4
17. Mai: 2
Summe: 33
Tagesdurchschnitt: 1,833
Das ist die derzeitige, offzielle "Morast-vs.-Motten"-Statistik unserer WG.
Ich würde sagen, wir haben ein kleines Problem...
morast - 19. Mai, 17:34 - Rubrik:
Farbenfroh
Meine Bitte:
Bitte HIER klicken

damit ich meiner persönlichen 250 ein Stückchen näherrücke.
Erläuterung:
Opera bietet die Möglichkeit an, eine Opera 8 Lizenz kostenlos geschenkt zu bekommen. Jeder kann daran teilnehmen. Dazu bedarf es nicht mehr als der Einrichtung eines Accounts bei der
Opera-Community.
Nach 250 Klicks [von verschiedenen IP-Adressen] auf einen Link à la
http://my.opera.com/EIGENER_NICKNAME/affiliate/ erhält man eine Mail mit den Opera 8 Freischaltcodes für alle Versionen [Windows, Linux etc...].
Mehr dazu
hier.
Tausend Dank im Voraus.
P.S.: Der aktuelle Stand des eigenen Klick-Kontos ist in der Accountübersicht einsehbar:
http://my.opera.com/community/account/.
[Kurze Zeit nach den Klicks sollte da so etwas wie "Your Affiliate Program Score: 3" auftauchen.]
P.P.S.: Das ganze soll/darf/kann natürlich auch über die in die eigene Seite [oder in das eigene Weblog] einbindbaren Opera-Buttons funktionieren...
morast - 19. Mai, 11:50 - Rubrik:
Farbenfroh
"Das Buch würde ich niemals lesen. Ist mir viel zu dick ..."
morast - 18. Mai, 14:59 - Rubrik:
Wortwelten
"Musik? Ich höre eigentlich alles ..."
morast - 18. Mai, 14:58 - Rubrik:
Wortwelten
Und wieder ertappte ich mich dabei, mir unbekannte Menschen auf der Straße nur deswegen auf Anhieb unsympathisch zu finden, weil sie mich an andere, mir bekannte Unsympathen erinnerten...
morast - 18. Mai, 14:57 - Rubrik:
Wortwelten
Inmitten eines Einkaufcenters vernehme ich einen nervigen Handy-Klingelton. Ich drehe mich um und sehe einen älterer Mann sein Mobiltelfon zücken. Er selbst entspricht dem typischen Rentner-Klischee, trägt eine alte Lederjacke, die sich über sein Bierbäuchlein wölbt, eine getönte Brille und einen Opa-Hut auf ergrautem Haar. Er telefoniert, und ich bekomme Gelegenheit, das Handy in seiner Hand zu betrachten: Ein älteres Modell von Nokia, allerdings knallig grün, und ein quietschgelber Tweety grinst mir entgegen...
Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet.
morast - 18. Mai, 14:55 - Rubrik:
Menschen
Am Copyshop befand sich ein Aufsteller, über die universitäte Personalratswahl informierend. Wohl um Aufmerksamkeit zu erregen, war er mit zwei Luftballons geschmückt worden. Als ich vorbeiging, stupste ich einen von ihnen sanft an. Doch meine beringte Hand schien fatale Folgen zu erwirken: Der Ballon platzte.
Ich selbst erschrak, nur kurz, dann schmunzelte ich. Ich hatte den Ballon nicht vernichten wollen.
Doch für einen Augenblick ging es mir besser.
morast - 18. Mai, 14:49 - Rubrik:
Wortwelten
Im Kopf dröhnt das Unmögliche der Gegenwart, die Last des Künftigen, kriecht tief in die Runzelfalte meiner Stirn. Die Sonne verblendet meine Augen, zieht Tränen aus meinem Schädel.
Laß mich nicht allein, flüstere ich den Menschen zu, zu lautlosem Schweigen verstummt. Laßt mich nicht mit mir allein, nicht mit meinen Gedanken, meinem Wissen, nicht mit den Worten in meinem Geist, die wissen, die ahnen, die sehen, mich quälen mit dem, was ist, was sein könnte, was niemals wird. Laßt mich nicht allein, nicht allein mit mir selbst, laßt mich nicht die Falschheit meiner Eigenlügen durchschauen, laßt mich nicht mich selbst hinterfragen, laßt mich nicht den Schmerz der Erkenntnis spüren, daß mein Agieren nur Maske ist, ziellos in den Wolken trudelt, während meine Schritte im Stillstand versacken. Laßt mich nicht allein, ohne Worte, die mich verdrängen, meine Eigenworte verhüllen, vor mir selbst verbergen, ohne Worte, die mich glauben machen, ich wäre noch immer lebendig.
morast - 18. Mai, 14:39 - Rubrik:
Geistgedanken
Aufzuwachen und zu begreifen, daß der neue Tag sich mit altbekannter Trägheit ankündigt, weil das Unerledigte seine bedrängenden Schatten auf die Gegenwart wirft, nicht losläßt, sich mit Klauen in mein Inneres schlägt und mich lähmt, mit Furcht beseelt, zurückhält, jeden Schritt zum Stillstand degradiert.
'Laß mich fliehen!', flehe ich - und stehe auf.
Der heutige Wurm in meinem Ohr ist
WIZO mit "Quadrat im Kreis"
So fehlt zur letzten Konsequenz
einmal mehr das bißchen Mut
und die paradoxe Wut darüber
wird im Traum ertränkt
von der beschissenen Leichtigkeit des Scheins
morast - 18. Mai, 09:53 - Rubrik:
Morgenwurm